A rift in time and coffee

von Michelle Mercy

Eine CoE-Fix-it-Story, Janto, mit cameos einiger anderer Figuren, rated für slash und Blasphemie.

Die Jungs gehören einander und RTD, aber wenn er gerade nicht aufpaßt, lasse ich ihm das Sorgerecht entziehen. Des Teufels Advokatin nebst natürlicher Umgebung gehören mir und entstammen dem „Wahrhaft teuflisch"-Universum.

1. Kapitel

Ianto Jones kam zu sich in dem Wissen, daß er tot war. Er hatte nicht damit gerechnet, daß er in einem Nachleben aufwachen würde. Nach allen, was Jack ihm erzählt hatte über das Sterben, und das, was Suzie erwähnt hatte, war er sicher gewesen, daß nur Dunkelheit auf ihn wartete.

Es war nicht dunkel. Der Raum war sogar ausgesprochen hell, auch wenn die Helligkeit ein wenig ins Rötliche spielte. Ein rotes Sofa stand in einer Ecke, ein Schreibtisch mit Stuhl in einer anderen. Und dazwischen lag Ianto auf dem Boden.

Er richtete sich auf und entdeckte, daß Jack neben ihm lag. Dieser setzte sich langsam auf. „Ianto", flüsterte Jack fast unhörbar, „es tut mir leid."

„Ich weiß." Ianto biß sich auf die Lippen. „Ist das hier, wohin du gehst, wenn du stirbst?"

„Ja."

„Unsere Definitionen von ‚Dunkelheit' sind etwas unterschiedlich, oder?"

„Ich weiß, daß dies der Platz ist, an den ich gehe, wenn ich sterbe, aber wenn ich zurückgehe, kann ich mich nur an das Dunkel erinnern."

„Dann vergiß wenigstens mich nicht." Ianto war sich viel zu bewußt, daß Jack und ihm nur noch wenig Zeit blieb.

„Niemals." Jacks Augen waren feucht. „Ich verspreche es."

Es war Ianto anzumerken, daß er zweifelte. Doch es war jetzt nicht angebracht, an Jack zu zweifeln, der brauchte all seine Kraft für das, was da draußen ihm noch bevorstehen mochte. Andererseits würde es keine andere Möglichkeit mehr geben, überhaupt etwas zu sagen. Ianto entschied sich dagegen, etwas zu sagen. Er beugte sich zu Jack hinüber und küßte ihn. „Dann geh jetzt und rette die Welt", sagte er und sah dabei zu, wie sich Jack aufzulösen schien und schließlich verschwand.

Ianto hoffte inständig, daß Jack seine Tränen nicht mehr gesehen hatte.

XXX

Die Advokatin des Teufels warf einen angewiderten Blick auf die Akte, die ihr ihr Sekretär gerade vorgelegt hatte. Für eine geschlagene Minute war sie damit befaßt, mit einem deftigen Fluch die eheliche Treue von Queen Victoria anzuzweifeln, die königliche Familie des Vereinigten Königreiches bis in die 42. Generation zu verwünschen, sämtlichen Regenerationen eines Aliens namens „der Doctor" Pest, Cholera und Fußpilz an den Hals zu wünschen, um schließlich mit einem herzhaften „Bloody Torchwood" zu enden.

Ihr Sekretär Gianni Schicchi wollte gerade etwas sagen, da tobte die Advokatin mit unverminderter Heftigkeit weiter. „Das ist jetzt schon der vierte Neuzugang innerhalb der letzten zwei Jahre allein aus Cardiff, nicht zu vergessen all diese Leute nach Canary Wharf und das Jahr-2000-Massaker in Cardiff. Ist es zuviel verlangt, daß ich einmal meiner normalen Arbeit nachgehen kann, anstatt mich ständig damit zu befassen?"

„Der Geschäftsverteilungsplan sagt, Torchwood ist Ihre Sache, Signora", wagte Gianni einzuwenden.

„Dann erinnere mich dringendst daran, daß ich Torchwood auf die Tagesordnung setzen lasse, wenn wir das nächste Mal mit dem Gesandten des alten Mannes da oben über die Geschäftsverteilung diskutieren. So kann es einfach nicht weitergehen." Die Advokatin atmete tief ein und aus. „Harkness hat seine Stippvisite beendet?"

