Ich starrte die so harmlos aussehende Plastikflasche an. Das Versprechen auf ein normales Leben, ein Leben ohne Magie. Das war es doch, was ich mir erst - wann, vorgestern? - so sehnlich gewünscht hatte. Frei zu sein von Verantwortung und vom Bann des Damokles. Nicht mehr den Atem der Wächter im Nacken zu spüren. Vielleicht würde sogar das Gepräge des Dämons verschwinden.

Zu spät, beschied eine nüchterne Stimme in meinem Kopf. Dadurch bekäme ich meine Unschuld nicht zurück. Oder Unwissenheit. Ich würde weiter Kenntnis davon haben, dass es eine ganze Parallelwelt gab in der es von Kreaturen wie Kelpies, Werwölfen, Vampiren und Dämonen nur so wimmelte. Zu diesem Wissen würde lediglich das hinzukommen, dass ich nicht mehr in der Lage war mich zu verteidigen.

Freiwillig würde ich das Zeug ganz sicher nicht trinken.

Diesen Entschluss auszusprechen, war nicht notwendig, der Reverend las ihn in meinem Gesicht.

"Ich hatte gehofft, du wärst einer der wenigen Einsichtigen", erklärte er schroff, und seine eigenen Züge schienen zu Stein zu erstarren. Er machte Anstalten nach seiner Waffe zu greifen. "Was ich jetzt tun muss, tut mir aufrichtig leid."

Mir auch.

Ich trat mit aller Wucht die ich im Sitzen aufbringen konnte gegen sein rechtes Knie.

Ein dumpfes Stöhnen entrang sich ihm, er umklammerte das Knie mit beiden Händen.

Ich wand mich hastig aus den Bügeln der Handschellen, die im Gegensatz zu modernen Vorhängeschlössern jeder mit ein wenig Übung und einer Haarnadel aufbekam. Oder dem Drahtklipp einer Reiswaffeltüte.

Als ich aufsprang um die Beretta zu packen, schoss der rechte Arm des Alten vor und traf mit dem Handballen hart meine Rippen. Ob es ein Zufallstreffer war, oder er tatsächlich einen Nervendruckpunkt hatte erwischen wollen - der Effekt war derselbe. Ich fiel mit einem Schrei seitlich vom Tisch und krümmte mich vor Schmerz zusammen. Beim Fallen hatte ich die Pistole vom Tisch gerissen. Ich griff nach ihr, aber der Reverend stieß mit seinem Stock nach meinen Fingern. Ich zog sie gerade noch rechtzeitig zurück, bevor sich die stumpfe Metallspitze in meinen Handrücken bohren konnte. Lawson schwang den Stock so kurz und hart zur Seite wie einen Golfschläger. Ich schaffte es gerade den Kopf weit genug zur Seite zu drehen, dass er mich nicht frontal erwischte und mir die Nase brach, dennoch tat der Treffer hundsgemein weh. Lawson holte erneut aus, doch diesmal griff ich nach dem Stock und erwischte das verdammte Ding auch tatsächlich. Als ich daran zerrte, gab es keinen Widerstand - anstatt zu versuchen die Waffe aus meinem Griff zu reißen, hatte der Reverend die Klinge des Stockdegens gelöst und zog sie. Heimtückischer, alter Bastard.

Ich schlug mit der erbeuteten Scheide nach seinem Knie, aber er wehrte den Hieb mühelos ab. Mein Versuch ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen, indem ich ihn am Hosenbein riss, scheiterte ebenfalls. Doch er war abgelenkt genug, dass ich nach der Beretta greifen konnte. Dachte ich. Bevor ich meine Hand um den Griff schließen konnte, kickte er die Waffe unter den nächsten Küchenschrank ins Aus.

Ich kannte vielleicht den einen oder anderen schmutzigen Trick, aber der Alte war ein Profi. Anstatt mich weiter auf einen Kampf einzulassen sollte ich den taktischen Rückzug antreten, denn in dem engen Raum zwischen Tisch und Küchenzeile würde er mich so leicht filetieren wie eine Sardine. Mir gelang es zwar gerade eben, seine Hiebe und Stiche mit der Stockscheide abzuwehren, aufzustehen schaffte ich jedoch nicht. Ich robbte auf dem Hintern immer weiter in den Wohnwagen hinein, von der rettenden Tür weg, bis das Unvermeidliche eintrat und seine Fechtkenntnisse über meine Reflexe siegten. Eine kreisende Bewegung seines Handgelenks, ein Ruck, und plötzlich war ich den Stock los und spürte die Spitze des Degens gegen meine Halsschlagader drücken.

