Gefährten

Fanfiction von Lady of the dungeon

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Remus versinkt in einem blutigen Rausch, als er am Ende des Krieges Fenrir Greyback stellt und tötet. Die magische Gesellschaft reagiert mit Milde, doch Askaban, das seinen Schrecken längst noch nicht verloren hat, bleibt ihm dennoch nicht erspart. Der Zellengenosse, mit dem der sadistische Direktor der ‚Grauen Festung' Remus zusammensperrt, ist alles andere als begeistert von seinem neuen Mitbewohner. Die beiden so unterschiedlichen Männer entfesseln einen Krieg auf engstem Raum, der sie beide an den Rand ihrer Existenz führt.


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Beta: Slytherene

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Soundtrack: „Eternal Prisoner" von Axel Rudi Pell

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1. Verurteilt

Mit einem lauten Knall fiel der schwere Holzhammer auf das Richterpult. Während sich die Ketten an der Lehne des Angeklagtenstuhls lösten und magische Handschellen einer Aurorin ihren Platz einnahmen, klangen die Worte des Vorsitzenden noch immer in Remus' Ohren: „Angeklagter Lupin, hiermit werden Sie wegen Todschlags an Fenrir Greyback zu einer Haftstrafe von vier Jahren verurteilt. Das Gericht hat bei der Strafbemessung Milde walten lassen…"

Vier Jahre! Vier Jahre Askaban. Remus bekam kaum Luft, während die Aurorin ihn vom Stuhl hochzog. Wahrlich, der Gamot hatte ein mildes Urteil gefällt. Remus hätte sich auch bei einer deutlich härteren Strafe nicht beschweren dürfen. Er suchte Doras braune Augen in der Menge, doch seine Frau hatte das Gesicht in Minervas Robe vergraben.

Es war sein Glück, dass er zum Töten seine Hände und Zähne benutzt hatte, und nicht seinen Zauberstab. Vorsatz war ihm nicht nachzuweisen – und Tonks hatte ihn beschworen, einmal im Leben konsequent zu leugnen.

„Für deinen Sohn, wenn du's schon nicht für dich selbst tun willst."

Die Wahrheit war jedoch, dass Remus Greyback gezielt gejagt hatte. Die große Schlacht war vorbei, der Krieg längst entschieden, doch Remus hatte Rache genommen. Dreißig Jahre Demütigung und Unglück fanden ihren tragischen Höhepunkt in einem unsäglichen Gewaltexzess und Blutrausch.

Als Remus nach der Tat wieder zur Besinnung kam, wühlte er wie ein Tier in den Eingeweiden seines toten Gegners. Als Glück im Unglück erwies es sich, dass es ausgerechnet Kingsley Shacklebolt war, der ihn zuerst fand. Der Auror verschloss Fenrirs Wunden bis auf die tödliche am Hals, verpasste sowohl der Leiche als auch Remus einen Reinigungszauber und gab der Szenerie den Anschein eines Kampfes anstelle des Orts einer blutigen Hinrichtung. Unseligerweise gab es jedoch Zeugen dafür, dass Remus Fenrir gefolgt war, um ihn zu stellen. Pech für Remus, dass sich zudem eines zweifelsfrei herausstellte: Greyback war bei ihrem Zusammentreffen unbewaffnet gewesen. Ein Notwehrexzess schied somit klar aus.

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Den Weg nach Askaban nicht allein antreten zu müssen, bedeutete für Remus eine enorme Erleichterung. Hoch ragte die Gestalt des finster drein blickenden, schwarzen Aurors neben ihm auf, als das Schiff die ‚Graue Festung' erreichte. Falls Übergriffe der begleitenden Wachen bereits während der Fahrt so üblich waren, wie die besorgniserregenden Gerüchte besagten, wagte doch niemand in Anwesenheit des Leiters der Abteilung für Magische Strafverfolgung Kingsley Shacklebolt auch nur ein unangemessenes Wort an einen der Gefangenen zu richten, die mit diesem Transport verbracht wurden.

In Askaban angekommen, prüften zwei Beamte in einem kahlen Büroraum sorgsam die mitgebrachten Papiere. Ein kleiner, glatzköpfiger Mann namens Hurt leitete die Anstalt, und er begrüßte Kingsley mit gebührendem Respekt, bevor er sich Remus' Unterlagen und dem schriftlichen Urteilsspruch widmete. Er und sein Adlatus, ein hagerer Uniformierter namens Drains, baten Remus nicht einmal unhöflich, noch einige Formulare auszufüllen und wiesen ihn dann an, sich in einer geschlossenen Kabine seiner privaten Kleidung zu entledigen und für die medizinische Untersuchung bereit zu halten.

„Wenn der Heiler mit Ihnen fertig ist, erhalten Sie anstaltseigene Bekleidung", erläuterte Drains.

