A/N: Kapitel 3 von 3 Mal sehen ob noch wer am Ball geblieben ist...


****ETHIN/ELARN****

Nach einer langen und fruchtlosen Diskussion über mögliche Ansätze in der Angelegenheit Akhreal habe ich irgendwann genug von Ethins Widerspenstigkeit und gehe mir ein Bad bestellen. Der alte Holzzuber, den sie hier für diese Gelegenheiten vorhalten, ist ziemlich klein und sieht nicht besonders gepflegt aus. Ich hoffe er hat kein Leck. Immerhin ist er nicht auch noch schimmelig. Mit einem angewiderten Seufzer strecke ich einen einzelnen langen Finger in das lauwarme Wasser, das mir der Wirt gerade vorgesetzt hat, um ein paar wohlgesetzte Worte zu murmeln. Einige Sekunden später steigt mir der Dampf ins Gesicht. Na endlich.

Während die angenehme Wärme durch meine Glieder sickert, grüble ich weiter über die gegenwärtige Situation nach. Ethins nachdrücklich befürworteter Vorschlag, einfach ebenfalls in Akhreals Heer anzuheuern, ist zwar bestechend simpel, aber mir widerstrebt es sehr mich diesem Mann zu verpflichten. Außerdem hätten wir damit Lenwe praktisch sofort vorgewarnt und wir müssen uns die ganze Sache ja nicht unbedingt schwerer machen als nötig. Überhaupt wissen wir noch viel zu wenig um konkrete Pläne schmieden zu können. Ethin ist ungeduldig wie immer und das zerrt an meinen Nerven, aber normalerweise war es auch immer Evoes Aufgabe ihn zu kontrollieren und zu bremsen. Etwas, das ich jetzt sehr viel schwieriger finde als angenommen. Wäre der blonde Elf jemals mein Sklave gewesen, dann hätte ich ihn irgendwann frustriert umgebracht. Impulsive Starrköpfe waren noch nie meine bevorzugte Gesellschaft. Ethin zähneknirschend als annähernd Gleichberechtigten zu betrachten, macht es mir allerdings auch nicht leichter seine Gegenwart mit Gleichmut zu ertragen. Hätte ich ihn doch einfach gelassen wo ich ihn gefunden habe, dann würde er jetzt friedlich im Keller verrotten. Mit einem frustrierten Zischen lasse ich eine Hand ins Wasser platschen dass es nur so spritzt.

Gleich darauf höre ich ein leises Scharren vor der Tür. Misstrauisch starre ich das dunkle Holz an und greife dabei nach dem kleinen Beutel Diamantstaub, den ich vorsorglich neben der Wanne auf einen kleinen Hocker gelegt habe.

„Was ist!" belle ich in Richtung Tür. Kann ich denn nicht einmal zehn Minuten meine Ruhe haben in diesem verfluchten Drecksloch?

Ein weiteres Scharren, dann schiebt sich vorsichtig eine schmale Nase durch den Spalt. Sie wird begleitet von dem einen Gesicht, das ich jetzt am wenigsten sehen möchte. Ethin. Sein Blick schleicht sich verstohlen über meinen nackten Oberkörper, während er langsam die Türe weiter öffnet, bis ich freie Sicht auf ihn habe, wie er unentschlossen im Türrahmen steht und kalte Luft in den Raum lässt.

„Was willst du?" frage ich ungehalten. Schließlich habe ich ihn vor gar nicht so langer Zeit in unserem Zimmer zurückgelassen. Was kann inzwischen schon groß passiert sein?

Ethin beißt sich auf die Unterlippe.

„Du hast gesagt ich soll... meine Bedürfnisse... unten im Schankraum ist niemand und ich...", er bricht ab. „Ich brauche Geld", ringt er sich dann schließlich widerstrebend ab.

Wie gut das ich mein Gepäck vor seinen gierigen Fingern geschützt habe. Ich wette dort hat er es zuerst versucht. Aber wenn er tatsächlich denkt ich würde ihm Geld geben, damit er zu irgendeiner dreckigen Hure rennen kann, dann hat er sich gründlich verschätzt!

„Was bringt dich auf den dämlichen Gedanken das würde mich kümmern?" fauche ich wütend. „Verschwinde und lass mich in Ruhe."

„Elaaarn", winselt er. „Komm schon. Ich zahle es zurück!"

