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A/N: Da ist sie also. Die richtige Sequel zu Blickwinkel (und Kaltes Herz).

Und zumindest Kaltes Herz und das dortige „Alternative Ende" sollte man wohl gelesen haben um hier den Anschluss zu finden.

Tja und nun habe ich also doch genau das Ende benutzt das eigentlich niemandem gefallen hatte. Daher wollte ich es zuerst auch gar nicht hier hochladen. Weil ich zur Zeit aber doch sehr viel zu tun habe und nicht wirklich zum Schreiben komme, werde ich wohl erstmal das hochladen, was ich inzwischen schon zu dieser Geschichte geschrieben habe, bis ich mich wieder meinen anderen Projekten widmen kann.

Die positive Seite des ganzen ist, dass ich jetzt schon versprechen kann, dass zumindest in der ersten Zeit regelmäßig einmal im Monat Updates erfolgen werden, da ja alles schon ein ganzes Stück weit fertig ist.


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Vom Suchen und Finden

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Ich bin mir nicht sicher ab welchem Punkt ich das Bewusstsein verloren habe. Ich weiß nur, dass ich irgendwann von allein wieder erwache. Ich liege immer noch im selben Raum am Boden. Immer noch bereitet jede kleine Bewegung mit Schmerzen und ich bin nach wie vor ohne meine Kleider. Ob Lenwe vorhat mich nackt herum laufen zu lassen? Ich würde es ihm durchaus zutrauen. Wenn ich Glück habe, werde ich dann vielleicht irgendwann krank und sterbe, denke ich zynisch.

Jeder Atemzug erinnert mich mit einem neuerlichen Stechen an die Stelle wo meine Rippen gebrochen sind und so lasse ich lediglich meine Augen wandern. Besser gesagt ein Auge. Das andere ist größtenteils zugeschwollen. An meiner einen Hand stehen zwei Finger in einem äußerst unnatürlichen Winkel ab. Zum Glück spüre ich davon nichts, weil mein ganzer Arm so unter mir verdreht liegt, dass er inzwischen eingeschlafen ist. Das Wappen Lord Akhreals, das nach wie vor an meinem Handgelenk prangt, bildet in seiner kompromisslosen Schwärze einen scharfen Kontrast zu meiner hellen Haut. Was wohl passieren wird wenn er mich zu sich ruft und ich nicht erscheine? Ich versuche für eine Weile mir seine Reaktion vorzustellen, beschließe jedoch bald, dass mich sein Verhalten für den Moment nicht interessiert. Schlechter kann meine Situation kaum noch werden. Vor allem mein zunehmender Durst beginnt mich langsam wirklich zu plagen. Ich frage mich müßig ob er irgendwann schlimmer werden könnte als meine restlichen Schmerzen.

Als ich wieder leise Schritte höre, die sich langsam nähern, bin ich für einen Moment versucht einfach die Augen zu schließen und anhaltende Ohnmacht vorzuspielen. Andererseits wird Lenwe mich in diesem Fall wahrscheinlich auf eine möglichst unangenehme Weise wecken. Mit einem vagen Anflug von Bedauern verdränge ich den Impuls und verfolge stattdessen mit meinem einen Auge den Weg seiner Stiefel, bis sie schließlich neben meinem Kopf stehen. Mehr kann ich in dieser Position nicht von ihm erkennen und ich will verdammt sein, wenn ich irgendeine Bewegung mache bevor es unbedingt sein muss.

„So", bemerkt Lenwe geradezu fröhlich, „bist du also endlich aufgewacht."

Erwartet er jetzt eine Antwort? Scheinbar schon, denn als ich nicht reagiere stößt er mit einem Fuß meine gebrochenen Finger an. Dankbar, dass ich von dem resultierenden Schmerz nicht allzu viel mitbekomme, bemühe ich mich dennoch ein schnelles: „Ja, Herr!" herauszukeuchen, bevor er diese Behandlung an anderen Stellen meines Körpers fortsetzen kann.

