Gib mir mein Herz zurück

Nesthäkchen-Serie

Copyright: Else Ury

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Gib mir mein Herz zurück!

Du brauchst meine Liebe nicht –

gib mir mein Herz zurück,

bevor es auseinander bricht.

Je eher – je eher du gehst,

umso leichter, umso leichter wird es

für mich.

- Herbert Grönemeyer, "Flugzeuge im Bauch"

"Woran um alles in der Welt haben Sie zu denken, Fräulein Kollegin?"

Rudis Vorwurf an seine junge Assistentin klang ihm immer noch in den Ohren, als er durch die weiß getünchten, nach Desinfektionsmitteln riechenden Gänge des Krankenhauses schritt. Er sah sie vor sich, mit blitzenden Augen und glühenden Wangen – als hätte er sie geohrfeigt, anstatt ihr einen berechtigten Verweis zu erteilen. Ohne ein Wort war sie herumgewirbelt und mit wehendem Goldhaar aus dem Röntgensaal gerauscht.

Was erwartete sie von ihm? Wie oft sollte er sie noch erinnern, die Krankenberichte rechtzeitig einzureichen und mit dem Röntgenapparat vorsichtig umzugehen? Er war ihr Vorgesetzter, Herrgott noch mal, und wenn sie ihm nicht ihre Liebe schenken wollte, dann verlangte er wenigstens ihre volle Anteilnahme, wenn er sprach!

"Mit einem guten Wort kann man alles bei mir erreichen. Aber Zurechtweisungen gegenüber werde ich störrisch – die verbitte ich mir … "

Er lachte ironisch in sich hinein. Seine 'guten Worte' in Tübingen, in der Nebelhöhle und auf dem Ulmer Münster hatten bei ihr herzlich wenig erreicht. Wie auch immer er sich benahm – als Freund, als Liebhaber, als sachlicher Kollege – nie konnte er ihr es recht machen. Es war wie eine Wand aus Glas zwischen ihnen.

Sie litt selbst daran, er sah es genau – die strahlend blauen Augen, die ihn damals auf dem Bahnsteig von Würzburg so offen angelacht hatten, waren wie mit Wolken überzogen. Wenn sie mit den Patienten und Kollegen scherzte, klang ihre Stimme falsch. Er sah dies alles und fühlte sich hilflos, ein unerträgliches Gefühl für einen, dessen Lebensziel die Heilung seiner Mitmenschen ist. Am liebsten hätte er sie einfach in den Arm genommen, genauso wie damals in der dunklen Nebelhöhle. Stattdessen ranzte er sie an und plagte sich tagelang mit Gewissensbissen.

Albernes, störrisches Ding. Wenn das Sommersemester nur erst vorüber wäre! Je eher Annemarie – Früulein Braun – aus seinem Arbeitsplatz und seinem Leben verschwand, desto besser für ihn.