„Selbstverständlich."

„Na, es hätte mich auch sehr überrascht, wenn er diesmal länger geblieben wäre." Sie seufzte. „Also schön, sehen wir uns Torchwoods neuesten Verlust an."

Gianni Schicchi verschwand und kehrte kurz darauf mit Ianto zurück.

Die Advokatin betrachtete diesen eingehend, während sie vorgab, in seiner Akte zu lesen. „Ianto Jones, geboren am 19. August 1983, fähiger Student, aber nicht außergewöhnlich, als Teenager einmal wegen Ladendiebstahls verhaftet, mehrere Kurzzeitjobs, hauptsächlich herumgehangen. 2005 bei Torchwood London als Junior Researcher", sie blickte kurz auf, „was zur Hölle tut ein Junior Researcher? – angefangen, 2007 zu Torchwood Cardiff gewechselt. Wichtige Beziehungen Lisa Hallet, verstorben, und Jack Harkness, gelegentlich verstorben. Versteckte ein Cyberwesen im Keller von Torchwood Cardiff, woraufhin zwei Menschen starben. Gestorben 9. Juli 2009." Sie ließ die Akte sinken. „Abwechslungsreicher Lebenslauf."

Ianto war noch immer leicht verwirrt. Er wußte weder, wo er sich befand, noch warum ihm diese Frau gerade seinen Lebenslauf vorgelesen hatte. „Und Sie sind?" fragte er.

„Lassen Sie mich raten, Ihnen hat wieder einmal niemand erklärt, was mit Ihnen passiert ist."

„Ich bin tot."

„Gut, das ist schon mal ein Anfang. Ich bin die Advokatin des Teufels, und das hier ist die Hölle."

Ianto sah sich ebenso skeptisch wie wortlos in dem großen, luxuriös eingerichteten Büro um. „So übel sieht es gar nicht aus", meinte er nach einer Pause. „Besser als Splott ist es allemal."

„Hölle bedeutet nicht, daß wir hier alle einen höllisch schlechten Geschmack haben", entgegnete die Advokatin trocken. „Wissen Sie, warum Sie hier sind?"

„Ich kann es mir denken." Iantos Miene verdüsterte sich. „Lisa. Die Menschen, die sie getötet hat, weil ich sie versteckt hatte."

„Hey, hey, Sie müssen hier nichts sagen, womit Sie sich selbst belasten würden. Nein, und es hat nichts mit Lisa zu tun. Gemäß einer Vereinbarung aus dem Jahre 1921 sind alle Torchwood-Mitarbeiter zunächst nach ihrem Tod in die Hölle zu bringen, wo dann entschieden wird, wie weiter mit ihnen zu verfahren ist."

„Eine Vereinbarung?" fragte Ianto. „Zwischen wem?"

Die Advokatin wurde zum ersten Male aufmerksam. Diese Frage hatte noch nie jemand gestellt. „Zwischen Himmel, Hölle und Torchwood London."

„Torchwood schickt seine Leute zur Hölle? Wieso wundert mich das nicht wirklich?"

„In Anbetracht der Tatsache, daß Torchwood-Mitarbeiter regelmäßig Dinge tun, die zumindest in Grauzonen gehören, also nicht eindeutig gut oder böse sind, erschien es als ratsam, daß wir den ersten Zugriff haben."

„Das heißt, Tosh und Owen sind auch hier? Und Lisa?" Zum ersten Mal begann sich Iantos Gesicht aufzuhellen, um sich gleich wieder zu verfinstern. „Und Suzie?"

„Sie waren es zumindest." Die Advokatin seufzte. „Lisa und Tosh waren klar, die sind schnell gegangen."

„Wohin gegangen?"

„Da hoch. Zur anderen Fraktion. In den Himmel. Bei Owen hatten wir ein paar Zweifel, da hat es ja schon den einen oder anderen Vorfall gegeben, aber sein heldenhafter Tod, also vor allem der zweite, gab dann den Ausschlag. Ich vermute, Tosh schlägt ihn gerade wieder einmal beim Wolkenbillard."

„Aber Suzie mußte bleiben", ergänzte Ianto; es war keine Frage.

„Na, das Talent konnten wir natürlich nicht aus den Händen lassen. Sie arbeitet jetzt in unserer Geheimwaffenabteilung. Wir waren nicht gerade begeistert, als Jack Harkness sie mitten aus einem Experiment zurückholte."

