Blaue Rosen

So, hier also mein neues Projekt. Ich möchte noch darauf hinweißen, dass diese FF nichts, aber auch gar nichts, mit der ‚Tages-Tetralogie' zu tun hat, abgesehen von der Tatsache, dass sie den gleichen Ursprung haben und auf den gleichen Büchern basieren.
Das gesagt, wünsche ich euch viel Spaß beim lesen.

Disclaimer:
In meinem Profil.

Summary:
Man sagt, dass jeder Mensch früher oder später eine Geschichte erfindet, die er für sein Leben hält. Mein Name ist Beth Blythe und hier ist meine Geschichte.

Belgische Pralinen

Wenn ihr mich fragt, dann hat das Leben eine ziemlich große Ähnlichkeit mit einer Schachtel Belgischer Pralinen.

Man bekommt die Schachtel von irgendwem geschenkt, hält sie in der Hand, schwer und voll wie sie ist und es läuft einem schon das Wasser im Mund zusammen, wenn man die ganze leckere Schokolade denkt. Dann nimmt man sich eine Praline, das Seepferdchen wahrscheinlich, weil ich keinen kenne, der das Seepferdchen nicht zuerst nimmt, hebt sie hoch und beißt ihr den Kopf ab.

Es schmeckt sogar noch besser als erwartet, schokoladig und nougatig, also isst man das arme Seepferd schnell auf und nimmt sich danach eine von den ganzen Muscheln, weil sonst nur der Seestern übrig ist und der isst sich so schlecht mit seinen Zacken. Man isst also eine Muschel und noch eine und freut sich seines Lebens.

Aber nach der dritten Muschel fangen sie plötzlich an, alle sehr gleich und wenig abwechselungsreich zu schmecken. Und nach der sechsten Muschel merkt man die zähe Masse aus Schokolade und Nougat im Mund, die sich auf Zähnen, Zunge und Zahnfleisch ablegt und alles verklebt.

Man isst trotzdem weiter, weil es ja Belgische Pralinen sind und die immer schmecken, das ist ein belgisches Naturgesetz. Also isst man die Muscheln, einer nach der anderen, auch wenn einem langsam schlecht wird und man plötzlich erkennt, dass man Belgische Pralinen doch nicht so gerne mag. Trotzdem isst man weiter, immerhin war die Schachtel ein Geschenk.

Zuletzt hebt man dann den Seestern hoch, beißt jede Zacke einzeln ab, damit der Rest besser in den Mund passt, kaut, langsam, mit den schokoladenverklebten Zähnen, schluckt schließlich, und dann steht man da, mit seiner leeren Schachtel, Mund und Händen voll mit Schokoladenschmiere und beginnenden Bauchschmerzen.

Und die Moral von dem Ganzen?

Alles in Maßen.

Doch, auf jeden Fall, ich finde, das ist eine sehr hübsche Analogie zum Leben.

Cathy würde mir da jetzt widersprechen, aber Cathy ist auch der einzige Mensch, den ich kenne, der eine ganze Schachtel Belgische Pralinen in einer halben Stunde essen kann, ohne dass ihr schlecht wird, sie Bauchweh kriegt oder zunimmt.

Sie ist außerdem optimistischer als ich. Und sie hält nichts davon, Dinge nur in Maßen zu tun oder sich zurückzuhalten. Sie tut gerne, was sie will und meistens auch nur das.

Das ist halt Cathy.

Cathy ist meine Cousine. Sie heißt eigentlich Catherine, aber meistens nennen wir sie Cathy oder halt irgendwie anders. Cath, Cat, Kitten, Kit, Kitty, Kay, Kaley, Kailyn, Kaitlin, Katie, Katia, Kara, Karen, Rina, Tina, Trina, was immer uns gerade so einfällt und worauf wir gerade Lust haben.

Sie ist dran gewöhnt. Eigentlich ist es sogar so, dass, sobald jemand einen Namen sagt, der nicht direkt einem anwesenden Menschen zuzuordnen ist, Cathy einfach mal prophylaktisch darauf reagiert. In den meisten Fällen ist sie dann tatsächlich auch gemeint.

Ich dagegen, ich habe nur einen Spitznamen. Ich bin nämlich Beth.

Elizabeth Faith, eigentlich, aber so nennt mich niemand. Ich bin einfach immer nur Beth. Beth Blythe, was man sich ein paar Mal laut vorsagen muss, damit sich das Ohr dran gewöhnt. Dann klingt es auch nicht mehr so doof mit dem doppelten B. Weil, lasst es euch von mir sagen, denn ich weiß es: Alliterationen in Gedichten mögen schön sein, in Namen sind die merkwürdig.

Cathy und ich sind, neben der Tatsache, dass wir Cousinen sind, auch noch fast gleich alt, sie ist bloß sieben Monate älter, gehen in die gleiche Klasse, wohnen in der gleichen Stadt und sind beide Mittelkinder, nur dass ich zwei Schwestern habe und sie zwei Brüder und wir beide finden, die andere hat es besser getroffen.

Ach, und, wir sind die besten Freundinnen. Für Cathy bin ich die Schwester, die sie nie hatte und da ich ja Schwestern habe, nenne ich sie einfach meine Beinahe-Zwillingsschwester, denn so etwas habe ich echt nicht; Grace ist fast dreieinhalb Jahre älter und Anna fast dreieinhalb Jahre jünger als ich.

