Spieglein, Spieglein

„Frau Plenske! Frau Plenske! Mon dieu, es ist Zeit für meinen frisch gepressten Papaya-Saft." Ungeduldig schlug Hugo mit der Hand auf den Catering-Tresen. „Wo ist sie denn nur?" – „Bah, Papaya-Saft. Ich kann den Entsafter kotzen sehen", schmunzelte Rokko, als er dazu stieß. „Ah, Monsieur Kowalski", bemerkte Hugo spitz. „Sollten Sie nicht an unserer Parfum-Kampagne arbeiten?" – „Tue ich doch. Ich brauche einen inspirativen Kaffee. Sollten Sie auch mal probieren", schlug Rokko vor. Wie selbstverständlich ging er zur Kaffeemaschine und befüllte eine Tasse mit dem braunen Getränk. „Wo ist denn Frau Plenske nur? Ich brauche wirklich dringend…" – „Hier", meinte Rokko und stellte dem Designer eine Flasche Multivitamin-Saft hin. „Frau und Fräulein Plenske sind zu einer Beisetzung." – „Oh", erwiderte Hugo sichtlich betreten. „Wer ist denn…" – „Lisas Urgroßmutter ist verstorben." – „Die Urgroßmutter? Wie alt war die? 118?" – „So was in dem Dreh", grinste Rokko. „Dieser Saft bringt es nicht", nörgelte Hugo. „Ich brauche Papaya-Saft, frisch gepresst. Alles andere ist meiner Inspiration unzuträglich." – „Herr Haas, das ist doch albern", wollte Rokko den kreativen Kopf des Unternehmens beschwichtigen. „Ich…", wollte dieser widersprechen. „Okay, okay", gab Rokko sich geschlagen. „Sie brauchen Inspiration, Sie kriegen Inspiration. Mitkommen!", befahl er seinem Gegenüber.

„Der Flohmarkt?!" Missmutig sah Hugo sich um. „Und was sollen wir hier?", nörgelte der Designer. „Wir lassen uns inspirieren", lachte Rokko. „Vom Ramsch fremder Leute?" – „Herr Haas, wir wissen doch beide, dass die Trends vergangener Tage sich wiederholen. Einen Versuch ist es auf jeden Fall wert." – „Wenn Sie meinen, Monsieur Kowalski." Hugo sah sich um und verzog das Gesicht. „Und wo fangen wir an?" – „Ach, wir gehen einfach mal durch. Wenn das richtige dabei ist, wird es uns schon anspringen", grinste der PR-Manager ihn an.

„Monsieur Kowalski, das bringt nichts. Das ist Kitsch und Nepp und… Das inspiriert mich höchstens zu einem dramatisch inszenierten Selbstmord", meckerte Hugo, während er mit seinem Kollegen über den Flohmarkt schlenderte. „Ja, zugegeben, viel Schönes war nicht dabei, aber man kennt eine Stadt erst, wenn man ihren Flohmarkt kennt. Da drüben ist noch ein Stand mit Nepp, wie Sie es so liebevoll ausgedrückt haben. Lassen Sie uns da mal gucken."

„Mama, wieso muss denn die Testamentseröffnung direkt nach der Beerdigung sein? Ich fühle mich nicht sehr wohl bei dem Gedanken", raunte Lisa ihrer Mutter zu, als sie der Trauergemeinschaft in eine Anwaltskanzlei folgte. „Das ist nun mal so, Mäuschen. Einige der Verwandten sind von weit angereist und können so schnell nicht wiederkommen", erklärte Helga. „Ich finde es trotzdem stillos." – „Das geht sicher sehr schnell. Viel zu vererben hat meine Oma ganz sicher nicht. Dass sie überhaupt ein Testament hat…" Helga schüttelte verständnislos den Kopf.

„Der Kerzenhalter gefällt mir", erklärte Rokko, als er einen Gegenstand aus Messing musterte. „Der kostet fünf Euro", erklärte die junge Frau, die den Stand betrieb. „Fünf", wiederholte Rokko scheinbar zögernd. „Ich gebe dir 4,50 dafür." – „Fünf und du kriegst diese Kerzen dazu." Rokko betrachtete das Angebot. „Die sind ja schon mal angezündet worden", stellte er fest. „4,50 und ich nehme den Kerzenständer und die Kerzen." – „Fünf und du kriegst dieses Deckchen dazu. Das ist handbestickt." – „Und von Motten angeknabbert. Hör zu: Ich nehme den Kerzenständer, die Kerzen, das Deckchen und diese Zigarrenkiste für sieben Euro." – „Okay, aber ne Tüte gibt's keine dazu." Grinsend hielt die junge Frau Rokko die Hand hin, damit er dem Deal zustimmen konnte.

