Kapitel I: Lektionen

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Leutnant Spock_________________________________________

Für Spock war es schon immer äußerst schwierig gewesen gewisse Interaktionen zwischen besonderen Spezies nachzuvollziehen. Seiner Meinung nach gehörten die Menschen zu jener Art, die er als besonders einstufte. Womöglich hatte es mit seiner Herkunft zutun, auf Vulkan geboren, als Vulkanier erzogen, war er doch niemals wirklich ein Vulkanier gewesen. Der Ursprung dieser Tatsache war seine Mutter. Sie war das was man als einen Menschen bezeichnete. Bereits in seiner frühen Jugend hatte Spock erfahren müssen, was es hieß zwei Spezies zu vereinen. Als ausgeschlossener wurde er auf seinem Geburtsplaneten wie ein aussätziger behandelt. Jedenfalls von seinen Mitschülern, in vielen pikanten Situationen hatte man ihn einschätzen wollen oder ihn mit kleinen Sticheleien traktiert. Nur um herauszufinden was es mit dem Halbwesen auf sich hatte. In früheren Momenten hatte Spock das Verhalten seiner Mitschüler als stichelnd und schmerzend empfunden. Später lernte er aus ihren Worten, nahm ihre Gewohnheiten an, entwickelte sich weiter – so weit das er ihre Taten hinterfragte und feststellte das es nur logisch war – die Neugierde vor etwas Neuem hat auf jedes Lebewesen einen gewissen Reiz. Man muss nur wissen damit umzugehen. Spock schaffte es sich einem vulkanischen Ideal zu nähern, bis man ihn für sein immenses Wissen und seine Leistungen wertschätzen lernte. Einmal hörte er seinen Vater mit einem seiner Lehrer reden: Spock ist ein herausragender Schüler, er hat ein Talent was gefördert werden muss. Bedauerlich das er kein richtiger Vulkanier ist. Diese Worte blieben den jungen Spock in Erinnerung, er hatte den Sinn hinter diesen Worten nie wirklich verstanden. Dennoch förderte man ihn, er lieferte nur die besten

Ergebnisse und war in allen seinen Klassen überragend.

Es erfüllte ihn mehr zu wissen, mehr zu können, mehr zu erfahren. Da war nicht der Drang nach dem Sieg oder danach der Beste zu sein um es allen zu zeigen. Spock tat es aus einem Grund: Perfektion. Ein Grund weshalb er sich entschloss Vulkan zu verlassen. Hier hatte er alles gelernt. Alles was er brauchte, alles was er wissen wollte, es wurde Zeit sich seiner anderen – seiner menschlichen Seite – zu widmen. Er verkündete dem Rat von Vulkan seiner Entscheidung, der Sternenflotte beizutreten um dort seine Ausbildung fortzuführen. Sein Vater begrüßte diese Entscheidung nicht. Seiner Meinung nach war es unlogisch sich einem geistig unterlegenden Volk anzuschließen. Spock sah es etwas anders. Er hatte sich in den Reihen der Vulkanier gebildet und seine vulkanischen Wurzeln kennen gelernt. Nun wollte er

seine menschliche Seite kennen lernen.

Auf der Sternenflotten Akademie genoss Spock die Vielfältigkeit dieser Akademie. Viele unterschiedliche Völker traten hier den Dienst im Namen der vereinten Planeten an. Trotz der Vielschichtigkeit konnte man Spock mit seiner vulkanischen Abstammung noch immer als Exoten betrachten. Er blieb lieber unter sich. Die Prüfungen und Tests die er zu bestehen hatte waren keine Herausforderung für ihn. Im Gegensatz zu den Aufgaben auf Vulkan wurden anderen Aspekte beleuchtet. Kampftaktiken gehörten genauso zum Rahmenplan wie auch die Geschichte von unterschiedlichen Spezies. Spock schaffte frühzeitig und als bester seines Jahrganges den Abschluss an der Akademie. Sein tun erfüllte ihn mit einer gewissen Genugtuung. Hier wurde er nicht einfach nur als der Vulkanier mit den menschlichen Zügen betitelt. Hier war er Spock. Der Vulkanier der nie weniger als 100 % in einer Prüfung erreicht hatte oder in etwas schlecht war. Spock nahm den Rang des Leutnants an und widmete sich der Wissenschaft. Zudem begann er selbst die Kadetten zu in einigen Fächern zu unterrichten.

Da Spock nicht nur fließend die Erdensprache beherrschte, sondern auch Vulkanisch, Klingonisch und alle 3 Dialekte Romulanisch, gab er auch zeitweise Sprachkurse. Jene Kurse waren für strebsame und begabte Schüler gedacht, die eine schnellere Auffassungsgabe hatten und somit intensiver gelehrt werden sollten. Das Schicksal wollte es so, dass sich Kadett Uhura in diesem Kurs befand. Sie war im Grunde nicht sonderlich auffallen. Auffallend in dem Sinne was ihre menschliche Seite betraf. Sie war steht's höflich und bemüht. Ihre Leistungen waren für einen Menschen äußerst außerordentlich. Sie lernte schnell und intensiv. Tests oder Prüfungen waren keine Herausforderung für sie. Selbst für den Intensivkurs war sie zu schnell. Sie war wissbegierig und gelegentlich etwas impulsiv, wie Spock das in Gewissen Situation erfahren hatte. Doch der Vulkanier sah ihr dieses menschliche Verhalten nach. Schließlich lag es nur in ihrer Natur.

Der Unterricht war beendet, die Schüler packten bereits zusammen, viele hatten den Raum bereits verlassen, als Spock von seinen Notizen aufsah und seine dunklen Augen durch den kleineren Vorlesungssaal streifen ließ. „Kadett Uhura." Meldete sich seine resolute Stimme. Er war aufgestanden und bewegte sich mit leisen Schritten zu ihr. Seine dunkle Uniform wies ihn als Lehrer aus. Seit gut zwei Jahren Unterrichtete er an der Akademie, sein Name war jetzt schon eine Art Legende – wie es Menschen formulieren würden. Er war als erster Vulkanier an einer Sternenflotten Akademie angenommen worden, hatte bei seiner Ausbildung außerordentliche Leistungen gezeigt und war als Lehrer einer der fairsten und härtesten. Sein Gesicht zeigte keine Emotionen als er sich der Schülerin gegenüberstellte. „Ihre Testergebnisse haben sich seit ihren kleinen Start Schwierigkeiten verbessert. Ihre Leistungen kann man als überdurchschnittlich einschätzen." Er machte eine kleine Pause, noch nie zuvor konnte er sich daran erinnern so ein langes Gespräch mit einem Kadett außerhalb des Unterrichts geführt zu haben. „97 Prozent im letzten Test zeugen von einem außerordentlichen Sprachtalent. Bedauerlicherweise entspricht ihr Tempo nicht dem des Kurses." Wieder machte er eine Pause um dann weiter zu sprechen. „Es wäre besser wenn sie zusätzlich zum Unterricht, noch einmal Wöchentlich einem privaten Sprachunterricht bei mir beiwohnen würden." Seine Hände legte er auf den Rücken während er ihre Entscheidung abwartete.

Bei anderen Lehrern hätte dieses Angebot wohl sehr zweideutig geklungen. Doch weder vor noch hinter Spocks Fassade war da ein lüsterner Gedanke. Natürlich hatte er festgestellt das Kadett Uhura eine wunderschöne menschliche Frau darstellte, die den Reiz gegenüber ihrer männlichen Mitschüler weckte. Spock sah sich mit dieser Tatsache nicht in Konflikt. Er würde ihr einfachen Sprachunterricht geben, um ihr Talent zu fördern und ihr eine Chance zu geben eine aussichtsreiche Karriere bei der Sternenflotte zu beginnen. Das hieß falls sie sein großzügiges Angebot nicht ausschlagen würde – doch Spock vermutete das sie klug genug war es nicht zutun.

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Nyota Uhura____________________________________________

„Du lernst eindeutig zu viel!"

„Das sind ja ganz neue Töne."

„Alle anderen genießen die Sonne. Und du hockst hier drin und starrst auf den Bildschirm."

„Shiva, du ner-…"

„Schluss. Du kommst jetzt mit. Sofort."

Nyota Uhura ließ sich resignierend den Touchscreen, auf dem blassblaue Symbole schimmerten, aus der Hand nehmen. Mit leicht säuerlichem Gesichtsausdruck sah sie zu, wie Shiva das flache Gerät lieblos in die Tasche ihrer Zimmergenossen stopfte und ungeduldig von einem Bein auf das andere trat.

„Du bist so dramatisch. Als ob morgen nicht auch noch die Sonne scheinen würde. Und es-…"

„Red keinen Müll, Nyo!" Shiva verdrehte theatralisch die Augen und zog Nyota hinter sich her. „Komm schon!"

„Hat dir schon mal jemand gesagt, dass deine Haut in diesem Licht die kränkliche Farbe eingelegter Oliven hat?"

„Witzig." kommentierte die Rothaarige trocken.

Das Sonnenlicht fiel gleißend hell durch die Panoramafenster, die konvex gebogen eine ganze Wandfront ausmachten und die mächtige Eingangshalle der Sternenflottenakademie noch imposanter erscheinen ließen. Die Halle war voll von Kadetten und durchflutet von lautem Stimmgewirr. Alles strebte nach draußen, in die Frühlingssonne, die hoch am blauen Himmel stand. Ein Fluss aus roten Uniformen strömte aus den breiten Glasportalen und über die polierten Steintreppen hinaus ins Freie. Shiva und Nyota ließen sich vom Strom verschlucken und strebten den Wiesen jenseits des großen Platzes vor dem Eingang entgegen, gesäumt von hohen Bäumen. Unter einer Birke ließen sich die beiden Frauen im Schatten nieder, lehnten sich mit den Rücken an den weißen Stamm und streckten die Beine aus. Shiva schob sich eine blendendweiße Blüte in die Lockenpracht und reichte eine zweite ihrer Zimmergenossen, die sich, während sie die Blüte in den Knoten ihres Zopfes zu nesteln versuchte, überlegte, ob Shiva nicht Recht hatte.