„Gut", befindet Lenwe. „Ich denke es ist an der Zeit dass wir uns ein wenig unterhalten."

Will er jetzt etwa anfangen mir irgendwelche Regeln zu unterbreiten? Nun ja wahrscheinlich sollte ich in dem Fall dankbar sein, dass er mir überhaupt welche gibt. Nichts ist so frustrierend, wie ein Herr der erwartet, dass ihm jeder Wunsch ohne weitere Anhaltspunkte buchstäblich von den Augen abgelesen wird. Misstrauisch beobachte ich, wie er sich neben mir im Schneidersitz niederlässt um zunächst einmal auf mich herab zu starren. Er hat etwas von einer Statue in diesem Moment. Züge so emotionslos und unbewegt, als wären sie aus Stein gemeißelt.

„Kannst du mich verstehen?" will der blonde Elf neben mir als nächstes wissen.

„Ja, Herr", flüstere ich angestrengt. Ich mag ja Schmerzen haben, aber meine Ohren funktionieren noch einwandfrei. Allerdings wünsche ich mir stark, dass er etwas weniger Einsatz von mir erwarten würde, was die aktive Teilnahme an dieser Unterhaltung betrifft. Bastard.

„Sehr gut. Ich denke du kennst die grundlegenden Verhaltensregeln bereits, aber nur um sicher zugehen werde ich sie dir noch einmal ans Herz legen Evoe."

Mit einem forschenden Blick versichert Lenwe sich meiner vollen Aufmerksamkeit bevor er fortfährt: „Du wirst generell nur sprechen wenn ich dich dazu auffordere oder um auf eine direkte Frage zu antworten. Ich erwarte, dass du jederzeit bereit bist mir sexuell zu diensten zu sein. Das beinhaltet auch eine entsprechende Körperhygiene. Außerdem bist du zukünftig für die Mahlzeiten verantwortlich. Für den Moment isst du nur was ich dir persönlich gebe. An meinen restlichen Besitz werde ich dich erst heranlassen wenn du besser weißt was ich von dir erwarte."

Er beugt sich nah an mich heran.

„Ungehorsam bestrafe ich jederzeit. Hast du alles verstanden?"

„Ja, Herr", ächze ich ein weiteres mal, durch trockene, geschwollene Lippen und hoffe inständig, dass er nicht vorhat mich jetzt zu irgendeiner Aktivität aufzufordern, nur um dann sofort die resultierende Strafe für mein schlechtes Benehmen auszuteilen, weil ich absolut nicht in der Verfassung dazu bin jetzt auch nur aufzustehen.

Ich habe Glück. Eine solche Aufforderung bleibt mir erspart. Allerdings ist das nun folgende Richten meiner gebrochenen Knochen auch nicht sonderlich angenehm. Ich bin aber eitel genug um erleichtert zu sein darüber, dass ich nicht den Rest meiner Tage mit einer schiefen Nase verbringen werde, selbst wenn ich nach Lenwes kräftigem Ruck an meinem Riechorgan einen kleinen Aufschrei unterdrücken muss. Danach heilt er mich so weit, dass ich immerhin aufrecht stehen kann ohne sofort mit einem Schwindelanfall wieder zusammen zu brechen, auch wenn ich immer noch ein wenig schwanke. Das hat aber wohl mehr mit meiner Erschöpfung zu tun und dem noch immer vorhandenen Durst. Jetzt wo die ganzen anderen Schmerzen etwas abgeflaut sind, scheint er nur noch schlimmer zu werden. Automatisch versuche ich mir die Lippen zu lecken, aber das hilft kein bisschen.

Lenwe verschwendet keine weitere Zeit mehr, sondern teleportiert uns, unter festem Griff an meiner Schulter, direkt aus dem Raum heraus. Ich bin fast ein wenig froh, dass ich nicht mehr mit ansehen musste, welche Spuren er in meinem alten Heim hinterlassen hat. Ich schätze inzwischen hat er alles von dort entfernt was ihm brauchbar erschien.