Die Luft in der engen Kabine roch muffig und abgestanden, doch der Boden und die schmale Holzbank waren sauber gewischt. Remus zog Robe, Hosen und alles andere aus. Schon nach kurzer Zeit rief man ihn ins angrenzende Untersuchungszimmer. Ein grimmig aussehender Wachmann mit gezücktem Zauberstab lehnte stumm an der Wand und starrte Remus feindselig entgegen.

Der Heiler, der sich als „Dr. Seymour" vorstellte, war ein grauhaariger Zauberer mit kurz geschorenem Haar und Nickelbrille, der kurz vor der Pensionierung stehen musste. Er untersuchte Remus und stellte ihm einige Fragen zu Vorerkrankungen, die Remus allesamt verneinte.

„Sie sind völlig gesund, sieht man von Ihrer Lykantrophie ab", stellte Seymour schließlich fest. „Aus Sicherheitsgründen ist es wünschenswert, dass Sie jeden Monat vor der Verwandlung Wolfsbanntrank einnehmen. Medizinisch spricht nichts dagegen, aber die Gefängnisleitung kann Sie natürlich nicht dazu zwingen."

„Ich akzeptiere selbstverständlich", antwortete Remus. „Nur aus Interesse: Was wäre denn die Alternative?"

„Ein Käfig mit versilberten Stäben", gab der Heiler mit breitem Lächeln zurück.

„Merlin bewahre!" entfuhr es Remus. „Wie gesagt, ich werde bereitwillig den Trank einnehmen."

„Ja, das ist auch besser", nickte Seymour. „Silbergitter ergeben stets so unschöne Verbrennungen, da sind die Nebenwirkungen des Banntranks deutlich harmloser, wenn auch nicht eben angenehm."

Er notierte etwas auf einem Pergament und reichte es an Remus.

„Unterschreiben Sie die Einverständniserklärung."

Remus zögerte nicht. Über den höflich-korrekten Umgangston war er überrascht. Aus der Abteilung zur Führung und Aufsicht Magischer Geschöpfe war er ganz andere Sitten gewohnt, obwohl er sich damals zu keinem Zeitpunkt etwas hatte zuschulden kommen lassen.

„Wir sind fertig, bis auf die Kennzeichnung", verkündete der Heiler. „Wie ich sehe, tragen Sie bereits Ihre W-Nummer am Handgelenk." Er wies auf die dunkelblaue Tätowierung in Remus' Unterarm. „In diesem Fall reicht die Implantation eines magisch signierten Identitätskennzeichens aus. Keine Sorge, Sie werden keinen Schmerz verspüren."

Seymour setzte seinen Stab auf Remus' Oberarm und murmelte eine Formel. Sofort breitete sich ein Gefühl von Wärme und Taubheit aus. Der Heiler entnahm seiner Schublade ein scharfes Messer mit schmaler Klinge und ritzte Remus' Haut. Aus einem mit Watte ausgelegten Kasten holte er einen reiskorngroßen Kristallsplitter hervor, den er sorgfältig in Remus' Unterhautgewebe schob. Mit einem wortlosen Zauber verschloss er den kurzen Schnitt. Eine schmale, weißliche Narbe war alles, das von der Prozedur sichtbar blieb. Remus betastete seine Haut, unter der er den kleinen Fremdkörper deutlich spüren konnte.

„Wir sind von Brandstempeln und Tätowierungen abgekommen", verkündete Seymour nicht ohne Stolz. „Eine positive Weiterentwicklung, die alten Methoden waren einfach nicht fälschungssicher. Das Arkanum Ihres neuen Identitätskennzeichens verändert sich auch unter Vielsafttrankeinfluss nicht", lobte er die Neuentwicklung, als diene sie dazu, dem Hunger in der Dritten Welt Einhalt zu gebieten. „Außerdem sendet der Kristall schwache, völlig unschädliche Impulse, die es ermöglichen, Sie jederzeit zu orten."

Der Heiler erhob sich. „Ihre neue Bekleidung finden Sie in der Umkleidekabine", informierte er Remus sachlich. „Wenn Sie sich angezogen haben, nehmen Sie die rückwärtige Tür, die Beamten vom Wachdienst werden Sie erwarten. Ich sehe dann drei Tage vor Vollmond wieder nach Ihnen. Auf Wiedersehen, Mr. Lupin."

Remus erwiderte den Gruß aus reiner Höflichkeit, innerlich jedoch schüttelte er den Kopf über den Heiler. Nicht die Tatsache, dass der Mikrokristall weitaus humaner schien und das Einsetzen im Vergleich zum Einbrennen einer Nummer oder einer Tätowierung weniger schmerzhaft war, veranlasste Dr. Seymour, die Weiterentwicklung zu begrüßen, sondern die verbesserte Fälschungsresistenz. Remus schlüpfte in die abgetragene, jedoch sauber gewaschene Hose und zog seufzend die grobe, weiß-grau gestreifte Robe über das schlichte Hemd.

