Es geht weiter. Chase, Sara und Max sind aus England zurück und mit ihnen die unbewältigten Probleme. Doch es bleibt keine Zeit zum Grübeln, denn Sara wird sofort in einen Einsatz einbezogen und als in Maxwells Penthouse ein Sprengsatz detoniert, haben Chase und Sara große Angst, um Maxwells Leben. Hat er die Explosion überlebt?

-Kapitel Sechs-

-Nach der Explosion-

Manhattan, New York

Chase erreichte den Ort der Explosion fast Zeitgleich mit Sara. Eine Menge von Menschen hatte sich bereits in einem von den ersten Polizisten notdürftig eingerichteten, Sicherheitsabstand, versammelt, um das Geschehen verfolgen zu können. Bald würde es hier von Krankenwagen, Feuerwehrfahrzeugen und weiteren Polizisten wimmeln. Noch war die Besetzung allerdings eher notdürftig zusammengeflickt worden, so erschien es Chase jedenfalls. Die Polizisten hatten alle Mühe, die Masse zurück zu halten und Chase wunderte sich immer wieder über die Leute, die diesen Chaostourismus scheinbar aus Leidenschaft praktizierten. Wahrscheinlich standen sie auch bei jedem Krankenwagen, der an ihnen vorbei fuhr, erst mal still und wollten sehen, was passierte. Im Augenblick waren die Gaffer Chase allerdings mehr als Recht, denn sie hielten die Polizisten auf Trapp.

Diese Chance musste Chase nutzen und so versuchte er sich an den Menschen vorbei nach vorne zu drängen. Wenn er Glück hatte, konnte er hindurch schlüpfen und im Inneren nach Max sehen. Das Glück war aber am heutigen Abend nicht auf seiner Seite, denn ein älterer, bärtiger Polizist mit blassblauen Augen und der typischen, schwarzen Polizeiuniform stellte sich in den Weg: „Sie dürfen hier nicht durch."

Ausgerechnet er musste einem Cop über den Weg laufen, der die Situation offensichtlich sehr gut im Griff hatte. Ob er an einer anderen Stelle Glück gehabt hätte, wusste er nicht, wollte darauf aber auch keine Gedanken verschwenden. Schnell änderte er die Taktik, jetzt wo er wusste, dass selbstbewusstes Voranstürmen nicht der Schlüssel zum Erfolg war.

„Aber…"

„Kein aber, ich kenne alle Ausreden. Sie sind sicher wieder so ein Sensationsjournalist.", blaffte der bärtige Polizist in Chase Richtung und einige Speichtropfen lösten sich von seinen Lippen und segelten in hohem Bogen davon. Wie durch ein Wunder, blieb Chase davon allerdings versehrt.

„Keine Panik, Officer.", die Frauenstimme kam aus dem Hintergrund und in diesem Moment trat Sara neben ihn und legte Chase den Arm auf die Schulter: „Der Mann hier gehört zu mir.", sie hielt ihm seine Dienstmarke vors Gesicht und lächelte kurz in Chase Richtung. Sie schien sich ernsthaft zu freuen, dass Chase jetzt hier war und Chase seinerseits war mehr als froh, dass sie ihm rechtzeitig zur Hilfe geeilt war.

„Wir müssen da hoch.", Sara deutete nach oben.

„Das ist ausgeschlossen.", erwiderte der Bärtige, jetzt allerdings etwas ruhiger, als er erkannte, dass Sara in der Hierarchie der New Yorker Polizei weit über ihm stand: „Das ist zu gefährlich.", versuchte er seinen barschen Ton auf diese Weise wieder wett zu machen.

„Die Explosion ereignete sich im obersten Stockwerk, soweit ich das von hieraus beurteilen kann. Ich bin zwar keine Expertin für Statik, aber ich glaube kaum, dass uns irgendwas auf den Kopf fallen könnte."

„Außer ihnen vielleicht.", er schien sich noch immer nicht wirklich erweichen zu wollen.

„Wir müssen da hoch und sehen, ob Menschen verletzt wurden, das ist unsere Pflicht.", mit diesen Worten drängte sich Sara an dem Polizisten vorbei und hörte nicht mehr auf seine Rufe. Er konnte ihr sowieso nichts verbieten, den Eindruck hatte Chase jedenfalls, als er hinter der schnell voranschreitenden Sara herlief. Im Foyer herrschte das reinste Durcheinander. Mehrere Polizisten und einige Sanitäter, die offensichtlich zufällig in der Nähe waren, versuchten die Menschen, die sich in dem Gebäude befanden, nach draußen zu lotsen, ohne das ein Gedränge entstand.