Wir erscheinen wieder in einem mittelgroßen, halb-runden Raum, der mit diversen plüschig gepolsterten Couchen, einigen voll beladenen Regalen und etlichen weichen Teppichen ausgestattet ist. Zumindest nehme ich an, dass sie weich sind. Gelegenheit dies zu überprüfen werde ich aber wohl recht schnell bekommen. Ein dicker Mensch in orangefarbenen Roben hat sich auf einer der Couchen ausgebreitet, deren roter Samtbezug sich grausam mit dem Ton seiner Kleidung beißt. Er sieht mehr wie ein Mitglied eines religiösen Kultes aus als wie ein Magier und ich erinnere mich dunkel aus meinen Recherchen, an die Erwähnung irgendeines Ordens der zu Lenwes momentanen Kunden gehören soll. Der Mann hat dünne schwarze Haare, die ihm strähnig auf die Schultern fallen und einen zerzausten Spitzbart in derselben Farbe, der sich sanft über eines seiner Doppelkinne legt.

„Rishka? Was tut ihr denn hier?" will Lenwe wenig höflich sofort wissen, kaum dass er den anderen erblickt hat. Er klingt nicht gerade erfreut. Ich nutze die Gelegenheit um auf die Knie zu sinken und meinen immer noch überall schmerzenden Körper ein wenig zu entlasten.

„Wir hatten eine Verabredung", beginnt der Mann in vorwurfsvollem Ton und zupft dabei nervös an einer Haarsträhne. „Ihr seid nicht erschienen und da wollte ich…"

„Ich hatte ein paar persönliche Angelegenheiten zu regeln", unterbricht ihn Lenwe unwirsch. So nennt er das also. Die Formulierung bringt mich beinahe zum grinsen. „Und was euer Anliegen betrifft", fährt Lenwe gerade fort, „In zwei Tagen bin ich fertig."

Offenbar missfällt ihm dieses unangekündigte Eindringen des Mannes.

„Oh…hm ja dann", murmelt Rishka und scheint ein wenig aus dem Konzept gebracht durch die brüske Ankündigung. „Ihr habt einen neuen Sklaven?" versucht er dann seine Unsicherheit mit einer dämlichen Frage zu überspielen. Aus dem Augenwinkel kann ich sehen wie er mich unverhohlen anstarrt. Die Art wie seine Zunge dabei kurz über erstaunlich dünne Lippen zuckt, weckt meine spontane Abneigung. Ein ominöses Kribbeln setzt sich in meinem Nacken fest. Normalerweise würde so jemand mich niemals nackt zu sehen bekommen.

„Ist er für den Verkauf bestimmt?" will Rishka dann auch sofort wissen, noch bevor Lenwe überhaupt irgendeine Antwort geben kann.

„Nicht in nächster Zeit."

„Oh."

Diesmal klingt der Mann recht enttäuscht, woraufhin er mir gleich noch viel unsympathischer wird.

„Ihr könntet ihn ja gerne ausprobieren", bietet Lenwe scheinheilig an, nur um dann hinzuzusetzen: „Für eure Sicherheit kann ich dabei allerdings noch nicht garantieren. So lange ist er noch nicht in meiner Obhut."

Seine Warnung wird ein wenig ins Lächerliche gezogen, weil er gleichzeitig neben mich tritt und eine Hand in meinem Haar vergräbt. Aus purer Bosheit spiele ich mit und lehne mich scheinbar genießerisch in die Berührung hinein, das gefährliche Lächeln mit dem ich Rishka dabei bedenke grenzt schon nah an eine Herausforderung. Ich hoffe dieser Mensch wird die Beleidigung überhaupt bemerken. Er scheint nicht unbedingt von der schnellen Sorte zu sein wenn es ums Denken geht. Offenbar immer noch abgelenkt von meinem entblößten Körper, dauert es dann auch eine Weile bis er so weit ist.

