MY MILEY

TELL YOUR FATHER TO STOP

Kapitel 06 – Dad, Don't Make Me

„Und? Was habt ihr jetzt vor?", Oliver setzte sich auf die Armlehne des Sofas und beobachtete sie ganz genau. Lilly und Miley hatten sich zusammen auf der Okenschen Couch zusammengerollt und starrten blind auf den Fernseher.

Lilly hatte eine Decke um sie gewickelt und ihr Kopf lag gemütlich auf Mileys. Sie hatten eine Nacht durch geschlafen und waren heute nicht zur Schule gegangen. Es war jetzt Montag und Lilly hatte keine Ahnung, wo sie als nächstes landen würden.

Bis jetzt hatte sich noch nichts ergeben.

„Keine Ahnung. Ich hatte eigentlich erwartet, dass uns irgendjemand vom Jugendamt kontaktiert. Aber na ja.", die Blondine zuckte mit den Schultern. Eigentlich war sie ganz froh, dass sich das Jugendamt bedeckt hielt. Sie wollte nicht von Miley getrennt werden.

„Hm... Na ja, Mom und Dad wissen auch nicht, was sie mit euch machen sollen. Ich meine, ihr könnt natürlich so lange hier bleiben, wie ihr mögt. Ihr gehört immerhin fast zur Familie... aber das hier ist ja sicher keine Dauerlösung.", der Junge packte die Fernbedienung und schaltete den Fernseher ab. Lilly beklagte sich nicht.

„Ich könnte mir einen Job neben der Schule nehmen, dann können Miley und ich uns ein Apartment irgendwo nehmen.", Miley hatte während der Konversation nicht gesprochen. Sie schlummerte an Lillys Seite und machte nicht die leisesten Anstalten, sich in nächster Zeit zu bewegen.

„Ich weiß nicht. Dann müsstest du schon einen ziemlich gut bezahlten Job haben oder gleich mehrere annehmen und das wäre nicht gut für dich. Du kannst dich ja nicht totarbeiten.", auch wenn Lilly nichts dagegen hätte, für eine gemeinsame Wohnung zu arbeiten.

„Lilly, Schatz. Weiß dein Vater eigentlich schon, was hier vor sich gegangen ist?", Lilly sah auf, als Mrs. Oken das Zimmer betrat. Sie trug eine Schürze. Der Geruch frischer Weihnachtskekse schwebte zusammen mit ihr ins Zimmer.

„Nein, ich hab ihn nicht angerufen. Wir sind nicht unbedingt im Guten auseinander gegangen, wenn man das so nennen kann.", er hatte Lilly mit sich nehmen wollen nach England, aber sie hatte sich für Miley entschieden. Das hatte er nicht verkraftet.

„Du solltest ihn anrufen, immerhin ist er dein Vater. Er wird das schon verstehen.", Mrs. Oken strich liebevoll über Lillys Haare und sah freundlich auf sie herab. Sie hatte Lilly immer schon wie eine Tochter behandelt, auch als ihre Mutter noch gelebt hatte.

„Vielleicht haben Sie Recht, ich sollte es ihm vielleicht sagen.", sie fühlte sich unwohl bei dem Gedanken, ihm davon zu erzählen. Sie präsentierte ihm quasi die Bestätigung, dass er Recht gehabt hatte und dass hier zu bleiben eine dumme Idee gewesen war.

„Oliver, kommst mit? Jemand muss auf die Kekse aufpassen, während ich neue ausrolle.", der Brünette nickte, lächelte Lilly zu und folgte seiner Mutter zurück in die Küche. Lilly starrte den schwarzen Bildschirm des Fernsehers an.

Ihr Vater also? Sie hatte ihn gleich verworfen, weil er sie das letzte Mal so klar und deutlich abgewiesen hatte. Würde er verstehen? Und was würde das für ihr Leben bedeuten? Und für Mileys? Miley hatte niemanden mehr, auf den sie wirklich zählen konnte.