In den letzten Wochen hatte sich die Menschenfrau wirklich arg zwischen ihren Lehrbüchern verkrochen, weil sie es nicht eingesehen hatte den Sprachkurs bloß mit einem ‚Gut' und keinem ‚Sehr gut' abzuschließen. Wo kam sie denn da hin, denn schließlich waren intergalaktische Sprachen ihr persönliches Glanzmetier und genau das wollte sie auch – glänzen. Ihre Mum hatte ihr schon früh verständlich gemacht, dass es nur ein Ziel gab und keinen Weg. Alles, was die Menschen ‚Weg' nannten, war Zögern. Und nicht mehr. Irgendein Kerl namens Friedrich Nietzsche hatte das gesagt, vor hunderten von Jahren, aber Recht hatte der Kerl! Nyota Penda Uhura hatte sich noch nie mit wenig zufrieden gegeben. Zumindest nicht, wenn es um ihre Leitungen an der Akademie der Sternenflotte ging. Von Beginn an war sie fleißig und streng mit sich selbst gewesen und hatte ihre ersten Prüfungen mit Bravour bestanden. Wie viele Tage und Nächte hatte sie an ihrem Schreibtisch gesessen und all das Wissen in ihren hübschen Kopf gehämmert, während sich Shiva, ihre Freundin und Zimmergenossin, amüsieren ging. Wo Nyota heute ihre Lebenderhaltungskosten zum Teil mit trug, hatte ihre Mutter sie eine lange Zeit unterstützen und auf so vieles verzichten müssen. Und dabei hatten die Uhuras nicht viel – ihre Mutter arbeitete in einem Diner an der alten Route 66, ihre Großeltern führen ein beschauliches, aber bescheidenes Leben und einen Vater gab es nicht. Trotzdem hatte sich die Menschenfrau, deren Name schließlich schon ‚Stern' bedeutete, nicht nehmen lassen eben auch nach den Sternen zu greifen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ja, deswegen war sie hier.

„Wenn du jetzt in deinem Kopf Schriftzeichen büffelst, erschlag ich dich." Die helle Stimme ihrer Freundin riss Nyota aus ihren Gedanken.

„Nein, nein…" gab sie lächelt zurück. „Aber die Idee ist gar nicht schlecht!" Shiva gab einen schrillen Laut des Unmuts – „Maaaaaarrggh!" – von sich und gab Uhura einen kräftigen Schubs, sodass beide lachend ins Gras kippten. Sie blieben einfach liegen und sahen in den Himmel.

„Wie schnell die Zeit vergangen ist! Bald stehen schon die Abschlusspr-…"

„Erinner' mich nicht daran!"

„Kannst du mich eigentlich nie aussprechen lassen?"

„Wenn du weniger Stuss red-…"

„Ich meine, bald ist es soweit!"

„Noch ist es ja nicht soweit." setze Shiva an und legte ihren Kopf auf den Bauch der Menschenfrau. „Und noch hast du Zeit, dein Kadettendasein auszunutzen und zu genießen!"

„Als ob ich das nicht tun würde! Aber ich will alles! Und dafür..."

„… gibst du alles. Ja, ich weiß…" Shiva seufzte leise. „Ich habe noch nie jemanden getroffen, der so ausgelassen und gleichzeitig so verbissen sein kann." Eine Weile schwieg der Rotschopf. Dann fügte sie hinzu: „Kannst du mir nicht ein Bisschen von deinem Eifer abgeben?"

Ein sonorer Gong schallte gedämpft, aber für jedermann vernehmbar, über das Gelände der Akademie. Jeder machte sich, die einen mehr, die anderen weniger motiviert, auf zu ihrer nächsten Unterrichtsstunde. Shiva erhob sich gähnend und half Nyota auf. Die Kadettin mit der schokoladenbraunen, makellosen Haut und dem samtschwarzen, langen Haar zog den Saum ihrer roten Uniform sorgsam zu Recht. Sie verabschiedete sich von Shiva und sah der Grünhäutigen nach, wie sie in der Menge verschwand. Noch während sie die weiß marmorierten Stufen empor schritt war sie einen provozierenden Blick gen Himmel und versprach den Sternen, dass es nicht mehr lange dauern würde.

Eine Unterrichtseinheit später war die Sonne weitergewandert und warf ihre Strahlen schräg und lange Schatten werfend in die spärlichen Fenster des kleinen Hörsaals. Unter Gemurmel und Geraschel packten die Kadetten ihre Unterlagen ein und unterhielten sich leise, während sie den Saal verließen. Uhura ließ sich Zeit. Das war ihre letzte Stunde gewesen, jetzt hatte sie frei und musste so oder so noch auf Shiva warten, um einkaufen zu fahren. Nyota entschloss, sich in die Sonne zu setzen und umfangen von dem milden Wind eines wirklich anstrengenden Spätnachmittags vielleicht noch etwas in ihren Unterlagen zu blättern. Gerade, als sie sich auch gen Ausgang wanden wollte, tönte ihr Name vom Dozentenpodium herauf.

Leutnant Spock, ihr Dozent für ‚Dialektik im intergalaktischen Sprachgebrauch', kam mit langsamen Schritten auf sie zu. „Sir?" meldete sie sich und sah ihm entgegen. Spock, der einzige Vulkanier, der je die Sternenflottenakademie besucht hatte. Und ein Genie, so schien es. Er sah so jung aus, nicht älter als Mitte zwanzig, also nicht älter, als Nyota auch – trotzdem gehörte er seit zwei Jahren zum Lehrstuhl der Akademie. Man riss sich um Plätzen in seinen Vorlesungen und Seminaren. . 97 Prozent im letzten Test zeugen von einem außerordentlichen Sprachtalent. Bedauerlicherweise entspricht ihr Tempo nicht dem des Kurses. Seine Stimmlage war gleichmäßig und sonor – Nyota hatte das Gefühl, als spräche sie mit einem Computer. Shiva witzelte oft, bei Vulkaniern könne man nie wissen, ob sie nicht irgendwann doch Piep, piep! machten. Nun ja, Leutnant Spock gab zumindest keine Piepgeräusche von sich, sondern fuhr fort: Es wäre besser wenn sie zusätzlich zum Unterricht, noch einmal Wöchentlich einem privaten Sprachunterricht bei mir beiwohnen würden. Wahrscheinlich wäre es nun bei jedem anderen Dozenten an der Zeit gewesen die Augenbrauen zu heben und höflichst dankend abzulehnen. Bei Mister Spock aber war das gewiss etwas anderes. Nyota hatte den Stock im Hintern der Vulkanier noch nie verstanden. Oder, um es freundlicher auszudrücken, ihre beherrschte Art. Ihre kühle, steife Art, bar jeder Emotionen. Mochte die Menschenfrau ihren Dozenten ja um sein Genie beneiden – um seine Lebenseinstellung beneidete sie ihn nicht. Logik als spirituelle Maxime – wie seltsam und fremd. Zumindest hatte man bei Leutnant Spock nicht das Gefühl, er sähe in gleichem Maße auf die Menschen herab wie andere seines Volkes. Die Menschen obwegen ihrer Emotionen zu bedauern – was für ein Schwachsinn.

Privater Sprachunterricht… Noch mehr Wochenstunden, die ihren Stundenplan füllten… Autsch. Eigentlich war ihre Woche schon überladen – aber wie dumm war man, wenn man das Angebot eines Leutnant Spock ablehnte? Nyota war vielleicht überarbeitet, aber nicht blöd.

„Das Angebot nehme ich gern an, Leutnant." antwortete sie schließlich und lächelte leicht. „Schließlich sind 97 Prozent drei zu wenig."

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Leutnant Spock__________________________________________

Die rechte Braue bewegte sich ein Stück in die Höhe als Kadett Uhura ihre Antwort vermeldete. Perfektionismus bei einem Menschen war definitiv selten. Spock hatte eher den Eindruck, dass es auf der Sternenflotten-Akademie weniger um gute Leistungen und Herausforderungen ging. Die jungen Kadetten schienen meistens mehr mit ihren sozialen Interaktionen beschäftigt zu sein, als sich über ihre Karriere Gedanken zu machen. Geschweige denn, dass sie daran dachten, was ein schlechtes Zwischenzeugnis bedeuten könnte. Der Vulkanier hatte sich darüber nie wirklich Sorgen machen müssen, weswegen ihm die Angst seiner Kadetten fremd war. Würden sie ihre Zeit sinnvoller nutzen und sich weniger mit belangloseren Dingen herumschlagen, so würden sie wohl an die Grenzen ihrer Intelligenz gehen müssen. Kadett Uhura schien dahingehend anders zu sein, auch wenn sie in Spocks Augen noch immer ein Mensch war. Er hatte sich lange damit auseinander setzen müssen, sein Unverständnis gegenüber den Menschen schien auf Gegenseitigkeit zu beruhen. Oft hatte Spock vernehmen müssen, dass er zu hart ins Gericht ging. Bei ihm bekam niemand etwas geschenkt und jeder musste sich seine Note hart erkämpfen. Etwas, was die meisten Studenten nicht akzeptieren konnten oder wollten. Der Vulkanier würde sich aber bestimmt nicht der Meinung seiner nicht sehr viel jüngeren Kadetten beugen. Das lag einfach nicht in seiner Natur.

Er musste zugeben, dass er gerade diesen Standpunkt als äußerst verwirrend empfand. „Das ist korrekt, ob wenn ich bezweifeln muss, dass 100% in ihrem Fall überhaupt möglich sind." Oft wurde seine Art als schroff und zu ehrlich bezeichnet. Das lag wohl einfach daran, dass ihm die nötigen Emotionen für solche offenen Worte fehlten. Noch immer hatte er sich nicht daran gewöhnen können, dass Menschen auf eine ziemlich perfide weise verletzlich waren. Nicht, dass man sie einfach besiegen konnten. Ihre Emotionen ließen sie schwach werden. Einfache falsch gewählte Worte konnten Schäden anrichten, die von einem unbekannten Ausmaß waren. Alleine die richtige Wortwahl konnte über Krieg oder Frieden entscheiden. Spock schien von sich aus zu merken, dass er etwas Falsches gesagt hatte. Nicht umsonst analysierte er die Menschen, ihre Verhaltensweise, ihre Umgangsformen, bis hin zu ihren Gestiken. Auf der einen Seite war es wohl die Neugierde vor dem Fremden, auf der anderen Seite hatte Spock auch ein beklemmendes Bedürfnis seine menschliche Seite mehr verstehen zu können. „Das war nicht persönlich gemeint." fuhr Spock in seinem ruhigen Ton fort. „Nur sie sind menschlich." gab er offen zu und nun würde er das Thema dieser Konversation wieder auf das Wesentliche lenken. Noch nie hatte er das Bedürfnis verspürt Smalltalk mit jemandem zu betreiben und bei Kadett Uhura würde er damit wohl auch nicht anfangen.