Ich neigte meinen Kopf unwillkürlich nach hinten. Meine Haare streiften den Stoff des Vorhangs, der das Schlafabteil vom Rest des Wohnwagens abtrennte. Ein metallener Geschmack breitete sich in meinem Mund aus. Der Treffer ins Gesicht vorhin hatte mir Nasenbluten verpasst. Ich schniefte. Lawson starrte wie die Inkarnation eines Racheengels auf mich hinab.

"Ich will dich nicht töten," knurrte er, "aber ich werde es tun, wenn du mich dazu zwingst!"

Oh, ich glaubte ihm. "Bob!", krächzte ich. "Hilf mir!"

"Wie denn?", ertönte die prompte Antwort hinter dem Vorhang, "Es ist helllichter ... "

Ich hörte den Rest des Satzes nicht. Der Kopf des Reverends zuckte erschrocken nach oben, als die unvermutetete Stimme erklang. Dieser kurze Moment der Ablenkung reichte mir um den Degen zur Seite zu schlagen, auf die Beine zu kommen und den Alten beim Revers seines Jackets zu packen. Ich würde ja wohl einen Achtzigjährigen nieder ringen können! Das Nächste was ich wusste war, dass ich durch den Vorhang flog und mit den Nieren gegen einen Bettrahmen prallte. Beschissener Kampfsport.

Der Reverend wollte mir folgen, verhedderte sich aber im halb heruntergerissenen Vorhang. Es hielt ihn lange genug auf, so dass ich mich aufrappeln und den Stuhl vor der Kommode schnappen konnte. Bobs Augen leuchteten in aufgeregtem Hellorange als ich das Möbelstück herumschwang. Er stieß ein gackerndes Lachen aus. Ich wehrte einen Degenstich mit der Sitzfläche ab, vollendete den Halbkreis und ließ den Stuhl mit aller Kraft gegen die Scheibe über dem Bett krachen. Die Scheibe zersplitterte wider erwarten nicht, etwas Besseres passierte: Das Fenster flog samt Rahmen auf, riss aus den Scharnieren und fiel polternd draußen auf den Beton.

"Äh, Harry", erkundigte sich Bob als ich auf das Bett sprang, "warum verteidigst du dich nicht einfach - "

Ich machte einen Kopfsprung aus der Fensteröffnung und rollte mich ungeschickt über eine Schulter ab.

" - mit Magie?"

Benommen blieb ich auf dem nassen Beton liegen, es gab keinen Teil meines Körpers der nicht schmerzte. Dieser Erkenntnis folgte eine weitere. Etwas fehlte. Etwas war anders. Außer dem Tuckern des Stromgenerators war es still. Ich öffnete die Augen, rappelte mich schwankend auf, eine Hand auf meine Rippen gepresst.

Der Regnen hatte aufgehört.

Die Erkenntnis traf mich mit der Macht einer religiösen Offenbarung. Als ich die Energie der Elemente um mich herum sammelte, explodierte etwas im Generator mit einem lauten Knall und hüllte das Heck des Silver Rocket in grauen Rauch.

Es war wie die Spontanheilung nach einer langen Krankheit. Stellen Sie sich vor, Sie wären uralt, halb blind, halb taub, müde bis ins Mark Ihrer porösen Knochen. Und plötzlich werden Sie kopfüber in den Jungbrunnen getaucht: Auf einmal können Sie wieder scharf sehen und hören und wollten anstatt allein die Anstrengung des Aufstehens zu fürchten mit Begeisterung den nächsten Marathon mitlaufen.

Oh ja, der Alte hatte ja so verdammt recht gehabt: Magie war Macht.

Ich konnte nicht anders als lachend meinen Kopf in den Nacken zu werfen und mit beiden Fäusten in die Luft zu boxen. Ich glaube, ich tanzte trotz meines lädierten Beins sogar ein wenig herum. Für einen objektiven Betrachter hätte das sicherlich genauso dämlich ausgesehen, wie es mir im Nachhinein vorkam - aber der eine Beobachter den ich hatte, der war nicht objektiv. Lawson stand in der Tür des Wohnwagens und zielte mit einem Revolver auf mich. Der Ausdruck auf seinem Gesicht verriet mir, dass mein Lachen für ihn wie das triumphierende Gelächter des Oberschurken gewirkt haben musste. Er drückte ab, zweimal kurz hintereinander.