Und Lilly machte sich keine Illusionen. Sobald das Jugendamt Miley in seine Finger bekam, würden sie sie entweder in ein Waisenhaus oder in eine Pflegefamilie stecken. Und das wollte Lilly auf keinen Fall. Das würde sie verhindern.

Da würde sie eher 12 Stunden am Tag schuften.

„Alles okay bei dir? Du bist so angespannt.", Mileys schläfrige Stimme holte sie aus ihren Gedanken.

„Ich hab nur nachgedacht, keine große Sache.", sie küsste die Schläfe der Brünetten und zog ihren Geruch durch die Nasenlöcher ein. Nein, das würde ihr das Jugendamt nicht wegnehmen. Sie hatte schon zu viel in ihrem Leben verloren.

„Bist du sicher? Fühlst du dich vielleicht wegen gestern noch schlecht? Schwindelig? Die Ärzte haben gesagt, dass das passieren könnte.", die Ärzte hatten viel gesagt. Sie hatten Lilly geraten, eine Nacht zur Beobachtung da zu bleiben. Aber Lilly hatte keine Zeit für so etwas.

„Mir geht es gut. Wirklich. Mach dir keine Gedanken, Babe.", und damit griff Lilly wieder nach der Fernbedienung und schaltete zurück auf den Sender, den sie vorher gesehen hatten. Ein Rentier mit einer roten Nase hüpfte über den Bildschirm.

•◘○

Eine Woche später hatte Lilly immer noch keine Ahnung, was sie machen sollte. Sie und Miley blieben bei den Okens, obwohl sie sich Klamotten aus Mileys Haus besorgt hatten. Es war schwierig für Miley, wieder dorthin zurück zu gehen, aber es musste sein.

Sie waren auch wieder zur Schule gegangen und Lilly hatte sich – trotz Olivers Abraten – nach einem lukrativen Job umgesehen. Sie konnten ja nicht ewig bei Familie Oken wohnen bleiben. Es war nicht richtig, ihnen so auf der Tasche zu liegen.

Mr. Stewart war immer noch in Haft, sein Gerichtstermin nicht einmal ganz zwei Monate entfernt. Natürlich war Miley eine der Zeuginnen in diesem Fall. So ziemlich die einzige, da Jackson es nicht geschafft hatte. Die Brünette fürchtete sich vor diesem Termin, auch wenn sie es Lilly gegenüber nie zugegeben hätte. Aber es war richtig, also beklagte sie sich nicht.

Es war Montag Nachmittag. Lilly, Oliver und Miley saßen zu dritt in Olivers Zimmer und machten ihre Hausaufgaben. Lilly schrieb einen Aufsatz in Englisch, Oliver fertigte die Geschichtshausaufgabe an und Miley löste ein paar mathematische Funktionen.

Es war ja so viel einfacher, die Hausaufgaben zu kopieren, wenn man im selben Haus wohnte. Zumindest das hatte Lilly zu schätzen gelernt. Und sie war glücklich, so nah bei ihrem besten Freund zu sein. Oliver war ein hervorragender Gastgeber.

Er hatte sein Lager im Zimmer seines kleinen Bruders aufgeschlagen.

Ein Klopfen an der Tür ließ sie allesamt hoch sehen.

„Lilly? Hier ist jemand, der dich sprechen möchte.", Mr. Okens Stimme klang durch das Holz und die drei Freunde wechselten besorgte Blicke.

„Ich bin gleich unten, Mr. O.", sie hörte seine Antwort und erhob sich langsam. Der englische Aufsatz lag vergessen auf Olivers Schreibtisch, als sie ihre Hose glatt strich und sich fragend an ihren besten Freund wandte, der nur mit dem Schultern zuckte. „Erwarten wir denn jemanden?"

„Nein, nein ich glaube nicht.", Miley schüttelte den Kopf.