„Das hier hast du dir selbst eingebrockt", sagte er leise zu sich selbst. Er würde es ertragen müssen, irgendwie. Im Ertragen widriger Umstände war er geübt, die längste Zeit seines Lebens war er ein Ausgestoßener gewesen. Doras Liebe hatte sein Vertrauen in die Welt fast wieder hergestellt – bis er selbst das Vertrauen dieser Welt mit Zähnen und Klauen zerfetzt, die Legende vom „guten Werwolf" eigenhändig in Blut ertränkt hatte. Jetzt gab es kein Zurück mehr, nur noch eine einzige Devise: Augen zu und durch.

Seine privaten Kleidungsstücke waren bereits entfernt worden. Er öffnete die Tür und schritt zurück in das nüchtern wirkende Büro. Draußen erwarteten ihn Kingsley und die beiden Askaban-Bediensteten.

Drains, der mit der Uniform, presste Remus seinen Stab mit der Spitze gegen den Oberarm. Eine Nummer erschien in schwarzen Lettern auf der Haut, verblasste jedoch sogleich wieder.

„Sie haben die Nummer 773", informierte er Remus sachlich. „Merken Sie sich diese Ziffern, da Aufrufe hier in Askaban nummeriert und nicht alphabetisch erfolgen."

Remus nickte stumm.

„Ich kann nur bis hierher mitkommen", erklärte Kingsley und legte Remus seine dunkle Pranke auf die Schulter. „Die ersten sechs Wochen ist Besuchssperre, aber am ersten August werde ich da sein, verlass dich drauf."

„Danke, Kings", erwiderte Remus und atmete tief durch.

Es beruhigte ihn, dass der einflussreiche Auror ein Auge auf ihn haben würde, tatsächlich bedeutete dies, sich weniger ausgeliefert zu fühlen.

„Es wird Zeit", mahnte Drains und legte Remus erneut die magischen Fesseln an, mit denen man ihm vom Schiff hinauf gebracht hatte. Der grimmige Wachzauberer aus dem Untersuchungsraum betrat eben durch eine weitere Tür das Büro und schickte sich an, sie ebenfalls zu begleiten.

Remus nickte Kingsley zu, dann folgte er den Wächtern. Für einen Moment erwog er, sich in der Tür noch einmal umzudrehen, um seinen Freund zu bitten, Dora auszurichten, dass er sie liebte. Doch er entschied anders: Sie wusste es ohnehin.

Mit einem metallischen Klicken schloss sich die schwere Eisentür hinter ihm. Jetzt erst wurde ihm mit aller Deutlichkeit klar, dass er die ‚Graue Festung' vier lange Jahre nicht mehr verlassen würde. Er war gefangen.

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Über schier endlose feucht-kalte Flure folgte Remus den Vollzugsbeamten durch das Labyrinth von Askaban. Schließlich endete der Marsch vor einer schweren Tür aus massiven, mit Metallbeschlägen verbundenen Holzbohlen, in die eine viereckige Klappe eingelassen war. Der Aufseher tippte mit seinem Zauberstab an die Wand neben der Zarge. Eine Ziffer leuchtete auf. Nummer 537. Er wiederholte den Vorgang eine Handbreit tiefer, und diesmal erschien die 773, Remus' neue ‚Identifikationsnummer'.

„Schon registriert", stellte Drains zufrieden fest und pochte gegen die Klappe. „Weg von der Tür!", kommandierte er.

Er berührte mit dem Stab die eisernen Beschläge, und die Zellentür schwang schwerfällig auf. Im Halbdunkel konnte Remus vom hell erleuchteten Gang aus kaum etwas erkennen. Grelles Licht flackerte jetzt an der Decke der Zelle auf, und eine Gestalt, die auf einem breiten Mauervorsprung unterhalb des vergitterten Fensters kauerte, hielt schützend die Hände vor Gesicht und Augen.

„Du bekommst einen Mitbewohner, 537", teilte Drains mit. „Jemand mit Kultur und Niveau, besonders an Vollmond." Er lachte dreckig und wandte sich nun wieder Remus zu. „Deine Hände, 773."

Mit einem Schlenker seines Stabs ließ er die Fesseln verschwinden. Zögernd trat Remus in die Zelle, und die Tür schloss sich, schrill in den Angeln quietschend, hinter ihm. Der andere Gefangene nahm die verschorften Hände vom Gesicht und erhob sich, als das grelle Deckenlicht verlosch. Feindselig starrte er Remus an, der den Blick fassungslos erwiderte.

Wer auch immer beschlossen hatte, ihn in eine Zelle zu diesem Mann zu sperren, musste über eine besonders kranke Art von Humor verfügen. Das konnte doch nicht wirklich der Ernst der Gefängnisleitung sein! Remus gegenüber stand – Lucius Malfoy.


TBC