Kapitel 2

„Ach du Scheiße!" murmelte sie, aber so leise, dass er es nicht verstand. Sie wusste, was das bedeutete.

„Wenn tatsächlich ein Goblin eure Freundin entführt hat, habt ihr nicht viel Zeit, das weißt du", mahnte Derek.

„Gibt es eine Möglichkeit, einen Goblin zu besiegen?"

„Die gibt es. Aber ich darf sie dir nicht mitteilen, weil sie sonst nicht funktioniert. Du musst selbst darauf kommen. Du kennst das Problem beim Bekämpfen von Goblins."

„Ja…Vielen Dank, Derek." In Gedanken versunken legte Gina auf.

In der Küche wurde sie bereits erwartet. „Und?" fragten Phoebe und Paige gleichzeitig.

Sie lächelte flüchtig. „Mein Vater hatte tatsächlich eine Idee. Allerdings wünschte ich, ich hätte sie nie gehört."

Leo zog die Augenbrauen hoch. „Was soll das heißen?"

„Das soll heißen, dass Piper wahrscheinlich von einem Goblin entführt wurde."

Die Schwestern und Leo sahen sich an, Überraschung und Verwirrung malte sich auf ihren Gesichtern.

„Was ist denn bitte schön ein Goblin?" erkundigte sich Paige.

„Leo?" gab Gina die Frage weiter.

Der Wächter des Lichts spürte den fragenden Blick, der auf ihm ruhte. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, wusste aber nicht was, seufzte und schüttelte nur den Kopf.

„Ihr kennt keine Goblins?" Nun war die Reihe zu staunen an Gina. Aber sie begriff schnell: „Na gut, eigentlich ist das zu verstehen, schließlich sind sie eher mystische Wesen und keine magischen. Okay – Goblins sind…ja, was eigentlich?" überlegte sie.

„Dämonen?" schlug Phoebe vor.

„Ja – und nein. Sie sind eher so etwas wie Poltergeister, aber auf eine Art sind sie auch Dämonen. Sagen wir, sie sind…sichtbare Poltergeister. Sie treiben Schabernack mit den Menschen, in deren Häusern sie leben – gefährlichen Schabernack. Sie…"

„Was machen die denn?" unterbrach Paige. Und als sie die vorwurfsvollen Blicke der anderen spürte, fügte sie entschuldigend hinzu: „Ich wollte es ja nur wissen!"

„Sie lassen eine Lampe von der Decke fallen, wenn der Mensch darunter steht. Oder eine Neonröhre explodiert, wenn man daran vorbeigeht", erklärte Gina. „Solche Dinge eben. Meistens leben sie in einem Haus, in dem nur ein Mensch wohnt. Gegen mehrere können sie nicht viel ausrichten, aber einer allein kann sich kaum gegen sie wehren."

„Sind sie zu mehreren?" fragte Leo.

„Selten", erwiderte Gina. „Goblins sind sehr streitsüchtig, und jeder hat eine spezielle Art, die Menschen zu ärgern. Deshalb kommen sich mehrere in einem Haus oft in die Quere, und darum bleiben sie lieber allein. In Ausnahmen sind es mal mehrere, aber dann höchstens zwei oder drei. Und sie sind nicht wählerisch, was ihre Opfer angeht. Es kann jeden treffen. Allerdings gibt es Menschen, für die Goblins Schutzgeister sind. Das sind diejenigen, die wissen, was ein Goblin ist und wie sie mit ihm umgehen müssen."

„Und wie wäre das?" Paige war unverhohlen interessiert.

„Sie müssen dem Goblin seine Streiche zurückgeben. Wenn der Goblin zum Beispiel ein Glas in der Hand des Menschen platzen lässt, muss man die Falle so umkehren, dass es beim nächsten Mal bereits in der Hand des Goblins platzt."

„Aha…" Paige nickte, nicht ganz überzeugt, dass sie verstanden hatte, wie das funktionieren sollte. Aber ehe sie eine neue Frage stellen konnte, kam Leo ihr zuvor.

„Haben sie Zauberkräfte?"

„Normalerweise nicht, nein. Aber es gibt eine Ausnahme, und das ist die Neumondnacht. Wenn Neumond herrscht, werden die Goblins zu magischen Wesen, und dann haben sie Zauberkräfte. In dieser Nacht schließen sie sich zu Gruppen zusammen, und dann haben sie nur ein Ziel: Töten."

Phoebe keuchte auf: „In der Neumondnacht? Heute ist Neumond!"

Gina nickte traurig. „Ich weiß. Wenn wir Piper retten wollen, haben wir nicht viel Zeit."

„Gibt es einen Zauber, mit dem man die Goblins vernichten kann?" wollte Leo wissen.

„Einen Zauber nicht, aber es gibt eine Möglichkeit. Nur…ich kenne sie nicht." Gina hob die Hand, um die Entrüstung abzubremsen, die ihr entgegenschwappte. „Selbst wenn ich sie kennen würde, könnte ich sie euch nicht mitteilen. Wisst ihr – das Bekämpfen von Goblins ist schwierig. Unter normalen Umständen kann man sie auf zwei Arten vernichten: Entweder man sagt ihnen ins Gesicht, wie hässlich sie sind, oder man lacht über sie. In beiden Fällen zeigt man ihnen, dass man sie nicht ernst nimmt. Man ist ehrlich zu ihnen, und Goblins fürchten nichts so sehr wie Ehrlichkeit. Sie tötet sie. Das nutzt einem, wenn man e i n e n Goblin bekämpft, aber heute Nacht nützt es uns nichts."

„Wieso nicht?" fragte Paige verständnislos. „Alles, was man weiß, nutzt einem doch im Kampf."

„Ja, das stimmt schon, aber nicht bei Goblins. Goblins sind Meister der Lüge. Alles, was du über sie weißt, wirst du verleugnen, sobald du mehreren von ihnen gegenüber stehst. Sie zwingen dich dazu. Allerdings heißt es, du verleugnest nur, was du von anderen über sie erfahren hast. Das bedeutet, jeder von uns muss allein herausfinden, wie wir sie besiegen können. Derek hat gesagt, es gibt eine Möglichkeit. Wir müssen sie nur finden."

„Vor allen Dingen müssen wir Piper finden!" stieß Phoebe hervor. „Es ist gleich zwölf, uns läuft die Zeit davon!"

„Kannst du rauskriegen, wann genau heute Neumond ist?" fragte Gina sie.

Die junge Hexe nickte.

„Dann tu das bitte. Und du, Paige, schlägst bitte im Buch der Schatten nach, ob sich dort etwas über Goblins findet. Wir müssen mehr über sie erfahren."

„Du hast uns doch schon so viel über sie erzählt", wandte Paige ein. „Was wollen wir denn noch wissen?"

„Was ich über sie weiß, sind allgemeine Dinge, Oberflächliches. Wenn wir sie besiegen wollen, müssen wir ihre Schwachstelle finden", erläuterte die junge Legatin bereitwillig.

Paige nickte verstehend und verschwand.

Mit nachdenklichen Blicken sah Gina ihr nach.

Leo trat hinter sie und legte ihr die Hand auf die Schulter. Er spürte, dass sie etwas beschäftigte. „Was ist los, Gina?"