Backpacking Kerima Moda

„Ich will Sie hier nicht wiedersehen!", hallte es immer wieder durch Lisa Plenskes Kopf. David Seidel, ihre große Liebe, der Mann, für den sie alles getan hatte und täte, hatte ihr genau diesen Satz an den Kopf geknallt. Das war dann wohl das Ende ihrer Karriere bei Kerima Moda. Was um Himmels Willen hatte sie nur falsch gemacht? Sie hatte doch alles für die Firma getan. Tag und Nacht geackert. Und das war der Dank? Ein Rausschmiss dieser Art. Ihr Papa hatte wohl Recht – diese Modefuzzi-Firma war nichts für sie. Im Göberitzer Baustoffhandel… Nein, nicht der Göberitzer Baustoffhandel, nein, bitte, alles nur nicht den. Zugegeben, Dank Vitamin B würde sie da sofort einen Job kriegen, aber… Nein! Die kleine Lisa Plenske wollte doch aus Göberitz raus. Auf eigenen Beinen stehen. Ohne Mama und Papa klarkommen. „Das war wohl ein Satz mit x – war wohl nix", murmelte Lisa sich selbst zu. Ihr Blick wanderte durch das S-Bahnfenster nach draußen. Berlin, immer nur Berlin. Warum hatte es sie eigentlich nie von Zuhause fortgezogen? Einige ihrer Mitschüler waren ein Schuljahr ins Ausland gegangen. Andere hatten ein Semester irgendwo in Übersee studiert. Und sie? Sie hing fest in Berlin – nicht mal in Berlin, in Göberitz hing sie nach ihrem Rausschmiss fest.

„Schnattchen, schon von der Arbeit zurück?", begrüßte Bernd seine Tochter. „Hm", brummte diese. Sie hatte wenig Lust, sich jetzt mit ihrem Vater auseinander zu setzen. Sie konnte ihn bereits hören: Ich habe es ja gewusst. War doch klar, dass in dieser Modefuzzi-Firma… Nein, das brauchte sie jetzt nicht auch noch. „Ist was passiert? Du bist doch sonst nie so früh wieder hier?", bohrte Bernd weiter. „Mir ist gekündigt worden, wenn du es so genau wissen willst", platzte Lisa plötzlich der Kragen. „Kein Grund, so einen Ton anzuschlagen", erwiderte Bernd pikiert. „Dann suchst du dir eben etwas Anderes. Ich kann ja mal im Baustoffhandel für dich fragen. Ich bin doch da schon so lange…" – „… Dispatcher", vervollständigte Lisa. „Danke, aber nein, Danke. Ich will es alleine schaffen, verstehst du das nicht?" – „Wenn ich dir doch aber helfen kann", maulte Bernd. „War Post?", wechselte Lisa das Thema. „Ja, hier. Für dich. N richtig schnieker Brief, guck mal. Ich verstehe ja bloß nicht, warum deine Handschrift da drauf ist." Lisa nahm ihre Post entgegen. Das war in der Tat ihre Handschrift. Absender: Die Botschaft von Kanada. Wie Schuppen fiel es Lisa plötzlich von den Augen. Sie hatte ja diese Work&Holiday-Visum beantragt. Dafür musste sie einen an sich selbst adressierten Umschlag beilegen. Hektisch riss sie eben diesen Umschlag auf. „Oh mein Gott", jubelte sie. „Was'n?", wollte Bernd wissen. „Gute Nachrichten?" – „Sehr gute!", strahlte Lisa. „Das könnte ja besser gar nicht passen." – „Was ist denn?", drängte Bernd seine Tochter, mehr Informationen preiszugeben. „Ich gehe für ein Jahr nach Kanada." – „Nach Kanada? Ist das nicht ein bisschen weit? Gibt doch auch hier gute, anständige, ehrliche Jobs." – „Ach, Papa, das verstehst du nicht", tätschelte Lisa ihrem alten Herrn die Wange. „Ich gehe dann mal gleich hoch an den Computer und sehe mich nach Flügen um und nach Versicherungen und beantrage Reiseschecks und so." – „Wann soll es denn losgehen?", fragte Bernd ängstlich. „So bald wie möglich", lachte Lisa, während sie die Treppe hinauf tänzelte.

Flug war gebucht, Versicherung beantragt, der Versicherungsschein würde die nächten Tage mit der Post kommen. Reiseschecks ebenfalls. Einen Koffer hatte sie noch. Warme Wintersachen würde sie sich kaufen – es war ja jetzt genug Zeit für ausgiebige Shoppingtouren. Fehlte nur noch eine Unterkunft – zumindest für die ersten paar Tage. Sobald sie einen Job hatte, würde sie sich nach einer Wohnung umsehen. Toronto also, strahlte Lisa. Sie hatte sich Toronto als Startpunkt ihres Abenteuers ausgesucht. Warum konnte sie auch nicht so genau sagen. Es lag so schön mittig. Naja, alles ist relativ. Bei den Distanzen machte es kaum einen Unterschied, ob sie nun in Toronto oder in Ottawa wäre, aber Toronto… Das klang schon so schön, so nach Abenteuer. Lisa warf einen Blick auf das, was die Suchmaschine ihr zeigte. Couchsurfing – nein, dafür war sie nicht abenteuerlustig genug. Hotel… zu teuer. Backpacker hostel… Lisa las die Beschreibung. Das passte doch hervorragend zu ihren Plänen. Reservation. Lisa klickte auf das Feld mit dieser Aufschrift. Was genau wollte sie? Ein Bett, genau, ein Bett in einem… Lisa war drauf und dran „private room" anzuklicken, doch dann… Nein, die alte Lisa Plenske, die, die in Göberitz festhing, die würde sich so ausgrenzen. Die neue Lisa Plenske, die, die in einer Woche nach Kanada flog, um dort zwölf Monate zu leben und zu arbeiten, die klickte „mixed dorm" an. Ja, das würde lustig werden – viele verschiedene Nationen, alle in einem Schlafraum. Da würde ihr Englisch im Nullkommanix auf Hochglanz poliert sein.