Epilog

Es war kurz vor Mittwinter, als Kennard nach längerer Zeit aus Arilinn nach Thendara zurückkehrte und Elaine noch an der Haustür die schreckliche Nachricht überbrachte, dass der Hasturerbe und sein Friedensmann in den Kilghardbergen tödlich verunglückt waren – eine Handgranate hatte sie in Stücke gerissen.

„Waffen der Terraner", knurrte Kennard, während ihnen ein eisiger Wind um die Beine pfiff. „Das wird alles wieder verschlimmern, nachdem wir endlich ein paar Jahre Ruhe hatten. Danvan hat schon den Rat einberufen."

Elaine musste dagegen sofort an Caitlin denken. Die Liebe ihres Lebens war nun tot. „Komm erst mal rein, Kennard. Oder soll ich mir meine Felljacke holen?" Ein schwacher Scherz, aber sie wusste keine andere Möglichkeit um ihre Tränen zurückzuhalten.

Kennard schloss geräuschvoll die Tür hinter sich und klopfte sich den Schnee von den Stiefeln. Sofort war ein Hausmädchen zur Stelle, um ihm den schweren Mantel abzunehmen. „Seid gegrüßt, Vai Dom. Ihr müsst völlig durchgefroren sein. Möchtet Ihr etwas Warmes zu trinken?"

„Ja, bitte!"

Dann saßen sie vorm Kamin im Salon, wo Kennard mit finsterer Miene einen Jaco trank und sich seine schmerzenden Gelenke rieb. Währenddessen wartete Elaine, über eine ihrer stümperhaften Stickarbeiten gebeugt, geduldig, dass er auftaute und erzählte. Denn das hatte sie in all den Jahren begriffen: Kennard brauchte Zeit – vor allem wenn er aus dem Turm kam, wo es manchmal tagelang nicht nötig war, auch nur einmal den Mund aufzumachen. Zwischen den Mitgliedern des Turmzirkels gab es eine Nähe, die Elaine und Kennard nicht teilten.

Sie hatte in ihrem ersten Jahr nach der Heirat in Arilinn gelernt, wie man seine Gedanken abschirmte und sich mit Barrieren gegen ungebetene Eindringliche schützte und darin eine Fertigkeit entwickelt, die sogar Dyan schon lange in seine Schranken verwiesen hatte. Auch mit ihrer präkognitiven Gabe konnte sie nun besser leben; sie hatte kaum noch Visionen. Und obwohl bis jetzt fast alles aus ihren Träumen eingetroffen war – erst vor einem Jahr war ihre kleine Mariel tot zur Welt gekommen –, gab es Gegenbeweise, wenn auch nur traurige.

So hatte sie sich oft zusammen mit ihrem Bruder Larry bei ihren Verwandten auf Burg Aldaran gesehen – was sich, ebenso wie seine Visionen von einer Familie in Caer Donn, nie bewahrheiten würde, weil Larry vor vier Jahren auf einer seiner vielen Reisen nach Aldaran tödlich verunglückt war. Er wollte sich das rauschende Mittwinterfest von Kermiac nicht entgehen lassen und verging vor Sehnsucht nach seiner geliebten Thyra; so hatte seine unerfüllte Liebe ihren sinnlosen Tribut erfordert. Und nicht der leiseste Hauch einer Vorahnung hatte Elaine auf dieses Unglück vorbereitet. Ebenso traf die Nachricht von dem Tod der beiden Rafaels sie völlig unerwartet.

„Wie Alanna es wohl verkraften wird?", sagte Kennard schließlich mit rauer Stimme. „Sie ist im siebten Monat schwanger. Hoffentlich kann Caitlin ihr die Trauer etwas erleichtern."

Elaine murmelte etwas Zustimmendes und dachte: Sie hat selbst genug zu betrauern! All die versäumten Jahre…

Dabei achtete sie wie immer sorgfältig darauf, ihre Gedanken für sich zu behalten. Sie hatte Kennard nie etwas von der Liebe zwischen Caitlin und Rafael Syrtis erzählt, die seine erste Ehe von Anfang an zum Scheitern verurteilt hatte, geschweige denn von ihrer Vermutung, dass Dyan damals irgendwie seine schmutzigen Finger im Spiel gehabt hatte.

Kennard ist schon verbittert genug, fand Elaine. Jedesmal wenn er aus Arilinn kam, hatte er ein paar graue Haare mehr, und sein Rheuma wurde von Jahr zu Jahr schlimmer, vor allem um diese Jahreszeit. Dazu plagten ihn Schuldgefühle – ihr gegenüber.

