Teil 1: Noch ein Zaubertrank-Unfall

....das Ende all unseres Kundschaftens wird sein,

am Ausgangspunkt anzukommen und den Ausgangsort zum ersten Mal zu erkennen.

TS Eliot - Little Gidding

"Hermine", flüsterte Neville, "was muss ich jetzt machen?" Hermine warf einen Blick hinüber zu ihrem Laborpartner und widerstand der Versuchung, die Augen zu verdrehen.

Das Jahr hatte gerade angefangen und schon schien es, - obwohl es dumm gewesen wäre, anders zu denken - dass Neville dieses Jahr nicht besser in Zaubertränke sein würde, als in den sechs Vorhergehenden. Es würde ein langes Jahr werden. "10 Punkte Abzug für Gryffindor, Mr Longbottom." Snapes Stimme durchschnitt ihre Gedanken mit der üblichen Schärfe. "Miss Granger, versuchen Sie doch wenigstens einmal, Mr Longbottom nicht zu helfen. Obwohl es zuviel wäre zu erwarten, dass er tatsächlich etwas vollbringt", die Säure in seiner Stimme war so ätzend wie immer, "sollten wir ihm wenigstens die Möglichkeit geben, es zu versuchen."

Hermine lenkte ihre Aufmerksamkeit mehr schlecht als recht auf den Zaubertrank vor ihnen, mit ihren Gedanken war sie woanders - die Klasse machte endlich offiziell den Vielsafttrank und Hermine brauchte nicht so genau zuzuhören; ihre Erfahrung im zweiten Schuljahr hatte die Details in ihr Gedächtnis eingebrannt. Während sie wartete, bis der Trank anfing zu kochen, sah sie sich im Klassenzimmer um und beobachtete gelangweilt die anderen Schüler mit ihren verschiedenen Graden an Konzentration. Die Sommerferien und ihr achtzehnter Geburtstag schienen bereits so lange her zu sein - sie fragte sich, ob Ferien überhaupt Sinn machten; in dem Moment, da sie vorbei waren, schien es, als ob es sie nie gegeben hätte. Dieselbe Routine, dieselben Leute, kaum Veränderung.

Hermine merkte, wie Neville neben ihr sich angestrengt konzentrierte und vor sich hin murmelte. Sie verstand zwar nur das Gröbste, doch plötzlich wurde ihr klar, dass er dabei war, einen weiteren Fehler zu begehen - jetzt sollte er noch keine Baumschlangenhaut dazugeben, dachte sie. Sein Zaubertrank hatte noch nicht die Farbe angenommen, die er haben sollte, wenn man sie dazugeben musste, und sie konnte seine Hand mit einer Prise der geschnittenen Haut darin sehen, wie sie sich Richtung Kessel bewegte. Sie sah sich verstohlen um und konnte Snape nicht entdecken.

"Neville", diesmal war sie es, die panisch flüsterte, "nicht - " "Was nicht, Miss Granger?"

Das Herz rutschte ihr in die Hose. Er stand hinter ihr; kein Wunder, dass sie ihn nicht gesehen haben konnte. "Nun, Miss Granger - teilen Sie es doch bitte uns allen mit. Ich bin mir sicher, dass es eminent wichtig ist?"

Hermine sah auf den Kessel herab und ging im Geiste hektisch eine Liste von Entschuldigungen und Erklärungen durch, aber sie wartete ein wenig zu lange. "P-Professor, es war meine - "

"Ruhe, Longbottom. Wenn ich Ihre Schilderung haben möchte, werde ich Sie darum bitten." Die nächsten Augenblicke liefen wie in Zeitlupe ab; Hermine hätte geschworen, dass es mindestens eine Stunde gedauert hatte, als sie später darüber nachdachte. Snape hatte Neville angeblafft - wie er es in jeder Stunde tat - und Neville war zusammengezuckt. Voller Panik hatte er die Baumschlangenhaut losgelassen und streute sie dadurch in die Flammen unter dem Kessel. Durch die darauf folgenden Knaller ging jeder im Raum in Deckung. Neville trat erschreckt nach hinten und prallte in ein Regal.