„Okay... Ich schätze, ich bin gleich wieder da.", sie hatte keine Ahnung, was sie unten im Wohnzimmer der Okens erwartete. Sie küsste Mileys Stirn, bevor sie durch die Tür verschwand und die Treppe hinunter stapfte. Wer war hier, um sie zu sehen?

Am Fuß der Treppe blieb sie stocksteif stehen.

„Hi, Lilly.", sein strahlend weißes Lächeln und sein blondes Haar dem ihren so ähnlich, stand er da in seinem Anzug und den polierten Schuhen. Er war wirklich der letzte, den sie hier erwartet hätte. „Na, willst du deinen Vater nicht umarmen?"

Seine Arme ausgebreitet, kam er langsam auf sie zu. „Dad? Was machst du denn hier?", sie war unfähig, sich gegen die Umarmung zu wehren, in die ihr Vater sie verwickelt hatte. Sie hatte ihn nicht angerufen, sie hatte seit Monaten kein Wort mit ihm gewechselt.

„Nancy hat mich angerufen...", er drückte sie nur noch fester und fuhr mit seinen Haaren durch ihre blonden Haare. „Ich hab dich vermisst, Lilly. Du hättest dich ruhig bei mir melden können." Vielleicht hätte sie ihn wirklich anrufen sollen.

Ihr Blick wanderte zu Mrs. Oken.

„Ich wusste nicht, ob es dich stören würde.", sie machte sich von ihm los und steckte nervös ihre Hände in die Taschen ihrer Jeans. Ihr Vater sah besser und glücklicher aus denn je. „Und außerdem hätte ich dich angerufen... irgendwann."

„Du hättest dich sofort bei mir melden sollen. Das mit Robbie Ray ist wirklich furchtbar.", er legte eine Hand auf ihre Schulter und bedeutete ihr leise, ihm in die Küche zu folgen. Sie gehorchte sofort. Ihr Vater sendete Autorität aus. Er war zwar nur ein Buchhalter, aber er kannte eine Menge wichtige Leute.

„Es ist schlimmer für Miley, als für mich. Immerhin hat sie jetzt nicht nur ihre Mutter, sondern auch noch Jackson verloren. Und ihren Dad...", sie setzten sich still an den Küchentisch. Gegenüber voneinander und Lilly sah das Lächeln auf seinem Gesicht erblassen.

„Ich kann mir vorstellen, wie sie sich fühlen muss. Das hat wirklich niemand verdient. Robbie Ray hätte nicht so reagieren sollen. Es tut mir Leid, dass ich nicht für dich da war.", ihr Vater und sie hatten nie eine besonders gefühlvolle Beziehung gehabt. Er war ihr Vater und sie war seine Tochter. Das war alles. Natürlich liebten sie einander, aber sie redeten nicht über ihre Gefühle.

Für gewöhnlich. Aber es hatte sich einiges geändert, seit sie sich das letzte Mal gesehen hatten.

„Es tut mir Leid, dass ich nicht mit dir nach England kommen wollte. Ich konnte Miley nicht einfach allein lassen...", sie wusste nicht, ob ihr Vater wusste, dass sie und Miley ein Paar waren. Hatte Mrs. Oken ihm auch dies erzählt?

Ihr Vater bemerkte ihr Unbehagen sofort.

„Ist schon in Ordnung, Lilly. Ich bin doch nicht blind. Ich weiß, wie du Miley ansiehst.", er streckte seine Hand aus und drückte ihre Finger. „Und ich werde ganz sicher nicht so wie Robbie Ray reagieren. Du bist meine Tochter, ich werde dich immer unterstützen." Noch vor ein paar Monaten hätte Lilly ihm das nicht geglaubt. Aber jetzt, wo er sie so eindringlich ansah... konnte sie einfach nicht anders, als ihm zu vertrauen.

„Danke... Miley bedeutet mir wirklich sehr viel und ich hasse es, sie so zu sehen. Ich weiß wirklich nicht, wie es weitergehen soll. Ich kann nicht für sie sorgen, ich kann nicht einmal richtig für sie da sein... Ich weiß nicht, was ich noch tun soll.", sie wollte Miley eine Wohnung bieten können, ein Zuhause. Ohne sich dabei auf andere verlassen zu müssen.