Seine Miene drückte nichts aus, als er sie weiter betrachtete. „Ich habe ihren Terminplan bereits mit dem meinen abgeglichen. Um möglichen umständlichen Vergleichen aus dem Weg zu gehen." begründete er seine Tat, so als ob sie es nicht verstehen könnte worauf er hinaus wollte. Das hieß nicht, dass der Leutnant sie für dumm oder einfältig hielt. Nur kannte er die menschliche Spezies in solchen Belangen, dass sie gewisse Dinge einfach falsch verstehen könnten. „Damit wir die kommende Zeit – vor ihrem Abschluss – effizient nutzen können." Kurz wurde er abgelenkt, der letzte Schüler hatte den Raum verlassen; natürlich nicht ohne einen neugierigen Blick auf die beiden zu werfen. Natürlich, Spock hatte sich noch nie zuvor in der Interaktion mit einem Kadetten sehen lassen, außer, es handelte sich um den Unterricht. Obwohl es sich hierbei doch nur um eine zweckmäßige Interaktion handelte. Spock fühlte sich in seinen Beobachtungen nur wieder bestätigt. Schnell fasste er sich wieder, um endlich seine Erläuterungen zu Ende zu bringen. „Wie werden bereits an diesem Donnerstag mit den Lektionen beginnen, um hoffentlich einen soliden Standpunkt für ihren kommenden Dienst zu schaffen." Kurz hielt Spock wieder inne, so als ob er ihr nochmals Zeit lassen wollte dies alles zu überdenken. Doch es war bereits zu spät, sie hatte angenommen, was für den Vulkanier eine explizite Zusage war. „Leider sieht es ihr Stundenplan nicht vor eine Übereinkunft mit meinem Unterrichtsplan zu finden. Wir werden wohl oder Übel auf den Abend ausweichen müssen. Ich schlage dazu mein Quartier vor. Da sie nach meinen Informationen mit Kadett Rinada zusammen wohnen. Keine gute Grundlage für den Versuch ihnen etwas bei zu bringen." Nicht, dass er etwas gegen die gründhäutige Kadettin hatte. Sie war lediglich in seinen Augen ein Unruhe Faktor.

Hätte nun ein Dritter wohl ihr Gespräch verfolgt, so wäre man wohl nahe an den Standpunkt herangelangt, dass es sich bei der Großzügigkeit des Vulkaniers um einen stillen Anmachversuch handelte. Spock konnte mit diesem grotesken Gedanken nicht sehr viel anfangen. Er hielt es für logisch sich so zu verhalten. Denn im Grunde empfand er äußerste Wertschätzung gegenüber Kadett Uhura. Sie hatte das Talent eines ungeschliffenen Diamanten und er würde sie fördern. Auch wenn solche Art Zuneigungen schon gegen seine vulkanische Natur waren. Der Leutnant ging nun davon aus, dass alles geklärt war. Was sollte sie auch sonst am Donnerstagabend vorhaben, wenn sie solch ein großzügiges Angebot bekam? „Dann wäre ja nun alles geklärt." Zum Abschied nickte der Vulkanier ihr zu, um ihr sogleich den Rücken zu zuwenden, um nun selbst seine Sachen zu packen. Für ihn waren nun die nötigsten Informationen ausgetauscht, andere Floskeln wären überflüssig – Zeitverschwendung.

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Nyota Uhura____________________________________________

„Was für ein Glück, dass ich das bin, Sir. Aber einen Versuch ist es wert. Und wenn es am Ende nur 99 Prozent sind – wer will schon perfekt sein." erwiderte die Menschenfrau, den Kopf leicht zur Seite geneigt. Leutnant Spock vermochte sie mit seinen Worten gewiss nicht zu verletzten, denn erstens wusste die Kadettin, dass sie gut und fleißig war und zweitens sprach sie hier mit einem Vulkanier. Deren Ehrlichkeit war so kompromisslos, dass man mit allem rechnen musste. „Und nicht persönlich, ja, ich weiß, Sir."

Nachdem für den Vulkanier nun alles geklärt zu sein schien, verlor er auch rasch das Interesse an weiterer Konversation und wandte sich einfach ab. Die Kadettin wollte noch etwas erwidern, entschloss sich aber dann doch für ein schlichtes ‚Ja.'. Dann wusste sie nichts mehr zu sagen und kam sich plötzlich sehr deplaziert vor. Also schulterte sie ihre Tasche und verließ den Hörsaal zügigen Schrittes.

Zwei Tage später spazierte Shiva an der Seite ihrer Zimmerkameradin über den gepflasterten Weg dem Wohnkomplex der Sternenflottenakademie entgegen und bedachte die in Gedanken verstrickte Nyota mit einem verständnislosen Seitenblick.

„Bist du sicher, dass das eine so gute Idee ist?"

„Jeder, der sich dabei irgendetwas einzubilden meint, ist ein Idiot. Bei jedem anderen Dozenten würde man wahrscheinlich die Nase rümpfen, aber bei Leutnant Spock?!"

Shiva schmunzelte. „Wahrscheinlich hast du Recht. Dieser Spock ist so…"

„Asexuell?" warf die Menschenfrau ein und musste sogleich diese Antwort in ihrem Inneren zu einem gewissen Teil revidieren – schließlich war er emotional zwar bis in die Minusgrade unterkühlt, aber, naja… ein hübscher Kerl war er dennoch. Was der Damenwelt im Leben nichts nutzte, doch man wollte ja fair sein. Nyota wollte dies gerade hinzufügen, da plapperte Shiva jedoch schon weiter drauf los.

„Ich wollte eher so etwas sagen wie ‚steif wie ein Brett', aber gut, du drückst es netter aus."

Nyota war sich nicht recht sicher, was sie ihrer Freundin darauf entgegnen sollte. Gewiss sah man in Spock den perfekten Vulkanier – zumal es auf der gesamten Sternenflottenakademie nur ihn als einzigen gab –, aber gerade das ließ die Menschenfrau stutzen. Daher meinte sie nach kurzer Überlegung: „Ich kann nicht verstehen, warum er hier ist. Warum er unterrichtet, meine ich."

„Na, sicher nicht, weil er gerade einen sozialen Tag hatte…" antwortete die Grünhäutige flapsig und verdrehte die Augen. „Wahrscheinlich sehen diese Typen es als mega Geschenk an, wenn einer von ihrer Sippe die armen kleinen nicht-Vulkanier unterrichtet!"

Nyota konnte sich mit der Abscheu in Shivas Stimme nicht anfreunden. „Du kannst sie doch nicht alle über einen Kamm scheren." argumentierte sie mit plötzlich hitziger Stimme, sodass Shiva beschwichtigend die Hände hob.

„Reg dich ab! Vulkanier wollen immer perfekt sein und das heißt irgendwann gleich zu sein."

„Vielleicht ist das wahr, aber was würde Spock dann der Umgang mit den Menschen bringen? Wenn es ihn doch nicht weiterbringen kann!?" warf Nyota ein.

„Ach, was! Du wirst schon sehen, was ich meine, wenn er dich in ein Reagenzglas stopfen und pieken will!"

Die Menschenfrau atmete scharf aus, und schüttelte mir kraus gezogener Stirn den Kopf. „Du bist so ein Kind, Shiva! Gott…" Ihre dunklen Augen funkelten – mehr noch, als sie Shivas breiter werdendes Grinsen sah.

„Und du bist sooo empfindlich!" frohlockte sie zurück und legte Nyo den Arm um die Schultern. „Das liegt sicher an deinem Hunger! Dein Magen knurrt so laut, er könnte ein Erdbeben auslösen!"

Nyota musste echten Verdruss, der in ihrer Kehle saß wie ein Kloß, herunterschlucken, als der Rotschopf das Thema so leichthin beendete. Aber sie wusste, dass es keinen Sinn hatte, deswegen einen Streit anzufangen. In solchen Momenten, in denen Shiva den geistigen Horizont eines Tischbeins bewies, fragte sie sich doch immer wieder, warum sich Shiva überhaupt bei der Sternenflotte beworben hatte.

Und dieses Mal war ihr auch nicht nach mitlachen zumute.

Shiva ihrerseits, nun schweigend, schien den Unmut ihrer Freundin dann doch bemerkt zu haben, denn fast wie zur Entschuldigung zog sie einen großen Vitalriegen aus ihrer Tasche, wickelte ihn aus dem Silberpapier und reichte ihn zur Seite. „Hier… Sonst übertönt dein Magenknurren noch Spockies Stimme."

„Danke." kam es gedämpft als Antwort, bevor die Kadettin in den Riegel biss. „Ich hatte gar keine Zeit zu essen."

Inzwischen gabelte sich der Weg vor ihnen in zwei Abzweigungen: der eine führte zu den Wohnkomplexen der Kadetten und Lehrenden, der andere zu den Akademiegebäuden. Die beiden Frauen verabschiedeten sich voneinander und gingen in verschiedenen Richtungen fort. Ein wenig seltsam fühlte es sich schon an einen Dozenten im ihm eigenen Quartier zu treffen, aber bei dem Leutnant konnte man, wie gesagt, sicher sein, dass er nichts Verwerfliches im Sinn hatte.

Nyota brauchte nicht lang, bis sie das richtige Gebäude, die richtige Etage und den richtigen Korridor gefunden hatte. Und so stand sie wenig später vor der Tür des Vulkaniers und kam sich dumm vor, als sie ihren kurzen Rock glatt zog und ihren strengen Zopf prüfte. Einen Grund nervös zu sein gab es nicht, und trotzdem verspürte sie eine leichte Unruhe. Vielleicht, weil sie nicht wusste, wie es war mit einem Mann zusammen zu sitzen, dem nicht außer Kälte vom Gesicht abzulesen war.

Pünktlich zur verabredeten Zeit betätigte Kadettin Uhura den Signalgeber an der Tür ihres Dozenten.