„Was geschieht jetzt mit mir?"

„Das ist ein reines Routineverfahren", beruhigte die Advokatin Ianto. „Wir werden Ihre Akte sorgfältig prüfen, die paar dunklen Punkte gegen die positiven Seiten abwägen, und in ein paar Monaten sind Sie mit Ihren Freunden wieder vereint."

„Und was tue ich bis dahin?"

„Ich habe Ihrer Akte entnommen, daß Sie bei Torchwood unter anderem auch das Archiv geführt haben. Nun, ich muß zugeben, daß unser Archiv hier in einer höllischen Unordnung ist, und daher dringend einen Archivar benötigt."

XXX

Das Archiv der Hölle als in „höllischer Unordnung" befindlich zu bezeichnen, war eine offensichtliche Untertreibung gewesen. Ianto hatte allein eine Woche benötigt, um die Ablagesystematik derart zu durchschauen, um feststellen zu können, daß es schlichtweg keine gab. Alles lag, stand und hing sinnlos durcheinander. Gelegentlich erschien ein Aktenteufel, brüllte einen Namen, und irgendwo hob sich eine Akte in die Luft, um dem Teufel entgegenzuschweben. Manchmal war es sogar die gesuchte Akte, häufiger jedoch eine mit einem vage ähnlichen Namen.

Die zweite Woche verbrachte Ianto damit, Anforderungen für die notwendigste Ausrüstung zu schreiben, unter anderem einen leistungsfähigen Computer und eine Hightech-Kaffeemaschine.

In der dritten Woche war es Ianto gelungen, das Archiv soweit zu ordnen, daß es immerhin nur noch den Grad des Chaoses aufwies, den das Torchwood-Archiv gehabt hatte, als er dort angefangen hatte.

Ianto hatte keinen Grund, den Worten der Advokatin zu mißtrauen, daß er in wenigen Monaten gen Himmel aufsteigen würde, trotzdem fragte er sich manchmal, ob es Teil seiner Buße war, daß er zum zweiten Mal in seinem Leben sich der Herausforderung stellen mußte, das Chaos katalogisieren zu sollen.

Nach vier Wochen hatte er begonnen, die Akten zu sortieren und einzutragen. Genau sechs Wochen nach seinem Tod stieß er in einem hohen Stapel von Akten unlogischerweise zwischen Xantippe und Rasputin auf eine Akte, die dicker war als die meisten, noch ungeordneter als die anderen Akten, die er gefunden hatte, und mit mehreren Namen versehen, von denen er nur einen kannte: „Captain Jack Harkness".

Es war das erste Mal, daß Ianto eine Akte von Jack in Händen hielt. Im Torchwood-Archiv waren wundersamerweise die entsprechenden Unterlagen unauffindbar gewesen, was dazu führte, daß Ianto eigentlich nur das wußte, was Jack anektdotenhaft erzählt hatte.

Es war verlockend nachzulesen, was von diesen Anekdoten wahr sein mochte. Da Ianto nicht den Eindruck hatte, daß irgend jemand seine Arbeitsfortschritte überprüfte, machte er es sich in seinem Schreibtischsessel bequem und begann zu lesen. Je mehr er las, desto mehr wurde er sich bewußt, wie sehr Jack ihm fehlte. In den vergangenen Wochen war er beschäftigt gewesen, hatte er wenig Zeit gehabt, in Erinnerungen zu schwelgen, doch unterschwellig war das Gefühl des Verlustes immer da gewesen. Er hatte gewußt, daß die Lebenden die Toten vermißten, aber daß die Toten ihrerseits die Lebenden vermißten, war ein komplett neuer Gedanke.

Als Ianto nach mehreren Stunden sich langsam den letzten Seiten der Akte näherte, war er kurz davor, einfach aufzuhören, um zu vermeiden, über sein eigenes Sterben lesen zu müssen. Seine Neugier siegte jedoch. Er wollte erfahren, wie es Jack gelungen sein mochte, die 456 aufzuhalten, denn Ianto konnte keine Sekunde zweifeln, daß Jack dies gelungen sein mußte. Sein Vertrauen in Jacks Fähigkeiten war schließlich riesig.