„Lilly, du bist 17. Du musst noch nicht alleine für dich und deine Freundin aufkommen. Du gehst noch zur Schule und brauchst einen guten Abschluss, bevor du ans Arbeiten denken kannst. Und ich meine einen Vollzeitjob.", er lächelte traurig.

„Ich weiß... aber wir können doch nicht ewig den Okens auf der Tasche liegen. Das wäre nicht richtig.", wieso war ihr Vater hier? Warum war er gekommen? Was versprach er sich davon? Sicher, es war nett ihn mal wiederzusehen und mit ihm zu sprechen. Und Lilly war mehr als froh, dass er sie akzeptierte. Aber trotzdem wusste sie nicht, worauf er hinaus wollte. „Was willst du hier, Dad?"

Er schwieg für einige Minuten, dann setzte er sich etwas gerader hin.

„Ich will, dass du mit mir nach England kommst. Du kannst nicht alleine hier bleiben, du bist viel zu jung. Das Jugendamt wird sich um Miley kümmern und ihr könnt euch sicherlich sehen. Ich bezahle sogar deine Flüge hierher, wenn es sein muss. Nur ich lasse dich nicht noch einmal hier zurück. Ich wusste ja, dass nichts gutes dabei herauskommen würd-."

„Ich werde Miley nicht verlassen. Ich werde sie hier mit ihren Schmerzen und ihren Gefühlen nicht alleine lassen. Ich habe mir geschworen, dass ich sie beschütze und das kann ich nicht, wenn ich am anderen Ende der Welt lebe!", ihre Stimme hatte sich immer weiter gesteigert und jetzt stand sie aufrecht und starrte ihren Vater in Grund und Boden.

„Sprich nicht so mit mir, junges Fräulein.", Tobias Landon Truscott erhob sich autoritär, aber Lilly bewegte sich nicht von ihm weg oder setzte sich. Schon gar nicht jetzt, wo er Lilly so sehr an Mr. Stewart erinnerte, als er Miley angeschrien hatte.

„Dad, ich respektiere dich und deine Wünsche und ich will nichts lieber, als dass wir miteinander reden und lachen können. Aber meine Gefühle für Miley sind das wichtigste in meinem Leben und ich werde sie in dieser schweren Stunde nicht allein lassen.", ihre Stimme war ganz ruhig. Sie wollte seine Autorität als Erwachsener und ihr Vater nicht untergraben.

Aber sie würde sich ihm auch nicht beugen.

„Lillian, du bist nicht alt genug, um bereits solch schwere Entscheidungen zu treffen. England wäre gut für dich. Ich bin dein Vater.", das musste er ihr nicht zwei Mal sagen. Es war so offensichtlich wie sonst kaum etwas. Denn Lilly hatte nicht nur das gute Aussehen ihres Vaters geerbt. Sie hatte auch seine Sturheit.

„Ich werde nicht ohne Miley gehen.", sie ballte ihre Hände zu Fäusten und musste alle Kraft aufbringen, um ihn nicht anzuschreien oder Dinge nach ihm zu werfen. Sie war ein Teenager, aber sie durfte sich im Moment nicht wie einer benehmen.

Sie musste den Respekt ihres Vaters gewinnen. Dann würde er sie vielleicht endlich wie eine Gleichgestellte behandeln und nicht wie ein Kind, was keine Ahnung hatte und was man führen und leiten musste. Nicht mit ihr.

„Ich erwarte, dass du bis nächsten Samstag alles fertig gepackt hast. Solltest du das nicht getan haben, werde ich dich eigenhändig von hier entfernen lassen und dich ohne Gepäck in den Flieger setzen. Ob du willst oder nicht, Lillian. Du wirst mich nach England begleiten.", Lilly konnte nicht mehr.