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Leutnant Spock__________________________________________

Die zwei Sonnen Vulkans standen bereits tief unter der weiten hügeligen Ebene. In vollkommener Stille saß dort ein junger Vulkanier. Still sitzend hatte er sich in einem einfachen Schneidersitz auf den sandigen Boden bequemt. Seine schwarze Uniform war unscheinbar, das silberne Emblem auf seiner Brust wies ihn jedoch als Sternenflotten-Offizier aus. Die Augen hatte er wie in Trance geschlossen, konzentriert auf die Emotionen, die in ihm herrschten. Seit einigen Tagen beschäftigte ihn eine gewisse Frage: Wieso wollte er eine Erdenbewohnerin fördern? Zweifelsohne weil sie Talent besaß. War dies dann nicht Grund genug ihr eine einmalige Möglichkeit zu geben? Gefühle waren keinesfalls ein Fremdwort für Vulkanier. Viele Menschen und auch andere Völker glaubten an den Mythos, das die vulkanische Spezies schlichtweg keine Gefühle besaß. In keinster Weise hatte diese Legende einen messbaren Wahrheitsgehalt. Vulkanier waren Wesen mit den stärksten Emotionen in der diesbekannten Galaxis. Lange Zeit – noch bevor die Vulkanier überhaupt etwas über die Raumfahrt wussten – waren sie ein kriegerisches Volk gewesen. Sehr Emotions gesteuert und verletzlich. Sie entwickelten sich, wie auch die Menschen sich entwickelten. Nachdem der Philosoph Surak die Lehren von Frieden und Logik unter den Vulkaniern verbreitete, begann für das Volk auf dem entfernten Wüstenplaneten eine neue Ära des Friedens und des Wissens. Für alles muss man einen Preis zahlen, die Vulkanier zahlten diesen mit ihren Emotionen. Von Kindesbeinen an wird den vulkanischen Zöglingen das unterdrücken von Emotionen beigebracht – was nicht hieß, dass sie keine hätten. Auch Spock musste sich in dieser Disziplin schulen lassen, da er auf Vulkan unterrichtet wurde. Durch seine menschliche Seite viel es ihm schwer den Sinn hinter dieser Übung zu verstehen. Es fiel ihm schwerer als anderen Kindern seine Emotionen zu verschließen und sich auf die Logik zu beziehen. Sein Vater hatte ihm oft vorgeworfen zu menschlich zu sein, insbesondere, als er seinen Entschluss verkündete zur Sternenflotte zu gehen, um dort mehr über seine andere Seite herauszufinden. Bis heute bereute Spock seinen Entschluss nicht. Umso mehr musste er sich aber wundern, dass er auf der Erde als vollkommener Vulkanier gesehen wurde. Den vollkommenen Zustand können nur die wenigsten Vulkanier je erreichen und in Spocks Fall wird dieses Ziel wohl vergeudete Mühe sein. Alleine durch sein menschliches Wesen würde er niemals den vollkommenen Zustand erreichen, bar jeder Emotion – für einen Vulkanier das Maß aller Vorstellungen.

Das Signal seiner Tür ließ ihn aus seiner leichten Meditation in die Wirklichkeit zurückkehren. Das Zimmer war von Kerzen erleuchtet. Zwar waren Vulkanier auf einen technisch hohen Stand, dennoch würden sie wohl nie ohne ihre meditative Umgebung auf eine weite Reise gehen. Nochmals schloss der dunkelhaarige Vulkanier seine Augen, sammelte sich und verschloss das eben durchdachte in seinen Geist. Seitdem er auf der Erde war philosophierte er lange und oft über den Sinn seines geteilten seins. Doch nun hieß es andere, wichtigere Aufgaben in Angriff zu nehmen. „Herein." Noch beim Aufstehen hatte er die Worte gesprochen, die den Computer anwiesen die verriegelte Tür für die davor stehende Person zu öffnen. Schließlich konnte sich Spock ausmalen wer davor stehen würde. Seine Vermutung wurde in den nächsten Sekunden bestätigt, das ihm bekannte Gesicht trat an. „Kadett." Er neigte dezent den Kopf als Begrüßung. Sein Blick war der eines Vulkaniers der einen Schüler betrachtete. Sie schien von irgendetwas irritiert zu sein möglicherweise von den vielen Kerzen. Für Spock war dies fast schon ein gewohntes Bild, weswegen es ihn nicht weiter störte. Er empfand es als angenehm und beruhigend lieber im halbdunkel der Kerzen zu arbeiten, anstatt im hellen künstlichen Licht. Jedenfalls betraf dies seine private Umgebung. „Sie sind pünktlich." Schlussfolgerte er, so als hätte er eher mit einer Verspätung gerechnet. Im Grunde war er nicht explizit davon ausgegangen das Kadett Uhura zu spät kommen würde, dennoch lag es in der Natur des Menschen solche Fehler zu begehen, besonders da es sich hier um ein erstes Treffen handelte. Und Pünktlichkeit war nun mal etwas, was er bei seinen Studenten vermisste.

„Ich habe meditiert." begründete er die womöglich offene Frage die er in ihren Zügen gelesen hatte. Womöglich empfand sie es als beunruhigend das er das Licht so gedämmt hatte. Schließlich war er nun mal ein männliches Wesen, ein Dozent, welcher sich am Abend alleine eine Studentin aufs Zimmer lud. Das war selbst in Spocks Augen – plausibel – wenn nicht sogar logisch. „Sofern Sie es wünschen werde ich das Licht auf volle Leistung bringen. Doch zunächst setzen Sie sich doch." Mit einer Handbewegung wies er sie zu einem kleinen Tisch, der in der geräumigen, aber nicht großzügigen Kabine stand. Zwei Stühle hatte man an diesem platziert. Als Leutnant hatte man zwar den Anspruch ein Zimmer für sich zu haben, aber bestimmt nicht den Luxus eines Raumschiffkapitäns. Dem Vulkanier genügte es vollkommen. Einige Regale mit Büchern standen an den ansonsten eher kargen Wänden. Spock hatte einige Bücher die eher als Unikate gelten durften. Wer benutze in diesem Jahrhundert bitte noch Papier oder Tinte? Die Werke, die Spock besaß, waren fast alle von seinem Vater oder seiner Mutter. Bücher waren auf Vulkan noch im Gebrauch, auch wenn sie häufig nur als Luxusgüter galten. Ansonsten war der Raum bis auf ein Bett vollkommen unscheinbar.

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Nyota Uhura____________________________________________

Wie man nur allzu deutlich an ihrem aus dem Neutralen ins Verdatterte abgleitenden Gesichtsausdruck ersehen konnte, hatte die Kadettin das Bild, was sich ihr bot, völlig unvorbereitet getroffen. Denn gewiss war das letzte, was sie erwartet hatte zu sehen, als die Tür zum angeblichen Quartier des Vulkaniern lautlos beiseite glitt, ein Meer von Kerzenlicht, das warmes, stilles Licht und lange Schatten durch den sonst so spartanischen Raum warf. Es durften wohl ein paar peinliche Sekunden vergangen sein, die sie mit stupidem Starren verbracht hatte, bevor sie sich zusammennahm und doch – zur Sicherheit – einen flüchtigen Blick auf das kleine Schild neben der Tür warf, auf dem ganz eindeutig Spocks Name eingraviert war.

Seiner Einladung folgend trat sie in das Quartier ein und die sich schließende Tür verscheuchte den letzten Rest grellen Neonlichts, der vom Gang aus einen kalten Keil in das warme Licht gestoßen hatte. Nahe bei der Tür blieb die Kadettin nun allerdings erst einmal stehen – ein leichtes Unwohlsein konnte man ihr sicher nicht verdenken. Auch, wenn sie sich recht sicher war, dass es dafür eine – wie passend – logische Erklärung gab. Und wenn es doch keine gab, dann war Nyota nun wirklich keines der jungen Mädchen mehr, die sich von ihren Dozenten überrumpeln ließen. Zumal der Leutnant und sie selbst vielleicht sogar gleich alt waren. Und glücklicherweise lag nach wie vor jene Stählernheit in den Zügen des Vulkaniers, sodass sich jeder Zweifel rasch ins Nichts verflüchtigte und Uhura das begrüßende Nicken mit dem ihren quittieren konnte.

Sie sind pünktlich.' Natürlich war sie das. Müde, hungrig, aber pünktlich wie immer. Zumindest war sie noch nicht im berühmten ‚Lächeln-und-Nicken'-Stadium oder nahe am ‚Auf-der-Tischplatte-einschlummern'-Stadium. Das nächste Mal würde sie sich etwas schonen oder zumindest ausgiebig essen.

Dass er nun meditiert hatte beruhigte die Kadettin tatsächlich. Sie hätte es doch als sehr unschön empfunden, dieser Akademie-Legende eine profane Vase gegen den Kopf zu scheppern, falls er irgendwelchen unsittlichen Kram im Sinn gehabt hätte. Shiva hätte ihr an dieser Stelle widersprochen und angesetzt, dass ihr ein wenig unsittlicher Kram gar nicht mal schlecht täte.

„Danke, Sir." antwortete sie schlicht und durchquerte den Raum, um ihre Tasche an die Lehne des Stuhles zu hängen - dann aber zu zögern, den Blick auf das Regal mit den alten Büchern geheftet. Bücher… In ihrem Leben hatte sie noch nie eines besessen. In einem Zeitalter, indem das Synthetische über die Natürlichkeit und ihre organische Ausdrucksform gesiegt hatte, nun, sie vielmehr gezähmt hatte, waren für solch alte, antiquierte Formen von Literatur kein Platz mehr. Die Technik, so wesentlich und zentral im Leben aller, hatte die Rolle eines Universalschöpfers – man ließ Gärten innerhalb von Tagen wuchern und erblühen, Landwirtschaft war weniger Agrar-Ökonomie, als Techno-Ökonomie und in der Schnelllebigkeit des Alltags war die Vergänglichkeit von Papier unzweckmäßig. Nyota hatte diese Werke alter Kunst in teueren Antiquariaten, Museen, ja, ständig hinter dickem Glas gesehen. Und der Leutnant hatte sie einfach so und ohne weiteres in einem Regal stehen. Eine ganze Menge sogar. Nyota wäre gern mit den Fingerspitzen die zerbrechlichen Buchrücken entlanggefahren und hätte die Titel gelesen, doch sie riss ihren Blick los und setzte sich.

Dann aber musste sie doch einen Blick über ihre Schulter werfen und bemerkte schließlich: „Das ist eine beachtliche Anzahl von Büchern! Haben sie sie alle gelesen?" Uhura zweifelte gewiss nicht daran, dass sich der Leutnant den Inhalt jener Werke zu Gemüte geführt hatte – vielleicht kannte sie ja auch einige dieser Texte – aber ein echtes Buch in der Hand zu haben war doch schon etwas anderes. Die Kadettin stellte es sich als etwas Besonderes vor, fasziniert von jedwedem Fehlen von Universalität. Gespeicherte Daten waren so entgrenzt und unpersönlich – ein Buch aber existierte nur an einem Ort, in einer Sprache und war dem Verfall ausgesetzt. Macht dies das Wissen, das in ihnen lag, nicht zu etwas flüchtigem und deshalb zu etwas erstrebenswertem?