Außer Frys früherer Firma und dem Penthouse ganz oben, gab es hier noch einige, an Privatpersonen vermietete Wohnungen, die jetzt allesamt geräumt wurden.

„Ist schon jemand oben?", wollte Sara von einem Polizisten, der gerade dabei war, einer jungen Frau aufzuhelfen, im Vorbeigehen wissen.

„Nein…ähem…ja…weiß…", doch dann waren sie bereits außer Hörweite.

„Wir müssen zur Nottreppe, Chase.", sie deutete in Richtung der alarmgesicherten Metalltür: „Hier sind mir zu viele Menschen."

Ohne ein Wort zu sagen, folgte Chase der jungen Polizistin. Er hatte sie noch nie in Aktion gesehen, jedenfalls nicht in ihrem Beruf und er musste sagen, dass er mehr als beeindruckt war, von der Tatsache, wie sie sich schlug.

Sie wirkte sehr souverän und wusste genau was sie wollte. Während sie auf Abenteuern eher Lara die Führung überließ, schien sich Sara hier zu ihrer vollen Blüte zu entfalten und Chase erkannte in diesem Moment, dass sie nur zu oft ihr Licht unter den Scheffel gestellt hatte.

Mit einem beherzten Tritt, unterstützt durch Saras ständige Begleitung, brach sie die Tür auf und in dem Moment schrillte der Alarm los. Chase war verwundert, dass sich kaum einer um den plötzlichen Lärm kümmerte, aber stellte keine weiteren Fragen, während er Sara in das schmucklose Treppenhaus aus Stahl und Plastik folgte.

„Nächster Halt: Penthouse, Sie werden den Ausblick lieben.", sprach Sara in typischer Maklermanier, während sie ihren rechten Arm hob und eine Ranke durch die Lücke, die entstand, wenn man ein Treppenhaus mit rechten Winkeln und Zwischenstücken baute, auf denen die Menschen ebenerdig gehen konnten.

Mit ihrer linken Hand ergriff sie Chase an der Hüfte und dann zog die Witchblade sie auch schon hinauf.

„Du benutzt wohl nie Aufzüge, oder?", rief Chase ihr zu, während die einzelnen Stockwerke in schwindelerregender Geschwindigkeit an ihnen vorbeirasten.

„Ist viel besser für die Umwelt.", kommentierte Sara seinen Satz völlig trocken, gerade als er zum nächsten Spruch ansetzen wollte, erreichten sie ihr Ziel.

„Wir haben unser Ziel erreicht, wir bitten hiermit alle Fahrgäste auszusteigen.", fügte Sara noch hinzu. Chase war beeindruckt, wie gelassen sie war, obwohl niemand von ihnen wusste, ob es Max gut ging. War er überhaupt hier? Chase wusste es nicht, aber er war sich sicher, dass sie es bald erfahren würden.

„Du solltest vielleicht bei einem Busunternehmen arbeiten. Die Texte hast du auf jeden Fall gut gelernt.", die nächste Metalltür lag vor ihnen, aber da der Alarm schon ausgelöst war, konnten sie die Tür problemlos öffnen. Dahinter verbargen sich ein kurzer Flur und eine einzige Holztür, die trotz der Explosion völlig unbeschadet aussah.

Der Flur war in hellen Tönen gestrichen und ein roter Läufer wies ihnen den Weg. Eine künstliche Pflanze flankierte ihren Weg, die hier wahrscheinlich nur stand, weil es in diesem Flur kein Fenster gab und jede normale Pflanze schon längst eingegangen wäre.

Auch diese Tür musste unter Saras Ansturm weichen und sie betraten ein völlig ramponiertes Penthouse. Links von ihnen, da wo Chase den Explosionsherd vermutete, waren nur noch verkohlte Überreste zu erkennen.

Die Tür, die von außen wie neu aussah, sah von dieser Seite völlig anders aus. Ruß hatte sich darauf abgelagert und der Teppich war an mehreren Stellen verbrannt. Hier und da brannten noch kleine Feuer, die aber nicht nennenswert waren.

Die Glasfront des Penthouses war total zerstört und die Möbel waren durch die Druckwelle der Explosion umgeworfen worden. Wie Max das hier hätte überleben können, war Chase ein Rätsel.

„Was machen wir jetzt?", wollte er von Sara wissen.

