Ob Jedi oder Sith – sogar Anakin Skywalkers Träume sind manchmal nur Schäume. Aber obwohl er seit Jahren als Darth Vader mit Frau und Kindern vereint unter Palpatines mehr oder weniger wohlwollender Fuchtel lebt, hat sich das erhoffte Familienidyll nie eingestellt und die sorgfältig gewahrte Fassade bröckelt längst: Padmé, hin− und hergerissen zwischen der hoffnungslosen Liebe zu ihrem Mann und ihrem unüberwindlichen Abscheu vor seinen Taten, ist nur noch ein Schatten ihres früheren Selbst, Luke zeigt wenig Neigung, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, und Leias Teenagerrevolte gegen ihre Eltern und den goldenen Käfig der privilegierten imperialen Oberschicht ist im Begriff, gefährliche Dimensionen anzunehmen.

Warte, bis es dunkel wird

Es gibt nichts Schlimmeres als Wünsche, die in Erfüllung gehen. (Oscar Wilde)

Padmé saß auf dem zierlich geschwungenen Stuhl vor ihrem Kosmetiktisch, während eine der Zofen ihr schimmerndes langes Haar bürstete. Normalerweise genoss Padmé die mit rituellem Ernst durchgeführte 200−Bürstenstrich−Angelegenheit sehr, aber heute Abend nicht. Es war schwer, sich unter dem kalten haselnussfarbenen Blick zu entspannen, der ihr aus dem hohen rautenförmigen Spiegel in einem Rahmen aus vacrianischem Elfenbein entgegensah. Nein, es war nicht nur schwer, es war unmöglich.

Padmé betrachtete das verschlossene Gesicht ihrer Tochter, die regungslos wie eine Statue im Hintergrund stand, und fragte sich zum tausendsten Mal, wohin der lebhafte zärtliche Irrwisch von einem kleinen Mädchen verschwunden war, an den sie sich noch so gut erinnerte. Wann und wie hatte sich Leia in diese starre, schweigsame, abweisende Gestalt verwandelt, die hier und jetzt mindestens so unerbittlich aussah wie ein Richter, der im Begriff war, ein Todesurteil zu verkünden? (Was natürlich auch an dieser fürchterlichen Schuluniform lag, die mit ihrem langen schwarzen Rock und dem weißen Blusenkragen unter dem ebenfalls schwarzen Blazer tatsächlich ein wenig an eine Richterrobe erinnerte!)

Götter, wie sehr sie mich verachtet, dachte Padmé in einem selten klaren Augenblick der Erkenntnis. Ich tue alles, um sie zu beschützen, und sie bricht den Stab über mich. Ich lebe nur noch für sie und Luke und sie hasst mich dafür.

Der bloße Gedanke brachte ihre Augen zum Flimmern, aber Padmé unterdrückte die drohenden Tränen mit der eisernen Selbstbeherrschung, die im Grunde das Einzige war, was die Ex−Königin von Naboo und die ehemalige Senatorin einer ebenfalls ehemaligen Republik noch mit der leider sehr gegenwärtigen Lady Vader verband. Sie würde nicht weinen, nein, nicht einmal dann, wenn ihr eigenes Fleisch und Blut mit Absicht alles tat, um ihr das Herz zu brechen. Sie würde nicht weinen, nein, denn wenn sie erst einmal mit dem Weinen anfing, würde sie wahrscheinlich nie wieder damit aufhören ...

Sie atmete tief durch und wartete noch einen Augenblick, um auch ganz sicher zu sein, dass ihre Stimme nicht schwanken würde. Dann sagte sie mit derselben kühlen selbstsicheren Autorität, mit der sie schon neimodianische Vizekönige und noch raffiniertere Feinde erfolgreich hinters Licht geführt hatte: „Also, Leia, ob es dir nun passt oder nicht, du wirst jetzt nach oben gehen und dir etwas Hübsches anziehen und darauf warten, dass ich dich rufen lasse.

Und dann wirst du mit mir unten in der Halle sein und deinen Vater begrüßen, wenn er nach Hause kommt. Und dann wirst du mit uns zu Abend essen und du wirst höflich sein oder wenigstens so tun, als ob du so etwas wie Manieren hättest.

Du wirst auf gar keinen Fall wieder Streit vom Zaun brechen. Du wirst dich nicht wieder über das Seuchenembargo auf Gulnaaris aufregen und du wirst kein Wort über die Studentenunruhen auf Corellia verlieren. Du wirst deinem Vater antworten, wenn er dich anspricht, und du wirst nicht vor dich hinschmollen wie eine beleidigte Primadonna!

Und erst wenn ich es dir sage und keine Minute früher wirst du aufstehen und auf dein Zimmer gehen. Und vorher wirst du mir und deinem Vater gute Nacht sagen, wie es sich gehört. Denn wenn du es nicht tust, Leia, wird es Konsequenzen für dich haben – und sehr unangenehme noch dazu.

Ich bin bereit, diese Sache mit den geschwänzten Ballettstunden unter den Tisch fallen zu lassen, solange du dich benimmst. Aber wenn du dich wieder so aufführst wie letztes Mal, dann werde ich es deinem Vater sagen ... und du kannst dir ja wohl vorstellen, wie er darauf reagieren wird. Und er hat allen Grund der Welt, wütend zu werden, wenn er erfährt, wie lange du unser Vertrauen missbraucht hast, wie oft du dich heimlich davongeschlichen hast, um dich hinter unserem Rücken irgendwo in Imperial City herumzutreiben − ohne Leibwache und ohne auch nur einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden, wie egoistisch und verantwortungslos es von dir ist, dich so in Gefahr zu bringen. Haben wir uns verstanden, junge Dame?"