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Leutnant Spock__________________________________________

Mir dem Befehl: Computer Licht! Wurde das Quartier des Leutnants in das hell künstliche Licht getaucht. Kurzzeitig musste sich Spock der blendenden Helligkeit geschlagen geben und schlug die Augen nieder. Spock hätte mit dieser argwöhnischen Reaktion rechnen müssen. Oft hatte er in der Geschichte der Erde gelesen, dass Frauen von ihren männlichen Mitgefährten verführt wurden. Man könnte es auch gut in diese Situation hinein interpretieren. Die spähte Uhrzeit, die Zweisamkeit und dazu noch Kerzenschein konnten bei einer Erdenfrau schon eine romantische Stimmung auslösen. Sofern diese Situation nicht in der Nähe des Vulkaniers stattgefunden hätte, wäre es wohl eindeutig gewesen. Wieso verstanden Menschen höfliche Gesten oder Freundlichkeiten immer als zweideutig? Sie mussten das Verhalten jedes Lebewesen hinterfragen. So wurde in der Erdjustiz ein Verbrecher nicht nur nach der schwere seiner Straftat bestraft, sondern auch nach seinem Motiv. Hier musste das Motiv doch eindeutig sein, Spock wollte Kadett Uhura eine freundliche Geste zuteil werden lassen. Seit guten drei Jahren befand er sich bereits unter Menschen, ohne wieder wirklichen Kontakt zu einem Vulkanier gehabt zu haben. Man konnte diese Zeit als abstinente und einsame Zeit bezeichnen. Unter den Menschen jedenfalls wurde er respektiert, obwohl er genauso gemieden wurde, wie auch auf Vulkan.

Während er sich noch mit dem Löschen der Kerzen beschäftigte, nahm er im Hintergrund wahr, wie die Kadettin seiner Aufforderung folgte und sich an den Tisch bequemte. Noch immer beschäftigt hörte er ihre Feststellung, die in einer Frage endete. Auch Spock wandte sich um, damit er der Frage und auch Uhura entgegen treten konnte. Natürlich hatte sie seine Büchersammlung bemerkt. Auf Vulkan existierten noch einige Bücher. Sie waren wie auch auf der Erde Unikate, niemand holzte mehr Wälder ab, nur, um etwas Unnützes wie Papier herzustellen. Gutbetuchte Erdenfamilien, wie auch vulkanische, schmückten sich gerne mit solchen Heiligtümern des Wissens. Spock wusste nicht was für einen allgemeinen Ruf er an der Sternenflotte hatte, geschweige denn ob es bekannt war, dass sein Vater der große vulkanische Botschafter war. Jener hatte ihn zu seiner Zeit an der vulkanischen Akademie für Wissenschaft reich beschenkt. Jene Bücher hatte er fast alle gelesen. Er setze sich zu seiner Kadettin an den Tisch, in den Händen eine kleine Computertafel. „Nicht alle." beantwortete er die Frage wahrheitsgemäß und ließ sich sogar dazu hinreißen eine kleine Erläuterung dazu zu geben. „Aus Zeitgründen und wohl auch, weil einige Lektüren nicht sehr plausibel auf mich wirken." Was soviel hieß, dass der Vulkanier diese nicht Verstand. Jene Lektüren waren Bücher von seiner Mutter. Man konnte Spock die Markobiologie der Lebewesen studieren lassen, doch der Sinn eines Shakespeares blieb ihm verschlossen. Den Kopf gesenkt sah er auf die Tafel in seinen Händen, während er die Stirn leicht runzelte, als er darüber nachdachte, ob es an seinem Intellekt lag, dass er den Sinn mancher Bücher nicht verstand.

Ein weiteres Mal kam er sich ungenügend vor. Trotz seines Wissens musste er noch viel lernen, viel über sich und über die Menschen. Sein Blick schwenkte wieder in die Höhe und musterte die weichen Gesichtszüge seiner Schülerin. Erst jetzt betrachtete er sie das erste Mal wirklich, natürlich sah man sich im Unterricht häufig, doch nun war er wohl das erste Mal in seinem ganzen Leben mit einem Menschen allein. Eine schiere Ewigkeit schien es zu dauern, bis der Vulkanier wieder sein Gesicht zu der Tafel in seinen Händen lenkte. „Beginnen wir mit der ersten Lektion." wechselte er lieber wieder das Thema. Peinliches Schweigen war weder für Vulkanier, noch für Menschen angenehm. „Sie sprechen bislang Vulkanisch flüssig, um es perfekt zu können müssen sie aber trotzdem noch mal etwas mehr Intensität in ihre Arbeit legen, somit wird ihnen der Weg zu anderen Sprachen der Galaxis eröffnet. Wie sie bestimmt wissen, leitet sich Romulanisch vom Vulkanischen ab. Perfektionieren sie ihr Vulkanisch und keiner der drei Dialekte des Romulanisch wird ihnen Kopfzerbrechen bereiten." Das letzte konnte man fast wie einen Ansporn deuten. Romulanisch wurde viel zu kurz behandelt und als Kommunikationsoffizier konnte man sich keine Übersetzungsfehler leisten. Das wohl des Schiffes hing oft vom ersten Kontakt, der in den Bereich der Kommunikation viel.

Die erste Lektion setze sich aus der Wiederholung Von vulkanisch zusammen. Uhura konnte somit alle offenen Fragen an ihren Dozenten stellen, die im Unterricht keinen Platz gefunden hatten. Spock hatte zudem einer Fehleranalyse aller ihrer schriftlichen Arbeiten ausgearbeitet. Diese wurde penibel analysiert und durchgegangen. Sie hatte angemerkt, dass ihr 97% zuwenig waren. Spock hatte auf diesen Kommentar reagiert, doch Perfektionismus war nicht einfach zu erreichen, wenn man dauerhafte Fehler immer wieder beging. Der Abend setze sich fort und der Vulkanier wollte zum zweiten Teil seiner Lektion kommen als er einen prüfenden Blick über die Kadettin schweifen ließ. „Kommen wir nun zum zweiten Teil, die Wortlaute der…"Analysierend legte er den Kopf schief. Sie schien Müde zu sein, ihr Hungergefühl hatte er bereits bei ihrem Hereinkommen bemerkt. Nicht umsonst besaßen Vulkanier so markante Ohren – sie hörten äußerst hervorragend. Er hatte diesem Faktum keine besondere Bewandtnis beigemessen. Vulkanier verspürten auch Hunger oder Müdigkeit. Doch sie konnten dies durch ihre Selbstbeherrschung zurückdrängen. Zumal der Tag-Nacht-Zyklus auf Vulkan sich auch zu dem der Erde Unterschied. Die Tage waren lang und die Nächte kurz. So brauchte ein Vulkanier nicht mehr als 5 Stunden schlaf um ausgeruht aufzustehen. Seinen nicht vollendeten Satz beendete er aus dem Zusammenhang heraus. „Der Unterricht ist beendet." Er tippte kurz auf seiner Tafel herum um ihr Fortkommen zu protokollieren „Sie benötigen Zeit, um zu regenerieren…" schloss er sachlich ab.

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Nyota Uhura____________________________________________

Der Kadettin fiel es schwer den Blick von der Bücherwand zu reißen. Ihre Gestalt, die verschiedenen Buchrücken, viele abgenutzt, die Farben verblichen, verliehen dem Raum so etwas Lebendiges. Obwohl das Quartier des Leutnants so karg und spartanisch eingerichtet war und dem Auge weder viel an Form, noch an Farbe bot, war es auf eine fein wahrnehmbare Art doch gemütlich. Nun, vielleicht nahm auch nur Nyota dies so wahr. Vielleicht bedeutete das gebundene, vergilbte Papier für den Vulkanier auch nur schlichtweg Wissen in einer ungewöhnlichen und altehrwürdigen Form.

Nicht alle. Aus Zeitgründen und wohl auch, weil einige Lektüren nicht sehr plausibel auf mich wirken.' war Leutnant Spocks bereitwillig gegebene Antwort. Nicht sehr plausibel… Die Erdenfrau konnte nur vermuten, welche der Werke sich dem Vulkanier nicht erschließen wollten. Nur ein paar Namen hatte sie flüchtig erkannt, als sie ihren Blick eben noch über die Buchreihen hatte gleiten lassen. Tolstoi stand da, nahe T. Mann und Nyota meint auch Shakespeare und dann noch O'Neill, den sie allerdings nicht kannte. Ob Spock in der Lage war die Dramatik eines Shakespeareschen Geistes zu begreifen? Oder waren ihm Werke, in denen die Quintessenz die Sinnlichkeit und das Fehlerhafte der Menschen längst vergangener Zeit waren, überhaupt wert, dass man sie las? Und warum besaß er sie trotz allem? Hütete er sie wie seltsame Exoten? Oder nur um der mehr oder minder kunstvollen Buchbindung wegen? Was für ein trauriger Gedanke, dass ein Shakespeare so unbeachtet zerfallen konnte. Nyota hätte den Leutnant am liebsten danach gefragt, fürchtete aber, ich zu nahe zu treten. Wie auch immer, ein paar der Namen oder Titel auf den Buchrücken konnte sie weder lesen noch aussprechen und einige waren Vulkanisch. Mehr hatte sie auf die Schnelle nicht zu erkennen vermocht. Sie wünschte noch ein wenig genauer stöbern zu können, aber deswegen war sie nicht hier.

Sekunden später war das Quartier in weißes Licht getaucht, das ihn keinem größeren Kontrast zu dem warmen, sachtgoldenen Flackerlicht der Kerze hätte stehen können. Der Raum schien plötzlich noch ein wenig kleiner und jede Imagination verschwand gemeinsam mit den Schatten, die dem Zimmer gleichsam Behaglichkeit und Weite verliehen. Aber um Bequemlichkeit ging es hier auch nicht. Es ging um das disziplinierte Studium der Sprache.

Allerdings schien der Leutnant irgendwie abwesend, als Nyota ihren Blick wendete und zu ihrem Lehrer schaute. Mir kraus gezogener Stirn starrte er schier auf den flachen Touchscreen vor sich und die Kadettin hätte gern gewusst, was in diesem Moment in seinen Kopf vorging. Nun, sie hatte sowieso gern gewusst, was so und den ganzen Tag und die Nächte im Kopf eines Vulkanier vorging. Vor allem, wenn der Vulkanier seit mehreren Jahren nur unter Menschen lebte und kaum eines seines Volkes sah. Nyota wusste nicht, ob er in den Veranstaltungsfreien Zeit zwischen den Trimestern, in der sich die Kadetten ihrer Arbeit zuhaus widmeten – sie selbst schrieb an einer ausführlichen, sprachwissenschaftlichen Hausarbeit – und die Dozenten eine lehrfreie Zeit hatten. Ob jemand wie Spock in seine Heimat reiste, um seine Familie zu besuchen? Ganz unverhofft merkte die Erdenfrau, dass sie dem Vulkanier viel zu viele Fragen stellen wollte, die wahrscheinlich viel zu privat waren.

