Cold Case - Sommer. Feindliche Übernahme

A/N: Es ist nicht so, als hätte ich keine CC-s ich keinen Grund habe, sie hier hochzuladen. Vielen Dank an einen anonymen Leser, der nicht nur las, sondern mir für Kap.6 ein Kommentar hinterliess. Das ist für dich.


Sie war neu.

Sie war jung.

Sie war blond und blauäugig - auch wenn ihre Augen manchmal, je nachdem, wie sie gelaunt war, grau oder grün wirken konnten, so wie das Meer, welches mit der Wetterlage seine Farbe änderte. Aber auch das machte nicht den Unterschied aus.
Sie war schlank. Sie hatte eine gute Figur, ein schönes ernstes Gesicht, sie sah gut aus und hatte vermutlich auch etwas im Kopf, sonst hätte sie es niemals bis dahin geschafft, wo sie gerade beruflich stand. Und auch, wenn das vielleicht einen Unterschied machte - das war nebensächlich.

Das eigentliche Problem war: Sie war eine Frau.

Und nicht nur irgendeine, beliebige Frau - sie war die erste Frau in der Mordkommission in Philadelphia in der Geschichte des Departments. Und dies bedeutete verschiedene Dinge, je nach befragter Ziel- und Personengruppe.

Für die altgedienten Detectives bedeutete ihre Anwesenheit: Sie war ein Störfaktor, ein faules Ei, absichtlich in ihrer Abteilung platziert, um sie zu stören, ein wandelnder Witz (Blondinenwitze erlebten plötzlich ein überraschendes Comeback), eine Person, die sich über sexuelle Belästigung beklagen würde, wenn man ihr nur zu nahe kam. Die ihre Arbeit kritisieren würde, es aber selbst nicht würde besser machen können, die sie mit Regeln und Vorschriften und deren vorschriftsmäßiger Einhaltung traktieren würde. Eine Person, die bei jeder Kleinigkeit den Boss informierte, die herummäkelte, wenn die männlichen Egos wieder die Überhand gewannen...

Kurz: Lilly Rush war ein Störfaktor, der so schnell wie möglich beseitigt werden musste. Für Lilly Rush bedeutete dies nichts anderes als: Wenn sie bleiben wollte - was sie eigentlich im Sinn hatte - würde sie sich mir allen Mitteln durchsetzen müssen.

Sie war gewarnt worden.

Bekannte, Kollegen, Vorgesetzte und die wenigen Personen, die sie als Freunde bezeichnet hätte, jeder, der nur irgendwie von ihrer möglichen Versetzung erfahren hatte, war interessiert daran gewesen, ihr seine ganz persönliche Meinung über diese "Chance" so deutlich wie möglich mitzuteilen. Einige Meinungen hatte sie von Vornherein ignoriert, wohl wissend, dass sie purem Neid entsprangen - aber alle anderen hatte sie geduldig gelauscht und sie bei ihrer Entscheidung in Betracht gezogen. Auch Lieutenant Stillman hatte sie gesprochen, ihren Mentor und Vaterersatz. Er würde ihr Vorgesetzter sein, für den Fall, dass sie sich versetzen liess, und er brachte unzweifelhaft zum Ausdruck, dass er sie für mehr als fähig hielt, den Posten in der Mordkommission anzunehmen. Sein Vertrauen machte sie glücklich. Gleichzeitig hatte er sie jedoch gewarnt, hatte deutlich zu machen versucht, was es bedeuten würde, die erste Frau in einer von Männern dominierten Domäne zu sein. Doch egal, ob diese Meinungen gut gemeint waren oder nicht: Eines hatten sie alle gemeinsam. Jetzt war Lilly erst Recht entschlossen, diesen Posten anzunehmen.

Die Detectives erlebten ihr blaues Wunder.

Lilly Rush war jung - aber sie war intelligent und hatte Erfahrung. Sie drängte sich nicht in den Vordergrund, brachte ihre Ideen gezielt und klar an die richtige Stelle, sie beschwerte sich nicht über die Arbeitszeiten, war bereit, auch einmal anstrengende Arbeiten in Angriff zu nehmen und stellte tatsächlich eine Bereicherung dar. Zusätzlich zu John Stillman fand sie bald einen neuen Freund: Will Jeffries, einen erfahrenen Detective, der hoch angesehen war, jedoch im Allgemeinen außerhalb der Kollegenkreise geblieben war - und das, obwohl viele jungen Kollegen darum wetteiferten, ihn näher kennen zu lernen. Vielleicht war das das Problem.