„Ich respektiere und verstehe deine Gefühle und ich verstehe auch deinen Standpunkt, aber das bedeutet nicht, dass dein Verhalten nicht absolut kindisch ist. Gäbe es einen Weg für mich, das alles zu ändern, glaub mir, ich würde ihn gehen.", und damit erhob er sich, klopfte Lilly schnell auf die Schulter und verschwand aus der Haustür.

Sie sank langsam auf den Stuhl zurück, das Gesicht in den Händen. Ihr Vater würde noch alles zerstören. Vielleicht konnte sie Miley ja dazu überreden, mit ihr durch zu brennen. Sie könnten nach Vegas runter fahren und sich dort ein Zimmer mieten.

„Gott verdammt, Dad. Wieso musst du nur alles kompliziert machen?!", mit einem leisen Geräusch schlug ihre Stirn auf die Tischplatte und sie atmete den Duft des Holzaromas ein. Sie musste unbedingt einen Ausweg finden.

Wie sollte sie Miley das nur erklären?

•◘○

„Hey... was ist los?", Miley sah von ihren Schularbeiten auf, als sie Lilly das Zimmer betreten hörte. Die Blondine blickte auf den Boden, ihre Augen waren schwer, ihr Gang melancholisch und langsam. Miley mochte diesen Anblick kein bisschen. „Ist alles okay bei dir? Wer war denn da unten?"

Lilly hob ihren Kopf gerade rechtzeitig, um Miley auf sich zugehen zu sehen. Sie schloss ihre zitternden Arme um Mileys Rücken und hielt sie ganz fest, ganz nah. Miley war wichtig. Miley war alles und ihr Vater wollte ihr das alles nehmen.

„Ollie, kannst du uns vielleicht eine Minute geben?", der Brünette erhob sich sofort und nickte selbstverständlich, drückte Lillys Schulter und verschwand dann schnell aus dem Zimmer. Lilly vergrub ihr Gesicht in Mileys Nacken.

„Hey, hey... Was ist denn los mit dir? Was war da unten denn los?", Lillys Rücken zitterte und ihre Hände krallten sich in Mileys Sweatshirt. Miley wusste nicht, was sie machen sollte. Was war denn los mit Lilly und wieso benahm sie sich auf einmal so komisch?

„Dad will, dass ich mit ihm nach England komme.", die Worte ließen Mileys gesamten Körper erstarren. England... „Ich hab ihm gesagt, dass ich nicht will, aber er will einfach nicht auf mich hören." Mileys Gesicht in ihre Hände nehmend, blickte Lilly Miley eindringlich ins Gesicht. „Ich liebe dich, Miley. Ich will dich nicht allein lassen."

„Dein Vater... war hier?", Lilly nickte nur knapp. „Er kann dich mir nicht wegnehmen. Ich kann ohne dich nicht leben, Lilly." Nein, das durfte nicht das Ende sein. Sie hatten so viel füreinander durchgemacht und jetzt wollte Mr. Truscott sie ganz einfach trennen? Nein, das konnte er nicht tun.

„Ich will dich nicht verlassen, Miles. Ich will hier bei dir bleiben, eine Wohnung mit dir nehmen, zusammen mit dir aufs College gehen. Aber wenn Dad mich wirklich hier weg haben will, dann wird er Mittel und Wege finden und ich will nicht, dass du darüber noch mehr verletzt wirst.", es brach ihr das Herz, diese Worte auszusprechen. „Vielleicht ist es das Beste... wenn ich einfach gehe."

Mileys Lippen bebten bedrohlich.

„Du kannst nicht gehen... Du darfst nicht gehen... Wie kannst du das überhaupt als Möglichkeit in Erwägung ziehen?", Tränen schossen in ihre Augen, vernebelten ihr die Sicht und die Sinne. Lillys Gesicht verschwamm vor ihr. „Ich dachte, wir wollten immer zusammen bleiben."