Als der Leutnant den Blick hob und sie unvermittelt ansah, katapultierte sie das aus ihrem Gedanken und hin zu einem neuen. Nun, vielleicht kein Gedanke, vielleicht... dachte sie in dieser Sekunde überhaupt nichts... Denn zum ersten Mal sah sie kein kühles Nichts in den Augen des Vulkaniers, sondern... ja, was? Vielleicht ein Anflug von... Leid? Ach, Unsinn! Ihre Einbildungskraft ging mit ihr durch...

Die Luft, die in der Distanz zwischen ihnen schwebte, schien sich verdichtet zu haben – vielleicht, weil in seinem Blick zum ersten Mal die völlige, emotionslose und strenge Selbstbeherrschung, wenn auch nur für eine (lange) Sekunde wankte.

In derselben Sekunde, wie er wegsah, schlug Nyota die Augen nieder und griff nach ihrer Tasche, um ihre Arbeitsmaterialien sorgsam auf dem Tisch auszubreiten.

Sein Unterrichtsprogramm war straff durchorganisiert und äußerst effizient. Sie wiederholten das, was die gesamte Klasse den Dienstag davor geleistet hatte und vertieften die Lektionen noch. Nyota hatte die Gelegenheit dem Lehrer alle Fragen zu stellen, die offen geblieben waren und sie scheute sich nicht, sie zu stellen, die klein sie auch waren oder wie viel an Erklärungen sie auch forderten. Darüber hinaus interessierte sich die Erdenfrau noch sehr für den diachronischen Aspekt, den Spock ihr vor allem für das Vulkanische präzise darlegen konnte. Die Kadettin fand es wichtig, die Sprache nicht nur sprechen und übersetzten zu können, sondern sie auch auf einer, nun, ursprünglicheren Ebene zu verstehen. Außerdem empfand Uhura auch keine Scheu mit dem Vulkanier zu diskutieren, wenn sie etwas nicht plausibel fand oder meinte, diese und jene Kritik, sie sie generell gelehrig annahm, sei zu hart oder gar unbegründet. Sie dachte gründlich nach und versuchte klug und sorgsam zu argumentieren. Auch, wenn sie zumeist den kürzeren ziehen musste, aber das kümmerte niemanden.

Nachdem sie zwei Stunden ohn' Unterlass gearbeitet hatten, war Nyota ungemein erleichtert, als der Leutnant den Unterricht beendete. Auch, wenn sie hoffte, dass es nicht wegen ihrem ungemein laut knurrenden Magen gewesen war. Wie peinlich. Aber das war ihr nun letztlich auch herzlich egal, denn zuhause wartete ihr wohlverdientes Abendessen. Nun, Nachtmahl.

So vergingen die Tage, zogen die Wochen ins Land, drei mittlerweile...

Pünktlich am Donnerstagabend trat Nyota an die Tür des Quartiers und verbrachte die Stunden damit sich den Aufgaben ihres Lehrers zu stellen. Obwohl es langsam zu etwas Alltäglichem wurde, behielten die allwöchentlichen Lernabende etwas Seltsamen an sich, eine merkwürdige Atmosphäre. Vielleicht, weil die Art des Vulkaniers auf der einen Seite wie ein Meer von Ruhe war, an dessen Seite der eigene Verstand kühl und wach blieb. Auf der anderen Seite war da etwas Befremdliches, das sich nicht fassen ließ. Nicht in den Augen eines Menschen – nein... eines Wesens lesen zu können war für die emotionsbetonte Nyota etwas, mit dem sie nur schwer zurechtkam. Und andererseits verwirrte sie diese kurzen Millisekunde lebendigen Flirrens in den Augen des Vulkaniers, wenn er über etwas redete, das... hm. Ihm etwas bedeutete? Er... toll fand? Fand er überhaupt irgendetwas richtig, hm, toll!?

Mir diesem seltsamen Gefühl im Bauch betätige Nyota ein weiteres Mal den Signalgeber der Tür. Und wieder knurrte ihr Magen. Der schnelle Apfel unterwegs hatte nur dazu beigetragen, dass er nur noch lauter rumorte. Dieser vermaledeite Donnerstag – nun ja: eher dieser Donnertag. Abgesehen davon, dass es den ganzen Tag geregnet hatte, war irgendein Idiot in der Akademiesmensa unfähig gewesen sein Tablett zu tragen und hatte ihre Uniform ruiniert – dabei war sie doch nur durch die Mensa durchgegangen, verdammt, wenn sie das Zeug zumindest hätte essen können, aaah! Aber es half ja alles nichts. Anstatt abzusagen und sich dem Trübsal zu überlassen, hatte sie ihr Pflichtbewusstsein hierher getrieben. Wenn sie auch nicht mehr ganz so akkurat aussah: Statt des Rockes die enge Uniformhose – eigentlich für die kälteren Tage gedacht -, darüber ein etwas legereres Shirt. Außerdem war ihr Haar nicht ganz so penibel wie sonst immer frisiert, denn nach dem Duschen hatte sie es nur flüchtig zusammengebunden und nun fiel ihr Zopf in leichten Wellen über ihren Rücken.

Aus dem Inneren des Quartiers erklang das kurze, melodische Türsignal.

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Leutnant Spock__________________________________________

Schüler und Lehrer wurden langsam vertrauter miteinander. Nach drei Tagen intensiven Abendunterricht kannte man die Eigenschaften des anderen. Obwohl der Leutnant zugeben musste, dass die junge Erdenfrau viele Facetten besaß. Im Unterricht hatte sie sich oft im Hintergrund gehalten, obwohl ihre Leistungen sie von der Masse abhoben. Zu Anfang war sie in ihrer eher intimeren Umgebung scheu gewesen. Doch es schien, als würde sie langsam eine Art Vertrauen fassen. Sie war wissbegierig und fragte, wo sie nur konnte. Die meiste Zeit würde sie wohl am liebsten mit Debatten verbringen. Trotzdem sie häufig oder eigentlich nur unterlag, hatte sie den Drang nicht aufzugeben. Ihre Argumentationen waren für einen Menschen äußerst plausibel und logisch. Sie hatte eine charmante Ausdrucksweise, für die sich Spock sehr begeistern konnte, auch wenn er es nach außen hin kaum zeigte. Es waren wohl diese kleinen stillen Momente in denen er sie fragen und auch fasziniert ansehen musste. Er wusste nicht genau wieso Menschen so oft und unverblümt lächeln konnten. Als sie das erste Mal in seiner Gegenwart ihre weißen Zähne entblößt hatte, musste er sie einfach nur ansehen. Es war fast, als würde er einen unwirklichen Zwang beschreiben, der ihn überkommen hatte. Schnell bemühte er sich seine Fassung dann wieder zu erlagen und nur in seinem Innern blieb eine leichte Verwirrtheit zurück die er mit keinem Wort beschreiben konnte.

Pünktlich erklang das melodische Türsignal, welches am Donnerstagabend fast schon zur Gewohnheit geworden war. Mit dem üblichen „Herein." befehligte er dem Computer seine Schülerin die Tür zu öffnen. Unwillkürlich hob sich die linke Augenbraue, als Spock die Kadettin mit einem „Guten Abend, Kadett." begrüßte. Sie sah anders aus, nicht wirklich anders als sonst, aber dennoch anders. Spock war ein guter Beobachter. Musternd verharrte er in seiner Bewegung um sie einen Moment irritiert zu betrachten. Es dauerte einige Sekunden bis der Leutnant feststellen konnte was an ihrem äußeren nicht ganz in sein Bild passte. Sie trug keine Uniform und ihr Haar war anders. Es war nicht wie sonst glatt und mit einem festen Zopf nach hinten gebunden worden. Nicht das dies eine besondere Bewandtnis darstellte, aber es war eben nicht die gewohnte Kleidung an die Spock so gewöhnt war. Was Spock besonders daran interessierte war die Logik hinter ihrem handeln. Alles hatte seinen Grund, doch in ihrem Fall konnte er sich keine Möglichkeit zusammen reimen. „Sie sehen..." er machte eine kurze Pause „...verändert aus." Gab er zu um seine offensichtliche Verblüffung zu erläutern. Dennoch erwartete der Vulkanier keine Rechtfertigung ihrerseits.

Er hatte mit diesem Thema bereits abgeschlossen um zum nächsten zu kommen. Sie würden nun miteinander Essen. Zwar benötigte Spock keine Gesellschaft beim Essen – es lag in seinem Wesen lieber für sich zu bleiben. Nur war es ihm keinesfalls entgangen das Kadett Uhura scheinbar unter ständigen Hungererscheinungen litt wenn sie zu ihm kam. Was rein profan betrachtet keine gute Grundlage für einen anständigen Unterricht war. Erst hatte er angenommen, dass sie schlicht weg ihr Hungergefühl aus irgendwelchen Gründen unterband. Möglicherweise war sie im Grunde nur ein Mensch, der selbst verliebt und penibel auf ihr Äußeres achtete. Zuerst war Spock diesem Irrglauben erlegen, schließlich war die Kadettin eine attraktive Person. Selbst für seine ungeschulten Augen. Dennoch konnte er sich nicht ganz mit dieser These abfinden. Die Fakten wiesen eher darauf hin, dass sie schlichtweg keine Zeit fand etwas Nahrhaftes zu sich zu nehmen. Spock aß meistens auch erst spät nachdem er seine Lektion mit ihr beendet hatte, also wieso sollten sie nicht gemeinsam dinieren?

Wieder brannten Kerzen in seinem Büro was darauf schließen ließ das er meditiert hatte. Routiniert folgte Uhura seiner Anweisung und begab sich in Richtung Tisch. Doch sie verharrte in ihrer Bewegung. Spock schloss darauf, dass sie sein Vorhaben entdeckt hatte. „Ich habe eine Kleinigkeit zubereitet. Setzen sie sich." Bat er sie in seinem immerzu freundlichen Tonfall. „Ihr Hungergefühl war während der letzten Wochen kaum zu übersehen beziehungsweise zu überhören. Weshalb ich mir die Freiheit heraus nahm sie nun zu verköstigen." Er selbst setze sich an den bereits gedeckten Tisch. An ihrem Platz stand ein Teller mit handelsüblichen Sandwichs wie sie in der Kantine zu kaufen gab. Spock kannte sich mit den Essgewohnheiten der Menschen wenig aus. Dennoch war allgemein bekannt das die meistens Menschen Fleisch sowie auch Gemüse oder Obst zu sich nahmen. Oft hatte Spock andere Kadetten mit diesen dreieckigen Kurzmahlzeiten gesehen. Er selbst hatte sich eine typisch vulkanische Speise zubereiten lassen. Die Kantine war eine nette alternative da dort galaktische Spezialitäten gereicht wurden. Da Spock aber wohl der einzige Vulkanier an der Akademie war das Essen dort nicht auf die vulkanische Kost eingestellt. Er hatte sich eine einfache Plomeek-Suppe zubereitet – die aus ein paar vulkanischen Kartoffeln, Salz und Ingwer bestand. Dazu reichte er sein Lieblingsgetränk, Altair Wasser. Ein etwas süßlich schmeckendes Wasser .