"Schleimerin!", murmelten die Einen eifersüchtig und versuchten, sie lächerlich zu machen. Lilly setzte eine Maske der Undurchschaubarkeit auf und hob stolz den Kopf.

Sie war blond. Sie war blauäugig. Sie war eine Frau. Aber Witze machten nur dann Spaß, wenn das Opfer die Pointe verstand und darauf negativ reagierte. Lilly lächelte. "Der war gut. Den kannte ich noch nicht."

So machte nicht einmal das Witzeln Freude.

Sie war schlank und gutaussehend. Aber als Frau hatte Lilly schon früh gelernt, wie man mit Männern umging, die zu aufdringlich wurden. Sie konnte sich verteidigen. Was erwarteten sie auch von einer Polizistin? Mehrere Kollegen gingen in der nächsten Zeit - für sehr lange Zeit - auf Abstand, wenn sie den Raum betrat. Die Eisprinzessin des Dezernats aus dem Gleichgewicht zu bringen wurde ein Volkssport, der jedoch nicht lange betrieben wurde. Die Gleichgültigkeit, die das "Opfer" an den Tag legte, war ernüchternd genug. Nur in einem Punkt waren alle männlichen Kollegen ihr weit überlegen und sie dachten nicht daran, ihr dort die Führung zu überlassen. Und das waren die Toilettenräume.

Natürlich hatten die Erbauer dieses Gebäudes zunächst Herren- als auch Damentoiletten eingebaut.

Die andauernde Abwesenheit der Damen jedoch hatte es den Herren erlaubt, sich auch den gegenüberliegenden Bereich anzueignen und zu ihrem Reich zu machen. Als Lilly die Toilettenräume das erste Mal betrat, schlug ihr eine Welle abgestandener Luft entgegen, die sie erst einmal würgen liess. Eine widerliche Mischung aus Urin, Aftershave und Fäulnis drohte sie zu überrollen und sie stürzte zum Fenster - es klemmte - um es aufzureißen. Tief atmete sie die frische Luft ein, die durch die Öffnung in den Raum schwebte. Dann erst nahm sie all ihren Mut zusammen und begutachtete den Raum.

Das war kein Badezimmer mehr.

Die Waschbecken waren verklebt und schmutzig, Essensreste, abrasierte Bartstoppeln und andere undefinierbare Dinge klebten daran. Die Klotüren waren halb aus den Angeln gerissen, die Brillen bespritzt und Toilettenpapierreste lagen am Boden. Und zu aller guter Letzt klappte eine Tür auf und ein Mann taumelte heraus, die Hände noch am offenen Hosenstall. Er sah sie und grinste sie unverschämt an, anstatt verlegen um Verzeihung zu bitten. "Willkommen bei uns, Detective Rush", sagte er und verliess den Raum, ohne sich die Hände zu waschen. Angewidert betrachtete Lil den Raum. Sie konnte es ihm nicht einmal verdenken, die Waschbecken nicht benutzt zu haben. Die Spiegel waren so zerkratzt und verschmiert, dass sie nicht einmal ihr eigenes Spiegelbild erkennen konnte. Missmutig betrachtete sie ihre Umgebung. Sie war sicherlich nicht zimperlich, aber die abgehärtetste Frau hätte diese Toilette nicht benutzen wollen. Was blieb ihr anderes übrig? Sie konnte natürlich immer noch die sechs Etagen ins Erdgeschoss hinunterfahren und dort die Gästetoilette benutzen. Aber abgesehen davon, dass dies lange dauern würde, würde es auch bedeuten, dass sie sich geschlagen gab. Nun, sie würde abwarten müssen. Sicherlich wurden die Toiletten geputzt?

Ja, wurden sie.

