Ein mit nichts zu vergleichender Gestank, der den Brandgeruch völlig überdeckte, strömte von der Kreatur aus. Die Ausdünstung war so intensiv, dass sie sich wie ein fauliger Belag in Nase und Rachen festzusetzen schien. Die triumphierenden Schreie des Dämons glichen nicht nur in ihrer Lautstärke dem Trommelfell durchbohrenden Kreischen eines bremsenden Zuges. Ich wollte mir die Ohren zuhalten, die Augen zusammenkneifen, schreiend fortlaufen - und sei es direkt in die Flammen, die bereits aus dem Treppenhaus züngelten - aber mein Körper gehorchte mir nicht. Ich klebte auf dem schleimigen Boden vor dem Dämon, wie auf überdimensionalem Fliegenpapier. Mein Stab lag außer Reichweite, dort, wo der letzte Angriff meines Ziehvaters ihn hingeschleudert hatte.

Justin. Für einen kurzen Moment sah ich seine hagere Gestalt in den Rauchschwaden hinter dem Produkt seiner Beschwörung. Die Sigillen auf seinem Stab glühten, als würde das Holz bereits von innen vom Feuer verzehrt. Sein Gesicht war eine Fratze des Zorns und Triumphs.

Der Dämon kam näher, seine borstigen Auswüchse peitschten durch den Rauch. Er wusste, dass ich nicht entkommen konnte und spielte mit mir. Erneut zuckte eine Geißel in meine Richtung. Ich schrie, wand mich in nackter Panik und kam doch nicht los. Der Tentakel streifte meinen Fuß und allein die flüchtige Berührung reichte, dass Schmerz bis in meine Hüfte hinauf fuhr. Als ich mich aufbäumte, traf ein weiterer, heftigerer Schlag meine Schulter. Mein Atmen stockte, mein Herzschlag setzte aus und ich stürzte.

Purer Reflex sorgte dafür, dass ich mich auf die Seite rollte, bevor ich mir die Seele aus dem Leib kotzte.

Als nicht einmal mehr Galle kam, zog ich die Knie bis an die Brust und umschlang sie mit den Armen. Aus Furcht wieder einzuschlafen, wagte ich es nicht die Augen zu schließen obwohl sie brannten und tränten, als wären sie tatsächlich wieder dem Rauch ausgesetzt gewesen.

Die letzten Nächte hatten mich gelehrt, das Licht vor dem Schlafengehen brennen zu lassen. Doch der gelbliche Schein der Petroleumlampe spendete keinen Trost, er ließ das karg eingerichtete Dachzimmer lediglich so surreal erscheinen wie eine alte Photographie.

Hier, die Farm in Missouri, das musste ein Traum sein.

Ich hatte meinen Adoptivvater nie getötet, und auch Elaine nicht, meine Ziehschwester, meine Geliebte.

Dies hier musste einer dieser ganz besonders grässlichen Alpträume sein, in denen man glaubte aufgewacht zu sein, in Wahrheit aber nur in eine andere Traumsequenz gewechselt war.

Als ich meine Finger in die kaum verheilte Wunde an meiner Hüfte krallte, musste ich mir auf die Zunge beißen, um nicht zu schreien. Der Schmerz war zu scharf, zu klar für das nebulöse Empfinden, das man in Träumen hatte.

Dies war die Realität.

Irgendwann zwang ich mich dazu mich aufzusetzen. Mein T-Shirt und meine Shorts waren nicht nur klamm vor Schweiß, der Stoff war so nass, dass man ihn hätte auswringen können. Ich zog mir das Shirt über den Kopf und warf es über die Lache des Erbrochenen auf dem Boden. Justin und Elaine waren tot. Ich hatte sie umgebracht. Ekel ließ mich erneut würgen. Den Dämon hatte ich nicht zu tötet vermocht, ich hatte lediglich seine physische Gestalt, seine Hülle, zerstört. Er würde zurückkehren, irgendwann. Wenn nicht in einem Jahr, dann in zehn. Oder in hundert. Magier waren langlebig und er hatte alle Zeit der Welt um mich zu bekommen. Und das würde er. Ich konnte ihm nicht entfliehen, er hatte mich gezeichnet, markiert: Seine Signatur hing an mir wie Hundescheiße an einer Schuhsohle.

