12.

„Es ist irgendwie arm, dass ausgerechnet ein Einkaufszentrum auf der Liste der wichtigsten Sehenswürdigkeiten in Edmonton steht", dachte Rokko laut nach. Lisas Blick war zwar aus dem Fenster des Busses gerichtet, aber er konnte sich nur zu gut vorstellen, wie sie gerade mit den Augen rollte. Allein bei dem Gedanken amüsierte er sich königlich. „Naja, dass vieles zu dieser Jahreszeit geschlossen sein würde, wussten wir ja", entgegnete Lisa genervt. „Aber du warst gegen den Rundgang durch Downtown." – „Weil es kalt ist und der Rundgang sehr lang ist und wir Einiges davon schon gesehen haben. Du erinnerst dich – Busbahnhof, Fußmarsch, Treppe." – „Oh, du meinst, ich hätte ein Foto von der Treppe als ewige Erinnerung machen sollen?", lachte Lisa. „Im Übrigen…", setzte sie zu einer kleinen Provokation ist. „… ist die West Edmonton Mall 350.000 m² groß - nur die Ladenfläche." – „Aber es ist beheizt." -."Seit wann bist du so eine Frostbeule? Es sind doch höchstens minus 8 Grad, wenn überhaupt." – „Tja, mir ist kalt und du bist müde", grinste Rokko frech. „Wenigstens ist keinem von uns beiden langweilig." – „Und das Geräusch, das aus deinem Zimmer kam, war wirklich das Schnarchen deiner Mitbewohnerin?" – „Du bist so sensationslüstern", schüttelte Lisa den Kopf. „Ja, sie hat tierisch geschnarcht. Bist du nun zufrieden?" – „Ehrlich, ich hätte geschworen, es ist einer meiner Mitbewohner." – „Du bist doch im Moment alleine in deinem Zimmer." – „Naja, wenn das heute Abend immer noch so ist, kannst du ja rüber kommen und dich mal richtig ausschlafen." – „Ich kann mich erinnern, dass es sich unter dir gar nicht schlecht schläft. Wir müssen hier aussteigen", deutete Lisa auf die Haltestelle, in die der Bus gerade einbog. „Diesmal ist mir aber ein unteres Bett zugewiesen worden." – „Oh. Und wie schaut's mit Erfahrungsberichten? Hat sich auch noch nie eine Frau beklagt, nachdem sie die Nacht über dir verbracht hat?" – „Nein, kann aber auch nicht, weil das noch nie vorgekommen ist. Du könntest also die Erste sein", brachte Rokko Lisa absichtlich zum Erröten. „Ich glaube, wir müssen durch den Eingang da", lenkte die junge Berlinerin vom Thema ab.

„Und? Was sagt der Plan?", zog Rokko Lisa einige Stunden später auf. Sie hatten sich in dem riesigen Einkaufszentrum hoffnungslos verlaufen. „Blöderweise spricht er nicht", faltete die Angesprochene den Papierbogen zusammen. „Ist aber auch egal, denn wir haben bei weitem noch nicht alles gesehen und notfalls fährt von jedem Ausgang ein Bus." „Wie, wir haben noch nichts alles gesehen? Das Piratenschiff, die Minigolfanlage, die Eislauffläche? Was haben wir denn noch nicht gesehen?" – „Das Spaßbad." – „Hast du Schwimmsachen dabei?" – „Nein. Ich will ja auch gar nicht schwimmen gehen. Ich will doch nur mal gucken." – „Ich dachte, wir gehen zum Minigolf", schmollte Rokko. „Ja, nachdem wir das Schwimmbad gesehen haben", griff Lisa nach Rokkos Hand und zog ihn mit sich. „Und das Schwimmbad ist in dieser Richtung?" – „Keine Ahnung", lachte die junge Frau. „Ist doch auch egal, irgendetwas Interessantes wird es da schon zu sehen geben."