Aber anscheinend nicht oft genug, um den rapiden Verfall aufzuhalten, den die Damentoilette aufzeigte. Meist sah sie bereits wie ein Saustall aus, wenn Lil morgens zur Arbeit kam, und selbst wenn die Putzkolonne sich fluchend und schimpfend durch den Raum gearbeitet hatte, so hielt dies erneut allerhöchstens bis zum nächsten Tag an. Manchmal waren dreckige Taschentücher über den gesamten Boden verteilt, mit denen man die zuvor verursachte Überschwemmung hatte "beheben" wollen. Ein andermal waren sämtliche Toiletten durch Papierschnitzel aus den Aktenvernichtern verstopft, wieder ein anderes Mal fand sie die Waschbecken voller Haare und Bartstoppeln und - Farbe. Wo war sie hier eigentlich? In einem Polizeidepartment oder in einem Kindergarten?

Lilly ging dazu über, die Toilette so wenig wie nur irgend möglich zu benutzen. Aber sie kam nicht umhin, sich zu ärgern. Über die Rücksichtslosigkeit - und Gemeinheit - ihrer Kollegen, über ihren Chauvinismus, über die wiederkehrenden, dummen Sprüche und nicht zuletzt über ihre eigene Unfähigkeit, all diesen Dingen entgegenzuwirken. Und dann hatte sie die Idee.

Die Durchführung erforderte penible Planung. Einige Besorgungen waren zu tätigen, einige Absprachen zu treffen. Die Raumpflegerinnen waren nur zu bereit, ihr ihre Unterstützung zuzusagen, und mit ihrer Hilfe sammelte Lilly eine Woche lang Material für ihr Vorhaben in einem alten Putzmittelschrank im Fünften Stock. Dann musste der richtige Zeitpunkt sich ergeben. An dem Sonnabend, der zu einem langen Wochenende gehörte, waren nur wenige Detectives im Dienst und noch weniger überhaupt im Department. Irgendwann war sie die letzte Person im Gebäude, was natürlich wieder zu Witzen über ihr "nicht vorhandenes" Liebesleben führte und über ihre scheinbare Unfähigkeit, einen Ehemann zu versorgen, da sie ansonsten schon längst nach Hause gefahren wäre. Lilly ignorierte sämtliche Anspielungen und wünschte jedem Kollegen freundlich ein gutes Wochenende, und schließlich war sie allein. Nervös, aber entschlossen, strebte sie im Fünften Stock auf den Putzmittelschrank zu und öffnete ihn, als hinter ihr eine Stimme ertönte. "Was suchen Sie da, Lil?" Erschrocken fuhr sie herum und fand sich Nase in Brusthöhe mit ihrem Vorgesetzten und Mentor John Stillman wieder.

"Boss!" Erleichtert atmete sie auf. "Sie haben mich erschreckt."

Der hochgewachsene Mann runzelte die Stirn. "Gehen Sie nicht nach Hause?"

"Doch." Sie suchte nach Worten. "Ich muss nur... erst etwas erledigen."

Seinen hochgezogenen Brauen sah sie an, dass er sich Gedanken darüber machte, welcher Art ihre "Erledigung" genau war, aber er bohrte nicht nach. "Dann noch viel Erfolg", waren seine einzigen Worte. "Schönes Wochenende, Lil."

"Ihnen auch, Boss", gab sie zurück und betrachtete den Mann, der den Flur entlang zum Fahrstuhl ging. Als sich die Türen hinter ihm schlossen, machte sie sich an die Arbeit.

Am frühen Montagmorgen konnte Lieutenant John Stillman ein seltsames Phänomen in seiner Abteilung beobachten: Detectives, die kurz verschwanden, um, wie er annahm, auf die Toilette zu gehen, kehrten mit einem seltsamen Ausdruck und einer höchst ungesunden grünen Gesichtsfarbe zurück. Das Grün variierte im Farbton von einem schlichten Hellgrün bis zu einem Ausdruck, der fast an Bewunderung grenzte. John runzelte die Stirn und versuchte zu überhören, dass sich in der Belegschaft der Mordkommission langsam, aber zielsicher ein Flüstern verbreitete, welches leise begann und im Laufe des Vormittags zu einem konstanten Hintergrundgeräusch anwuchs. Als jedoch mehr und mehr Männer von ihren Posten an Schreibtischen, Verhörräumen und Schaltern verschwanden, fühlte er sich dazu verpflichtet, diesem merkwürdigen Aufruhr auf den Grund zu gehen. Zumindest den Ursprung wollte er finden.