Alles tat weh, jeder Muskel, jede Sehne in meinem Körper schien zum Zerreißen gespannt. Die Narbe an meiner Hüfte, die von einer der Wunden stammte, die Justin mir vor drei Wochen beigebracht hatte, pochte, Magensäure brannte mir in der Kehle und hinter meiner Stirn hämmerte heftiger Kopfschmerz. Die leichten Verbrennungen an meinem Fuß und meiner Schulter waren harmlos dagegen. Sie stammten von dem Schutzkreis, den ich mir angewöhnt hatte, seit jener Nacht um mich zu ziehen. Er diente nicht nur dazu, alles Unwillkommene draußen zu halten, der innere Ring sollte mich wecken, wenn ich mich in meinen Alpträumen herumwarf und um mich schlug. Dass die Berührungen Verbrennungen hinterließen, war nicht so gedacht, ich bekam einfach nur die Intensität des Bannkreises nicht besser geregelt. Diese Art der Traumaturgie war Elaines - ... war nicht mein Ding.

Ich streckte einen Arm aus, konzentrierte mich darauf, den Kreis willentlich zu brechen und spürte wie die Kuppel erlosch. Ich war mir nicht einmal sicher, ob der Bannkreis sonst noch funktionierte wie beabsichtigt und schalldicht war. Anscheinend. Meine Schreie mussten bis in McCoys Schlafzimmer im Stockwerk unter mir gedrungen sein - falls ich tatsächlich und nicht nur im Traum geschrien hatte. Aber vielleicht schlief der Alte auch nur tief und fest. Bisher hatte er sich jedenfalls nicht über den Lärm beschwert, den ich jede Nacht veranstaltete.

Ich stand auf, warf Kissen und Laken auf das unbenutzte Bett und wischte mit dem dreckigen T-Shirt über den Boden um die Kreidesymbole auszulöschen. Dann öffnete ich den Schrank, zog meine wenigen Habseligkeiten aus den Fächern und stopfte sie in meine Tasche. Barfuß trat ich auf den Korridor, ging die Treppe ins Erdgeschoss hinab und zur Küche.

Das Sechserpack in Folie eingeschweißter Hotdogs, das ganz oben in der Eisbox lag passte noch in meine Tasche.

In dem gusseisernen Ungetüm von Kochofen brannte die Nacht über die Glut unter einer Ascheschicht. Ich öffnete die Klappe, stocherte in den Kohlen, damit Sauerstoff an sie kam und warf das zusammengeknüllte T-Shirt hinein. Nach kurzem Zögern auch meine Shorts. Warum ich das tat, konnte ich ebenso wenig erklären, wie ich den Grund hätte nennen können, warum ich anstatt das Badezimmer zu benutzen in den Stall ging, um mich dort unter der Pumpe zu waschen. Das Klappern und Rumpeln der alten Wasserrohre im Haus wäre im Endeffekt nicht lauter gewesen als das Knarren der Bohlen von Fußboden und Treppe.

Ein gemurmeltes Wort entzündete den Docht der Lampe, die außen an der Stalltür hing.

Als ich mit ihr in der Hand an den Pferdeboxen vorbeitrat, zuckten zwei Paar Ohren synchron zurück, ein tellergroßer Huf des schwarzen Kaltbluts traf mit der Wucht eines Schmiedehammers die Stallwand, während das andere Pferd lediglich ein warnendes Wiehern ausstieß. Nicht nur für andere Magier war ich gezeichnet, sondern für alle Kreaturen, deren Instinkte und Sinne wacher waren, als die des Durchschnittsmenschen.

Ich wusch mich und spülte mir den Mund aus, um den bitteren Geschmack nach Galle und Erbrochenem loszuwerden. Dann zog ich mich ohne Abtrocknen an und ging.

Ich hatte bereits mehrere hundert Meter der Auffahrt hinter mich gebracht, als mir einfiel, dass ich etwas vergessen hatte.