„Wir suchen. Wenn wir Glück haben, war Max gar nicht hier. Ich weiß nicht, ob ich die Wohnung meines ermordeten Vaters wieder betreten würde, wenn mir so etwas geschehen wäre.", überlegte Sara laut.

Während sie ausschwärmten, um nach Max zu suchen, sprach Chase weiter: „Soweit ich weiß, hatte Max sonst nichts, wo er hätte hingehen können."

Sie hatten auf dem doch mehrere Stunden dauernden Flug einiges besprochen, soweit ihre Stimmung es zugelassen hatte.

„Wir werden sehen…", Sara hielt inne: „Hörst du das?"

Chase verneinte. Die heranrasenden und lauter werdenden Sirenen und der Wind, der durch die offenen Fenster hineinwehte, verdeckten die meisten Geräusche.

Sara hastete schnell durch die Wohnung, ohne weiter auf Chase einzugehen, dann kam sie neben einer umgestürzten Couch zum Stehen und in dem Moment hörte es auch Chase. Ein Stöhnen, vor Schmerz.

Chase schloss schnell zu Sara auf und folgte ihrem Blick. Am Boden liegend sah er Max. Er lag auf der Seite, halb unter der umgekippten Couch begraben. Wenn man davon ausgehen konnte, dass der Explosionsherd in der Nähe der Eingangstür war, dann hatte Max vermutlich auf der Couch gelegen und war dann durch die Druckwelle umgeworfen worden, so dass die Flammen ihn nicht richtig getroffen hatten.

„Wir müssen ihn hier raus schaffen.", rief Chase, der bemerkte, dass sich die Flammen jetzt doch ausbreiteten. Die Luft, die durch die zerstörten Fenster hereindrang, nährte das Feuer und ließ es sich ausbreiten.

„Einen Moment.", Sara ging neben ihm in die Knie, berührte Max vorsichtig an der Schulter, um ihn so sanft wie möglich auf den Rücken zu drehen. Ein erneutes Stöhnen entwich seinen Lippen, aber er hielt die Augen weiterhin geschlossen.

„Was machst du da?", rief Chase empört. Er konnte nicht verstehen, warum Sara sich nicht beeilte.

„Er könnte Knochenbrüche haben, wir müssen vorsichtig sein.", erklärte Sara und betrachtete ihn genauer.

Chase tat es jetzt ebenfalls, da er nicht wusste, was er sonst tun konnte und erschrak. Max hatte mehr abbekommen, als Chase auf den ersten Blick hin vermutet hatte.

Sein linkes Bein war völlig versengt, von der Jeanshose die er getragen hatte, waren an der Stelle nur noch Fetzen übrig. Sein Oberkörper hatte mehrere Schnitte abbekommen und Chase sah auch einige, blaue Flecken. Sein rechter Arm stand in einem unnatürlichen Winkel ab.

„Wir müssen den Arm schienen, sonst können wir ihn hier nicht rausbringen.", bevor Sara noch etwas sagen konnte, war Chase schon unterwegs und suchte nach etwas, dass stabil genug war, um es als Schiene zu benutzen.

Er brauchte nicht lange zu suchen. Ein in Holz gerahmter Spiegel war zu Boden gefallen und zersplittert, so dass der Rahmen, ebenfalls in zwei Teile zerbrochen, nutzlos auf dem verrußten Teppich lag. Mit einem Ruck hatte er ein Stück Holz herausgebrochen und war wieder zurück bei Sara, während sie aus Max Hemd, welches er trug, einige Stofffetzen herausgerissen hatte.

„Das sollte gehen.", Chase reichte Sara die improvisierte Schiene und sie platzierte sie mit flinken Fingern an der richtigen Stelle.

Als das getan war, entfaltete Sara wieder ihre Witchblade und hob Max mühelos in die Höhe. Irgendwie erschrak Max die Tatsache, dass Sara so viel Kraft hatte, aber er hatte gelernt in richtigen Momenten, nichts zu hinterfragen.

Gemeinsam verließen sie die brennende Wohnung und eilten hinüber zum Notausgang.

New York Presbyterian Hospital

Wenige Stunden später

Sie hatten Max erfolgreich hinunter gebracht und ihn dort an die ankommenden Krankenwagen übergeben. Den Rest des Weges hatte Sara ihre Witchblade versteckt und sie hatten Max stützen müssen.

Ohne abzuwarten, was weiter geschah, waren sie ebenfalls in den Krankenwagen gestiegen. Auf die Frage, ob Max noch Verwandte hatte, hatten sie keine Antwort gehabt, aber sie hatten mitfahren dürfen.