Der gedehnte, nörgelnde Klang mit dem er meinen Namen ausspricht, ist für mich der letzte Tropfen. Schlagartig ist es vorbei mit meiner Beherrschung. Diesmal habe ich genug Zeit. Zornig spreche ich die Beschwörung und werfe mit einer abschließenden Geste den Diamantstaub in Ethins Richtung. Der helle Blitz, der das Resultat meines Wutausbruchs ist, verfehlt Ethin, da er sich klugerweise mit einem schnellen Hechtsprung zur Seite aus dem Türrahmen bewegt hat, aber ich hatte auch gar nicht damit gerechnet ihn wirklich zu treffen. Die Tat alleine ist befriedigend genug. Sie hat ein rundes, rauchendes Loch in der Wand hinterlassen, aber ich denke nicht, dass das ein großes Problem darstellen wird. Der Wirt scheint mir von der Sorte zu sein die weiß wann es klug ist auf sein Recht zu bestehen und wann nicht.

„Verschwinde du rückratloser Wurm!" schreie ich den schnell verklingenden Schritten im Gang nach. „Wenn du versuchst mein Gepäck zu durchwühlen, dann steche ich dich ab wie ein Schwein, häute dich und lasse dich danach langsam ausbluten!"

Von Ethin kommt keine Antwort mehr. Wie es scheint hat er verstanden. Einigermaßen zufrieden mit dem Resultat meiner Bemühungen wedle ich nachlässig mit der Hand. Die Tür schwingt leise wieder zu und es wird fast augenblicklich wärmer. Vielleicht kann ich jetzt endlich in Ruhe baden, auch wenn ein wenig andere Gesellschaft im Moment vielleicht gar nicht so schlecht wäre. Mein weißes Haar klebt feucht an meiner Schulter. Früher hat Evoe mir oft die Haare gewaschen, denke ich und lasse missmutig eine lange Strähne durch meine Finger gleiten. Oh Götter jetzt werde ich wieder melancholisch. Vielleicht sollte ich Ethins Idee aufgreifen und ein richtiges Badehaus mit professionellen Bediensteten aufsuchen, um mich von diesen nutzlosen Gedanken abzulenken. Selbst wenn ich meine Gefühle mehr oder minder akzeptiert habe, heißt das nicht, dass ich mich mehr als nötig damit beschäftigen will. Jemand der einfach tut was ich will und den ich danach sofort wieder vergessen kann ist genau was ich jetzt brauche.

Und in dem Moment als ich dies denke, kommt mir eine Idee. Vielleicht war Ethins Vorschlag doch nicht so dumm. Wir könnten tatsächlich in Akhreals Dienste treten. Nur eben nicht als Soldaten sondern als Diener. Diener sind allgegenwärtig, zwar sichtbar aber schnell wieder vergessen. Außerdem tratschen Bedienstete unglaublich gerne, was unsere Informationsbeschaffung sehr erleichtern könnte. Das könnte durchaus funktionieren, sofern sein Personal nicht ausschließlich aus Sklaven besteht. Mit der richtigen Verkleidung. Nicht zu attraktiv, nicht zu hässlich und vor allem möglichst nicht von Akhreals Magiern aufzuspüren. Ich runzle die Stirn. Daran werde ich wohl eine ganze Weile arbeiten müssen falls wir in irgendeiner Weise Magie benutzen wollen. Aber wenn wir nicht sehr schnell als Elfen erkannt werden wollen, dann müssen wir wohl zwangsläufig auf Magie zurückgreifen. In Gedanken versunken lehne ich mich wieder zurück.


***EVOE/LENWE***

An diesem Morgen, noch bevor die Sonne richtig aufgegangen ist, schrecke ich hoch weil plötzlich die Küchentür laut gegen die Wand schlägt. Schemenhaft sehe ich, wie sich jemand schnell auf mich zu bewegt und reagiere völlig instinktiv mit einigen Worten und einer werfenden Geste meiner Hand. Die Person, Wern, wie ich gleich darauf feststelle, wird unsanft rückwärts an die Wand geschleudert. Einen erschrockenen Sekundenbruchteil bin ich sehr froh, dass es nicht Lenwe war. Bei dem hätte meine spontane Abwehr möglicherweise aber auch gar keinen Effekt gehabt. Wern keucht schmerzlich als er sich wieder von der Wand abstößt und erneut auf mich zukommt. Diesmal aber langsamer. Sein Gesicht ist verzerrt vor Verzweiflung, rot, fleckig und tränenüberströmt. Das kann aber nicht an mir liegen, beschließe ich immer noch etwas verwirrt.

