Epilog

Es war Montagmorgen und sein Herz klopfte unverhältnismäßig schnell in seiner Brust, als er das Büro der BAU betrat.
Derek war nervös, war sich aber sicher, dass er es nach Außen hin recht gut verbergen konnte. Heute war sein erster Arbeitstag. Und es fühlte sich gut an, wieder hier zu sein.
Lange Zeit hätte er nicht gedacht, dass er es so empfinden würde. Bis vor ein paar Wochen war er nicht einmal sicher gewesen, ob er überhaupt zurückkommen wollte.
Es war noch recht früh, und der einzige, der schon an seinem Schreibtisch saß war Reid. Und das war definitiv ein gutes Gefühl, seinen jüngeren Freund dort zu sehen. Dieser war wie immer so vertieft in seine Arbeit, dass er nichts um sich herum mitzukriegen schien. Derek schien es, als wäre es das erste ‚normale', was er seit Monaten erlebte.
„Hey, hast du hier geschlafen?" fragte er und lehnte sich an Reids Schreibtisch. Dieser zuckte zusammen und entlockte Derek damit ein Grinsen.
„Derek!" rief der Jüngere jedoch wenig später, als er sich von seiner Überraschung erholt hatte. Er stand auf und die beiden standen sich gegenüber. Es war inzwischen schon einige Monate her, seit sie sich persönlich gesehen hatten. Sie hatten zwar regelmäßig telefoniert, aber Reid hatte nie die Zeit gefunden noch mal nach Chicago zu fliegen.
Nun fasste Reid seinen Freund an den Schultern und umarmte ihn kurz und Derek war überrascht und erfreut, dass er bei dieser spontanen Geste der Zuneigung nicht zusammen zuckte. Kurz darauf traten sie jedoch beide ein Stück zurück, jeder von ihnen ein wenig verlegen.
„Es ist wirklich schön, dich zu sehen!" sagte Reid. „Aber solltest du nicht erst nächste Woche wieder anfangen?"
Derek zuckte mit den Schultern. „Es ging alles etwas schneller als gedacht und ich wollte nicht eine Woche lang in meiner Wohnung rumsitzen. Also bin ich hier."
„Weiß Hotch Bescheid?"
„Natürlich, Reid! Meinst du, ich überfalle euch so komplett ohne Vorwarnung?" fragte Derek.
„Bei dir weiß man ja nie," kam die prompte Antwort und sie grinsten sich an.
Das war es, was Derek vermisst hatte, stellte er fest. Sie hatten sich im Team immer super verstanden. Eine Zeit lang schien das alles keine Rolle mehr zu spielen. Aber nun, wo er hier stand, fühlte er sich normaler und mehr er selbst, als seit Monaten. Es war ihm nicht bewusst gewesen, wie sehr seine Arbeit und seine Kollegen ein Teil von ihm waren bis zu eben diesem Augenblick.
Er hatte die Auszeit gebraucht, auf jeden Fall, aber anscheinend war tatsächlich der Augenblick gekommen wieder neu zu starten. Auch wenn ihm die Arbeit selber schon ein flaues Gefühl im Magen bereitete und er inständig hoffte, dass der nächste Fall ihm noch ein wenig Schonfrist gab.
Auch die Begegnung mit den anderen bereitete ihm Unbehagen, vor allem wenn er an JJ dachte. Sie hatten sich zwar friedlich getrennt, aber es würde sich trotzdem seltsam werden wieder miteinander zu arbeiten. Jedenfalls befürchtete er das.
Unwillkürlich wanderte sein Blick zu ihrem Büro.
„JJ ist eigentlich schon da um diese Zeit, aber sie hat heute Morgen einen Termin," sagte Reid, der seine Gedanken offensichtlich erraten hatte.
„Wie geht es ihr?" konnte er nicht umhin zu fragen. Er versuchte die Frage jedoch beiläufig klingen zu lassen und ging dabei zu seinem Schreibtisch.
„Ich denke, es geht ihr sehr gut," antwortete Reid und setzte sich wieder hin. „Sie ist wieder viel ausgeglichener und zufriedener…" Er biss sich auf die Lippen. „Entschuldige," fügte er hinzu.
„Wofür, Spence?" fragte Derek.
„Ich wollte nicht andeuten, dass es ihr wegen eurer Trennung besser geht!"
„Das hatte ich auch nicht angenommen," sagte Derek. „Obwohl das bestimmt auch ein Grund ist," fügte er dann noch hinzu.
„Glaubst du? Und wie ist es bei dir?"