„… setze ich meine Urenkelin Elisabeth Maria Plenske als Alleinerbin ein", verlas der Anwalt das Testament. Überrascht zuckte Lisa zusammen. Sie hatte mir allem möglichen gerechnet, aber damit nicht. Sie hatte ihre Uroma ja kaum gekannt. „Was… was bedeutet das?", wollte Lisa von dem Anwalt wissen. „Dass Ihnen alles gehört, was ihrer Uroma gehört hat – mit Ausnahme des Pflichtteils für die Kinder natürlich." Lisa dachte kurz nach – ihre Uroma hatte ihre Kinder überlebt. Das hieß also, dass der gesamte Besitz ihrer Uroma nun ihr zufiel. Viel konnte das ja nicht sein, immerhin hatte sie die letzten 15 Jahre im Altenheim verbracht. „Das hier hat sie bei mir hinterlegt", erklärte der Anwalt Lisa. „Es war ihr sehr wichtig, dass ich Ihnen das persönlich aushändige. Alles Andere kann warten, hat sie gesagt." Lisa nahm einen Karton mit Papieren entgegen. „Gut", seufzte Lisa. „Dann werde ich mich in den nächsten Tagen mit dem Altenheim in Verbindung setzen und ihr Zimmer ausräumen. Wenn irgendwer etwas haben will, dass Uroma gehört hat, dann…", wandte sie sich hilflos an ihre anderen Verwandten. Da waren einige entfernte Verwandte, die genauso wenig Kontakt zu der alten Dame gehabt hatten wie Lisa. „Also, wenn es irgendwelche Fotos gibt, dann hätte ich gerne eines zur Erinnerung", meldete eine Frau mittleren Alters Ansprüche an. „Ist gut. Gib mir deine Nummer, dann rufe ich dich an, wenn ich alles durchgesehen habe", entschied Lisa.

„Ha, da habe ich ja eine richtig tolle Beute gemacht", freute Rokko sich. „Das ist ein tolles Stück für meine Wohnung." – „Hm", brummte Hugo missmutig. „Sie hätten fragen sollen, ob sie auch noch die Guillotine hat, die Marie-Antoinette geköpft hat. Das Zeug ist steinalt", nörgelte er. „Mir gefällt es." Rokko drehte sich von dem Stand weg und machte einen Schritt vorwärts, als es hinter ihm auch schon klirrte. „Oh nein", fuhr er herum. „Wie ist denn das passiert?", fragte sie junge Frau. „Der lag doch hier hinten." Wie ein aufgescheuchtes Huhn umrundete sie ihren Stand und hob einen Handspiegel vom Boden auf. „Ist er kaputt?", wollte Rokko wissen. „Ich fürchte ja. Sieh mal." Sein Gegenüber drehte den Handspiegel zu ihm. „Ein Riss quer drüber", seufzte Rokko. „Der ist eh total matt", stellte Hugo fest. „Der ist doch höchstens noch 50 Cent wert und mit dem Schaden." – „Der ist antik", echauffierte sich die Verkäuferin. „Der ist aus dem 15. Jahrhundert!" – „Blödsinn. Der ist ‚Made in China'", wiegelte Hugo ab. „Und schlechte Qualität auch noch." – „Das stimmt so nicht, aber vermutlich werde ich ihn eh nicht los", seufzte die junge Frau. Achtlos warf sie ihn in eine Kiste unter ihrem Verkaufstisch. „Trotzdem – einen schönen Tag euch beiden!" Hugo drehte sich um und zog Rokko mit sich. Wieder klirrte es. „Das ist ja unheimlich. Er ist aus der Kiste rausgefallen", staunte die Verkäuferin. „Das kann doch gar nicht sein", seufzte sie. „Vielleicht hat sich der Spiegel in unseren Herrn Kowalski hier verliebt", grinste Hugo. „Das ist jetzt echter Blödsinn", lachte die Anbieterin des Spiegels. „Aber irgendwie hat er etwas", murmelte Rokko. Er inspizierte den Gegenstand. Der Handspiegel war aus einem grauen Metall – Zinn vielleicht und ziemlich angelaufen. Verziert war er mit – wie Rokko vermutete – Plastiksteinen, die Edelsteine imitieren sollten. „Hör zu, er will offenbar zu mir. Ich gebe dir einen Euro dafür", bot der Werbefachmann an. „Einen Euro? Monsieur Kowalski, das ist dieser Ramsch nicht wert." – „Zwei Euro und dafür nimmst du das Deckchen hier mit." – „Ich habe doch aber schon ein Deckchen", meinte Rokko. „Dann hast du zwei", grinste sein Gegenüber. „Okay, zwei Euro für den kaputten Spiegel und das vergilbte Deckchen. Na wenn das keine gute Investition ist", lachte Rokko.