„Ich hasse dich!" zischt der aufgebrachte Junge mich mit brechender Stimme an. „Du hast alles zerstört!"

Offenbar liegt es doch an mir? Nicht sonderlich beunruhigt, aber immer noch verwirrt lege ich nur den Kopf schief und warte ab, ob er noch etwas mehr zu sagen hat. Hat er nicht. Stattdessen holt er mit einem erstickten Aufheulen aus und schlägt nach mir. Ich mag ja nicht besonders fähig sein was körperliche Auseinandersetzungen angeht, aber Wern ist nicht gerade ein gefährlicher Gegner. Ich habe keine Probleme ihn aufzuhalten, indem ich meine angeborene Schnelligkeit nutze und einfach nach seinem Handgelenk greife, bevor er auch nur in die Nähe meines Gesichts gelangen kann. Es fühlt sich so schmal und zerbrechlich an, als könnte man es mit nur einer falschen Bewegung zerstören.

„Wovon redest du überhaupt?" will ich ärgerlich wissen, nachdem ich ihn unsanft wieder von mir gestoßen habe.

„Er hat gesagt er wird mich weggeben!" schluchzt Wern und vergräbt dabei das Gesicht in den Händen, während er langsam an der gegenüberliegenden Wand zu Boden gleitet. Aller Kampfes- und Angriffswille scheint auf einmal aus ihm gewichen zu sein.

Lenwe muss doch mehr an ihm liegen als ich erwartet hatte, denke ich überrascht. Aber vor allem muss der große Elf noch besorgter sein, als er mir bisher erschienen ist, wenn er solche Vorsichtsmaßnahmen trifft. Das hört sich an, als halte er es durchaus für möglich, dass ihm etwas zustoßen könnte. Dann wäre der Junge in einer äußerst verletzlichen Situation. Ich selbst wäre wahrscheinlich tot, aber das mag in dem Fall sogar ein leichteres Schicksal sein. Jemand wie Wern kann sich natürlich auch ganz allgemein sehr schnell als Spielball zwischen gefährlichen Leuten wie Akhreal oder Tresk wiederfinden, einfach nur weil er Lenwe nahe steht.

Das sage ich ihm allerdings nicht. Ganz im Gegenteil. Für Wern ist es besser wenn er sich möglichst weit von Lenwe distanziert, denn sonst endet er noch irgendwann so wie ich, beschließe ich mit selbstironischer Bitterkeit, denn mir ist inzwischen klar, dass ich Elarn gegenüber nicht unbedingt schlauer gehandelt habe, indem ich zuließ, dass er mich so fest an sich binden konnte. Nachdrücklich schiebe ich meine Selbstverachtung in die hinterste Ecke meines Bewusstseins und widme mich wieder der Gegenwart. Besser es schmerzt Wern jetzt, als dass er später mit seinem Leben für diese deplatzierte Loyalität bezahlt. Die kurzlebigen Menschen vergessen solche Dinge ohnehin schneller.

„Natürlich gibt er dich weg", erkläre ich äußerlich unbewegt. „Du bist ihm nichts als ein Klotz am Bein, dort wo er bald hin gehen wird. Was hast du denn erwartet?"

Wern zuckt zusammen als hätte ich ihn gerade geschlagen und starrt mich aus großen, wässrigen Augen an. Tränen glitzern nach wie vor in seinen langen Wimpern.

„Wie meinst du das?" will er dann auf einmal empört wissen. „Ich würde niemals etwas tun um Meister Lenwe zu schaden!"

War ich auch irgendwann einmal so naiv? Lenwe hat ihn offenbar noch sehr viel besser abgeschirmt als ich dachte.

„Das macht in diesem Fall nicht den geringsten Unterschied", teile ich ihm schulterzuckend mit. Wern runzelt nachdenklich die Stirn und öffnet dann den Mund zur nächsten Frage. Ich sehe schon, mein Plan ihm einen gesunden Schock zu verpassen, der ihn von Lenwe löst, wird nicht aufgehen. Er ist einfach zu verbohrt in seiner blinden Loyalität. Das würde sehr viel mehr Zeit und Arbeit erfordern als ich bereit bin zu opfern.

„Wieso?"

„Hast du den Tiefling gesehen, der vor kurzem hier war?"

Wern schüttelt den hübschen Kopf dass die Locken nur so fliegen.