„Na ja…" Derek zögerte. Es fiel ihm schwer, seine Gefühle in Worte auszudrücken, grade wenn es um JJ ging. „Ich wünschte immer noch, es wäre anders gekommen, weißt du? Ich vermisse sie. Aber ich bin auch erleichtert. Seit der Trennung bin ich nicht mehr ständig am Grübeln, warum es nicht mehr klappt zwischen uns und was ich tun kann, damit es besser wird."
Reid nickte und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Und wie fühlst du dich sonst?" fragte er.
„Gut, Spencer," antwortete Derek, nicht sicher, was sein Freund von ihm hören wollte.
„Was machen die Alpträume? Du hast das ganze letzte Jahr nie alleine gewohnt, kommst du klar damit?"
Derek setzte sich auf seinen Stuhl und zögerte wieder, bevor er sich zu Reid umdrehte und ihn offen ansah. „Ich hatte tatsächlich schon ab und an eine Nacht, in der ich keine Alpträume hatte in den letzten Wochen," erklärte er.
„Und die letzte Nacht, als du allein warst?"
„Da war es schlimmer, Reid," gab er zu. „Aber ich werde mich schon daran gewöhnen."
„Derek…"
„Wenn es gar nicht geht, dann werde ich dich einfach mitten in der Nacht anrufen. Okay Spencer?!" unterbrach Derek ihn.
„Ja," antwortete dieser, und er meinte es ernst. „Tu das!"
Dann unterbrachen sie das Gespräch, als Aaron Hotchner und Jason Gideon das Büro betraten. Als die beiden Männer sie sahen kamen sie direkt in ihre Richtung.
Derek stand auf, als sie sich näherten und wartete.
„Guten Morgen," sagte Hotch und schüttelte ihm die Hand. „Es ist schön, dass du wieder da bist, Morgan."
„Danke," antwortete Derek und wurde dann auch von Gideon begrüßt, der ihm kurz eine Hand auf die Schulter legte und meinte: „Wir haben Sie hier vermisst, Morgan!"
Derek lächelte. Die beiden Männer meinten ihre Worte ernst und das war auch ein gutes Gefühl. Er war jedoch dankbar, dass beide sich dann auf den Weg in ihre Büros machten, ohne weitere Worte zu verlieren.
Die nächste halbe Stunde verging recht schnell, als er an seinem Schreibtisch saß und versuchte sich wieder an seinen Arbeitsplatz zu gewöhnen, den Computer anmachte und versuchte sich ein wenig auf den neusten Stand zu bringen, was die Bürotätigkeiten anging.
Schließlich erschien auch Emily Prentiss und Derek hatte ein seltsames Gefühl dabei. Die Begrüßung viel freundlich und ein wenig reserviert aus, war aber weniger unangenehm, als er gedacht hatte. Dennoch: Die Agentin wusste wesentlich mehr von ihm als er von ihr, denn viel mehr las den Namen der Kollegin war ihm nicht bekannt. Und er wünschte sich ein wenig, dass das Team in seiner alten Zusammenstellung bestehen würde. Aber Elle hatte das Team vor einigen Wochen verlassen. Und vielleicht war eine Veränderung auch besser.
Er schüttelte den Kopf über sich. Es war wirklich an der Zeit mit den Grübeleien aufzuhören. Auch wenn ihm klar war, dass das sicher nicht so schnell passieren würde. Er hatte sich halt verändert. Irgendwann würde er sich vielleicht daran gewöhnen.
Bis dahin würde er so weiter machen wie in den ganzen letzten Monaten.
Ein Tag nach dem anderen.

JJ war Reid wirklich dankbar und nahm sich vor, ihm das später auf jeden Fall noch einmal zu sagen.
Derek war also zurück im Büro. Darauf musste sie sich gedanklich erst einmal einstellen. Und sie war froh, dass sie die Gelegenheit dazu hatte. Sie wusste nicht, wie es geworden wäre, wenn sie an diesem Vormittag unvorbereitet auf ihn getroffen wäre.
Das letzte, was sie wollte war, dass ihre erste Begegnung für sie beide unangenehm wurde. Sie wünschte sich, dass sie normal miteinander umgehen und mit der Zeit wieder Freunde werden konnten.
Tief in ihr bestand die Hoffnung, dass sie irgendwann einmal wieder zusammenfinden würden, aber sobald dieser Gedanke entstand schob sie ihn von sich. Es war richtig gewesen, einen Schlussstrich zu ziehen. Sie wusste das und war überzeugt davon. Es ging ihr besser, seitdem sie nicht mehr in jeder Minute über ihre Beziehung und ihre Probleme nachdachte. Sie mussten beide erst einmal wieder zu sich selber finden.