„Ich äh… sehr großzügig von euch Meister Lenwe, aber ich fürchte ich muss auch schon wieder gehen." Er lacht bemüht, verfällt aber dann in ein seltsam ungeschicktes Räuspern. „Ich habe noch eine Unterredung mit dem Prior wisst ihr."

„Nun dann will ich euch nicht aufhalten", beschließt Lenwe aalglatt. „Wir sehen uns dann in zwei Tagen, nicht wahr."

Rishka hievt seinen Körper umständlich aus den Polstern und unter weiterem, floskelhaftem Abschiedsgemurmel, begleitet Lenwe ihn zu einer der zwei Türen, die aus diesem Raum führen. Erleichtert von der Hand auf meinem Kopf so schnell wieder befreit zu sein, entspanne ich mich ein wenig. Bei einem schnellen Blick an der massigen, orange umhüllten Schulter vorbei, erkenne ich nur blauen Himmel und einige grün braune Schemen. Sieht aus als wäre dies Lenwes offizieller Empfangsraum. Bisher wusste ich lediglich, dass er irgendwo in der Nähe von Silbrigmond in einem Turm wohnt. Sein Zuhause ist viel zu gut geschützt, als dass ich einen direkten Angriff geplant hätte, deshalb hatte ich mich damals nicht näher damit beschäftigt, sondern entschieden ihn zuerst von hier fort zu locken. Er ist oft genug geschäftlich in anderen Städten unterwegs, dass es sich gelohnt hat auf eine passende Gelegenheit zu warten.

Noch immer auf den Knien und den Blick gehorsam zu Boden gerichtet, sehe ich zwar Lenwes Gesichtsausdruck nicht, als er wieder auf mich zu kommt, aber er klingt recht zufrieden als er sagt: „Eigentlich hatte ich ja vor dich mindestens eine halbe Stunde lang darum betteln zu lassen Evoe, aber ich denke für dieses kleine Schauspiel wirst du das erste Glas Wasser ohne langes Vorspiel bekommen."

So ein Zugeständnis, auch wenn es objektiv betrachtet nicht sehr groß ist, überrascht mich von Lenwe derart, dass ich geradezu aufgeschreckt zu ihm hoch schaue.

„Eine kleine Belohnung hin und wieder tendiert dazu Sklaven noch viel stärker zu binden als Strafen alleine es tun würden, findest du nicht auch?" verkündet der blonde Elf gehässig grinsend und winkt mir ihm zu folgen. Leider hat er damit durchaus Recht. Auch wenn es bei mir schon etwas mehr brauchen wird als ein Glas Wasser. Dazu kenne ich all diese kleinen Tricks viel zu gut.

Durch die zweite Tür begeben wir uns erst in eine schmale Treppe hinauf und dann in einen weiteren Raum, der wohl als Arbeitsraum dient. Umgeben zu sein von Schriftrollen und unzähligen Flaschen und Tiegeln gibt mir ein äußerst seltsames Gefühl der Vertrautheit, das mich ein paar Sekunden ernsthaft irritiert. Schließlich macht Lenwe sein Versprechen wahr und schenkt aus einer Glaskaraffe ein Glas Wasser ein, das er mir reicht. Auch wenn mein ganzer Körper inzwischen nach Flüssigkeit schreit, zwinge ich mich dazu dieses erste Glas so langsam wie möglich zu trinken. Lenwe beobachtet mich amüsiert, wie ich neben ihm auf dem Boden hocke und mich mühsam beherrsche, um nicht sofort alles herunter zu stürzen.

„So", beschließt er als ich endlich damit fertig bin, „ich denke jetzt ist es an der Zeit dir ein paar Fragen zu stellen."

Ich versuche anfangs gar nicht erst die missmutige Grimasse von meinem Gesicht zu verbannen. Erst als Lenwe daraufhin schmale Augen bekommt, übe ich mich in höflicher Ausdruckslosigkeit. Das scheint ihn erst einmal zufrieden zu stellen.

„Wie lange lebst du also schon alleine?"