„Ich habe mich im Zimmer versteckt, so wie immer", teilt er mir böse mit, so als müsste ich mir dessen längst bewusst sein.

„Macht nichts", erwidere ich. „Der Tiefling ist ein Nekromant. Ich nehme an du weißt was das heißt?"

„Er erschafft Zombies?" gibt Wern ein wenig unsicher zurück und scheint sich zu fragen worauf ich mit dieser seltsamen Themenwahl hinaus will.

„Genau. Dieser besondere Tiefling ist außerdem ziemlich boshaft. Er gehört zu dem Mann, für den Lenwe und ich die nächsten sechs Monate arbeiten werden. Außerdem hasst er Lenwe. Was glaubst du wird er mit dir anstellen, wenn er herausfindet, dass Lenwe etwas an dir liegt?"

Das bringt tatsächlich einen zunehmend nachdenklichen Ausdruck auf Werns Gesicht. Na endlich. Ganz so dumm ist er also doch nicht. Nur unerfahren.

„Er würde dich aus reiner Boshaftigkeit umbringen, nur um Lenwe ein bisschen zu schaden", führe ich die Vorstellung weiter aus um sicher zu gehen, dass Wern sich nicht wieder in irgendwelche verqueren Ideen verrennt.

„Ich würde gerne mein Leben für Meister Lenwe geben", behauptet er dann trotzig und tut damit genau was ich befürchtet hatte.

„Ja das glaube ich dir sogar", murmle ich mit einer augenrollenden Grimasse und beschließe, dass er wohl einen etwas deutlicheren Fingerzeig benötigt um diese dämliche Einstellung zu überwinden. War Lenwe doch so nachgiebig zu ihm, dass er die Illusion hegt Folter widerstehen zu können?

„Erinnerst du dich etwa nicht mehr daran was gestern passiert ist?" will ich sanft von Wern wissen, der sich augenblicklich versteift.

„Du hast mich verbrannt und bist dafür bestraft worden", giftet er mich böse an und drückt den Rücken dabei unwillkürlich dichter an die Wand, obwohl ich ihn gerade eigentlich gar nicht erreichen kann. Jedenfalls denkt er das.

„Genau", pflichte ich ihm kalt lächelnd bei und beginne dann mit der Beschwörung, die mir schon seit Tagen ständig im Kopf herum kreist. Diejenige, welche die Kette um meinen Hals öffnen wird, die mich hier festhält. Wern reißt alarmiert die Augen auf, als auf einmal die fremdartigen Worte aus meinem Mund kommen und die Kette mit einem leisen Klicken von mir abfällt. Bevor er schreien kann, habe ich schnell ein Stück Stoff aus meiner, ohnehin zerfransten, Tunika gerissen und es mit einem weiteren kurzen Schwall abgehackter, scheinbar nur aus Konsonanten bestehenden Worte in seine Richtung geworfen. Wie von mir beabsichtigt legt sich der Stoff über Werns Lippen, verfestigt sich und hindert ihn daran um Hilfe zu schreien.

Mit zwei langen Schritten stehe ich über dem blonden Jungen, der gerade panisch an dem Stoff herumzerrt, der jedoch wie festgeklebt in seinem Mund verbleibt, während er gleichzeitig hektisch versucht rückwärts von mir weg zu krabbeln. Dank seiner Panik und Überraschung bereitet es mir allerdings keine Mühe seine Handgelenke zu packen, sie über seinem Kopf zu Boden zu drücken und mich dann schnell auf seinem Bauch niederzulassen. Zum Glück ist Wern fast so zierlich wie ich selbst und kann mich daher nicht einfach abwerfen. Ich beuge mich über ihn, bis meine langen, schwarzen Haare über meine Schulter rutschen und in sein Gesicht fallen.

„Wäre ich so schlimm wie du offensichtlich glaubst, dann würde ich dich jetzt umbringen, nun da ich entdeckt habe dass du ihm etwas bedeutest", sage ich leise. „Nur um zu sehen wie er schaut wenn er dann deinen entstellten Leichnam erblickt. Nicht nur das, ich würde auch große Freude daran haben dich vorher zu foltern. Wie lange kannst du Schmerzen wie gestern aushalten, ohne irgendwann wahnsinnig zu werden, was glaubst du?"

Natürlich kann Wern mir gerade nicht antworten, aber es ist ohnehin eine rein rhetorische Frage. Die gedankenlose Angst in seinen Augen und das hastige Heben und Senken der schmalen Brust unter mir sprechen ihre eigene Sprache, als er anfängt heftig zu strampeln, jedoch ohne mich dadurch loszuwerden.