Sie hatte bereits damit begonnen und es fühlte sich gut an. Sie hatte angefangen ein wenig zu trainieren und inzwischen wieder Kontakt mit einer Reihe von alten Freunden – und auch mit einigen neuen. Sie lernte, sich wieder zu amüsieren und sie lernte wieder allein zu sein.
Grade das allein sein viel ihr oft schwer, aber sie begann, sich auch daran zu gewöhnen. Es gehörte zu dem Prozess sich selber neu zu entdecken. Ihre Therapeutin hatte viel Zeit damit verbracht, sie davon zu überzeugen, dass sie genau das tun musste. Sie musste sich wieder in ihrer eigenen Haut wohl fühlen. Und sie arbeitete daran, alleine zu Hause zu sein, ohne die ganze Zeit in einer Ecke zu hocken und sich in miserablen Gedanken und schlimmen Erinnerungen zu verlieren.
JJ fand, dass sie bedeutende Fortschritte machte. Grade seit der ‚offiziellen' Trennung von Derek.
Die U-Bahn hielt und riss JJ damit aus ihren Gedanken.
Sie war froh, dass sie nicht mit dem Auto zu dem Termin gefahren war. Der Verkehr um diese Zeit war mörderisch und das Fahren anstrengend. Und so hatte sie sich in Ruhe mit ihren Gedanken beschäftigen können.
Sie stieg aus und machte sich auf den Weg zum Büro. Sie brauchte nur wenigen Minuten und atmete tief durch, als sich die Türen des Aufzuges schlossen, der sie hinauf in die Etage der BAU bringen würde.

JJ stand im Eingang zu ihrem Büro und beobachtete ihre Kollegen, allen voran Derek.
Keiner hatte sie bisher bemerkt.
Alles sah so normal aus. Es war beinahe, als wäre er nie weg gewesen.
Und sie konnte nur darüber den Kopf schütteln, dass ihre Gedanken sich noch immer so selbständig machen konnten und versuchten alles zu leugnen, was im vergangen Jahr geschehen war.
Dann sah Derek plötzlich hoch und ihr war, als würde ihr Herz einen kleinen Moment stehen bleiben. Sie lächelte. Sie hatte nie behauptet, dass sein Anblick nicht ihr Herz noch ein wenig schneller schlagen lassen konnte.
Sie beobachtete, wie ihr Ex-Verlobter langsam aufstand und auf sie zukam. Noch einmal atmete sie tief durch, um sich für das kommende Gespräch zu wappnen.
Dann war er bei ihr und sie standen sich einen Moment wortlos gegenüber, bevor sie ihn sanft am Arm fasste und in ihr Büro zog.
„Hey," sagte Derek schlicht, als sie die Tür hinter sich schloss und ihn ansah.
„Selber Hey," antwortete sie lächelnd und dann gab sie einfach ihren Gefühlen nach und umarmte ihn.
Sie freute sich, dass er nicht zusammenzuckte und einen Moment hielten sie sich fest, bevor sie beide einen Schritt zurückgingen.
„Wie geht es dir?" fragte JJ und nickte ihm zu, damit er sich setzte.
„Okay, schätze ich," kam die Antwort und sie sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.
„Ist ja gut," lachte er leise. „Es ist wirklich alles okay. Ich brauche sicher noch eine Weile, bis mich wieder eingewöhnt habe, aber es geht. Ich helfe im hiesigen Jugendzentrum ein wenig aus. Das lenkt mich ein wenig vom allein sein ab. Und die Kids hier können genauso Hilfe brauchen wie in Chicago."
„Das freut mich," sagte JJ. „Ich hatte ein wenig Angst, weißt du," fügte sie dann noch hinzu.
„Angst wovor?" fragte er.
„Davor, dass wir nicht miteinander umgehen können und uns unwohl miteinander fühlen."
Er nickte ernst. „Das ging mir nicht anders, JJ."
„Und?"
„Ich fühl mich nicht unwohl."
Und es war JJ, als fiele ihr ein dicker Stein vom Herzen. Sie war es schließlich gewesen, die ihre Beziehung endgültig gebrochen hatte. Und sie war sich nicht ganz sicher gewesen, ob es das war, was Derek auch wollte. Bei diesem letzten Gespräch hatte er sie ungläubig angesehen und sie hatte nicht wirklich sagen können, was er empfand. Aber schließlich hatte sie auch genug damit zu tun gehabt, mit ihren eigenen Emotionen fertig zu werden.
Sie lächelte und das erste Mal seit sehr langer Zeit kam ein ehrliches, aufrichtiges Lächeln von ihm zurück.