Diese Frage habe ich befürchtet. Leider ist gerade das Thema Elarn, welches er nun indirekt angesprochen hat, eines der wenigen, bei denen meine sonst sehr gute Disziplin versagt und obwohl mein Schweigen wahrscheinlich mehr preisgibt als viele nette Worte, kann ich mich einfach nicht dazu zwingen jetzt etwas Lakonisches oder Nichtssagendes zu erwidern. Stattdessen presse ich störrisch die Lippen zusammen und wende meinen Blick ab. Eigentlich überflüssiger Trotz, denn irgendwann wird Lenwe es wahrscheinlich doch aus mir herauszwingen. Zeit genug hat er ja nun. Letztendlich ist es das wohl nicht wert, dennoch kann ich in diesem Moment nicht anders handeln.

„Noch nicht lange genug also", bemerkt Lenwe scharfsinnig auf meine vielsagende Reaktion hin. Er seufzt. „Eigentlich hatte ich gehofft du würdest etwas vernünftiger sein. Es war nicht meine Absicht, dich gleich zu Anfang in Fetzen zu reißen."

Ein letzter Ausweg? Offenbar ist er heute ungewöhnlich geduldig. Aber immer noch kann ich mich nicht überwinden. Vielleicht wird es ja leichter sein darüber zu reden, wenn ich mich gepeinigt irgendwo am Boden winde. Ich mache mir nicht die Mühe mein folgendes Schaudern zu verbergen.

„Also schön", beschließt Lenwe nach einiger Zeit gleichgültig. „Da du offensichtlich unbedingt noch etwas mehr leiden willst, werden wir also den harten Weg gehen."

Entgegen meines störrischen Schweigens zuvor, erhebe ich mich jetzt widerstandslos und folge ihm. Ich muss völlig verrückt sein. Was mache ich nur? Es gibt in diesem Raum keine zweite Tür. Diesmal greift der blonde Elf nach meiner Hand, bevor wir durch ein Portal gehen, das hinter einem schweren Vorhang verborgen war. Wahrscheinlich ist es nur in seiner Begleitung durchlässig. Eine einleuchtende Vorsichtsmaßnahme, denn als nächstes betreten wir das Schlafzimmer.

Überrascht bleibe ich stehen, als ich die reglos kniende Gestalt neben dem großen Bett bemerke. Bevor Lenwe mich unsanft weiterzerrt, sehe ich einen gebeugten Kopf voll satt blonder Locken und einen schlanken, aber dennoch muskulösen Körper der sehr viel sanft gebräunte Haut aufweist. Ein Junge. Ich denke er ist menschlich, bin mir jedoch nicht völlig sicher. Ich kann auch etliche rote Striemen an seinen Flanken erkennen und viele blaue Flecken, die eine sehr deutliche Sprache sprechen. Irgendwie sollte mich die Anwesenheit eines weiteren Sklaven nicht erstaunen. Tut sie aber dennoch. Davon wusste ich nichts. Etwas aus dem Gleichgewicht gebracht durch diese unerwartete Entdeckung bemühe ich mich das flaue Gefühl in meiner Magengrube zu unterdrücken.

Lenwe ignoriert den Jungen und deutet stattdessen nachdrücklich am Fuß des Bettes auf den Boden. Gehorsam sinke ich dort nieder und lege dabei auch gleich meine Hände um den stabilen Querbalken des Bettes. Schließlich weiß ich ja wieso wir hier sind, auch wenn ich mich selbst etwas erstaune mit diesem plötzlichen Gehorsam.

Ich habe keine Ahnung woher er die Peitsche so schnell hat, denn ich habe nirgendwo eine hängen oder liegen sehen, aber beinahe sofort nachdem meine Knie in einer einigermaßen stabilen Position sind, höre ich das charakteristische Zischen. Fast zeitgleich kommt auch der brennende Schmerz, der mich, trotz allen störrischen Vorsätzen, überrascht aufschreien lässt, weil ich noch gar nicht damit gerechnet hatte.