Die Kaskade der Zutaten auf den Boden, die Schreibtische und in Nevilles Kessel schien ewig zu währen; Hermine fiel rückwärts auf Snape und versuchte, dem Gas auszuweichen, dass in dem Trank Blasen trieb. Snape bedeckte sie mit seinem Umhang, um beide vor den Dämpfen zu schützen. Hermine war sich nie ganz sicher, was dann geschehen war; alles was sie wusste war, dass sie auf einmal mit einer eiskalten Mixtur durchtränkt war, die sich durch ihre und Snapes Kleidung brannte. Die Kälte schien ihre Gedanken und Taten für einen Moment einzufrieren und ihre Sicht verschwamm.

Als sie wieder etwas sehen konnte, schien das Klassenzimmer seltsam verdreht, als ob sie auf dem Pult stünde. Ein Meer von Chaos umgab sie. Während der Zaubertrank nicht weit gespritzt war, war die durch die schutzsuchenden Schüler verursachte Zerstörung enorm. Sie schaute hinunter. Dann blinzelte sie. Als sie ihre Augen wieder öffnete, sah sie erneut herab. Der Anblick hatte sich nicht verändert. Sie sah sich selbst, gedrängt an ... an sich selbst? Das ergab keinen Sinn. Für einen Moment fragte sich Hermine, ob sie tot sei und eine außer-körperliche Erfahrung hätte. Sie hatte Berichte über solche Erlebnisse immer als Unsinn von sich gewiesen, aber vielleicht war ja doch etwas Wahres daran. Das Wiedererwachen ihrer Sinne jedoch widerlegte diesen Gedanken. Sie war defintiv körperlich; die Kühle an der Stelle, wo der Trank sie berührt hatte, bewies das.

Hermine schaute wieder nach unten und versuchte zu verstehen, wieso sie ihren eigenen Körper sehen konnte - ein Körper, der jetzt mit Schrecken in den Augen zu ihr hoch sah. Langsam, sehr langsam begann sie zu realisieren, was passiert war, als sie begriff, dass die Finger, die ihren Körper berührten, unter ihrer Kontrolle lagen. Jedoch waren das ganz sicher nicht die Hände, mit denen sie heute morgen aufgewacht war. Stark, langgliedrig und mit breiten Knöcheln. Das waren nicht ihre Hände. Es waren Snapes Hände. Sie hatte sie beim Aufbauen seiner Experimente oft genug beobachtet, um sie zu erkennen. Sie hatte Snapes Hände ... Nein, korrigierte sie sich. Sie hatte Snapes Körper.

"Ahh ..." Die Stimme war ganz falsch; sie hallte in ihr wider, eine Oktave tiefer, als sie erwartet hätte. Oh Gott, es war Snapes Körper. Ihr Verstand setzte aus, als sie versuchte, die Gedanken und Reaktionen, die sie durchliefen, zu ordnen. Um sie herum krochen die Schüler langsam unter den Tischen und hinter Stühlen hervor und starrten Hermine neugierig an - starrten beide an - nein, sie, ihn ... das war zuviel. Ein eindringliches Flüstern in einer ungewohnt vertrauten Stimme drang zu ihr vor. "Entlasse sie!"

Hermine blinzelte und wunderte sich, ob sie immer so schrill klang, bevor sie merkte, was sie - nein, er - verflucht, was auch immer. "Die Stunde ist beendet! Wenn einer von euch verletzt ist, soll er zur Krankenstation gehen!", versuchte Hermine zu bellen, da sie zumindest ein bisschen auf Snapes Autorität setzte und hoffte, dass sich niemand fragte, warum die Stimme ihres Zaubertränkemeisters plötzlich zitterte.

"P-Professor Snape, wollen Sie, dass ich bleibe und - " "Raus, Longbottom!", rief sie. Das ging schon leichter, und es hatte etwas sehr Befriedigendes, jemanden einfach so los werden zu können, ohne sich hinterher um deren verletzten Gefühle scheren zu müssen.