Doch je weiter er las, desto größer wurde sein Entsetzen über das, was am Tage nach seinem eigenen Tod geschehen war. Es war nicht Entsetzen über das, was Jack getan hatte, sondern darüber, daß die Ereignisse Jack zu einer solchen grausamen Entscheidung gezwungen hatten. Und jetzt war er alleine, niemand, der ihm beistand, niemand der einfach da war und sich kümmerte…

Ianto versuchte, sich vorzustellen, was geschehen wäre, wenn er selbst überlebt hätte. Er hätte schwerlich die Ereignisse ändern können, und ob Jack ihm gestattet hätte, an seiner Seite zu bleiben nach dem, was geschehen war? Unwahrscheinlich, wo es ihm doch nicht einmal gelungen war, diese drei Worte zu akzeptieren, ohne den Versuch zu machen, Ianto daran zu hindern, sie auszusprechen. Der Hang, sich selbst zu bestrafen, hatte bei Jack nicht gerade geringe Ausmaße. Und dieser Hang stand ganz eindeutig im Gegensatz zu der Fähigkeit, Trost anzunehmen.

Im hinteren Teil der Akte befand sich noch ein Stapel Papier, den Ianto bislang übersehen hatte. Er enthielt eine detaillierte Aufstellung mit Jacks gesammelten Toden, sauber aufgelistet mit Art des Todes, Ort und Datum. Flüchtig blätterte Ianto die Liste durch, um festzustellen, daß sie nicht mit dem 9. Juli 2009 endete. Es folgte noch eine weitere Seite. Sie begann mit „Tod durch Erhängen (kein Genickbruch), London, 12. Juli 2009", ging weiter mit „Kopfschuß, Paris, 20. Juli 2009" und „Von Eisbär zerfleischt, Berlin, 29. Juli 2009", um dann mit „Von Metro überfahren, Moskau, 5. August 2009" und „Vergiftung durch mangelhaft zubereiteten Kugelfisch, Tokio, 14. August 2009" zu enden.

Ianto konnte einen Schauer nicht unterdrücken, obgleich es in der Hölle alles andere als kalt war. Keine dieser Todesarbeiten klang danach, als habe es sich um zufällige Unfälle oder gefährliche Missionen gehandelt. Vielmehr klangen sie, als habe Jack versucht, sich auf möglichst schmerzhafte Weise selbst zum Tode zu befördern. Und dafür konnte es nur einen Grund geben. Er bestrafte sich selbst. Und es war niemand dort, der ihn daran hinderte.

Aber irgend jemand mußte etwas tun. Fünf Selbstmorde in einem einzigen Monat! Wie sollte das weitergehen? Irgendjemand mußte etwas tun, dieses Treiben beenden. Aber wie?

In diesem Moment erinnerte sich Ianto an den Raum, in dem er zusammen mit Jack erwacht war. Jack hatte gesagt, daß dies der Ort sei, an den er ginge, wenn er stürbe. Vielleicht… Wenn jemand ihm dort Trost geben könnte, mit ihm vernünftig sprechen würde, gab es Hoffnung, daß Jack aufhörte mit dem, was er tat…

Ianto wußte, er brauchte freien Zugang zu diesem Raum.

XXX

„Wer", fauchte die Advokatin, „hat das getan?"

Gianni Schicchi hielt vorsichtig Abstand und versuchte festzustellen, was seine Chefin so zornig gemacht hatte. Auf den ersten Blick war alles in Ordnung, das riesige Büro war normal möbliert und aufgeräumt… Aufgeräumt? Der Schreibtisch, der sich normalerweise unter Aktenbergen bog, war leer, die Stifte befanden sich in einem Stiftehalter. Die Akten hingen in einem Aktenhänger, sorgfältig nach Wichtigkeit sortiert.

„So kann ich nicht arbeiten!" brachte die Advokatin noch immer fassungslos hervor.

„Ich war das nicht", erklärte der Sekretär zur Sicherheit.

„Das weiß ich, Gianni. Du weißt schließlich, daß ich mein Chaos brauche. Aber wer war das dann?"