Jetzt saßen Sara und Chase seit einigen Stunden im Wartesaal des Krankenhauses, solange Maxwell im OP war. Sara hasste es zu warten, weshalb sie sich aus Langeweile eine sinnlose Frauenzeitschrift, die zu sechzig Prozent aus Werbung bestand, gekauft hatte und ihren sechsten Kaffee trank.

Chase lief unruhig auf und ab. Keiner von ihnen hatte in der Zeit viele Worte gewechselt, die Stimmung war dafür viel zu gespannt.

„Was glaubst du, wer das war?", fragte Chase schließlich. Die Frage schien ihn schon seit Stunden zu beschäftigen.

„Ich weiß es nicht.", Sara spürte die Unruhe in sich, die sie zum Teil auch auf die Menge an Kaffee schob, die sie sich zu Gemüte geführt hatte: „Sobald die offiziellen Untersuchungen abgeschlossen sind, werden wir mehr wissen. Vielleicht war es auch ein Unfall."

„Ich weiß es nicht. Irgendwie glaube ich nicht daran.", Chase hielt inne und setzte sich neben die junge Polizistin: „Ich glaube nicht an Zufälle."

„Man kann es nie genau sagen.", Sara gähnte. Obwohl durch ihr Blut Koffein in Massen strömte, merkte sie die Müdigkeit. Sie hatte die letzten Tage nicht viel geschlafen und seit sie wieder in New York war, war sie so viel unterwegs gewesen, dass ihr der Schlaf total unwichtig geworden war.

Jetzt, wo sie sitzen konnte, kehrte die Ermüdung zurück.

Chase wollte gerade etwas erwidern, als die Tür zum Wartesaal aufging und ein junger Mann in einem weißen Kittel und einem Stethoskop um den Hals hineinblickte: „Miss Pezzini? Mister Carver?"

„Hier!", Sara fühlte sich schon wie der werdende Vater, der nicht in den Kreissaal mit hineindurfte. Sie erwartete schon beinah so etwas vom Arzt, wie: „Herzlichen Glückwunsch…es ist ein Junge!"

Stattdessen sagte er etwas, dass Sara sehr nachdenklich machte: „Kommen Sie bitte mit?"

Es musste etwas passiert sein. Vielleicht hatte Max die Operation nicht überlebt, warum sonst sollte der Arzt nicht einfach fröhlich hinausposaunen: „Er lebt, JAAAAA er lebt!"

Sara hatte keine hohe Meinung von Ärzten, es sei denn, sie beschäftigten sich hauptsächlich mit der Obduktion von Toten und selbst da war sie nicht sicher, ob der Berufsstand nun Arzt oder Metzger war.

Sich für ihre Gedanken schämend, folgte sie dem jungen Arzt, der noch immer nicht seinen Namen genannt hatte, nach draußen, hinter ihr ging Chase und versuchte dabei ein Blick auf das Klemmbrett des Arztes zu erhaschen.

„Was gibt's, Doc.", wollte Chase wissen und stellte sich neben Sara auf.

„Ich wollte Ihnen nur mitteilen, dass es Ihrem Freund wieder besser geht, er ist jetzt stabil. Einige, leichte Verbrennungen, ein paar Schnittwunden. Es dürfte nichts bleibendes sein.", erklärte der Arzt und Sara wunderte sich im ersten Moment, warum er sie hinaus gebeten hatte, nur um ihnen das auf dem Flur mitteilen zu können.

„Können wir zu ihm?", fragte Sara.

„Ich wüsste nicht, was dagegen spricht.", der junge Arzt zuckte mit den Schultern: „Aber wundern Sie sich nicht. Von der Narkose ist er noch nicht wirklich aufgewacht. Viel werden Sie nicht aus ihm herausbekommen."

„Vielen Dank, Herr Doktor.", dann ließ sie den Arzt stehen und ging in Richtung der Zimmertür, die am Ende des langen, weißen Flurs war. Was war nur in Max' Appartement geschehen? Wer hatte dort den Sprengsatz deponiert? War es überhaupt ein Sprengsatz? Bis zum offiziellen Bericht musste sie noch warten, bis dahin konnte sie nur hoffen, dass Max vielleicht ein paar Antworten hatte und dann war da noch dieser Fall mit dem armen Mädchen an der Wand. Sara ahnte schon, dass die nächste Woche reichlich Stress mit sich bringen würde.

Fortsetzung folgt:

Max ist also durchgekommen. Gut für ihn, aber ist das auch gut für Sara? Wir werden es bald erfahren…