Scarlett folgte diesem geheimnisvollen Mann. Sie kannte ihn nicht und trotzdem ließ sie sich von ihm Heim bringen. Vielleicht dachte sie nach den Ereignissen der letzten halben Stunde kann nichts Schlimmeres mehr kommen.

So gingen sie eine Weile schweigend nebeneinander her. Sie hatten keine Eile, aber sie trödelten auch nicht. Schließlich ergriff Scarlett das Wort: „Er ist kein Monster, oder?" „Nein, bei Leibe nicht." Antworte Silas in einem verständnisvollen Tonfall, „ Er ist nur ein Mensch, genauso wie du. Aber Menschen tun manchmal ungeheure Dinge." Scarlett nickte nachdenklich. „Ist der SLEER ein Monster?" „aus menschlicher Sicht – vielleicht." Wieder schwiegen beide für einen Moment.

Silas merkte wie durcheinander das Mädchen war. Er erinnerte sich an die kleine Scarlett zurück. Die kleine Scarlett und der kleine Bod, wie sie zwischen den Gräbern fangen spielten. Das jauchzende, quirlige Leben inmitten der Toten. Ein wenig sehnsüchtig hatte er den beiden immer in der Dämmerung zugeschaut. Als Bod ihm zum ersten Mal von Scarlett erzählte, wollte er ihm eigentlich den Kontakt verbieten – zu gefährlich. Bod zu beschützen war schon schwierig genug. Wie sollte er noch zusätzlich ein kleines Mädchen beschützen, das nicht zum Friedhof gehörte? Aber er war klug genug um den Kontakt zu erlauben, denn Kinder brauchen auch andere – lebende – Kinder.

Sie war eine Traumwandlerin. Vielleicht hat sie sich diese Fähigkeit durch das Spiel mit Bod angeeignet, aber genau konnte er es nicht sagen. Dafür wusste er zu wenig von den Lebenden.

Er hielt an einer Bank an und deutete Scarlett, sich zu setzen.

„Nach dieser Nacht kann es sein, dass du dich weder an mich, noch an Bod und die Geschehnisse des Abends erinnerst. Du könntest lediglich ein Gefühl der Zufriedenheit oder der inneren Unruhe und Besorgnis davon tragen." Eröffnete er das Gespräch. Scarlett blickte zu ihm auf. Wie konnte er das gemeint haben? Dieser Mann war unheimlich. Sie hatte das Gefühl als schaute ihr jemand tief in die Seele. „Wer sind Sie eigentlich?" Silas schaute sie ausdruckslos an: „Ich bin Bods Vormund. Aber nicht mehr lange. Bald wird er erwachsen sein und dann auf sich selbst aufpassen." Und mit einem merkwürdigen Unterton setzte er nach: „Dann wird er entscheiden, welche Kontakte gut oder schlecht für ihn sind"

Scarlett dachte lange über diesen Satz nach. Ein unerwarteter Schmerz durchzuckte sie. „Ich will nicht wieder Jahre auf ihn warten müssen um ihn dann wieder zu verlieren" Sie kämpfte mit den Tränen. Die Welt drückte schwer auf ihre Schultern. Er hatte ihr das Leben gerettet und sie hatte ihn in Gefahr gebracht. Schuld und Ärger über ihre Naivität quälten sie. Nun ließ sie die Tränen laufen.

Wieder blickte sie hoch zu Silas. Sein Gesicht kam ihr in diesem Moment unendlich gütig vor. „Ich brauche Zeit und Bod wird auch seine Zeit brauchen. Bitte geben Sie gut auf ihn Acht, so lange sie können!" „Das werde ich" antwortete Silas. Dann gingen sie weiter.

Es folgte ein langes Gespräch am Küchentisch ihrer Mutter. Keiner bemerkte, dass Silas unangetasteter Tee kalt wurde. Beim Abschied reichte er zunächst ihrer Mutter die Hand, die daraufhin müde gähnte und schnell in der Küche noch aufräumen wollte. Dann reichte er Scarlett seine kalte Hand und flüsterte:" es gibt immer einen Ausweg in den Träumen".