Ich könnte tatsächlich tun was ich gerade angedroht habe, aber wozu? Ein Augenblick billigen Triumphes wäre mir vergönnt. Und dann? Was hätte ich mit so einer Tat schon bewiesen? Am Ende dieses Augenblickes werde ich immer noch ein Sklavenhalsband tragen und wäre Lenwe nach wie vor ausgeliefert. Außerdem ist es ja gar nicht Wern den ich so hasse.

„Und?" frage ich den zitternden Jungen vor mir kühl, nachdem er schließlich keuchend innehält, für den Moment erschöpft. „Immer noch so wild darauf zu sterben?"

Mit einem gedämpften Schluchzen schüttelt Wern nur den Kopf, gibt dann offenbar allen Widerstand auf und sackt in sich zusammen. Mit einem kleinen Kopfschütteln löse ich meinen Griff um seine Handgelenke und erhebe mich. Sieht ganz so aus als hätte er es endlich verstanden.

Erst jetzt, als ich mich schon halb herumgedreht habe, gerät wieder die Tür in mein Blickfeld, wo gerade Lenwe steht, das Gesicht weiß wie Schnee. Einen Moment lang bedaure ich meine Zurückhaltung, aber jetzt ist es zu spät. Nur die Übung langer Jahre des Verstellens und Lügens erlaubt es mir, in diesem Augenblick nicht wie ertappt innezuhalten, sondern mit gelangweiltem Lächeln zurück zu der verwaisten Kette zu gehen und mich dort niederzulassen als sei gerade nichts von Belang geschehen.

Halb hatte ich erwartet, dass Lenwe nun auf mich losgehen würde. Aber scheinbar habe ich ihn darin genau so unterschätzt wie er mich, denn er holt lediglich einmal tief Luft und schnappt sich dann den aufgelösten Wern vom Boden, den er schnell aus dem Raum trägt, als wöge er nicht viel mehr als eine Feder.

Ich habe keine Ahnung wie viel Lenwe gesehen und gehört hat, aber die letzten paar Sekunden reichen eigentlich schon. Und seine Reaktion bestärkt mich nur in meiner Annahme. Wer weiß, falls ich es tatsächlich schaffen sollte seinem unbarmherzigen Griff zu entkommen, dann hätte ich bereits etwas gegen ihn in der Hand. Mit einem schmalen Lächeln starre ich gedankenvoll in die inzwischen vom ersten Morgengrauen erfüllte Küche.

Natürlich bedeutet dieses Wissen auch ein Risiko für mich, denn das einzige was Lenwe zu diesem Zeitpunkt davon abhält mich zu töten, ist meine Verpflichtung gegenüber Akhreal. Sobald allerdings dieser gar nicht so lange Zeitraum von sechs Monaten vorbei ist, nehme ich an er wird sich gezwungen fühlen mich zu beseitigen. Jeder der auch nur einigermaßen logisch denkt muss, bei einer Betrachtung unserer Situation zu dem Schluss kommen, dass es viel zu gefährlich wäre mich weiter am Leben zu lassen. Lenwe mag zwar arrogant sein, aber ich denke nicht dass er unter derartiger Verblendung leidet, als dass er annimmt mich immer kontrollieren zu können. Nein, dazu hat er ein viel zu ausgeprägtes Sicherheitsdenken. Allein ein Blick auf die Maßnahmen die er zur Verteidigung seines Heims getroffen hat, bestätigt dies sehr unzweifelhaft. Magisch gesehen ist dieser Turm die reinste Festung.

Als es langsam Zeit für das Frühstück wird, erhebe ich mich, um wie immer zuerst meine tägliche Säuberung vorzunehmen und mich dann der verhassten Küchenarbeit zu widmen. Ich weiß zwar nicht, ob Lenwe überhaupt anwesend ist, aber falls doch sollte ich ihn jetzt nicht zu sehr reizen. Außerdem bin ich hungrig. Ich bin mir natürlich bewusst, dass ich ohne seine Erlaubnis nichts zu mir nehmen darf, aber die Vorbereitungen beschäftigen mich wenigstens eine Weile und geben mir etwas zu tun, während ich weiter über die Enthüllungen dieses Morgens nachgrüble.