„Du kannst jederzeit anfangen zu reden Evoe", teilt Lenwe mir zwischen den nächsten Schlägen freundlich mit.

„Sicher", keuche ich und versuche angestrengt weitere Schreie zu unterdrücken, während ich verbissen mit den Zähnen knirsche um meine Reaktionen unter Kontrolle zu bekommen. Ich bin seltsam zwiegespalten. Einerseits will ich um nichts in der Welt darüber reden, aber gleichzeitig hoffe ich beinahe, dass der Punkt an dem ich es nicht mehr aushalte und trotzdem alles preisgebe schnell kommen wird. Vielleicht werde ich mich ja weniger wie ein Versager fühlen wenn ich kaum noch denken kann vor Schmerzen.

Am Ende dauert es sehr viel länger als ich angenommen hatte. Ich kann meine Schreie schon lange nicht mehr unterdrücken. Blut und Schweiß fühlen sich an, als hätten sie sich auf meinem Rücken in ätzende Säure verwandelt und ich habe schon vor einer ganzen Weile den Halt am Bett verloren, woraufhin Lenwe mich kurzerhand dort festgebunden hat. Dies ist schlimmer als alles was ich mir in den letzten Monaten selbst aufgebürdet habe, schlimmer als alles was Ethin mir je auf meinen Befehl hin hätte antun können. Und auf eine grausam verdrehte Weise habe ich fast das Gefühl es zu verdienen. Wenn ich besser und schlauer gewesen wäre, dann wäre ich jetzt nicht allein und Lenwe ausgeliefert. Er schlägt wieder zu, ein neuer Schmerz, der sich nur noch unwesentlich von der kreischenden, rohen Masse abhebt die vorher mein Rücken gewesen ist.

Dann plötzlich kommt der Punkt auf den ich so lange warten musste. Es ist als ob etwas in mir gerissen wäre, ein unsichtbarer Widerstand, der nun überwunden ist. Ich halte es einfach nicht mehr aus! Diese Schmerzen müssen ein Ende haben. Jetzt. Egal was ich dafür tun muss. Einen Augenblick verfalle ich fast in Panik, weil mir die Worte nicht mehr einfallen wollen, Worte die ich benötige um dieser Tortur ein Ende zu machen, aber dann sind sie heraus.

„Vier!" kreische ich gepeinigt. „Vier Monate!"

Dann verberge ich mein, von Tränen und Rotz verschmiertes Gesicht in einer zitternden Armbeuge um besiegt vor mich hin zu schluchzen. Von einem Augenblick auf den anderen hockt Lenwe neben mir. Zumindest erscheint es mir so. Aber ich schätze meine Wahrnehmung ist in diesem Augenblick nicht unbedingt vertrauenswürdig.

„Mit wem hast du zusammen gelebt?"

„Elarn", stöhne ich sofort. Ich will nur noch dass endlich alles vorbei ist, dass dies alles endlich aufhört. In diesem Augenblick würde ich Lenwe fast alles erzählen. Es nützt ohnehin nichts sich an Vergangenes zu klammern, wenn ich es nicht wiederhaben kann. Was Elarn wohl sagen würde, wenn er mich jetzt sehen könnte? Mein Zusammenbrechen nach dieser vergleichsweise kurzen Zeit würde ihm wohl kaum Respekt abnötigen. Aber ohne ihn oder Ethin habe ich auch kaum einen Grund weiter Widerstand zu leisten. Im Moment bin ich derart hoffnungslos, dass ich einfach keinen Sinn mehr darin sehe mich weiter zu sperren.

„Dein alter Herr? Derjenige, der dich und Ethin von den Sestrainie geholt hat?"

Lenwes deutlich durchklingender Unglaube ist mir gerade herzlich egal, aber ich weiß, wenn ich ihn zufrieden stellen will, muss ich wohl etwas deutlicher werden. Ihn überzeugen, dass ich die Wahrheit sage.