„So, wer möchte denn jetzt mal die Aufgabe hier an der Tafel lösen? Elizabeth vielleicht? Oder nein, Catherine, mach du das doch mal."

Oh Mist.

Ich hatte wohl vergessen zu erwähnen, dass ich gerade im Mathematikunterricht der 10. Klasse der City of London School for Girls sitze. Und, dass ich überhaupt keine Ahnung habe, wovon Miss Calvert da vorne spricht.

Hoffentlich hat Cathy wenigstens zugehört. Aber nein, sie sieht nicht so aus. So zögerlich, wie sie die Kreide nimmt, hat sie keine Ahnung, was bei der Rechnung rauskommen soll.

Und trotzdem, danke Gott, dass sie von mir abgelassen hat. Denn wenn ein Mädchen hier in der Klasse es schafft, diese Rechnung aus dem Stehgreif zu lösen, dann Cath. Ich dagegen, ich bin eher anderweitig begabt. Mathe und ich… nun, wie heißt es so schön? „Mathe sitzt im Zug und der Zug ist abfahren." Und das vor einer ganzen Weile.

Mit Cathy ist die Sache, dass sie richtig gut in der Schule sein könnte, wenn sie wollte. Gut, in den Sprachen bin ich etwas besser und in so sozialen Fächern auch und Handarbeit können wir beide nicht besonders, aber Cathy großer Vorteil ist, dass sie eine Affinität zu Zahlen hat. Sie mag sie nur nicht besonders.

Ihr Vater, mein Onkel Kenneth – angeheiratet –, war irgendein hohes Tier bei der British Army und ist mittlerweile im diplomatische Dienst und ihr älterer Bruder David ist ein kleines Genie und Ben, der Jüngere, ist zwar kleiner in der Körpergröße, aber noch größer im Geniesein, also alles in allem sind sie echt ziemlich clever.

Nur, dass Cath nicht clever sein will.

Also, dumm will sie auch nicht sein, aber sie mag es nicht, dass ihr Mathe und die ganzen Naturwissenschaften so zufliegen. Sie findet das zu jungenmäßig. Also sieht sie tunlichst zu, keine zu guten Noten zu kriegen. Und in den Fächern, in denen sie gerne besser wäre, ist sie zwar auch gut, aber nicht so gut.

Wie gesagt: das ist halt Cathy.

Dass sie Mathe kann, beweißt sie uns aber gerade im Moment allen sehr eindrucksvoll. Sie löst die Aufgabe an der Tafel nämlich tatsächlich und man merkt richtig, wie sie sich immer sicherer wird, dass es stimmt, weil sie immer schneller schreibt. Und ja, sie ist fertig und Miss Calvert nickt zufrieden.

Ist es nötig zu sagen, dass ich keine Ahnung habe, was sie da vorne rechnet? Ja, tatsächlich? Es ist nötig? Na gut, weil ihr es seid.

Ich habe keine Ahnung, was sie da vorne rechnet.

„Dumme Calvert."

Cathy ist gerade wieder neben mir in die Bank gerutscht und scheint gerade nicht sehr gut auf die arme Miss zu sprechen zu sein. Dabei ist die vorne an der Tafel voller Lobes, wie schön Cath die Aufgabe gelöst hat. Aber erinnert ihr euch an das, was ich bezüglich Cathy und Dingen, die sie gerne tut, gesagt habe?

Richtig.

Sie tut am liebsten nur das, was sie tun will. Und Matheaufgaben stehen sehr weit unten auf dieser Liste, das kann ich euch sagen. Wobei es bei mir nicht anders aussieht, ich habe bloß andere Gründe dafür, Mathe nicht zu mögen.

Aber wie gesagt, dafür kann ich Sprachen gut und Geschichte und so. Und ich bin kreativ, also literarisch kreativ. Das sagen zumindest alle. Deshalb bin ich auch auf die Idee gekommen, mein Leben zu dokumentieren, obwohl es an sich nicht so spannend ist.

Die Sache ist halt, es kann ja sein, dass in ein oder zwei Jahren etwas unglaublich weltbewegendes passiert, eine Revolution oder so, und dann ist meine kleine Geschichte hier sozusagen ein Augenzeugenbericht und das wäre doch schon irgendwie lustig, oder?

Wobei, wenn es eine Revolution geben würde, wäre das echt merkwürdig. Ich kann mir England, London, nämlich gar nicht ohne König vorstellen – egal, welcher König. Vor anderthalb Jahren, bevor Edward der soundsovielte abgedankt hat, sah es mal kurz so aus, als könnte es dazukommen, aber jetzt ist Mai 1938 und da denkt schon keiner mehr dran.

Und, ganz objektiv, wer hätte schon Interesse daran, die Lebensgeschichte eines vierzehneinhalbjährigen Mädchens zu lesen, das in ihrem Leben bisher nichts weltbewegendes getan oder erreicht hat, woran sich höchstwahrscheinlich auch nichts mehr ändern wird?

Ach, ihr? Na gut, euer Recht, aber selbst Schuld.

Ich habe euch gewarnt.