Nachdem ich endlich das meiste fertig gestellt und unter einem Stasisspruch verwahrt habe, begebe ich mich vorsichtig in den Empfangsraum. Kein Lenwe in Sicht. Vielleicht bringt er Wern nun noch früher weg als geplant, weil er ihn nicht mehr in meiner Nähe wissen will. Na gut, beschließe ich pragmatisch, dann werde ich eben mit meinen eigenen Vorbereitungen fortfahren. Schließlich will ich Akhreal keinen Grund zu Beanstandungen liefern. Noch ein Herr den ich zufrieden stellen muss. Als ob ich nicht mit Lenwe schon genug zu tun hätte.

Alles ist noch dort wo ich es gestern zurückgelassen habe und jetzt wo Wern wahrscheinlich permanent abwesend ist, sehe ich auch keinen Grund es wegzuräumen. Früher hätte das sowieso Ethin erledigt. Ethin... ich beiße die Zähne zusammen bis mein Kiefer schmerzt und muss die Augen schließen, um nicht Gefahr zu laufen in Tränen auszubrechen. Wenn der Tod von Wern Lenwe auch nur halb so sehr träfe, wie Ethins Tod mich getroffen hat, dann bedaure ich gerade wirklich ihn vorhin nicht umgebracht zu haben! Ob er es verdient ist mir in diesem Moment völlig gleich.

Wahrscheinlich kostet diese Wut mich noch einige wertvolle Minuten, aber schließlich begreife ich doch endlich noch, dass ich gerade zum ersten Mal seit einiger Zeit wahrscheinlich alleine und im Besitz meiner Ausrüstung bin. Das wird zwar nicht reichen um mich von diesem Halsband zu befreien, denn ich denke nicht, dass dieser Zustand allzu lange anhalten wird, aber ich kann durchaus versuchen Lenwe hinterher zu spionieren. Das habe ich schließlich schon öfters getan. Wenn es funktioniert, dann wüsste ich bereits wohin er Wern gebracht hat. Wissen ist Macht oder nicht? Mit einem grimmigen Lächeln hole ich schnell ein wenig Wasser aus der Küche und gieße es in die silberne Schale, die ich gewöhnlich für diesen Zauber nutze.

Es dauert eine ganze Weile bis ich mich durch die vielen Schichten seiner persönlichen Schutzzauber gearbeitet habe, die mich wieder und wieder mit undurchsichtigem Nebel konfrontieren, statt des klaren Bildes das ich eigentlich erzielen will. Aber irgendwann habe ich es geschafft zumindest einen nur leicht verschwommenen Eindruck von Lenwe und seiner momentanen Umgebung zu bekommen, ohne ihn darauf aufmerksam zu machen, dass er gerade beobachtet wird. Aus irgendeinem Grund sehe ich das Bild nur in verschiedenen Grautönen, aber das stört mich nicht sonderlich. Ich kann zumindest erkennen, wie der blonde Elf, mit einem immer wieder stolpernden Wern an der Hand, eine breite, reich bevölkerte Straße entlang eilt. Der Junge quält sich mit einem großen Bündel ab, das ziemlich schwer zu sein scheint und droht ihm jeden Moment aus dem Arm zu rutschen. Also hatte ich Recht. Lenwe hat keine Zeit verschwendet und den Jungen so schnell es ging aus dem Haus geschafft. Zu meinem großen Ärger kann ich nicht genau sagen wo sie sind. Es ist offenbar heller Tag, also müssen sie irgendwo an der Oberfläche sein, aber bis ich mehr sehe, kann ich nicht viel genaueres sagen.

Natürlich könnte ich versuchen später aufgrund eines Bildes zu teleportieren, aber damit wäre ich ich sehr festgelegt und außerdem ist diese Vorgehensweise riskanter als sich an einen bereits bekannten Ort zu begeben. Teleportation ist leider nicht unbedingt meine große Stärke. Ich entscheide noch etwas abzuwarten. Vielleicht werde ich doch noch etwas erkennen, das mir sagt wo sie gerade sind. Zu lange darf ich allerdings auch nicht verweilen, denn ich muss noch genug Zeit haben um eine glaubwürdige Beschäftigung vorzutäuschen wenn Lenwe wieder eintrifft. Idealerweise eine, die nichts mit Magie zu tun hat.