Doch schien es ihr nicht möglich zu sein, ihm Linderung zu verschaffen. Seit Kennard ihr damals seinen Willen aufgezwungen hatte, ertrug sie den Rapport nicht mehr, weder mit ihm, noch mit einer anderen Person. In Arilinn war es das letzte Mal gewesen, dass sie fremden Gedanken in ihrem Kopf Einlass gewähren konnte, ohne dass ihr davon körperlich übel wurde. So war es zwischen Kennard und ihr sehr still geworden, auch in der Liebe. Und obwohl sie seine Nähe noch immer schmerzlich vermisste, war Elaine darüber erleichtert. Denn eine dritte Schwangerschaft durfte keinesfalls zustande kommen! Auch die Hebamme hatte ihr davon abgeraten.

Eine helle Stimme unterbrach ihre Gedanken: „Vater!" Ihr kleiner Sohn Lewis-Kennard hatte unbemerkt den Raum betreten und küsste Kennard schüchtern auf die Wange.

„Wie geht es dir, mein kleiner Lew!" Kennard drückte den Jungen fest an sich, und Elaine nahm verärgert zur Kenntnis, dass er vorsichtig nach seinem Geist griff, wie jedesmal. Er konnte es nicht lassen, wie ein Schießhund auf die kleinste Spur von Laran bei Lew zu lauern – dabei war er noch nicht einmal sechs!

Lew verharrte still in der Umarmung und trat schnell einen Schritt zurück, als Kennard ihn freigab. „Mir geht es gut, Vater", antwortete er, doch Elaine konnte Verwirrung und auch ein wenig Angst in seinem ernsten Kindergesicht erkennen. Sie warf Kennard einen strafenden Blick zu. Nachher würde sie ihm, wie jedesmal, Vorhaltungen machen. „Du bringst ihn noch um, wenn du mal zu unvorsichtig bist!", hatte sie ihn schon mehrmals im Streit angeschrien. „Was soll denn so ein zarter Geist der Macht einer Alton-Gabe entgegensetzen?"

„Wie lange bleibst du diesmal?", erkundigte sich Lew.

„Ungefähr zwanzig Tage. Die nächsten Tage muss ich den Ratssitzungen beiwohnen, aber danach werden wir viel Zeit füreinander haben!", versprach Kennard.

„Oh, toll!", freute sich Lew und strahlte seinen Vater an, wobei er eine riesige Zahnlücke im Oberkiefer entblößte. Kennard lächelte und sein Gesicht wurde sofort um Jahre jünger. Elaine fühlte einen feinen Stich im Herzen. Es war wieder einer der seltenen Momente, in denen sie den Gedanken zuließ, wie alles hätte sein können…

***

Später, nach dem Abendessen, ging sie mit Lew nach oben, um ihn zu baden und für die Nacht fertig zu machen. Eigentlich war es in Familien der Oberschicht üblich, für solche Dinge Kindermädchen zu beschäftigen, aber Elaine hatte seit Lews Geburt darauf bestanden, sich selbst um ihr Kind zu kümmern. Ebenso wenig würde sie Gebrauch von der darkovanischen Sitte machen, Kinder noch vor der Pubertät in eine Pflegefamilie zu geben, um sie abzuhärten. Sie hatte Kennard bereits das Versprechen abgenommen, Lew im Falle ihres Todes bei sich zu behalten, bis er erwachsen genug war, um seine eigenen Wege zu gehen. Und bis dahin war die Liebe der Eltern die beste Abhärtung, für alles, was da kommen würde, davon war Elaine überzeugt.

Nach dem Baden nahm Elaine ihre alte terranische Nagelschere, die sie damals in Armida vergessen hatte, und schnitt alle vierundzwanzig Nägel an Lews kleinen Fingern und Zehen. Dann zog sie ihm ein frisches Nachthemd an und brachte ihn ins Bett.

„Mama?", sagte Lew zögernd, nachdem er unter die Decke gekrochen war. „Warum ziept es in meinem Kopf, wenn Vater mich begrüßt?"

„Das ist manchmal so seine Art", sagte Elaine leichthin und stopfte die Decke um ihren Sohn fest. „Wenn du es nicht magst, wird er es bestimmt nicht mehr tun!" Den knöpfe ich mir noch vor, dachte Elaine bei sich. Ich weiß, dass Lew die Alton-Gabe braucht, um vom Rat als Erbe anerkannt zu werden. Die Frage ist nur, ob er das überhaupt will. Und welchen Preis soll er dafür zahlen?

Lew sah sie nur unverwandt an und schob seine Hand in ihre. „Erzählst du mir die Geschichte von der Welt, wo es so warm ist, dass es niemals schneit?"