Der Raum leerte sich schnell, ein Strom schwarzer Umhänge und Taschen bahnte sich seinen Weg durch die Tür. Kurze Zeit später waren Hermine und Snape alleine im Klassenzimmer. Hermine sah Snape dabei zu, wie er - sie - sich aus dem Umhang schälte und einen Schritt zurück trat. Er sah auf und verschränkte die Arme über der Brust. Er sah etwas irritiert aus, als ihm klar wurde, dass dies nicht einfach mehr so einfach war wie vorher. Hermine verkniff sich ein Grinsen, als er seine Arme wieder herunterhängen ließ; sie war seltsamerweise auf einmal sehr erfreut darüber, dass all das hier für ihn genauso schwierig war wie für sie.

"Was zum Teufel hat dieser Idiot Longbottom getan?" Hermine fragte sich, ob ihre Stimme sich immer so anhörte - sie war sicher, dass sie tiefer sein müsste. Sie wandte ihre Gedanken davon ab und konzentrierte sich stattdessen auf das dringendere Problem: was war in dem Zaubertrank gewesen, als er über ihnen explodiert war, und wie konnten sie den Effekt rückgängig machen?

"Ich weiß nicht, Professor", antwortete sie und sah ihn blinzeln, als er seine eigene Stimme hörte, die ihn mit seinem Titel ansprach. "Haben sie irgendetwas, das dies rückgängig machen kann?"

Noch bevor sie die Frage zu Ende gestellt hatte, sah sie ihn, wie er seinen - ihren - verdammt, seinen Kopf schüttelte. "Da ich nicht weiß, was ´'dies'` ist, Miss Granger, habe ich keine Lösung für das Problem. Auf dem Regal, das Mr Longbottom so mühelos zum Einsturz gebracht hat, befanden sich über hundert Zutaten - es würde länger als unser beider Leben zusammen dauern, alle potenziellen Kombinationen zu testen, die er kreiert haben könnte. Diesen speziellen Effekt kenne ich nicht; der Fakt, dass Mr Longbottom anscheinend einen ganz neuen Trank erschaffen hat, obwohl er noch nicht einmal die einfachsten schon bekannten herstellen kann, ist dagegen ziemlich ironisch."

"Sie scheinen mit der Situation gut zurechtzukommen, Professor", sagte Hermine. Ihr Kommentar wurde von einem schnaubenden Lachen Snapes unterbrochen. "Den Kopf zu verlieren wäre nicht sinnvoll, Miss Granger. Ich kann Ihnen jedoch versichern, dass ich das nicht angenehmer als Sie finde. Es ist ... irritierend, gelinde gesagt. Ohne Zweifel werden wir beginnen, uns daran zu gewöhnen."

´'Irritierend'`. Das traf es wohl kaum, dachte Hermine. ´'Vollkommen verrückt'` passte besser. "Also...", Hermine zog das Wort in die Länge, als sie sich der Bedeutung des Ganzen bewusst wurde, "Sie meinen, wir werden so bleiben? Ich bin Sie, Sie sind ich und ... oh Gott, ich muss im Juni meine Abschlussprüfungen machen!"

"Glauben Sie mir, Miss Granger, ich habe keine Lust, bis nächsten Juni in Ihrem Körper zu bleiben - und sogar noch weniger, die Prüfungen noch einmal zu schreiben. Obwohl ich vermute, dass Sie eine exzellente Note in Zaubertränke bekommen würden." In diesem Moment wurde Hermine klar, dass Snape all das genauso schwierig fand, wie sie selbst - der zerstreute Tonfall seiner Stimme, als er vom Thema abgewichen war, bewies das zur Genüge. Es schien, als ob er vermeiden wollte, konkret über das Problem nachzudenken. Sie mussten jemand anderem ihr Problem vortragen - jemand, den das nicht direkt betraf.

"Dumbledore." Hermine fragte sich, ob sie laut gedacht hatte, bis sie begriff, dass, obwohl sie ihre eigene Stimme gehört hatte, Snape es gewesen war, der gesprochen hatte; er war offensichtlich zum selben Schluss gekommen.