„Ich fühle mich auch nicht unwohl," sagte sie. „Und ich würde mich freuen, wenn wir Freunde sein können. Ich meine, richtige Freunde, nicht nur Arbeitskollegen. Ich kann mir einfach nicht vorstellen mit dir eine reine Kollegen-Beziehung zu haben. Verstehst du, ich…"
„Ich versteh schon, JJ," unterbrach er sie. „Und ich denke, wir werden das schon hinkriegen. Und wir haben ja auch noch Spencer als Vermittler, falls es mal nicht gehen sollte."
„Ja. Also ist alles okay zwischen uns?" Sie konnte nicht anders, als noch einmal zu fragen, als er aufstand und Richtung Tür ging.
„Alles in Ordnung, JJ," antwortete er.
Bevor er jedoch die Tür öffnen konnte, hielt sie ihn noch einmal auf.
„Derek?"
„Ja?" er drehte sich um und sah sie erwartungsvoll an.
Sie schluckte. Bis grade eben war ihr nicht klar, dass sie ihn auf das ansprechen wollte, was ihr schon eine Weile durch den Kopf ging.
Sie stand auf und ging zu ihm. Nervös rang sie mit den Händen. Das war aktuelle noch schwieriger, als sie gedacht hatte.
„JJ?" Er hatte den Kopf zur Seite gelegt und sah sie fragend an.
„Ich wollte dich noch etwas fragen, Derek," fing sie schließlich an zu sprechen. „Es geht um… es geht um unser Baby." Da, jetzt war es raus. Sie hatte es tatsächlich ausgesprochen.
Er sah sie verwirrt an.
„Was meinst du denn?" fragte er leise.
Sie schluckte, holte kurz Luft und erklärte dann, um was sie ihn bitten wollte.
„Es ist so, Derek. Ich weiß, es ist nichts übrig geblieben, nach meiner Fehlgeburt. Doch ich musste viel an unser Kind denken, habe mir ausgemalt wie es sein würde… Und ich habe mich damit auseinandergesetzt und erfahren, dass es ein Grabfeld gibt, wo so kleine Kinder in einer Sammelbestattung beerdigt werden.(*) Einen Gedenkstein gibt es auch. Und ich…" sie wagte nicht, ihn anzusehen. „Ich wollte dich fragen, ob wir einmal zusammen dorthin gehen. Um Abschied zu nehmen, weißt du. Um eine Kerze anzuzünden…"
Sie sah ihn an. In seinen Augen standen Tränen und einen Moment wünschte sie sich, sie hätte nichts gesagt. Doch es war ihr wichtig.
„Ich komme gerne mit," sagte er.
Sie lächelte erleichtert. Sie hatte so sehr gehofft, dass er das sagen würde.
„Am Wochenende?" fragte sie und er nickte.
Als er mit einem letzten Blick auf sie die Tür öffnete und zu seinem Schreibtisch ging, sah sie ihm hinterher. Sie hatte das Gefühl, sie waren auf dem richtigen Weg. Sie würden ihr Leben weiter leben. Jeder für sich. Vielleicht bekamen sie auch irgendwann noch eine zweite Chance. Aber wichtig war, dass sie lebten. Sie hatten überlebt. Und es war noch nicht allzu lange her, da hatte sie gedacht, dass sie nicht überleben konnten, was passiert war. Doch das hatten sie.

Ende

(* Ich weiß nicht, wie es tatsächlich in der USA ist. Ich kann nur für Deutschland sprechen, und selbst hier ist es teilweise noch von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich geregelt. Doch hierzulande werden fehlgeborene Kinder (Kinder mit einem Geburtsgewicht unter 500 g) in der Regel in einem Sammelgrab bestattet, meistens alle paar Monate. Oftmals gibt es dazu einen Gottesdienst. So werden auch die kleinsten Kinder würdevoll verabschiedet und als Eltern ist es ein großer Trost, wenn man einen Ort hat, zu dem man gehen kann.)

AN: Meine lieben Leser! Es ist tatsächlich soweit, diese Geschichte ist zu Ende.
Ich muss sagen, ich hätte niemals gedacht, dass diese Geschichte so lang wird, es hat mich manchmal selber erstaunt, welche Richtung alles genommen hat.
Ich möchte allen ganz herzlich danken, die sie gelesen haben und vielleicht noch lesen werden.
Ganz besonders natürlich denjenigen, die sich die Zeit genommen, um mir ihre Meinung mitzuteilen und mich damit so sehr unterstützt haben! ! Ich weiß nicht, ob ich ‚Gegen die Zeit' ansonsten tatsächlich beendet hätte.
Also: DANKE!! Ihr wart wirklich toll!!