Als Lenwe vor einem großen Haus zum stehen kommt, kann ich fast meinen Augen nicht glauben. Dieses Haus habe ich tatsächlich schon einmal gesehen und ich weiß auch, wem es gehört. Egal ob Wern wirklich dort bleiben wird oder ob es nur eine kurze Station auf seinem Weg ist, der Umstand, dass er überhaupt dort war, wird mein Vorgehen wahrscheinlich erschweren. Ich warte lange genug um sicher zu gehen, dass Lenwe auch tatsächlich an die große Tür klopft. Leise vor mich hin fluchend beende ich dann meinen Wahrsagezauber und eile in die Küche. Noch länger zuzuschauen kann ich mir nicht erlauben, denn Lenwe könnte jeden Moment fertig sein und zurück kommen. Schnell greife ich nach Mehl und Eiern.

Lenwe, der wenig später, mit dunkler Miene herein stapft, findet mich beim wenden eines Pfannkuchens vor. Er blickt sich zwar zunächst misstrauisch um, scheint aber dann doch sehr auf seine persönlichen Vorsichtsmaßnahmen zu vertrauen, die tatsächlich auch die meisten wirkungsvoll davon abgehalten hätten ihm nachzuspionieren. Hätte ich nicht schon früher lange Stunden darauf verwendet seinen Schutz zu umgehen, dann hätte ich heute keine Chance gehabt auch nur den kleinsten Blick auf sein Tun zu erhaschen.

Er fragt mich zwar was ich in der Zwischenzeit getan habe, aber gibt sich erstaunlich schnell mit der knappen Mitteilung zufrieden, ich hätte das Frühstück vorbereitet. Das ist auch nicht einmal gelogen. Offenbar unterschätzt er mich nach wie vor. Ein Umstand, den ich, zu meiner eigenen bitteren Belustigung, sowohl erleichternd als auch beleidigend finde.

Noch während des Essens muss ich feststellen, dass Lenwe offenbar seine bisherige Taktik der Isolation abrupt aufgegeben hat. Stattdessen beginnt er nun, sich mit scheinbar beiläufigen Berührungen permanent meine Aufmerksamkeit zu sichern. Dies beinhaltet leider auch das wiederaufnehmen der Fütterung per Hand. Darauf hätte ich wirklich verzichten können, denke ich mürrisch, während ich an dem letzten winzigen Stück Brot knabbere, das er mir zugedacht hat.

Ich muss einen unfreiwilligen Seufzer der Erleichterung unterdrücken, nachdem klar ist, dass der blonde Magier mir nicht in die Küche folgen wird, um mir auch noch beim Abwaschen zuzusehen. Leicht beunruhigt von dieser plötzlichen Veränderung frage ich mich, was nur in ihm vorgehen mag. Liegt es an den Ereignissen des heutigen Morgens, dass er sich auf einmal so anders verhält oder gehörte es von Anfang an zu seinem Plan? Ich muss immerhin zugeben, dass ich mich jetzt schon merklich eingeengt und irritiert fühle durch diese untypische Nähe, die er auf einmal aufbaut. Ein Gefühl, das mich durchaus angreifbar macht, nachdem ich bereits daran gewöhnt war ignoriert zu werden.

Auch die nächsten Stunden über bleibt Lenwe bei seinem neuen Kurs. Sein Vorgehen wird noch erleichtert durch den Umstand, dass wir nun beide in seinem Arbeitsraum unseren Vorbereitungen nachgehen. Mir ist zwar klar, dass er zu jeder Zeit wissen will womit ich beschäftigt bin, aber dass er dazu so dicht hinter mir stehen und seine Finger über meinen Nacken oder meine Arme wandern lassen muss, passt mir gar nicht.

Als Lenwe sich schließlich zum mindestens zehnten Mal unnötig dicht über meine Schulter lehnt und dabei seine Hand auf meine Schulter legt, komme ich schon nah an meine Grenze. Die Frage, die er dann geradezu in mein Ohr haucht, ist dazu noch so offensichtlich überflüssig für jemanden von seinen Fähigkeiten, dass ich mich zusammen reißen muss um die irritierte Schärfe aus meinem Ton zu verbannen als ich antworte. Er versucht nicht einmal so zu tun als hätte er wirklich einen Grund mich so zu bedrängen. Unglücklicherweise entfernt er sich danach nicht, sondern murmelt eine weitere dämliche Frage. Dazu fängt er dann auch noch an seine Finger über die Schulter zu meinem Hals zu bewegen. Da ich immer noch nichts weiter als die kurze Tunika trage, hat er viel nackte Haut zur Verfügung, was er auch ausnutzt.

