Über den Wolken

„Ich glaube, er wollte mich küssen", grinste Lisa glückselig. „Und? Hättest du zurückgeküsst?", hakte Jürgen nach. „Ich… ich hatte mich noch nicht endgültig entschieden, also nicht wegen des Kusses, sondern viel mehr so allgemein." – „So allgemein, also rein statistisch. Um hinterher zu wissen, ob Rokko eine eher durchschnittliche Zunge hat, oder wie?" – „Jürgen, du bist unmöglich", errötete Lisa. „Ich meine, ich will ihm doch eine faire Chance geben, oder?" – „Richtig, das willst du und das solltest du auch. Was beziehungsweise wer mir Sorgen macht, ist David… und deine Gefühle für ihn. Das steht doch im Widerspruch zu Rokko. Außerdem… meinst du, David will dich noch, wenn du dich von Rokko abschlabbern lässt? Er wirkt da ein bisschen neanderthalerisch auf mich." – „Keine Ahnung", seufzte Lisa. „Ich kann mir auf Davids ganzes Verhalten eh keinen Reim machen. Ich meine… erst treibt er mich förmlich in Rokkos Arme und kaum liege ich drin, da zerrt er mich wieder raus." – „Also hast du den Kuss doch noch bekommen?" – „Wie kommst du denn jetzt da drauf?" – „Weil du sagtest, dass du kaum in Rokkos Armen lagst, da hätte David dich wieder raus gezerrt. Klingt für mich ein bisschen nach großem Kino – von der Störung einmal abgesehen." – „Ich habe Rokko zum Schluss einen Kuss auf die Wange gegeben, weil er es so tapfer mit David ausgehalten hat." – „Wieso hast du David nicht einfach nach Hause geschickt? Er war ja schließlich nicht zur großen Oster-Offensive eingeladen, oder?" – „Ja, aber das wäre doch sehr unhöflich gewesen, immerhin ist er den ganzen Weg nach Göberitz gekommen." – „Obwohl er wusste, dass du mit Rokko alleine sein willst und dass du dich in amourösen Dingen immer etwas schwer tust. Ich finde ja, dass klingt verflucht nochmal nach Stutensyndrom Marke David Seidel." – „Jürgen, bitte. Er hat sich ausgegrenzt gefühlt." – „Liebe Mutter Lisa-Theresa, der kleine David Seidel möchte aus dem Smaland abgeholt werden – er fühlt sich von den anderen Kindern ausgegrenzt", unkte Jürgen. „Merkst du gar nicht, wie albern das ist? Er wollte dir dein Date ruinieren – mit voller Absicht. Er ist David Seidel, er ändert sich nie. Er versucht dich so bei der Stange zu behalten. Ich finde das sehr unfair von ihm – er liebt dich nun einmal nicht." – „Das habe ich mittlerweile auch kapiert." – „Ja und genau deshalb sollte er sich für dich freuen, wenn du mit jemand Anderem anbandelst, statt diese zarten Beginne im Keim zu zertrampeln." – „Sei doch nicht so melodramatisch. Bisher war doch noch gar nichts mit Rokko." – „Ja, bisher. Du hast selbst gesagt, du hättest den Kuss vermutlich erwidert. Vielleicht hätte es ja richtig ‚Zumm' gemacht." – „Vielleicht", seufzte Lisa. „Schön wäre es schon." – „Was?", hakte Jürgen nach. „Na jemanden zu haben…" – „… zu dem du Schnuppel sagen kannst? Lisa, das ist schon mal daneben gegangen." – „Ja, aber nur, weil das mit dir und mir an Inzest grenzt, so lange wie wir uns kennen." – „Diese Sicht ist mir völlig neu", staunte Jürgen. „Wir sind schon so lange die besten Freunde", begann Lisa. „Das musste einfach schiefgehen." – „Wie gut, dass das mit Rokko und dir ganz anders ist." – „Mit David und mir auch." – „Ihr seid schon einige Zeit recht gut befreundet", gab Jürgen zu bedenken. „Falsch, er ist befreundet, ich bin verliebt", widersprach Lisa. „Keine guten Voraussetzungen – weder für eine Freundschaft noch für eine Beziehung", stichelte Jürgen. „Ach ja", seufzte Lisa herzzerreißend. „Danke für das Gespräch, Doktor Freud. Wenn ich das nächste Mal keine Hilfe brauche, komme ich wieder. Im Keine-Hilfe-sein sind Sie ganz groß."