In diesem Moment öffnete sich die Tür, und Ianto trat mit einem Tablett ein, auf welchem sich ein großer, dampfender Becher, ein Schälchen mit Keksen sowie eine Zuckerdose und ein Milchkännchen befanden. „Kaffee, Madam?" Er stellte das Tablett auf dem Schreibtisch ab. „Da ich nicht wußte, wie Sie Ihren Kaffee trinken, habe ich vorsichtshalber Milch aufgeschäumt."

„Sie waren das, Sie haben meinen Schreibtisch aufgeräumt." Die Advokatin stieß mit dem ausgestreckten Finger in Iantos Richtung.

„Er hatte es nötig, Madam."

„Ich habe fünfzehn Jahre dafür gebraucht, bis er endlich so aussah, wie er war." Für einen kurzen Moment klang die Advokatin eher wie ein trotziges Kleinkind als ein Mitglied der Führungselite der Hölle.

„Sie werden sehen, es wird Ihre Konzentration erhöhen, wenn Ihr Arbeitsplatz aufgeräumt ist", widersprach Ianto würdevoll.

Die Advokatin warf ihm einen vernichtenden Blick zu. Dann riß sie sich zusammen, griff nach dem Kaffeebecher und fragte: „Was wollen Sie?"

„Wie kommen Sie darauf, daß ich etwas will?"

Die Advokatin nippte an dem Becher. „Kommen Sie, Ianto, Sie räumen meinen Schreibtisch auf, Sie machen mir Kaffee – verdammt guten Kaffee übrigens – Sie müssen doch irgendetwas wollen."

„Ich will einen Job."

„Sie haben einen Job."

„Ich möchte einen bestimmten Job."

„Welchen?" Dieser Kaffee war wirklich ausgesprochen gut.

„Ich möchte ins Aufwachzimmer."

„Wir haben dort keine freien Stellen."

„Geben Sie mir eine Chance. Wenigstens eine Probezeit", flehte Ianto. „Drei Monate."

Die Advokatin schüttelte den Kopf.

„Drei Wochen. Drei Tage."

„Lassen Sie mich raten, als nächstes fragen Sie mich, ob ich Ihnen helfe, einen Pterodactylus zu fangen."

Iantos Körper verlor die Spannung. „Das wird nicht funktionieren, oder? Sie werden mir den Job nicht geben."

„Ich möchte erst einmal einen guten Grund hören, warum ich Ihnen diesen Job geben sollte."

Ianto atmete tief ein und aus, obgleich das eigentlich gar nicht nötig war in seinem Zustand. Er hatte sich einmal einen Job unter falschen Voraussetzungen erschlichen, ein zweites Mal würde dies vor allem hier nicht funktionieren. „Jack", sagte er schließlich, „es geht um Jack."

„Sicher, es geht bei Ihnen ausgesprochen häufig um Jack." Der Tonfall der Advokatin wäre weitaus ätzender gewesen, wäre der Kaffee nicht so höllisch gut. „Sie wollen bei ihm sein, wenn er mal wieder stirbt? Das ist rührend."

„Jack braucht mich." Halb erwartete Ianto, eine Antwort zu erhalten, wie Owen sie damals gegeben hatte. „Er hat sich, seit ich gestorben bin, mindestens einmal die Woche selbst getötet. Jemand muß ihn davon abhalten."

„Warum?" Die Frage war ebenso kurz wie präzise.

Ianto überlegte fieberhaft. Gib ihr einen Grund, der auch der Hölle, also dem Bösen einleuchtet. „Ich fürchte, er wird wahnsinnig. Und dann ist er nicht mehr für das verantwortlich, was er tut. Er ist dann für Sie nicht mehr von Interesse, weil es ja nicht mehr um das Treffen von Entscheidungen geht, wo er sich für Schwarz oder Weiß entscheiden kann. Und darauf basiert doch das Konzept der Hölle."

Die Advokatin betrachtete Ianto einen langen Augenblick lang sinnend und meinte dann zu ihrem Sekretär gewandt: „Vielleicht sollte ich ihm einen Job in meiner Abteilung anbieten, wenn er tatsächlich versucht, mich auszuargumentieren." Sie sah wieder zu Ianto hinüber. „Wenn ich jetzt ein weiteres Mal ‚Nein' sagte, werden Sie morgen wieder kommen, nicht wahr?"

„Und übermorgen, und an jedem folgenden Tag."

„Das habe ich befürchtet." Die Advokatin nickte langsam und schien urplötzlich das Thema zu wechseln. „Ich brauche übrigens keine Hilfe, um einen Pterodactylus zu fangen."