„Ja. Er hat… mich ausgebildet", keuche ich wackelig, kaum noch fähig zusammenhängend zu sprechen. „Wir haben zusammen… gearbeitet."

Die Anstrengung ganze Sätze zu formulieren treibt mich nah an den Rand einer Ohnmacht, aber ich weiß, wenn ich jetzt der Versuchung nachgebe und bewusstlos werde, dann wird Lenwe mich entweder einfach aufwecken oder ich muss diese ganze Tortur später noch einmal durchmachen. Ich weiß ganz genau, dass ich mich sonst wieder weigern würde darüber zu reden.

„Und wo ist er jetzt?" will Lenwe als nächstes wissen.

„Ich…weiß… nicht."

Sogar jetzt noch, wo ich kaum geradeaus denken kann, kann ich deutlich die Bitterkeit aus diesen drei kleinen Worten heraushören. Noch viel stärker ist allerdings das wieder aufwallende Gefühl der Verlorenheit und Einsamkeit, gegen das ich mich gerade überhaupt nicht wehren kann. Eine schwarze, schmerzhaft kalte Welle der Hoffnungslosigkeit schwappt über meine Seele. Es war eine wirklich dumme Idee von mir mich so zurichten zu lassen, überlege ich seltsam distanziert. Jetzt habe ich nicht die geringste Verteidigung mehr. Nicht einmal gegen meine eigenen Emotionen. Und genau diesen Umstand beweise ich als nächstes ganz wunderbar, indem ich haltlos schluchzend in mich zusammen sinke.

„Er ist einfach verschwunden", heule ich dabei. Ups, woher kam das? Soviel will ich gar nicht preisgeben! Halt endlich deine Klappe, versuche ich mir streng zu befehlen.

„Er wollte dich nicht mehr um sich haben", sanft, beinahe schmeichelnd, dringt Lenwes Stimme auch sofort durch meine dicke, schwarze Wolke aus Selbstmitleid. „Ich bin der einzige dem noch etwas an dir liegt."

Wie bitte? Von einem Augenblick auf den anderen bin ich einfach nur noch entrüstet. So sehr, dass ich trotz aller Schmerzen abrupt aufschaue und Lenwe wütend anblitze. So ein plumpes Vorgehen hatte ich nicht von ihm erwartet.

„Das glaubt ihr ja wohl selbst nicht!" zische ich ihn mit der kurzlebigen Kraft meines plötzlichen Zorns an. So einfach kriegt der verdammte Elf mich ganz bestimmt nicht rum. Auch wenn ich mir eingestehen muss, dass ich ihm vielleicht doch noch zugestimmt hätte, nachdem er auf meinen kleinen Ausbruch hin einen spitzen Fingernagel quer über meinen blutigen Rücken zieht, so dass ich gepeinigt aufheule. Aber er fragt nicht mehr nach. Stattdessen wendet er sich einem anderen Thema zu.

„Was genau hast du Akhreal versprochen?" will Lenwe wissen. Instinktiv erkenne ich, dass dies wichtig ist und bemühe mich um Aufmerksamkeit, obwohl ich nach diesem kurzen Aufflammen vor Erschöpfung und Schmerz am liebsten fortwährend nur noch wimmern möchte.

„Magier… Arbeit. Ein Jahr", keuche ich knapp. Sein folgendes unzufriedenes Fluchen überrascht mich. Was interessiert es denn Lenwe ob ich meine Abmachungen einhalte? Aber dann wird mir auf einmal klar, dass es ihn durchaus betrifft, falls Akhreal trotz allem auf seiner Forderung besteht. Deshalb hat er mich nicht getötet! Nicht etwa wegen meiner so genannten Nützlichkeit. Er wollte dem gefährlichen Söldnerführer einfach nur nicht ins Geschäft pfuschen. Nachdem ich ihm das Wappen gezeigt hatte, wusste er schließlich bescheid über meine Verpflichtung. Auch wenn ihm die Einzelheiten nicht geläufig waren. Wer weiß, vielleicht hat er sogar eigene Verpflichtungen Akhreal gegenüber. Der große böse Lenwe hat also immer noch Angst vor dem Lord, der früher einmal sein Herr und Meister war! Ich kann nicht anders, als mir dies bewusst wird muss ich lachen. Lenwe, gefangen in seiner eigenen Falle! Er kann es sich weder leisten mich zu töten und Akhreal vor den Kopf zu stoßen, der offensichtlich immer noch irgendeine Art von Halt über ihn hat, noch kann er seine Macht über mich einfach aufgeben, um mich dann zum Feind zu haben, denn dass ich ihm gefährlich werden kann habe ich bereits bewiesen.