„Du meinst Thetis? Also gut: Es war einmal ein kleiner Planet, der kreiste so dicht um seine Sonne, dass es dort immer warm war. Die Menschen, die dort lebten, brauchten keine dicken Mäntel zu tragen, und alle Kontinente waren von dichten grünen Wäldern bedeckt. Außerdem gab es dort so viele Meere, dass fast jeder direkt an der Küste wohnen konnte. Wer sich im Landeanflug auf Thetis befand, sah den Planeten schon von weitem leuchten wie einen geheimnisvollen blaugrünen Edelstein…"

Während Lews Augen immer kleiner wurden, gab Elaine ihm ihr Wissen über die Weiten des Weltalls weiter, das er bereits mit der Muttermilch aufgesogen hatte, wandte wie jeden Abend ihr Geheimrezept an, Darkover und sein eigenes Schicksal vor den Tiefen des Universums unbedeutend werden zu lassen. Denn nur so würde er es eines Tages ertragen können. Nur so.

Nach einer Weile hielt sie im Erzählen inne. Lew war eingeschlafen, schwachblaues Mondlicht fiel auf sein Gesicht. Elaine strich ihrem Sohn noch einmal übers Haar, dann stand sie auf und ging leise zum Fenster. Der Schneesturm hatte nachgelassen; direkt vor ihr hing der fast volle Kyrrdis, und der Himmel war sternenklar. Wie jedesmal, wenn sie in die Sterne blickte, musste sie an die Medea denken, die nun unvorstellbar weit von Darkover entfernt neue Ziele ansteuerte. Wie es wohl ihrer Freundin Lizzy ging? Elaine hatte sich schon tausendmal gefragt, wann Lizzy damals ihr Verschwinden bemerkt hatte und ob sie sich auf die Suche nach ihr gemacht hatte.

Wahrscheinlich war ihr klar, dass ich zu Kennard zurückgehe, dachte Elaine. Lizzy hat schon immer an Dinge wie das Schicksal geglaubt. Nur ich dachte damals noch, man hätte sein Leben selbst in der Hand – dumm wie ich war…

Achselzuckend zog sie die Vorhänge zu und verließ den Raum.

Kennard hatte sich inzwischen wieder auf seinem gewohnten Sessel vorm Kamin niedergelassen und war eingenickt. Elaine betrachtete das Gesicht ihres schlafenden Mannes, das von den langen Haaren halb verdeckt wurde. Es war älter geworden in den Jahren, wie ihr eigenes auch, aber hatte nichts von seiner Anziehungskraft verloren. Warum nur sahen sie sich so selten? Plötzlich spürte sie eine Sehnsucht nach ihm in sich aufwallen, dass ihr Hals eng wurde. Sie streckte eine Hand aus, um seine Wange zu berühren – und zog sie schnell wieder zurück.

Elaine!, mahnte sie sich. Lass die Finger von ihm! Es wäre nicht das erste Mal, dass du sie dir verbrennst. Er kann es nicht. Nicht so, ohne offene Gedanken. Und ich darf es nicht…

Heftig atmend wandte sie sich ab. Da regte sich Kennard hinter ihr. „Yllana", flüsterte er. „Geh nicht!" Er nahm ihre Hand und legte sie an seine Wange. „Das Leben kann so schnell vorbei sein, nicht wahr?"

Elaine nickte stumm. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

„Ich kann diesen Fehler nicht ungeschehen machen, preciosa", sprach Kennard weiter. „Aber wir sollten nicht aufgeben. Wir dürfen unsere Liebe nicht vergessen. Der Preis war so hoch…"

„Ja, das ist er", flüsterte Elaine. „Aber du konntest nicht anders handeln. Wir hätten uns für immer verloren."

Kennard nickte. „Ja, davor hatte ich furchtbare Angst, Elaine." Und manchmal denke ich, wir haben uns längst verloren…

Der Hall seiner Stimme fühlte sich ungewohnt in ihrem Kopf an, aber sie verspürte das erste Mal seit langem keine Übelkeit. Doch ihr Herz bekam einen Sprung. „Kennard, ich werde dich nie verlassen", sagte sie mit zitternder Stimme. Wahrscheinlich wäre ich damals sowieso im letzten Moment umgekehrt…

„Versprich es, Yllana!", sagte Kennard rau.

„Ich verspreche es. Ich werde immer bei dir sein." Elaine zog seinen Kopf an ihre Brust, und ihre Tränen tropften auf sein Haar während sie ihm ein Versprechen gab, von dem sie damals wie heute nicht wusste, ob sie es einhalten konnte.

So kam es, dass sie wenig später Hand in Hand die knarzende Holztreppe hinaufschlichen, in ihr Schlafgemach, um dort endlich nach langer Zeit ihre Gefühle sprechen zu lassen. Ohne Barrieren, ohne Zwänge und ohne Angst vor der Zukunft. Sie waren zusammen, was auch immer das für sie und Darkover bedeuten würde.

Und Elaine wusste, wenn die Medea jemals wieder auf diesem Planeten landen würde, um ihre Vorräte aufzufüllen, würde ihre Crew niemanden mehr antreffen, dem es etwas bedeutete. Einzig die langlebigen Chirie, würden sich an die Ereignisse erinnern, die für jeden anderen längst zu fernen Legenden verblasst wären.

ooooooooooooooooooooooooooo

Ende