„Ich bitte um Verzeihung?" Jetzt wirkte Ianto mehr als nur leicht verwirrt.

„Wir machen jetzt einen kleinen Ausflug, und vielleicht habe ich mir dann eine Lösung einfallen lassen, die Sie davon abhält, mich für den Rest der Ewigkeit zu stalken." Sie wandte sich an ihren Sekretär. „Gianni, ich brauche meinen Besen. Und Sie, Ianto Jones, stecken mal lieber ein paar von diesen Keksen ein."

„Sagten Sie gerade, daß wir mit einem Besen reisen?" erkundigte sich Ianto und packte übersorgfältig die Kekse in eine Serviette, die in seiner Anzugtasche verschwand. „So wie bei ‚Harry Potter'?"

„Nein, nicht wie bei ‚Harry Potter'", antwortete die Advokatin gereizt. „Diese Frage höre ich ständig, seit diese Rowling ihre Bücher geschrieben habt. Wir benutzen Besen schon seit Jahrhunderten, und für den unwahrscheinlichen Fall, daß sie jemals hier landen sollte, kann sie sich auf eine saftige Copyright-Klage gefaßt machen."

XXX

Hätte man Ianto gebeten, eine Liste der schrecklichsten zehn Erlebnisse seiner an schrecklichen Erlebnissen nicht armen Existenz aufzustellen, wäre „eine Tour auf dem Besenhighway als Sozius der Advokatin des Teufels" mit Sicherheit auf einen der vorderen Plätze gekommen. Schwankend und leicht grün im Gesicht kletterte er von dem Besen herunter. „Wie konnte ich mich jemals über Owens Fahrstil aufregen?"

Die Advokatin grinste lediglich und gab an einer in der Wand verborgenen Tür einen Code ein. Die Tür schwang auf. Schwül-warme Luft drang aus dem dahinter liegenden Raum hinaus. „Treten Sie ein, Ianto."

Die Tür öffnete sich in einen riesigen Bereich hinein, der von einer urwüchsigen Vegetation, meistens Farnen, bedeckt war. Irgendwo plätscherte ein Flüßchen, und es waren fremdartige Laute zu hören.

„Was genau ist das hier?" wollte Ianto wissen.

„Vor Jahren ist hier einmal versehentlich so ein Franzose namens Jules Verne hineingeraten. Er hielt es für den Mittelpunkt der Erde", erklärte die Advokatin. „In Wahrheit ist es jedoch eine Art Genpool, eines der seltenen Projekte, die Himmel und Hölle gemeinsam durchführen. Wir sammeln hier prähistorische Pflanzen- und Tierarten."

„Wozu?"

„Na, ja, für den Fall, daß die Menschheit es doch schafft, es soweit zu treiben, daß wir den ‚Reset'-Knopf drücken müssen, um alles auf Anfang zurückzustellen. Da ist es dann sehr hilfreich, wenn wir noch ein paar Baupläne haben, um zu wissen, wie die Evolution damals abgelaufen ist. Der Himmel nennt dieses Projekt ‚Zuflucht', wir sagen weniger romantisch ‚Blaupause'."

„Arche Noah 2.0." Der Tod hatte Ianto nicht die Fähigkeit genommen, Dingen coole Namen zu geben. „Zeigen Sie mir dies aus einem bestimmten Grund?"

Statt einer Antwort – oder war dies die Antwort? – gab die Advokatin einen Schrei von sich, der nichts Menschliches mehr an sich hatte.

Einen kurzen Moment geschah nichts, dann hörte man das Schlagen von großen Flügeln, und zwei Schritte von ihnen entfernt, ließ sich ein Pterodactylus nieder. „Ich brauche deswegen keine Hilfe bei der Jagd auf einen Pterodactylus, weil ich schon einen habe", kommentierte die Advokatin vergnügt.

Ianto starrte den Saurier an, welcher den Blick mit schiefgelegtem Kopf erwiderte. „Myfanwy?" brachte er hervor. „Wie ist das möglich?"

„Als euer kleines Hub auf so, ähm, spektakuläre Weise zerstört wurde, öffnete sich der Rift für einen kurzen Moment, sie flog hindurch und landete hier. Reiner Zufall."