„Ich hab mir das nicht ausgesucht, Miley. Ich liebe dich. Mehr als alles andere, aber Dad wird nicht locker lassen, bis ich endlich da bin, wo er mich haben will. Er will mich nicht von dir trennen, er will ganz einfach... dass ich wieder bei ihm wohne.", sie blinzelte schnell, um die eigenen Tränen unter Kontrolle zu behalten. Es genügte schon, wenn einer von ihnen völlig zusammen brach.

„Aber er hat dich nicht verdient, Lilly! Er hat es nicht verdient, dass du bei ihm wohnst, dass er Zeit mit dir verbringen darf! Er hat sich ein halbes Jahr nicht bei dir gemeldet! Was für ein Vater tut denn so etwas?!", ihre beiden Väter waren alles andere als perfekt. Und Lilly wusste das.

Trotzdem änderte es nichts an der Tatsache, dass sie ihre Väter waren und dass Lilly sich nicht gegen ihren wehren konnte. „Ich weiß, Miles. Ich weiß.", sie presste ihre Stirn gegen Mileys, verschloss ihre Augen vor dem Schmerz, der in den blauen Untiefen schwamm.

„Ich hab doch niemanden mehr außer dich, Lilly.", sie waren ganz allein auf der Welt.

„Ich werde so oft es geht kommen, ich werde an den Wochenenden einfliegen, wenn es sein muss. Und wir werden die Ferien miteinander verbringen und die Feiertage. Und ich werde dir schreiben und ich werde Videos drehen, was auch immer. Nur, damit du dich nicht einsam fühlst. Und ich werde jede Minute meines Daseins an dich denken.", die Tränen hatten Mileys Wangen rot gefärbt.

„Ich kann nicht auf dich verzichten. Und ich kann dich nicht nur an den Wochenenden sehen. Ich will mit dir aufwachen und das jeden Tag der Woche und ich will mit dir einschlafen, weil ich ohne dein leises Schnarchen nicht mehr ruhig schlafen kann.", ihr Kopf rammte sich verzweifelt unter Lillys Kinn und sie krallte ihre Hände fest in Lillys T-Shirt, hielt sie fest an Ort und Stelle.

„Ich werde dich so sehr vermissen. So sehr.", ihre Arme schlangen sich noch fester um Mileys Körper, hielt sie beinahe näher als menschlich möglich und wünschte sich dabei nichts mehr, als dass ihr Vater seinen Fehler einsehen und sie hier lassen würde. Sie betete und betete.

Aber nichts geschah.

•◘○

Donnerstag Nachmittag. Lilly starrte ihre Sachen an, die sie in ihren Koffer gestopft hatte und die an allen Ecken und Enden heraus stachen. Sie wollte nicht vollkommen unvorbereitet auf England treffen. Sie traute den Shops dort nicht, die Klamotten zu haben, die sie wollte.

Miley saß neben ihr auf ihrem Bett. Sie waren wieder auf der Stewart-Farm. Miley war die letzten Tage über besonders still gewesen. Sie hatte nicht viel gegessen, schlief schlecht und hatte Alpträume. Und Lilly gab sich selbst die Schuld dafür.

Sie würde Jacksons Beerdigung am Sonntag verpassen.

„Meinst du, das reicht?", sie würde den Rest nach fliegen lassen. Irgendwann, wenn es nicht mehr so weh tat, von Miley getrennt zu sein. Wenn sie einen Teil ihrer Sachen hier ließ, bei ihr, dann schien es ihr eher so, als machte sie einen kleinen Urlaub.

„Ich weiß nicht... Ich denke schon.", Miley starrte ihre Hände an.

„Miles, wir sehen uns schneller wieder, als du denkst.", sie hatte nicht vor, sonderlich lange in England zu bleiben, bevor sie wieder zurück zu ihrer Liebe kam und sie in ihre Arme schließen konnte. Sie hatten immer noch nicht miteinander geschlafen.