Ich konnte einfach nicht aufhören zu lachen. Die Projektile prallten von dem Energieschild vor mir ab. Nie war es mir leichter gefallen, ohne jedes Hilfsmittel einen Schild zu schaffen. Allerdings wollte ich mein Glück nicht überstrapazieren und testen, ob es den nächsten Schüssen standhielt.

"Ventas servitas!"

Die Waffenhand des Reverend zuckte nach hinten, als hätte der Hieb eines unsichtbaren Riesen sie weggeschlagen. Revolver und Hand prallten so heftig gegen die Tür, dass es eine Delle in der Verkleidung gab. Ich konnte beinah hören, wie die Handknochen splitterten.

Der Alte krümmte sich mit einem Schrei zusammen und wäre die Stufen des Wohnwagens runtergefallen, wenn ich ihn nicht aufgefangen hätte. Die Hand an den Körper gepresst atmete er schluchzend zwischen zusammengebissenen Zähnen ein. Ich ließ seine Schultern los und er ging ganz zu Boden, wiegte sich vor und zurück.

Scheiße. Ich hatte ihm nur die Waffe aus der Hand reißen wollen, aber entweder war mein Zauber zu stark gewesen, oder der Alte hatte den Revolver mit nahezu übernatürlicher Gewalt festgehalten.

Ich hob die Waffe auf. Hier hatte ich mein Klischee: Eine Smith & Wesson Special, mit Griffschalen aus Hickoryholz und Perlmuttinlay. Heiliger Bimbam. Es fehlten nur noch die Kerben darin für jeden besiegten Feind.

"Worauf wartest du?", keuchte der Reverend, "Ich bin bereit."

Er kniete vor mir, sah mich unverwandt an und murmelte etwas in Latein oder Spanisch, das sich nach einem Gebet anhörte. Meine Kopfschmerzen machten sich wieder bemerkbar.

"Machen Sie sich nicht lächerlich", forderte ich ihn auf, tat was man nicht tun sollte und steckte den Revolver vorne in den Bund meiner Jeans, "Wo ist das Wohnhaus?"

Lawson sah mich an, als hätte ich ihm ins Gesicht geschlagen.

"Was ... ?"

"Charles soll einen Arzt rufen oder Sie zu einem fahren", erklärte ich so langsam und deutlich als spräche ich zu einem geistig Minderbemittelten.

Der Reverend gab keine Antwort. Als ich in den Wohnwagen stieg, starrte er mich immer noch ungläubig an.

Ich nahm die Flasche mit den Schmerztabletten, schnappte mir die beiden Teile des Stockdegens und steckte sie zusammen. Dann öffnete ich den Kühlschrank um zu sehen ob Eiswürfel da waren, in die der Reverend seine Hand packen konnte.

Während der ganzen Zeit nervte Bob mich mit Fragen und klugscheißerischen Kommentaren. Ich hörte ihm nicht wirklich zu. Es war die Stille, die mich schließlich aufhorchen und einen Blick Richtung Kommode werfen ließ. Die Lichtgloben in Bobs Augenhöhlen waren erloschen. Na toll. Ein eingeschnappter Luftgeist hat mir gerade noch zu meinem Glück gefehlt.

"Später Bob, okay?", versuchte ich ihn zu beschwichtigen, "Dann berichte ich dir alles ganz ausführlich."

Er würdigte mich keiner Antwort. Natürlich nicht.

Gerade als ich den letzten Eiswürfel aus seinem Behälter in ein Handtuch gedrückt hatte, erklang von draußen ein dumpfes Geräusch.

Ich schloss stöhnend die Augen. Lieber Gott, mach' dass der Alte nicht auch noch ohnmächtig geworden ist.

Ich ließ Eis Eis sein und humpelte zurück zur Tür.

Der Reverend lag zusammengekrümmt auf dem Boden, sein Haar war nicht länger weiß sondern rot.

Joseph stand über ihm, holte mit der Stange in seinen Händen zu einem weiteren Schlag aus.

Ich schleuderte den selben Zauber, mit dem ich dem Reverend entwaffnet hatte, auf Joseph.