„Sie ist nicht tot?"

„Nein."

Für einen kurzen Moment stiegen Ianto Tränen in die Augen. Die Erkenntnis, daß irgendetwas unbeschadet aus dem Hub herausgekommen war, überwältigte ihn förmlich. Es war nicht alles verloren, es gab Hoffnung! Mühsam riß er sich wieder zusammen. „Du hast mir gefehlt, meine Schöne."

Myfanwy gab zwei kurze Laute von sich; die Advokatin übersetzte: „Sie will wissen, ob Sie Schokolade dabei haben, vorzugsweise dunkle."

„Nein, leider nicht, aber…", Ianto kramte in seiner Tasche, „aufgrund des guten Ratschlages der hiesigen Rechtsabteilung kann ich mit Schokoladenkeksen dienen." Er wickelte sie aus seiner Serviette und warf sie Myfanwy einzeln zu, die sie geschickt mit dem Schnabel auffing.

Der Saurier schluckte und gab dann einen Laut von sich, der irgendwie auffordernd klang. „Sie möchte, daß Sie mitkommen", dolmetschte die Advokatin.

Myfanwy erhob sich in die Lüfte und landete auf einem kleinen Plateau, nur wenige hundert Meter entfernt. Ianto und die Advokatin folgten zu Fuß. Zwischen diversen Farnen und Gestrüpp lag ein großes Ei. Myfanwy thronte förmlich vor Stolz platzend daneben.

„Du hast ein Ei gelegt?" Ianto klang aufgeregt. „Das heißt, du hast hier einen Partner gefunden? Das ist wunderbar."

Myfanwy warf den Kopf zurück und kreischte.

Die Advokatin hörte aufmerksam zu und hob dann nicht ohne Ironie die Augenbrauen. „Herzlichen Glückwunsch, Sie sind gerade Patenonkel eines Pterodactylus-Eis geworden. Wenn es geschlüpft ist, möchte sie es ‚Ianto' nennen."

Ianto schaffte es, seine Rührung soweit herunterzuschlucken, daß er antworten konnte. „Ich fühle mich sehr geehrt und bin gerne bereit, laute coole Patenonkeldinge mit dem Küken zu machen. Heißen Pterodactylusjunge Küken?"

„Nein, eher nicht, schließlich sind es Echsen." Die Advokatin räusperte sich. „Ich bin bereit, Ihnen eine Chance zu geben. Sie bleiben weiterhin in den Archiven, aber wenn Jack Harkness wieder einmal beschließt zu sterben, werden wir Sie davon unterrichten, und Sie können tun, was Sie auch immer sich wünschen."

„Danke", brachte Ianto hervor, und für einen Moment wirkte er, als würde er im Überschwang der Gefühle die Advokatin umarmen, wovon er sich mitten in der Bewegung auf sie zu gerade noch zurückhalten konnte.

„Allerdings verhandeln Sie hier gerade mit der Hölle", fuhr die Advokatin fort. „Das heißt, hier hat alles seinen Preis."

„Ich werde ihn zahlen, gleichgültig, was er ist."

Die Advokatin betrachtete ihn mit amüsierter Distanz. Irgendwie fand sie ihn niedlich. „Mit solchen Zusagen sollten Sie hier unten vielleicht etwas zurückhaltender sein. Jemand könnte Sie beim Wort nehmen."

„Captain Jack Harkness war mein Vorgesetzter. Ich bin daran nun mehr als gewöhnt, beim Wort genommen zu werden."

„Eigentlich wollte ich Ihnen nur unsere drei Bedingungen mitteilen. Ich erwarte, solange Sie hier sind, jeden Morgen einen Becher Ihres legendären Kaffees. Stark, schwarz, kein Zucker übrigens, also wie meine Seele. Wenn Sie uns verlassen, will ich das Rezept für Ihren Kaffee."

„Kein Problem. Und das dritte?"

„Räumen Sie niemals wieder – und ich meine, niemals wieder! – meinen Schreibtisch auf."

„In Ordnung, aber ich glaube, Sie könnten viel effektiver arbeiten, wenn der Schreibtisch aufgeräumt wäre und…"

„Ianto", die Stimme der Advokatin war gefährlich leise.

„Schon gut, ich werde mich, so schwer es auch fällt, zusammenreißen."