„Du solltest gar nicht erst gehen... dann müssten wir uns gar nicht erst wiedersehen.", Tobias Landon hatte sich nicht nochmal bei ihrer gemeldet. Sicherlich würde er Samstag morgen pünktlich auf der Türschwelle der Okens stehen, um sie abzuholen.

Lilly seufzte leise in sich hinein.

„Miles, darüber haben wir gesprochen, ich habe keine Wahl. Dad wird mich sonst garantiert von der Polizei zum Flughafen bringen lassen, wenn ich ihm nicht entgegen komme.", sie war nicht genervt von Mileys mieser Laune. Im Gegenteil, sie teilte sie sogar.

„Komm her...", auf die freie Stelle Bett neben sich klopfend, bedeutete Miley Lilly sich zu ihr zu setzen. Und die Blondine gehorchte. Sie nahm Mileys Hand in ihre und bedachte sie mit einem besorgten Blick. „Ich liebe dich, Lilly und ich will, dass du das Wichtigste bekommst, was ich dir geben kann."

„Ich versteh nicht ganz.", Miley war mehr als nervös. Sie wusste, dass sie das Richtige tat. Lilly war die einzige, die sie sich in dieser Position wünschen und vorstellen konnte. Niemand sonst sollte sie je so berühren. Und niemand sonst sollte ihr je so nahe kommen.

„Schlaf mit mir, Lilly.", sie löste ihre Hand aus Lillys und legte beide auf die Wangen einer geschockt wirkenden Blondine. „Bevor du gehst, möchte ich es dir schenken. Ich will das du mich liebst, wie du noch nie jemanden geliebt hast." Und sie hoffte inständig, dass Lilly nie eine andere Frau so sehr lieben würde, wie sie selbst.

Lillys Blick wurde schwer, als sie sich nach vorn lehnte und Mileys Mund in einem liebevollen, sinnlichen Kuss fing. Sie würde dafür sorgen, dass Miley diesen Nachmittag niemals vergaß. Ihre Hände zitterten, als sie sich zaghaft an Mileys Bluse zu schaffen machte.

Ihre Lippen bewegten sich lustvoll gegeneinander, ihre Augen fest geschlossen, ihre Gesichter von der Aufregung leicht gerötet. Wie lange hatte Lilly auf diesen Moment gewartet? Liebe zu machen mit dem einen Mädchen, was sie über sieben Jahre lang geliebt hatte. Sieben Jahre... und jetzt sollte es alles zu Ende gehen.

Es war richtig gewesen, auf sie zu warten, auf sie zu hoffen. Denn als Lilly sich Miley völlig hingab und ihr Herz über ihrer Liebe eins wurde, bereute sie nicht eine Sekunde, die sie mit ihr verbracht hatte. Und sie bereute nicht einmal...

Dass sie dafür alles aufgeben würde.

•◘○

Ihr Gepäck war schon eingecheckt. Alles, was sie noch hatte, war ihr Handgepäck und eine Brünette, die sich fest an ihren Arm klammerte und die sie offenbar nie wieder los lassen wollte. Lilly konnte es ihr nicht verdenken.

Sie waren allein in der Masse von Menschen. Ihr Vater hatte einen früheren Flug genommen und jetzt lag es nur noch an Lilly. Die zwei durchquerten die Halle und setzten sich auf eine der Bänke, hielten einander und waren sich ganz nah.

Miley legte ihren Kopf auf Lillys Schulter.

„Ich bin schneller wieder da, als du England sagen kannst. Glaub mir, Miles. Ich bin schon nächstes Wochenende wieder bei dir.", sie hatte sich entschlossen. Sie würde das Angebot ihres Vaters annehmen und jedes Wochenende runter fliegen. So oft sie konnte.

„Es wird schwer ohne dich...", sie hatten sich dazu entschlossen, dass Miley erst einmal bei den Okens wohnen bleiben würde. Sie konnte ein Zimmer im Keller haben, was mehr als komfortabel war und in dem sie erst einmal unter kommen konnte, bis sie alt genug war, um sich eine eigene Wohnung zu nehmen. „Ich liebe dich."