Es war ziemlich Spock untypisch das er so etwas tat oder vielmehr seine Zeit mit so etwas menschlichen verschwendete. Dennoch ließ er sich nicht weiter beirren, er stand zu seinen Entscheidungen und in seinen Augen war es mehr als plausibel gewesen.

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Nyota Uhura____________________________________________

Leutnants Spock linke Augenbrauen hob sich und als erstes kam ihr in den Sinn, was für eine ungewollt charmante Eigenschaft das doch war. Sein Kommentar klang allerdings nicht sehr erbaulich und es blieb nur zu hoffen, dass der Leutnant nicht einer von denen war, die auf die Kleiderordnung unbedingt pochten, wie es viele der Dozenten taten. Keine Ahnung warum, vielleicht wollten sie ihre Dominanz demonstrieren. Aber das war nur zweitrangig. Nyota wurde einfach klar, dass sie in seinen Augen nicht unattraktiv sein wollte. Und sie musste sich zusammennehmen, um nicht gar festzustellen, dass dies nichts mit der sachlichen Kleiderordnung, sondern mit ihnen als er und sie zu tun hatte. Vielleicht wollte sie aber auch einfach nur keinen unmotivierten Eindruck machen, indem sie in solcher Gestalt zum Unterricht erschien.

Aber zum Glück war Nyota zu selbstbewusst, um sich zu lange Sorgen darum zu machen. Die Kadettin überging diese Klippe aber recht sorglos, indem sie erwiderte: „Verzeihen sie, Sir, aber meine Uniform hat eine unangenehme Bekanntschaft mit ei-... Oh." Nyota stockte mitten in ihrer Ausführung, als sie des gedeckten Tisches gewahr wurde. Natürlich bemerkte der Vulkanier ihre Reaktion sofort und setzte zu einer Erklärung an. Ihr Hungergefühl war während der letzten Wochen kaum zu übersehen beziehungsweise zu überhören. Oh. Nun ja, er hätte auch taub sein müssen. Aber warum peinlich berührt sein, schließlich konnte sie für ihren straffen Tagesplan nicht. Und gemeinsam mit dem Kerzenlicht hatte diese Situation schon etwas Romantisches. Natürlich es völlig abwegig, dass der Leutnant einer solchen Intention gefolgt war, aber egal... Die gestresste Erdenfrau sog jede Behaglichkeit auf wie ein Schwamm.

„Danke..." quittierte sie seine Einladung lächelnd, wenn such noch etwas überrumpelt, und nahm an dem Tisch platz. Die Wahl ihres Mahls ließ entweder vermuten, dass der Vulkanier in seiner Mühe etwas auszuwählen versucht hatte, was einer Menschenfrau wie ihr schmeckte – oder, dass er etwas ausgesucht hatte, was man schnell runter schlingen konnte, um das Hungergefühl abzutöten und schnell mit den Lektionen beginne zu können. Gewiss wäre ihr ersteres lieber gewesen, aber wo seine Motive auch lagen, die Vorfreude ließ ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Die Kadettin nahm das Sandwich hoch und schickte sich an einen ersten Bissen zu nehmen. Und diesen nahm sie so genüsslich, dass es eine Freude war zuzusehen! Wenn man den ersten Bissen seit dem Frühstück nahm, dann war selbst ein ordinäres Sandwich eine wahre Offenbarung – und Nyota kommentierte das mit einem leisen, genießerischen Seufzer und einem strahlenden Lächeln. Als sie den Leutnant ansah, musste sie unwillkürlich lachen und schlug, den Handrücken an den Lippen und das Lachen niederringend, die Augen nieder. „Es tut mir Leid..." setzte sie an und musste noch immer grinsen, „Aber nach einem so... bescheidenen Tag sind sie mein Retter." In diesem Moment dachte Nyota gar nicht daran, dass sie hier mit ihrem Dozenten sprach. Ihre Lebendigkeit sprudelte nur so aus ihr hervor. Erst, als sie merkte, wer da vor ihr saß, zügelte sie sich, bis nur noch ein sanftes Lächeln übrig blieb und ein Blick aus ehrlich dankbaren Augen. „Ich meine... danke, Leutnant." setzte sie etwas gedämpfter hinzu und nahm einen neuerlichen Bissen. Sie aß mit einem wirklich gesunden Appetit und es störte sie überhaupt nicht, dass ihr Gegenüber mit aller Bedächtigkeit aß – schließlich war sie ja nur ein Mensch und hatte im Gegensatz zu einem Vulkanier einen höchst gesprächigen Magen.

„Ist das ein vulkanisches Rezept?" fragte sie, angeregt von dem sachten Duft, der von der anderen Seite des Tisches zu ihr herüberzog. „Ich habe noch nie etwas aus der vulkanischen Küche gekostet. Wenn ich schon Vulkanisch spreche, dann will ich auch etwas Sinnvolles tun und vulkanisches Essen bestellen können!" fügte sie noch mit einem heiteren Lächeln hinzu. Von der steinernen und ernsten Miene des Leutnants ließ sie sich längst nicht mehr von ihrer Heiterkeit abbringen.

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Leutnant Spock__________________________________________

Spock sah verwirrt aus, in anderen Momenten hatte er diese Gefühlslage unter Kontrolle, doch in diesem Moment schien er außerstande sich zusammen reißen zu können. Lange betrachtete er sie eingehend und musste feststellen, dass ihre Art ihn erheiterte. Unentwegt schien sie ihr unkontrollierbares Lächeln auszustrahlen – welches der Vulkanier in einem gewisse Maß schon anmaßend fand. Einfach aus dem Grund heraus, dass er ihre Reaktion als ansteckend empfand und sich ernsthaft zusammenreißen musste nicht selbst zu lächeln. Lange war es her, dass er so ein Gefühl erlebt hatte. Das Bedürfnis, seine Mundwinkel nach oben zu ziehen und sich in einem Lächeln zu versuchen. Einen Moment lang rang der Leutnant ernsthaft mit seinem inneren Wesen, es nicht doch zu versuchen. Dennoch drückte keine seiner Gesten diesen Ausdruck aus. Eingehend betrachtete er sie um dann forschend nach zu haken: „Ihr Retter?" Wieder zog sich seine Braue in die Höhe. Das war irgendwie unplausibel, er war ihr Lehrer, ihr Vorgesetzter, aber nicht ihr Retter, nur, weil er ihr ein paar Sandwichs vor die Nase gestellt hatte, um sie zu verköstigen. Er wollte nicht, dass sie dieser Geste zu viel Bedeutung bei maß. Schließlich hatte er nur aus einem logischen Grund heraus gehandelt. Obwohl es nicht bestätigen konnte dies für einen anderen Schüler gemacht zu haben oder machen würde.

Sie aß mit so einem Appetit, dass sich der Leutnant wohl fragte, ob es nicht besser gewesen wäre mehr Sandwichs geordert zu haben. Er selbst hatte seine Suppe noch nicht angerührt. Zu sehr war er damit beschäftigt die Kadettin zu mustern. Ihre Augen drückten offene Dankbarkeit aus, als sie diese auch noch in Worte fasste musste Spock [???]. „Es machte keine großen Umstände." beteuerte der Vulkanier, um den ersten Schluck seiner Plomeek-Suppe zu nehmen. Auch an dieser schien die Kadettin äußerst interessiert zu sein. Dass sie wissbegierig war wusste der Leutnant bereits, aber nun musste er feststellen, dass dies schon fast an Neugierde grenzte. Was für einen Menschen und wohl besonders für eine Menschenfrau nicht untypisch war. Spock würde ihr ohnehin alle Fragen geduldig beantworten. Als Mensch kannte sie sich kaum mit den Gepflogenheiten eines Vulkaniers aus. Geschweige denn, dass sie sich mit den Mahlzeiten dieser auskennen konnte. „Man nennt es Plomeek-Suppe, ein typisch vulkanisches Gericht, zu vergleichen mit ihrer Kartoffelsuppe, nur ohne die vielen Kohlenhydrate." ergänzte er. „Vulkanier essen fettarm und ausgeglichen." Nicht wie die Menschen, hätte er beinahe angefügt, doch er unterließ es, schließlich musste er es nicht immer betonen, dass er sich nicht der menschlichen Rasse zugehörig fühlte. Er war nun mal auf Vulkan aufgewachsen, was einen großen Teil seiner Entwicklung beeinflusst hatte. „Sie besteht aus Wasser, vulkanischen Kartoffeln, Salz und Ingwer." Wieder nahm er einen dezenten Schluck von seinem Löffel. Interessiert sah er derweil auf die dreieckigen Häppchen, welche scheinbar einfach mit den Fingern gegessen wurden. Noch nie zuvor hatte er so etwas probiert. „Ihre Mahlzeit scheint zu schmecken?" fragte er dennoch nach, natürlich kümmerte es ihn, ob er die richtige Auswahl getroffen hatte.

„Ich habe diese dreieckigen, mit Käse, Fleisch und Salat belegten Vollkornmahlzeiten oft bei Studenten gesehen. Falls es ihnen beliebt, kann ich das nächste Mal auch eine vulkanische Mahlzeit für sie zubereiten. Dann wissen sie nicht nur, wie man das Gericht bestellt, sondern auch, wie es schmeckt, bevor sie es bestellen." Offen teilte er ihr seine Intention mit, dass dies hier nicht das letzte Essen zwischen ihnen sein würde. Schließlich schien er mit seinem Versuch genau das erreicht zu haben, was er erreichen wollte. Natürlich handelte es sich hierbei nur um die Leistungssteigerung seiner Schülerin. „Sie waren noch nicht auf Vulkan?" hakte er nach; es interessierte ihn, wie viel sie über das vulkanische Volk und Wesen bereits wusste. Wobei er im Grunde davon ausging, dass dies hier ihr erster Kontakt mit einem Vulkanier war. Ihr Benehmen ließ darauf schließen, doch sie schien den Kontakt zu ihm nicht zu scheuen. Sie schien sich sicher über sein Vorhaben zu sein. Andere hätten wohl schon das Angebot Privatunterricht zu nehmen dankend abgelehnt, besonders mit einem Wesen, von dem man doch eigentlich nichts wusste.