Er wurde zwei Schritte weit zurückgefegt und fiel mit einem "Uff!" auf den Hintern. Das Metallrohr hüpfte klirrend und scheppernd über den Beton. Joseph schnappte nach Luft und sah für einen Moment aus wie ein bärtiges Riesenkind, das vor Schreck jeden Moment anfangen würde zu heulen. Doch dann verzerrte sich sein Gesicht zu einer Maske aus Hass und Angst, die sein Gesicht kaum mehr menschlich aussehen ließ. Er sprang auf, stand zusammengekauert da, die Zähne zu einem Knurren entblößt, die Hände zu Klauen gekrümmt, als wolle er sich mit bloßen Händen auf Lawson stürzen. Ich machte einen Schritt vor, Josephs Kopf fuhr zu mir herum und er wich fauchend zurück. Plötzlich drehte er sich um und rannte fort, brüllte Unverständliches und stieß dazwischen unartikulierte Schreie aus.

Ich kniete mich neben Lawson. Es war nicht notwendig, nach dem Puls des Alten zu fühlen, seine halb geschlossenen Augen starrten ins Leere.

Nun hatte er doch noch seinen Märtyrertod bekommen.

Zurück im Wohnwagen nahm ich Bob und das Pentagrammamulett meiner Mutter von der Kommode - dem Schrein, Altar, was auch immer. Ich blätterte in einem der Bücher, die darauf lagen: Handgeschrieben, ich kannte die Sprache nicht, aber die Zeichnungen - hauptsächlich Sigillen und Kamea - verrieten mir, dass es sich um Grimoires handelte. Dann lagen dort Ringe mit Edelsteinen und Monogramm, ein undefinierbares Objekt, das mit Holzperlen und Federn besetzt war, eine geflügelte Kachinapuppe, eine handtellergroße Trommel mit bemaltem Fell, aber auch völlig gewöhnliche Dinge wie ein Schlüsselbund, ein Zippo mit eingraviertem Pin-up-Girl und eine dieser Christophorus-Medaillen wie Katholiken sie manchmal im Auto hängen hatten. Ich fragte mich, was es mit dieser Sammlung auf sich hatte und warum der Reverend dieses Teufelszeug nicht verbrannt oder sonst wie zerstört hatte. Manches von diesen Artefakten wäre saugefährlich in den falschen Händen und ich war sicher, dass er das gewusst hatte.

Vereinzelte Tropfen fielen noch vom Dach des Carports. Die Gewitterwolken hatten sich aufgelöst und waren ersetzt worden von einer einheitlichen grauen Wolkendecke, ganz weit oben am Himmel. Kalter Wind war aufgekommen.

Ich hatte den Duster des Reverends in der Absicht vom Haken genommen, seine Leiche damit zuzudecken, doch dann hatte ich es mir anders überlegt. Er fror nicht, ich ja.

Mit dem Mantel über den Schultern setzte ich mich auf die Stufen des Airstreams, verstaute Bobs Schädel in einer der großen Taschen des Dusters und streichelte mit den Fingern über das zerkratzte Metall des Pentagramms, bevor ich es schließlich wieder umhängte.

Ich musste dagegen ankämpfen, dass mir die Augen zufielen. Angst vor Charles und seiner Frau hatte ich nicht, nicht mehr. Selbst wenn sie die ganze Nachbarschaft zur Hexenjagd zusammentrommelten, konnten sie mir nicht wirklich zur Gefahr werden. Sie selbst waren es, die sich in Acht nehmen mussten vor dem Wolf, von dem sie meinten, sie hätten ihm die Zähne gezogen und zu einem gehorsamen Hund gemacht. Ich wünschte mir ganz sicher nicht, dass Joseph dasselbe mit ihnen anstellte wie mit dem Reverend, aber ich würde mir auch nicht für sie das sprichwörtliche Bein ausreißen um sie zu warnen. Ich war kein verdammter Heiliger.

Irgendwann bog ein schwarzer 37 Ford Pickup um die Ecke und hielt neben dem Transit des Reverend. Noch ein paar mehr von der Sorte, und es reicht um ein Oldtimer-Festival zu schmeißen, kommentierte die ironische Stimme in meinem Kopf leise. Sehr leise.

Ich schluckte, und stand auf.

Der Fahrer, ein bärtiger, fast kahlköpfiger Mann in Jeansoverall und kariertem Flanellhemd griff nach dem Stab, der in der Halterung an der Rückwand des Führerhauses hing, direkt unter einer Schrotflinte. Er stieg aus, warf die Tür hinter sich ins Schloss und kam auf den Wohnwagen zu.

McCoys Gesicht war ausdruckslos, als er mit wenigen Blicken die Szene erfasste. Die Augen hinter den goldgefassten Brillengläsern schlossen sich, und ich hatte den Eindruck - ich wusste - dass er mit seiner Sicht nach Spuren arkaner Energie Ausschau hielt. Die Stille zog sich hin wie geschmolzener Pizzakäse.