„Und ich liebe dich. Und sobald ich 18 bin, komme ich wieder hierher. Das ist doch schon in einem halben Jahr. Mit 18 ist man dort schon volljährig und dann kann Dad mich nicht mehr festhalten. Dann nehm ich mir einen Job und wir ziehen zusammen. Dann müssen wir nie wieder aufeinander verzichten.", das alles fühlte sich so wunderbar in ihrem Kopf an.

Sie wünschte sich nur, dass sie nicht so lang darauf warten musste. Ein halbes Jahr war eine so verdammt lange Zeit. Sie wusste nicht, wie sie so lange ohne Miley an ihrer Seite überstehen sollte. „Zu meinem 18. Geburtstag bin ich wieder hier. Ganz egal, was Dad dazu zu sagen hat."

„Mach nichts Dummes, während du weg bist, klar? Und vergiss mich bitte nicht über all den englischen Schönheiten.", Lillys Oberschenkel zitterte, als Miley sanft mit ihrer Hand darüber strich. Sie hatten seit Donnerstag noch fünf weitere Male miteinander geschlafen.

Und Lilly wusste nicht, wie sie jemals ein anderes Mädchen attraktiv finden könnte.

„Ich will mit niemandem außer dir zusammen sein, Miles. Was soll ich denn mit einer Engländerin, wenn ich auch dich haben kann? Du übertriffst jedes Mädchen auf der ganzen Welt.", sie teilten einen kleinen Kuss, wurden aber durch die Durchsage unterbrochen. Lillys Flug wurde ausgerufen. Terminal 2 nach England, Europa.

„Du wirst sie dort alle umhauen. So jemanden wie dich haben die Europäer noch nie gesehen. Mach sie fertig, Tiger.", ihre Schritte waren unnatürlich langsam, während sie sich dem Gate näherten, an dem Lilly verschwinden würde.

„Bis nächsten Samstag. Und mach dir keine Sorgen. Es wird sich nichts ändern. Ich werde mich nicht ändern. Ich bleibe immer deine beste Freundin. Und du bist in Olivers Händen gut aufgehoben. Er soll bloß aufpassen, dass dich niemand angräbt, während ich dich nicht beschützen kann.", der Gedanke hatte einen bitteren Beigeschmack.

„Ich werde auf dich warten.", Miley lehnte sich vor, schlang ihre Arme um Lillys Nacken und presste ihre Lippen in einem letzten, verzweifelten Kuss zusammen. Lilly stellte ihre Tasche auf dem Boden ab und legte ihre Hände auf Mileys Hüften. Es war ihnen egal, ob sie jetzt jemand sah.

Erst die zweite Durchsage von Lillys Flug ließ sie sich endlich wieder trennen.

Mileys Augen schwammen in Tränen.

„Ich liebe dich so sehr. Wir sehen uns in einer Woche. Wir telefonieren und ich habe meinen Laptop und meine Webcam. Ich werde dich nicht allein lassen, Miles. Niemals.", und damit ließ Lilly Mileys los, drückte einen Kuss auf ihre Handknöchel, drehte sich um und ging zum Schalter, um ihre Karte prüfen zu lassen. Nur noch ein paar Schritte.

Bevor sie um die Ecke verschwand, zurrte sie die Tasche über ihrer Schulter etwas fester und drehte sich noch einmal um. Da stand Miley in ihrer ausgeblichenen Jeans und Lillys brauner Lederjacke. Sie hatte sie ihr hier gelassen.

Und bevor sie ganz alleine einen neuen Teil ihres Lebens beschritt, wenn auch nur für 6 Monate, hob sie ihre Hand und lächelte sanft. Und als sie sich abwandte und Miley nicht mehr sehen konnte, schossen endlich Tränen in ihre Augen.

Die Tränen, die sie Miley nicht hatte zeigen können.