Wie überrascht war er, als er diesen tatsächlich vor der Tür der Herrentoilette fand!

Doch genau diese Stelle war das Zentrum aller Aufregung. Mehrere Detectives standen vor der offenen Tür, unterhielten sich gedämpft flüsternd und gestikulierend und warfen immer wieder scheue Blicke in den Raum. Als John auf die Männer zuging, verlangsamten sich automatisch seine Schritte. Da drängte sich Nick Vera hastig von hinten an ihm vorbei und verschwand mit einem hektischen "Entschuldigung!" in dem Raum, ohne sich um die Menschenansammlung davor zu kümmern. Sofort verstummte das Flüstern und alle reckten die Köpfe, um zu sehen, was nun passieren würde - John eingeschlossen. Für eine kurze Zeit war das leise Klappern der Klimaanlage der einzige Laut - und dann stolperte Vera mit kalkweißem Gesicht rückwärts aus der Tür, den Mund weit aufgerissen. Auf seinem Gesicht spiegelte sich fassungsloses Entsetzen, vergessen war jeder Gedanke an eine schnelle Nutzung besagter Räumlichkeiten. "Was... Was ist das?", rief er tonlos aus und sah so aus, als müsse er sich im selben Moment übergeben. Und endlich konnte John auch einen Blick auf das, was seine hartgesottenen Männer so schockiert hatte, erhaschen.

Rosa.

Die Herrentoilette war rosa.

Rosafarbene Läufer lagen auf dem blankgeputzten, frisch gewischtem Boden, rosafarbene Seidentücher waren über die schlimmsten Schäden an Decke und Wänden gespannt. Über die Wasserkästen der Toiletten waren rosafarbene Wollbezüge gespannt worden, die aussahen, als seien sie gehäkelt worden, und an jeder Tür hing ein kleiner, rosafarbener - was sonst! - Duftsack in Form eines Herzens. Aber das war nicht alles. Auf dem Sims, welches über den Pissoirs entlang lief, lagen rosafarbene Plastikrosen und brennende Teelichter, die der Luft einen schweren, zuckersüßen Hauch versetzten. Am Spiegel - am neuen Spiegel, musste man hinzufügen - stand ein rosafarbener Seifenspender und daneben lagen rosafarbene, flauschige Handtücher. Die Fenster zierten rosafarbene Klebesterne. Sogar die Toilettenrollen hatten einen rosafarbenen Bezug erhalten, und das Beste überhaupt waren die zwölf Körbe - rosafarben - mit den Namenszügen eines jeden Mitglieds ihrer Abteilung des Morddezernats.

Zum ersten Mal in seinem Leben fand John Stillman es schwer, eine gleichgültige Miene zu bewahren, als er sich umdrehte und seine Untergebenen musterte. Wie verschreckte Kaninchen sahen sie zu ihm auf, als suchten sie nach einem Indikator, einem Marker, nach dem sie sich richten konnten und der ihnen mitteilen würde, wie sie sich verhalten sollten. Als er Nick Veras Blick begegnete, zog er die Augenbrauen hoch. "Wenn Sie mich fragen, ist das ein überaus deutlicher Hinweis", sagte er vielsagend und liess seinen Blick über die unglücklichen Gesichter wandern. Beschämt senkten die Angesehenen die Köpfe. Damit sie nicht sehen konnten, wie er grinste, wandte John sich ab und ging den Weg zurück, den er gekommen war, da machte er an der hintersten Wand einen blonden Schopf aus.

"Bravo, Lil", sagte er leise.

Lilly erwiderte das Lächeln ihres Mentors und verspürte ein tiefes Gefühl der Genugtuung. Ihre feindliche Übernahme hatte ihr den letzten Respekt verschafft, den sie noch benötigt hatte, um endgültig als Teil des Morddezernates anerkannt zu werden...

Abends entfernte sie das Dekor und verteilte es wieder an die diversen Raumpflegerinnen, die es ihr geliehen hatten, dann erst ging sie nach Hause. Die Sterne an den Fenstern liess sie jedoch kleben - Als zukünftige Warnung.