„Das sieht eigentlich lustig aus", kommentierte Lisa die Aussicht durch die große Glasscheibe, die es den Besuchern der Mall ermöglichte, das Spaßbad zu sehen. „Ja, sieht es, aber ohne Badesachen können wir nicht mitmachen und das ist wiederum langweilig. Was hältst du von Mittagessen und anschließend Minigolf?" – „Bist du ein Minigolf-Fetischist?" – „Ja", grinste Rokko. „Na gut", rollte Lisa gespielt mit den Augen. „Warte kurz hier. Ich bin gleich zurück." – „Wo willst du denn hin? Hey, es ist unfair, einen Mann alleine in so einem riesigen Einkaufszentrum zurückzulassen." – „Nun heul doch nicht gleich. Ich bin sofort wieder zurück", tänzelte Lisa davon.

Zufrieden mit ihrem kleinen Vorhaben lief Lisa grinsend neben Rokko her. „Wieso guckst du eigentlich so unverschämt glücklich?", wollte dieser wissen. „Weil ich es bin", flötete die Angesprochene. „Was so ein simpler Toilettengang alles bewirken kann", kommentierte Rokko in völliger Ahnungslosigkeit, wo Lisa tatsächlich gewesen war. „Wo geht es nochmal zum Minigolf?", ging Lisa nicht auf seinen Kommentar ein. „Aber vorher brauche ich etwas Essbares." – „Ah, du hast Hunger. Das erklärt deine Laune", schmunzelte Lisa. „Na komm, das Fresszentrum war da hinten. Worauf hast du denn Lust?", hakte sie sich bei ihrem Reisebegleiter unter und zog ihn mit sich.

Ein spitzer Schrei entfuhr Lisa, als ihr plötzlich Wasser aus dem Minigolfloch entgegen spritzte. „Rigolfeur", freute Rokko sich diebisch. „Mimi hat das geliebt. Ich dachte, es würde dir vielleicht auch Spaß machen." – „Eine Vorwarnung wäre nett gewesen", wischte Lisa sich das Gesicht trocken. „Ist das jetzt Level 1?", deutete die junge Frau auf den Parcours, der noch vor ihr und Rokko lag. „Jep", grinste dieser. „Aber nur Wasser wäre ja langweilig. An einigen Stationen muss man sich verrenken oder den Golfschläger mit der Rückseite benutzen oder, oder, oder. Das verrate ich dir nicht, sonst ist es ja keine Überraschung."

„Und? Habe ich nun gewonnen?", grinste Lisa knapp zwei Stunden später. „Moment, ich rechne noch…", zögerte Rokko Antwort, die angesichts des Punktezettels in seiner Hand offensichtlich war, hinaus. „Ja, hast du", freute er sich mit seiner Reisebegleitung. „Wirklich?" – „Ja", lächelte er zurück und war sehr überrascht, als Lisa ihm überschwänglich um den Hals fiel. Rokko nutzte die Gunst der Stunde und legte seine Arme fest um Lisa. Diese schreckte angesichts der unerwarteten Berührung zurück. „Ähm… ja", stotterte sie verschämt. „Und nun?" Der ehemalige Werbekomet konnte sich nicht zurückhalten und strich Lisa ein paar wilde Haarsträhnen aus dem Gesicht. „Das kannst du dir als Gewinnerin aussuchen." – „Ähm… ich weiß nicht recht", versuchte Lisa Rokkos eindringlichem Blick auszuweichen. „Ähm… diese Robben-Show… gleich hinter dem Piratenschiff… die ist doch zu jeder vollen Stunde, oder? Wollen wir da hin?", wand sie sich unsicher aus Rokkos Umarmung. „Ja, klar, kein Problem." Das hätte er sich wirklich denken können, schimpfte Rokko innerlich mit sich.

