Ein gestohlenes Bild

Nesthäkchen-Serie

Copyright: Else Ury

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Annemarie Hartenstein, geborene Braun, grinste verstohlen in sich hinein, als sie die Szene vor sich sah. Ihr Ehemann, Dr. med. Rudolf Hartenstein, hatte sich auf dem Wohnzimmersofa ausgestreckt und schlief mit Klein-Ursel im Arm. Sein sonst scharf gescheiteltes braunes Haar lag zerzaust auf dem Sofakissen; Ursel sah mit ihrem pausbäckigen Gesicht und den goldenen Ringellocken aus wie ein kleiner schlafender Engel. Das Bilderbuch, aus dem er ihr vorgelesen hatte, war auf den Boden gerutscht und lag mit gebrochenem Rücken da. Und da behauptet er immer, ich sei nachlässig, dachte sie schmunzelnd.

Im Schlaf sah er jünger aus, fand sie. Der angespannte Ausdruck in seinem Gesicht, nachdem er aus der Praxis zurückkam, wenn e mal wieder einen besonders schwierigen Fall zu behandeln gab, hatte sich geglättet. Annemarie wusste, wie sehr es ihm naheging, wenn er seinen Patienten nicht helfen konnte. Es erinnerte ihn an seine eigenen Eltern, die während seiner Kindheit beide an einer Epidemie gestorben waren. Deshalb bestand er auch so auf Ordnung in seinem Haushalt, von den Essenszeiten bis zu den gebüglten Hemden. Für Rudi musste alles klar und übersichtlich sein, dann fühlte er sich sicher. Es war selten, dass er sich so offen und ungeschützt zeigte; nur sein "Herzle", Annemarie, oder deren Nesthäkchen Ursel konnten ihm diese Seite entlocken.

Bei dem Gedanken an ihre Studentenzeit, als Annemarie ihren Rudi kennengelernt hatte, kam ihr auf einmal eine Idee. Auf Zehenspitzen, mit der Hand ein Kichern unterdrückend, schlich sich Annemarie zum Bücherschrank. Im untersten Fach lag der Photoapparat, den ihr die Großmutter damals geschenkt hatte. Ein Bild war noch auf dem Film drauf. Jetzt hatte sie ihre Revanche für die beiden Bilder, die Rudi ohne ihr Wissen von ihr geknipst hatte. Sie baute ganz vorsichtig den Dreifuß vor dem Sofa auf, tauchte unter die Decke und -

Klick!

Rudi schlug die Augen auf. Er sah seine Tochter, dann das Bilderbuch. "Na, so was," murmelte er. "Dabei wollt' ich mir bloß kurz die Augen ausruhen .. "

Annemarie kicherte wie ein Kobold. Rudi rieb sich den Schlaf aus den Augen und stimmte ausgelassen ein.

"Na, du bist mir vielleicht eine," neckte er. "Geradezu gemeingefährlich mit diesem Instrument. Schau, Ursele," denn das Kind war inzwischen aufgewacht, "Nimm dich vor der Mutti in Acht, sonst knipst sie dich auch noch!"

"Knips!" Ursel kicherte und lief zur Kamera hin. "Ich will auch!"

"Nichts da!" Rudi fing sein Kind wieder ein und hielt es hoch. "Zwanzig Uhr ist's - du hättest schon vor einer halben Stunde im Bett sein sollen, du kleine Krabbe. Ab mit dir, sonst gibt's morgen keine Pfannkuchen!"

Die Drohung verfing. Ursel ließ sich ins Bett tragen, wo ihre Schwester Vronli schon längst schlief. Als Rudi zurückkam, sah er etwas verlegen aus - der Spiegel im Flur hatte ihm deutlich gezeigt, wie zerknittert man aussieht, wenn man vollständig bekleidet auf einem Sofa schläft. Mit schiefem Lächeln versuchte er, sich mit einer Hand die Haare zu glätten. Es gelang nicht ganz.

"Wie ein Landstreicher siehst du aus," meinte Annemarie und fuhr ihm durch die Haare, sodass sie noch mehr abstanden. "Gefällt mir gut."

"Wie du meinst," flüsterte er ihr ins Ohr. "Aber so ein Sofa ist nit der geeignete Platz zum Schlafen ... in unserem Bett hat's halt mehr Platz, gelt, Herzle?"

"Hmm ... wenn du es so sagtst ... "

Sie zwinkerte ihm zu , nahm seine Hände und zog ihn mit sich ins Schlafzimmer.