Reue?

„Gebt sie mir wieder! Gebt mir meine Hefte, ihr verdammten Diebe! Hört ihr mich? Maledizione! Der Teufel soll euch holen! Merda! Diebe! Ladri! Ladri Sùdicio!" Voller Wut schlug er mit der bloßen Faust gegen die Zellentür- und stieß einen schmerzerfüllten Schrei aus, als der Knochen brach. Er krümmte sich instinktiv zusammen, und presste die verletzte Hand an seine Brust, doch der empfindliche Knöchel reagierte natürlich lediglich mit noch stärkeren Wellen aus Schmerz. „Merda!" stieß er verzehrt hervor und begann erneut zu fluchen um seiner Wut und Verzweiflung Luft zu machen. Lange schrie er, bis tief in die Nacht hinein, den pulsierenden Schmerz verdrängend, immer wieder die gleichen Worte: „Ladri Sùdicio! Maledizione!"

Er wusste nicht, wann er endlich erschöpft und heiser die Augen schloss. Zeit spielte schon lange keine Rolle mehr, nicht für ihn. Kraftlos lehnte er den Kopf gegen die steinerne Mauer hinter sich, ohne sich die Mühe zu machen seine Augen wieder zu öffnen. Er lauschte auf seinen eigenen, schwer gewordenen Atem, und lies den Schmerz seinen Geist einnehmen.

„Du warst so jung. Dein ganzes Leben… vergeudet." Kurz aber heftig fuhr Lucheni zusammen, schlug hektisch die Augen auf und erschrak als er die Frau erblickte, die direkt vor ihm stand. „Du bist Tod!" stieß er, mit vom rufen heiserer Stimme, hervor. „Nein, das bin ich nicht." Erwiderte Elisabeth ruhig, und ohne Vorwurf sah sie ihrem Mörder in die Augen.

„Was willst du?!" schleuderte ihr der dunkelhaarige entgegen, während er versuchte in der Wand, die sich kalt gegen seinen Rücken presste, zu versinken. Elisabeth verzog keine Miene, trat nur einen weiteren Schritt auf ihn zu. „Warum, Lucheni? Warum hast du es getan?" andächtig hob sie ihre Hand zu seinem Gesicht und strich ihm beinahe zärtlich über die Wange. „Warum hast du mir das angetan, Luigi? Warum?" verstört drehte er denn Kopf beiseite, konnte dieser Frau nicht in die Augen sehen. „Du bist Tod!" flüsterte er apathisch, als wolle er sich selbst davon überzeugen. „Du bist Tod. Du bist-" hart traf ihre Hand ihm ins Gesicht, und eine blutige Strieme zog sich über seine Rechte Wange, auf der sie ihn zuvor noch so sanft berührt hatte. „Warum?" fragte sie wieder, doch diesmal war ihre Stimme kalt, hatte jegliche wärme verloren. Noch völlig benommen von dem plötzlichen Backenstreich entfuhr ihm der Satz, denn er so oft verwendet hatte: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!" doch noch immer konnte er keine Kraft aufbringen die Stimme zu heben. Er ertrug ihren Anblick nicht, doch konnte er sie nicht von sich stoßen. „Ich bereue es nicht." Raunte er schwach, und plötzlich schaffte er es, schrie, mit brechender Stimme: „Hörst du, ich bereue es nicht!" sein Kopf schmerzte, zu viel ging in ihm vor, alle Kraft schien aus ihm gewichen. „Nein. Ich bereue es nicht... ich bereue es nicht… ich… ich bereue… bereue es nicht… ich…" kraftlos sank er zu Boden, vergrub das Gesicht in den Händen ohne auf den Schmerz zu achten der darauf wieder seine Nerven tränkte.

Als er aufblickte, schimmerten Tränen in seinen Augen. „Du bist Tod." Wiederholte er schwach. „Wie… ich… ich habe dich getötet, wieso… wie kannst… wie kannst du dann hier sein?" Sie lächelte, lies sich vor ihm nieder und sah ihm mit traurigen Augen ins Gesicht:

„Weil du verrückt wirst, Lucheni."