Man konnte tatsächlich einen ganzen Tag in einem Einkaufszentrum verbringen, staunte Rokko. Und es war nicht einmal langweilig gewesen. Ganz im Gegenteil. Er schüttelte den Kopf. Man hätte meinen können, zwischen ihm und Lisa hätte es beim Minigolf geknistert. Und dann schien es auch noch von ihm ausgegangen zu sein. Er hatte sich und vor allem Lisa in Verlegenheit gebracht, dachte er bei sich. „Lisa?", blieb er plötzlich fragend stehen. Rokko sah sich um. Er hatte gespürt, dass Lisa nicht mehr neben ihm ging, aber er hatte nicht gemerkt, wann sie verschwunden war. Eine Runde drehte er um sich selbst, um die junge Frau vor einem Schaufenster hinter sich zu finden. „Das ist echt schön", deutete sie verträumt auf ein Kleid. „Hm", brummte Rokko. Er musterte Lisas Züge. „Willst du es anprobieren?" – „Ach was. Was soll ich denn mit so einem Kleid?" – „Du sollst es ja nicht kaufen. Du sollst es anprobieren." – „M-m", schüttelte Lisa scheu den Kopf. „Ne, ne", entschied Rokko, diesen Rückzug nicht zu akzeptieren. „Komm", griff er nach ihrer Hand. „Du siehst darin bestimmt wunderschön aus." – „Musst du dich eigentlich immer über mich lustig machen?", stiegen Lisa die Tränen in die Augen. Rokko schluckte. „Es tut mir leid. Ich mache mich nicht über dich lustig. Wirklich nicht. Ich bin der festen Überzeugung, dass du in diesem Kleid ganz hinreißend aussehen wirst." Er legte seine Hand auf Lisas Rücken und schob sie sanft in die Boutique. „Vertrau mir doch", bat er sie eindringlich.

„Und?", fragte Rokko durch die geschlossene Tür der Umkleide. „Es passt und es sieht schön aus." – „Zeig doch mal", bat der Werbefachmann. „Nein", kam es scheu zurück. „Lisa, sei nicht albern. Wenn du sagst, es sieht schön aus, dann kannst du es mir auch zeigen, oder?", bemühte er seine Überzeugungskraft. „Nein", wiederholte Lisa, diesmal etwas vehementer. „Warum denn nicht?" – „Weil du dich wieder über mich lustig machen wirst." – „Das tue ich nicht. Versprochen. Bitte kommt doch mal kurz raus."

Unsicher rollte Lisa mit den Augen hin und her. Sie wusste nicht genau, wo sie hinsehen sollte. Es war ihr unangenehm, dass Rokko sie so musterte. „Wow", lächelte er. Das wadenlange türkisfarbene Kleid mit der braunen Schleife um die Taille stand ihr gut. „Wow", wiederholte er, als er immer noch keine Worte fand. „Wow was? Wow schlecht?", hinterfragte Lisa ihre Begleitung kritisch. „Du siehst toll aus", staunte Rokko immer noch. Sein Tonfall war so unprovokativ, dass Lisa ihm Glauben schenkte. Der junge Mann musterte sie noch einmal von oben bis unten. Sein Blick blieb an ihren Füßen hängen. Unbewusst begann er zu kichern. „Was?", fragte Lisa verunsichert. „Du machst dich ja doch über mich lustig." – „Nein", kicherte Rokko ausgelassen. „Aber… aber… deine Socken", deutete er auf Lisas Füße. Die junge Frau sah nach unten und betrachtete die geringelten Wollstümpfe. „Die hat meine Mama für mich gestrickt", stimmte sie in Rokkos Lachen mit ein. „Sie sind schön warm", fügte sie hinzu. „Aber sie passen gar nicht zu dem Kleid", schnappte Rokko nach Luft. „Nee", gab sie ihm ausgelassen Recht.