„Vielleicht wollte er…euch… ja zurück haben", ächze ich boshaft, als mir langsam klar wird was der einzige Ausweg aus diesem Dilemma wäre. Lenwe selbst müsste mich begleiten. Ob Akhreal das wirklich so beabsichtigt hat? Es wäre ein reichlich verschlungener Plan, der sehr gut auch einen anderen Verlauf hätte nehmen können. Aber Akhreal kann es sich leisten solche Risiken einzugehen, da er außer Information nichts investiert hat. Außerdem kennt er Lenwe sehr gut. So viel konnte ich bei unseren Verhandlungen ohne Zweifel feststellen. Und sogar wenn er nichts dergleichen erwartet hätte, wird Akhreal wahrscheinlich kaum unglücklich sein über einen solchen Ausgang. Zwei Magier zum Preis von einem ist schließlich immer ein gutes Geschäft.

Angesichts meiner Erheiterung reißt der blonde Elf scharf meinen Kopf zurück und zischt mich wütend an. Er ist ungewöhnlich blass und wirkt als würde er jeden Augenblick zerspringen wollen vor Wut, kurz davor die Kontrolle zu verlieren. In meinem Zustand merke ich beinahe nicht wie gefährlich diese Gemütslage für mich sein könnte. Erst im letzten Augenblick unterdrücke ich ein weiteres hysterisches Kichern. Ich kann mir zwar nicht sicher sein, weil ich diese Emotion noch nie bei ihm gesehen habe, aber ich glaube auch eine Spur Angst in Lenwes Augen zu erkennen.

„Und dass er ausgerechnet dich dazu benutzen musste gefällt dir wohl auch noch was?"

Er schüttelt mich ein wenig, bis ich verzerrt aufstöhne.

„Bilde dir bloß nicht ein, dass du davon einen Vorteil hättest du wertloses Stück Dreck!"

Nach dieser erstaunlich beherrschten Reaktion bindet Lenwe mich unsanft los. Er packt mich fest im Nacken, schleift mich im Eiltempo rücksichtslos durch das ganze Haus wieder nach unten und draußen über den Hof, bis wir vor einem Schuppen stehen. Dort angekommen schubst er mich hinein und schlägt krachend die Tür hinter mir zu.

„Wage es ja nicht wegzulaufen! Sonst fange ich dich wieder ein und ertränke ich dich trotz allem in der nächstbesten Pfütze!" brüllt er drohend von draußen. Dann folgt einige Sekunden nichts und schließlich ein weiterer lauter Knall, der von der Eingangstür stammen muss. Hat er mich etwa hierher verfrachtet, damit er mich nicht am Ende doch noch aus lauter Wut umbringt? Ich verkneife mir ein freudloses Lachen und schaue mich vorsichtig um. Es ist dämmrig, aber viel gibt es ohnehin nicht zu sehen. Bis auf einige offene Kisten, voll Resten von gammligem Stroh und eine muffige Decke ist der kleine Schuppen leer.

Viel zu müde um mir jetzt noch weiter den Kopf über die Zukunft zu zerbrechen, krieche ich in eine Ecke, zerre mühsam die Decke hervor und versuche darauf eine Stellung zu finden, die meinen schrecklich zugerichteten Rücken wenigstens ein bisschen schont, bevor ich endlich die Augen schließe und trotz aller Schmerzen sofort einschlafe.