"Bekomme ich großen Ärger?", hörte ich mich fragen als ich sein Schweigen nicht länger aushielt.

Uh. Na ja, es klang immerhin etwas mutiger als: "Wirst du mich jetzt nach Edinburgh zurückschleifen, wo man mich mit einer Kapuze über dem Kopf tagelang in einer feuchten Zelle auf mein Todesurteil warten lässt?"

McCoy wandte sich mir zu und musterte mich. Ich pulte an einem der Schrotkörner in meiner Schulter um mich von dem Drang abzulenken, all meine in den letzten Tagen angestaute Kraft in einem einzigen, gewaltigen Zauber gebündelt auf den Schotten zu schleudern um dann so schnell und so weit fortzurennen, wie ich nur konnte.

"So wie es aussieht, hast du bereits reichlich großen Ärger gehabt", stellte der alte Wächter fest, "Was ist hier passiert?"

Ich berichtete es ihm. (Dabei vergaß ich irgendwie Bobs Rolle, beziehungsweise Existenz zu erwähnen.) McCoy hörte mir zu ohne mich zu unterbrechen oder Fragen zu stellen. Als ich fertig war, ging er neben der Leiche des Reverends in die Knie und drehte das Gesicht des Mannes zu sich.

"Nimrod", murmelte er.

"Sie kannten ihn?"

"Nein. Nur seine Reputation. Er war ein Phantom, das seit Jahrzehnten Jagd auf Magier und Menschen mit geringerer Begabung gemacht hat." Die kalte Wut in McCoys Stimme schien hinzuzufügen: Vor meiner Nase.

"Werde ich ... großen Ärger bekommen?", fragte ich erneut.

McCoy seufzte. Seine Gelenke knackten, als er sich erhob, "Nein, unter gewissen Bedingungen nicht."

"Was für Bedingungen?"

Er verschob seine Brille, als er sich mit Daumen und Zeigefinger die Nasenwurzel massierte.

"Der, dass du versuchst den Glauben abzulegen, jedes Mitglied des Konzils wollte dir Übles. Und der, dass du dich bemühst, mir wenigstens etwas zu vertrauen anstatt mit allem und jedem allein fertig werden zu wollen."

Ich starrte ihn an.

"Manche Dinge heilt nur die Zeit allein. Aber gegen Alpträume zum Beispiel gibt es gewisse Geistestechniken, mit denen man sie sublimieren kann", erklärte er leise, "Ich kann dir diese Techniken beibringen. Wenn du mich lässt."

Ich blinzelte um meine Sicht klar zu bekommen. Es waren nur die verdammten Schrotkörner in meiner Schulter. Ehrlich.

"Okay", krächzte ich.

McCoy nickte und ich meinte ein Lächeln gesehen zu haben, das über seine Züge huschte.

Er sah zur Leiche des Reverends, knurrte etwas unverständliches und fuhr sich mit einer Hand energisch über den kahlen Kopf.

"Ich bringe dich erst einmal heim", entschied er, "Es ist nicht nötig, dass jemand dich mit dieser Sache in Zusammenhang bringt. Komm, Hoss."

Damit drehte er sich um und ging zurück zum Pickup. Ich spürte wie meine Kinnlade runterklappte. Hoss? Hoss?! Mutter aller Rednecks, mach' dass ich mich verhört habe!

Ich folgte McCoy humpelnd zu seinem Wagen. Als ich einstieg, blieb ich mit den Mantelschößen in der Tür hängen. Ich öffnete sie noch einmal, befreite den Stoff und schlug ihn über meine nackten Füße. McCoy kommentierte meine Aktion mit hochgezogener Augenbraue.

"Willst du das lächerliche Ding etwa behalten?", schnaubte er, "Das gehört in einen Film wie El Dorado. Und das - ," Er nickte Richtung Stockdegen, " - was willst du damit?"

Ich antwortete nicht sofort. Während wir endlosen Reihen von Maisstauden entlangfuhren, sah ich den Schrein des Reverends vor meinem geistigen Auge. Und verstand endlich. Die Dinge waren nicht nur Artefakte, die seine Siege dokumentierten - sie waren eine Art toten Feinde und ihr Andenken zu ehren.

Meine Finger fanden den Mechanismus im Knauf des Stockdegens, mit dem man die Klinge löste. Ich zog den blanken Stahl eine handbreit aus der Scheide, starrte die Spiegelung meiner Augen auf der Klinge an und zwang mich den Blick zu erwidern.

"Trophäen", entgegnete ich.

*