Einen Augenblick erwarte ich gleich über den Tisch gebeugt zu werden, aber dann ist Lenwe auf einmal wieder weg, auf der anderen Seite des Raumes, mit seiner eigenen Aufgabe beschäftigt. Verwirrter als ich zugeben möchte, beobachte ich ihn, wie er mit kurzen, präzisen Bewegungen ein kompliziertes Diagramm zeichnet.

Mir bleibt nichts weiter übrig als es zu hinzunehmen. Aber was ertrage ich da eigentlich gerade? Mir wäre es ehrlich lieber Lenwe würde sich tatsächlich entscheiden ob er nun gerade Sex will oder nicht, dann hätte ich es hinter mir und könnte danach endlich in Ruhe arbeiten. Irgendwie habe ich das Gefühl er macht sich über mich lustig, kann aber nicht genau sagen weshalb ich dies denke. Will er dass ich mich widersetze? Wieso würde er mich sonst auf einmal so offensichtlich reizen? Vielleicht sollte ich ihm einfach seinen Wunsch erfüllen.

Mit einem stummen Seufzer beuge ich mich wieder über meine Bücher. Einige Minuten kann ich mich konzentrieren, aber dann geht es auch schon weiter. Das leise Raschen von Roben kündigt seine Nähe bereits an, so dass die Hand, die beiläufig meinen Rücken streift als Lenwe an mir vorbei geht, nichts überraschendes für mich ist. Dennoch muss ich mich bemühen meine innere Anspannung daraufhin nicht in meine Schultern fließen zu lassen. Ich bin dumm mich von dieser Taktik so aus der Ruhe bringen zu lassen, beschließe ich ärgerlich, kann aber meinen Widerwillen gegen Lenwes Berührungen damit nicht verbannen.

Einige Stunden schmore ich weiter still vor mich hin, bis ich erkenne, dass dies eigentlich völlig unnötig ist. Inzwischen nehme ich an, dass Lenwe irgendeine Machtdemonstration geplant hat und sich darauf verlässt, dass ich bald ein einigermaßen deutliches Zeichen des Aufbegehrens von mir gebe, das ihm einen Vorwand geben wird diese zu präsentieren. Ihn von meiner Stärke und Geduld zu überzeugen wäre für mich im Grunde nur nachteilig. Wieso sollte ich ihm also nicht den Vorwand liefern auf den er wartet und hoffen, dass er mich dann weiterhin unterschätzt?

Mit dieser Erkenntnis ist mein Ärger bereits zum größten Teil verschwunden. Danach bereitet es mir beinahe Spaß zunehmend Zeichen von Anspannung und Abwehr in meine Körpersprache einfließen zu lassen, wenn Lenwe sich nähert. Zusammengebissene Zähne und eine gekräuselte Nase scheinen ihn am meisten zu beeindrucken. Während ich einen vorsichtigen Anschein von wachsender Wut aufrecht erhalte, bin ich innerlich fast euphorisch. Ich kann Lenwe also nach wie vor anlügen, solange ich es nicht mit Worten tue. Ein neues, gefährliches Gefühl von Triumph kriecht vorsichtig durch meine Brust. Ich genieße es solange es anhält.

Nachdem ich die Zeit für reif befinde, warte ich mit gemischten Gefühlen auf Lenwes nächste „Attacke". So sehr ich mich daran ergötze Lenwe heute durchschaut zu haben, so wenig freue ich mich darauf zu erfahren, was er nun eigentlich geplant hat. Angenehm wird es auf keinen Fall sein. Entkommen kann ich allerdings auch nicht. Entschlossen trete ich an ein schmales Regal voller Glas- und Keramiktiegel und beginne etwas zu suchen, von dem ich bereits weiß, dass ich es heute wohl nicht mehr brauchen werde. Ich muss nicht lange warten bis Lenwe sich wieder einmal dicht hinter mich platziert, um an mir vorbei zu reichen und dabei langsam und genüsslich seine Hand an meinem ausgestreckten Arm entlang wandern zu lassen.

„Wolltet Ihr etwas bestimmtes, Herr?" frage ich spitz und rufe mir dabei den Ärger wieder ins Gedächtnis, der sich im Laufe des Tages in mir aufgebaut hatte, um meine Vorstellung glaubwürdig zu machen, als ich mich halb umdrehe und Lenwe ins Gesicht blicke.

Lenwe lächelt zufrieden, als hätte er gehofft, genau diese Worte aus meinem Mund zu hören. Ein kalter Schauer läuft unwillkürlich meinen Rücken hinab.