Als sie sich beide einigermaßen beruhigt hatten, trat Lisa einen Schritt von Rokko zurück. „Ich ziehe mich schnell wieder um, dann können wir zurück ins Hostel." – „Okay." – „Ähm, Rokko? Auch für Edmonton gibt es so einen Kino-Deal mit der Hostelmitgliedskarte. Hättest du Lust? Also, auf einen Film?" Rokko gab sich große Mühe, Augenkontakt mit Lisa aufzunehmen. „Was läuft denn?", fragte er nonchalant. „One Week. Und ‚Die Reisen des jungen Che'. Und… noch irgendwas, aber ich habe den Titel vergessen. Die am Hostelempfang hat gesagt, es wäre ein kleines Kino. Wohnzimmer-Style, quasi mit mehreren Sofas. Es soll gemütlich sein." – „Gemütlich oder dunkel mit Fummelecke?", grinste Rokko. „Sorry. Ich kann nicht raus aus meiner Haut, aber ich komme gern mit ins Kino." Lisa schüttelte schmunzelnd den Kopf. „Ich beeile mich", verschwand sie in der Umkleidekabine. „Ich würde gern ‚One Week' sehen", redete sie völlig ungehemmt durch die Tür mit Rokko. „Laut Kinoprogramm nimmt der Hauptdarsteller mehr oder weniger die gleiche Route durch Kanada wie wir." – „Okay", stimmte Rokko zu. Er war verwirrt. Lisa war so gehemmt und so scheu, aber just in diesem Moment dürfte sie nur in ihrer Unterwäsche auf der anderen Seite der Tür stehen. Trotzdem sprach sie mit ihm, als gäbe es nichts Normaleres.

„Das war ein schöner Film", strahlte Lisa, als sie am späten Abend mit Rokko das kleine Kino im Edmontoner Stadtteil Old Strathcona verließ. „Ja", seufzte Rokko. „Schade, dass es keine wirklichen Heulszenen gab." – „Wieso? Es blieb doch offen, ob er nun gestorben ist oder nicht." – „Ja, aber wenn es nicht offen geblieben wäre, dann hätte ich…" – „… dir meine Schulter zum Ausheulen anbieten können", vervollständigte Lisa seinen Satz mit den Augen rollend. „Eben nicht. Dann hätte ich dich um ein Taschentuch bitten können, denn du hast doch ganz sicher immer welche dabei." – „Brauchst du eines?", wand Lisa sich sofort auf einem Träger ihres Rucksackes. „Nee, lass mal", schmunzelte Rokko. „Was machen wir eigentlich morgen?" – „Ähm…", begann Lisa. „Ähm…", blieb sie stehen. „Also…", setzte sie an. „Ich kann nicht über peinliche Dinge sprechen, ohne rot zu werden und ich kann auch nicht lügen. Also… ich habe mir für morgen eine kleine Überraschung überlegt, okay?" – „Warum?" – „Weil du Geburtstag hast." Rokko stemmte die Arme in die Hüften. „Woher weißt du das?" – „Das ist eine lange Geschichte. Ich weiß es einfach und es war keine böse Absicht, okay?" – „Lisa", seufzte Rokko. „Ich feiere meinen Geburtstag nie." Die junge Frau wirkte mit einem Mal sehr betroffen, so dass sie Rokko leid tat. Er streckte seine Hand vor und streichelte der jungen Frau über die Wange. „Du musst dich zu nichts verpflichtet fühlen. Wir können morgen gern durch Downtown wandern, bis wir umkippen." Als Lisa ihn immer noch nicht ansah, legte er seinen Zeigefinger unter ihr Kinn und hob es an, so dass sie ihn ansehen musste. „Okay?" – „Nein, nicht okay", kam es trotzig von Lisa. „Du hast Geburtstag und du wirst ihn verdammt nochmal feiern." – „Das scheint dir echt wichtig zu sein", schluckte Rokko. „Ist es mir auch." – „Warum?" – „Weil du mir wichtig bist. Du wirst 30 und du solltest das feiern. Ich hole dich morgen früh um 9 Uhr 30 aus deinem Zimmer ab. Wenn du dir mit deinem eigenen Schal die Augen verbinden willst, sehr gerne. Ansonsten nehme ich meinen", redete Lisa sich in Rage. „Klingt, als würdest du keine Widerworte dulden." – „Tue ich auch nicht. Das ist beschlossene Sache. Morgen wird gefeiert und ich werde alles dafür tun, damit du auch Spaß hast." – „Na wenn das nicht interessant klingt", schmunzelte Rokko.