„So, Monsieur Kowalski, jetzt haben Sie den Arm voller Gerümpel und ich bin so uninspiriert wie zuvor", seufzte Hugo, als er mit seinem Kollegen das Kerima-Gebäude betrat. „Das ist ja nur, weil Sie sich nicht auf das Flair einlassen wollten", konterte Rokko. „Aber sehen Sie, Frau Plenske ist an ihrem Arbeitsplatz. Vielleicht kriegen Sie jetzt ihren Wundersaft." – „Na", lächelte Rokko Lisa an. „Wie war die Beerdigung?" – „Traurig", seufzte Lisa. „Was seltsam ist, denn ich kannte meine Uroma kaum und sie war wirklich, wirklich alt." – „Das ist, glaube ich, normal, dass die Beerdigung Ihrer Uroma Sie traurig macht – egal, was Sie für ein Verhältnis zu ihr hatten." – „Was haben Sie denn da alles?", wechselte Lisa das Thema und deutete auf Rokkos Flohmarkt-Beute. „Oh, das. Das habe ich vom Flohmarkt. Ich wollte unserem Genie da drüben zu einer Inspiration verhelfen, habe mir aber letztlich nur selbst zu neuen Staubfängern verholfen", schmunzelte Rokko. „Der ist aber schön", bestaunte Lisa den Handspiegel. „Schade, dass er kaputt ist." – „Vielleicht lässt sich da was machen", erwiderte Rokko. „Ich werde ihn einfach mal absäuern und wenn die Steine dann nicht weggeätzt sind, denke ich über ein neues Glas nach." – „Aha, na dann, gutes Gelingen. Ich mache jetzt Feierabend. Ich muss mich um die Angelegenheiten meiner Uroma kümmern – das Schicksal der Alleinerbin", erklärte Lisa entschuldigend.

„So, da stehst du gut", sprach Rokko am frühen Abend mit seinem neuen Kerzenständer. „Wie findest du deinen neuen Platz?", lachte er. „Oh, redest du nicht mit mir? Gut, dann kannst du auch nicht widersprechen." Gut gelaunt ließ Rokko sich auf sein Sofa fallen und überlegte, ob er den Fernseher anmachen oder lieber etwas lesen sollte, als er eine Stimme hörte. „Hallo? Hallo-o? Zofe! Zofe!" Verwirrt sah Rokko sich um. Der Fernseher war aus, den pubertären Klingelton, der „Ey Alter, geh an dein Handy ran" spielte, hatte er abgestellt. Also, woher kam dieses Geräusch? „Zofe? Zofe?", wurde die Stimme zickiger. Rokko stand auf und folgte der Stimme zu seinem Nachttisch. Der Radiowecker war aber aus. „Wieso kümmert sich denn niemand um mich?", schwang die wütende Stimme in ein Jammern um. Der Spiegel! Rokko sah den Gegenstand an – daher kam die Stimme, aber das war doch unmöglich. Trotzdem griff er wie hypnotisiert nach dem Handspiegel und staunte nicht schlecht. Ihm blickte einer Frau entgegen, die aussah wie Lisa beim Kostümfest. „Hofnarr, wo ist meine Zofe?", wollte sie unwirsch wissen. „Ähm, ich bin kein Hofnarr", hörte er sich sagen. „Und warum sieht er dann wie einer aus?" Rokko sah an sich herab und musste über seinen bunten Pullover grinsen. „Ich finde dieses Outfit schön." – „Was will er mir mit diesen respektlosen Worten sagen?" Rokko sah sich um – das war ganz sicher versteckte Kamera oder ein Hologramm oder so. „Ich rede mit ihm!" – „Wer ist ihm?", fragte Rokko – langsam nervte ihn diese penetrante Stimme. „Na du, Hofnarr." – „Tz, ich lasse mich bestimmt nicht von einer Unbekannten maßregeln. Wer bist du?" – „Ich bin Elisabeth Margareta von Tiefenthal-Grafenwald." – „Aha, angenehm von Kowalski", grinste Rokko den Spiegel an. „Macht er sich gerade lustig über mich?" – „Ach woher…", winkte Rokko amüsiert ab. „Wenn er schon in meiner Kammer steht, kann er…" – „Woah, ich stehe nicht in deiner Kammer, du bist in meinem neuen Spiegel", stellte Rokko fest. „Bitte?" – „Du bist in meinem Spiegel", wiederholte der Werbefachmann. Die Adlige sah sich auf ihrer Seite des Spiegels um. „Er ist weg." – „Nein, ich bin noch hier." – „Nicht er. Er, der Spiegel. Mein Handspiegel ist verschwunden. Er ist aus Silber und er ist mit Rubinen verziert." – „Das sind Rubine? Echt jetzt? Dann halte ich ihn in der Hand. Sag mal, Elisabeth Margareta von irgendwas, welches Jahr schreibt sie auf ihrer Seite des Spiegels." – „1492. Erst kürzlich erreichte uns die Kunde, dass Kolumbus den Seeweg nach Indien entdeckt hat." – „Ach, der alte Rechts-links-Legastheniker", grinste Rokko. „Ich verrate dir ein Geheimnis: Er irrt. Er ist auf einem Kontinent, den wir heute Amerika nennen." – „Welches Jahr schreibt er?", wollte die seltsame Frau im Spiegel wissen. „2006." – „2006? Er macht Scherze mit mir." – „Das würde er nicht wagen", verteidigte Rokko sich amüsiert. Das war doch mal ein vergnüglicher Traum. „Das sind… das sind…" Die mittelalterliche Frau, die aussah wie Lisa Plenske, nahm ihre Finger zur Hilfe und zählte. „500 Jahre. Dann ist er derjenige, der mir helfen soll." – „Helfen?", hakte Rokko nach. „Wobei?"