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Nyota Uhura____________________________________________

Wie seltsam war es doch, mit jemandem Zeit zu verbringen, in dessen Gesicht man nicht recht lesen konnte. Oder besser gesagt eigentlich gar nicht lesen konnte. Aber obwohl der Blick des Leutnants oft auf seiner Schülerin ruhte, fühlte jene sich in ihrer Heiterkeit nicht gedämpft. Natürlich war der Vulkanier ihr Lehrer und es war ihm Respekt zu zollen – aber das tat sie ja auch. Nur eben auf eine fröhliche Art und Weise, hier, wo sie beisammen saßen und ihr ausnahmsweise Mal der Bauch nicht knurrte. Dabei erstaunte es Nyota, dass die Undurchsichtigkeit des Vulkanier sie nicht groß tangierte. Eher noch wollte sie am liebsten erfragen, was nur in seinem Kopf vorging und was er von ihr hielt; von der Menschenfrau, die so viel Emotion und Temperament inne trug. Gewiss hatte sich sie auch die letzten Male ihres Unterrichts gezügelt und das Maß an Heiterkeit ihrem Lehrer-Schüler-Verhältnis. Manchmal fiel es der Kadettin aber schwer jene Grenze zu sehen, denn schließlich war es noch gar nicht so arg lange her, dass Leutnant Spock seinen Abschluss an der Akademie absolviert hatte und wesentlich viel älter war er auch nicht.

Ebenso wie dieses dezente Heben einer Braue hatte es etwas Charmantes an sich, wenn er gewisse Dinge benannte, die ihm als Vulkanier fremd – und vielleicht unverständlich – waren. ...diese dreieckigen, mit Käse, Fleisch und Salat belegten Vollkornmahlzeiten... Nyota fragte sich, wie man jemanden erziehen musste, damit er so daherredete. Die Jugend auf Vulkan, die Erziehung... war wieder so ein Thema, über das sie ihn gern ausgefragt hätte. Aber sie was unsicher, ob dies nicht wieder zu weit ginge? Zu direkt wäre? Einen Mitkadetten hätte sie das vielleicht gefragt. Bei dem Leutnant jedoch war sie sich fast sicher, dass er über Themen, die außerhalb ihres Unterrichtsspektrums lagen, nicht unbedingt hinaus wollte. Allerdings fragte sie sich dann, wie sie die zukünftigen Essen – die der Leutnant anscheinend in den ‚Unterrichtsplan' mit aufgenommen hatte – verbringen würden... Texte rezipieren? Diskurse über Fachliteratur führen? Schweigen? … Sich ansehen? Vielleicht lächelte er irgendwann einmal... Dann würde sie endlich mal wissen, ob ihre Anwesenheit ihm nicht unangenehm war. Oder sie einfach, verflucht noch mal, seine Gebärden nicht deuten und nicht zwischen den Zeilen seiner Worte lesen konnte. So etwas war auf die Dauer zum verrückt werden!

Zumindest wurde der Vulkanier heute aber etwas gesprächiger und Nyota antwortete gern: „Das ist ja auch eine vernünftige Einstellung, aber ab und an muss man einfach essen, was einem schmeckt – egal, wie gesund es ist oder nicht." stellte sie fest. „Zumindest... auf der Erde." Man wusste nie, wann man einem Vulkanier zu nahe trat. „Man weiß so gut wie nie, wann man ihnen zu nahe tritt. Also, Entschuldigung..." Das hatte sie gerade nicht ausgesprochen, oder? Man sah ihr wohl die eigene Verblüffung über ‚ihr Geplapper' an ihrem Gesicht an und schnell lenkte sie dagegen: „Jedenfalls schmeckt es, vielen dank..." Na, wenn das nicht außerhalb ihres tollen Unterrichtsspektrums gewesen war...

„Und jedenfalls... werde ich dann schon mal nicht verhungern, wenn ich irgendwann Vulkan besuchen sollte." meinte sie dann – der Situation galant ausweichend – mit einem Lächeln und fügte, seine Frage beantwortend, hinzu: „Ich war noch nie dort." Und nach einer kleinen Pause sagte sie noch, etwas gedämpfter: „Wie auch...? Ich bin auf der Akademie, um das tun zu können... Reisen, meine ich."

Seine Frage, ob er ihr beim nächsten Mal ebenfalls etwas Vulkanisches zubereiten solle, vergaß sie über diesen kleinen verbalen faux pas eben zu beantworten.

Damit nahm sie den letzten Bissen und machte sich daran, dieses Mal bedächtiger als beim ersten Exemplar, das zweite Sandwich zu verzehren. „Wie ist es dort, auf Vulkan?" Sie behielt es für sich, dass die Bilder, die sie vom Heimatplaneten der Vulkanier gesehen hatte, mehr als trist ausgesehen hatten. Die farbliche Eintönigkeit, diese ewigen Brauntöne, hatten es karg wie eine Wüste erscheinen lassen. Vielleicht war der Blick der Erdenfrau aber auch zu voreingenommen, liebte sie doch die lebendigen und intensiven Farben, weswegen sie ihre eigene Heimat als so schön empfand. Nun ja, gewiss war die Erde nicht überall schön und lebendig, aber vielleicht war Vulkan ja auch nicht überall öde und... braun?! Gern hätte Nyota mit mehr Wissen über Vulkan aufwarten wollen, aber anstatt sich ihres Wissens, das dem Spocks wahrscheinlich um Längen – verdammt lange Längen – unterlag war sie weitab davon sich zu schämen, sondern fragte lieber.

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Leutnant Spock__________________________________________

Das ist ja auch eine vernünftige Einstellung, aber ab und an muss man einfach essen, was einem schmeckt – egal, wie gesund es ist oder nicht. Eine typisch menschliche Antwort, unwillkürlich musste sich der Vulkanier über diese vorhersehbare Meinung amüsieren. Natürlich nur in seinem Innern, obwohl man meinen könnte das bei ihren Worten seine Miene etwas weniger verspannt ausgesehen hatte. Er ließ ihre Worte unkommentiert. Mit Sicherheit wusste sie nicht das es auf Vulkan keine Schokolade gab. Es war vollkommen abwegig und unlogisch etwas nur wegen seines Geschmacks zu Essen, obwohl es sich doch schädlich auf den Körper auswirken konnte. Spock sah wieder hinunter auf seine Suppe um mit dem Löffel eine Kartoffel heraus zu fischen als Uhura nach setze: Zumindest... auf der Erde.Nun war der Ausdruck auf Spocks Gesicht nicht mehr zu leugnen, seine Augen strahlten offensichtlich Heiterkeit aus. Bei einem Menschen hätte man es womöglich als ein offensichtliches Grinsen beschrieben. Bei Vulkaniern sah es da anders aus, die Empfindungen blieben aber dennoch gleich. Die Kadettin schien den Leutnant langsam zu durchschauen. Seine Gedanken über die Menschen und ihre Unterschiede. Mit Sicherheit nahm er ihr den Kommentar nicht Übel. Es gab keinen Grund sich in Konkurrenz zur Erde zu sehen. Rein spirituell waren die Vulkanier den Menschen um Längen voraus.

Das sie noch nie auf Vulkan war erstaunte ihn keineswegs. Als Kind nur von einer Mutter umsorgt zu sein und an einer alten Straße aufgewachsen zu sein. Da blieb wenig Aussicht darauf das man einfach so die Sterne bereiste. Natürlich hatte sich Spock über seine Schülerin informiert und die Datenbank hatte so einiges Preisgegeben. Anfänglich hatte der Vulkanier sich nur mit den sachlichen Fakten beschäftigt. Noten, Zeugnisse und Leistungen, aus irgendwelchen Gründen war er aber dann doch zu den persönlichen Teil abgewichen, möglicherweise um mehr über sie zu Erfahren. Selbst konnte er dieses Verhalten noch nicht deuten, dass ihn dazu veranlasst hatte. „Menschen würden ihn als Wüstenplanet beschreiben, kahl, trocken. Ein Klasse M Planet, hoher Stickstoffgehalt und eine höhere Gravitation als auf der Erde. Die meistens Menschen würden wohl Anpassungsschwierigkeiten haben." Mutmaßte er und nahm noch einen Schluck von seiner nah haften Suppe. Ihre Annahme war also berechtigt, für die meisten Vulkanier war ihr Planet auch eher eine spirituelle Heimat. Aber das würde ein Mensch kaum nachvollziehen können. Die Erde war so facettenreich wie die Bewohner auf dieser. „Die Städte auf Vulkan strotzen vor Technologie und Wissenschaft. Dort ist auch die berühmte Wissenschaftsakademie der Vulkanier - ähnlich der Sternenflotten Akademie. Der Planet ist gegensätzlich, in den großen Städten herrscht der Fortschritt, aber in manchen Teilen haben sich Orden niedergelassen die sich dem spirituellen Weg widmen, in den Klostern lebt man noch so wie vor 1000 Jahren auf der Erde." Seine Erörterungen waren frei von jedem Standpunkt, man hätte genau so gut in die Datenbank den Begriff Vulkan eingeben können, es wäre wohl dasselbe Ergebnis gewesen.

Spock wusste selbst nicht so recht welche Emotionale Bindung er zu seinem Planet hatte. Natürlich dort war er aufgewachsen und hatte den ersten Teil seines Lebens dort gelebt. Er sah Vulkan als seine Heimat an. War auch durchaus stolz auf die Technologie die dort zu finden war. Die Wissenschaft und die Logik die dort herrschten. Dennoch war ein Teil von ihm auch menschlich sodass er der Angelegenheit sachlich gegenüberstand. Er beendete sein Essen. „Beginnen wir nun mit der Lektion?" Es war eher eine Feststellung als eine Frage. Nachdem man das Mahl nun beendet hatte würde man zum eigentlichen Teil des Abends kommen, die Lektionen mussten fortgesetzt werden. Wieso hätte Kadett Uhura sich sonst hier eingefunden. Nun gab es keinen Platz mehr für irgendwelches geplaudere, obwohl er dem kleinen Smalltalk mit ihr nicht negativ Gegenüberstand. Man könnte fast sagen dies könnte man Wiederholen. So konnte man die Essenszeit nicht nur mit Schweigen verbringen und herum starren verbringen.

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