Noch mal zurück.

Man konnte den Heuboden über dem Schweinestall durch eine Leiter am hinteren Ende betreten. Zum Glück - denn hätte ich durch den Stall selbst gehen müssen, hätten die Schweine wohl einen Aufstand veranstaltet, den man bis nach Kansas hätte hören können.

Am Ende des Speichers befand sich eine abgetrennte Kammer, in der kaputtes Werkzeug und anderer Kram lagerte, der aussah, als verstaube er dort bereits seit mehreren Jahrhunderten.

Die Plastiktüre lag noch in dem umgedrehten Holzeimer, unter dem ich sie versteckt hatte. Ich sah hinein, um ganz sicher zu gehen. Das Licht der Lampe wurde von orangen Zwillingsfunken in den Augenhöhlen eines Schädels beantwortet, dessen Unterkiefer sich zu einem gespielten Gähnen öffnete.

"Harry!", erklang eine Stimme aus dem Schädel, "Womit habe ich denn die freudige Überraschung deine Besuchs verdient? Gerade wo ich mich an dieses lauschige Plätzchen gewöhnt habe und dabei war, dem Grunzen der Schweine etwas abzugewinnen, da sie im Gegensatz zu meiner gewohnten menschlichen Gesellschaft - "

"Sei still!", befahl ich ihm.

"Yessa Massa! Ich - ", Bob unterbrach sich selbst, die Lichtgloben in den Augenhöhlen flammten heller auf, als er mich genauer betrachtete. "He, nimm's mir nicht übel, Harry, aber du siehst echt scheiße aus."

"Halt die Klappe!", herrschte ich ihn an, "Halt einfach nur die verdammte Klappe!"

Ich gab ihm keine Gelegenheit zu widersprechen, stopfte ihn in die Tüte, und diese in meine Tasche.

Bob war ein Elementar, ein Geist der Luft und des Intellekts, der an den Schädel gebunden war und ihn nur auf Geheiß seines Besitzers verlassen konnte. Als ich ihn aus den rauchenden Trümmern von Justins Arbeitszimmer gezogen hatte, war er quasi zu meinem Eigentum geworden.

Dabei hatte er sich verändert. Seine zynischen, hintersinnigen Wortspielereien, mit denen er Justin geantwortet hatte, waren zum schnoddrigen Sarkasmus von jemandem geworden, der klang als sei er in meinem Alter. Ich wusste, dass ein Elementar kein eigenes Wesen, keine Persönlichkeit hatte wie ein Mensch. Trotzdem. Es war verdammt verstörend wenn sich jemand, den man seit Jahren kannte, plötzlich völlig anders benahm, auch wenn dieser jemand nur ein Geist war. Der Bob, den ich kennen gelernt hatte, war eine Lüge gewesen. So wie Justin DuMorne nie der Vater gewesen war, den ich in ihm gesehen hatte. Oder Elaine - ... Ich versuchte vergebens den Kloß in meinem Hals hinunterzuschlucken und weigerte mich, den Gedanken zu Ende zu denken.

Am Ende der Auffahrt beim verwitterten Schild 'Hog Hollow', dessen Aufschrift man selbst im hellen Tageslicht kaum mehr lesen konnte, wandte ich mich nach rechts - einfach aus dem Grund, da der Himmel sich dort freundlicher zeigte. Es musste zwischen Mitternacht und Morgengrauen sein, vor mir war der Horizont noch sternenklar. Zusammen mit dem schwachen Licht des dünnen Neumonds reichte der Schein der Sterne gerade aus, mich das dunkle Asphaltband der Straße zwischen den Feldern erkennen zu lassen. Hinter mir bedeckten Wolken den Himmel und alle meine Sinne verrieten mir, dass sich ein beachtliches Unwetter zusammenbraute.

Wäre mir da bereits klar gewesen, dass das auf weit mehr als ein wenig Regen, Blitz und Donner hinauslaufen würde, wäre ich lieber im Bett geblieben und hätte weiter von Dämonen geträumt.


AN: Beta gelesen von Artanis - Danke schön!