Leias Spiegelbild versteinerte noch mehr, wenn das überhaupt möglich war. Sie hatte ihre Mutter sehr wohl verstanden, auch wenn ihre Mutter sich selbst nicht mehr verstand.

Was um Himmels willen tue ich da? Ich erpresse sie. Ich setze meiner eigenen Tochter die Pistole auf die Brust, um sie daran zu hindern, offen ihre Meinung zu sagen, um sie mundtot zu machen. Und das alles nur, damit wir wenigstens für eine gemeinsame Mahlzeit so tun können, als wären wir eine ganz normale Familie. Ich entfremde mir mein Kind, ich treibe es immer weiter von mir fort. Und wofür? Für eine Illusion! Wie tief kannst du eigentlich noch sinken, Padmé Naberrie?

Aber dieser letzte Gedanke, wie immer ein peitschenhiebartiges Echo der Stimme ihres eigenen Vaters, war einfach zu schmerzhaft, um weiter verfolgt zu werden.

Und deshalb war Padmés Stimme so eisig wie die Augen ihrer Tochter, als sie sagte: „Du kannst jetzt gehen, Leia."

Leia wirbelte herum und stürzte hinaus. Die mit Schnitzereien verzierte Greelholztür flog mit einem Knall hinter ihr zu, der Padmé unwillkürlich zusammenzucken ließ – eiserne Selbstbeherrschung hin oder her.

Als sie nach der schweren Schmuckschatulle griff, die vor ihr auf dem Kosmetiktisch stand, merkte sie, dass ihre Hände zitterten.

„Maalin, hol mir das Kleid aus Shantangseide. Das lavendelblaue mit der silbernen Blütenstickerei", sagte sie zu der Zofe.

Maalin, die inzwischen damit begonnen hatte, das in mehrere Stränge aufgeteilte Haar ihrer Herrin in einen komplizierten kronenartigen Aufbau zu verflechten, hielt inne, eine Augenbraue andeutungsweise angehoben.

„Schon gut, du kannst meine Frisur nachher fertig machen. Steck einfach eine Nadel hinein oder irgendwas ... es wird schon nicht auseinander fallen", sagte Padmé leichthin.

„Ja, Mylady", sagte Maalin ergeben, wenn auch nicht sehr überzeugt. Trotzdem machte sie vorsichtshalber noch einen kleinen Knicks, um zu zeigen, dass sie Padmés Sprunghaftigkeit nicht übel nahm, nicht wirklich.

Die junge Zofe sicherte ihr Werk rasch und gründlich mit einer riesigen Schildpattspange, die so straff saß, dass es wahrscheinlich nicht einmal einem Erdbeben gelungen wäre, auch nur die kleinste in ihr gefangene Strähne verrutschen zu lassen. Danach verschwand sie in Padmés Ankleidezimmer, das groß genug war, um eine durchschnittliche Kleinfamilie zu beherbergen, aber nur von vierzehn gigantischen Kleiderschränken bevölkert wurde.

Es würde eine ganze Weile dauern, bis Maalin herausfand, dass das Kleid, nach dem sie suchte, nicht da war. Es konnte auch gar nicht mehr da sein, weil Zonia, die andere Zofe, schon längst damit beschäftigt war, es für den Abend aufzubügeln.

Trotzdem hatte Padmé irgendwie das Gefühl, dass Eile angebracht war. Sobald sie sicher sein konnte, dass Maalin außer Sicht− und Hörweite war, riss sie das schmale Geheimfach auf, das sich zwischen den beiden obersten Schubladen des Kosmetiktisches verbarg.

Hastig griff sie nach der kleinen aufwändig ziselierten goldenen Dose, die darin lag. Nervös fingerte sie an dem winzigen Verschluss herum, der beinahe genauso unnachgiebig war wie ihre Tochter. Ihre Hände zitterten immer stärker. Und als sie die widerspenstige Dose endlich aufbekam, ergoss sich ein Regen von kleinen rosafarbenen Pillen über die polierte Platte des Kosmetiktisches. Padmé fluchte leise vor sich hin und fegte mit ein paar schnellen fahrigen Bewegungen alle verschütteten Tabletten bis auf eine zusammen. Einen Augenblick später waren sie wieder in der Dose verstaut, die sofort verschlossen und in ihr Versteck zurückbefördert wurde. Ein kleiner Stoß, ein kaum hörbares Knirschen und das Geheimfach war wieder unsichtbar.

Padmé betrachtete nachdenklich die letzte Pille, die vor ihr lag. Valiin. Das reinste Lebenselixier. Am Anfang hatte eine einzige davon ausgereicht, um sie wie durch Zauberei fast achtundvierzig Stunden lang mit einem wunderbar befreienden Gefühl vollkommener Ruhe und Gelassenheit, ja beinahe der Zuversicht zu erfüllen. Aber inzwischen brauchte sie schon drei von diesen verräterischen kleinen Glücksbringern, um überhaupt irgendeine Wirkung zu erzielen − drei pro Tag!

Padmé hatte sich irgendwann geschworen, dass diese Dosis das absolute Limit war, eine Grenze, die sie niemals überschreiten würde. Aber heute würde sie ihren Schwur brechen und sie hatte deswegen nicht einmal ein schlechtes Gewissen, denn schließlich hatte sie allen Grund dazu: Weil die Auseinandersetzung mit Leia sie mehr Kraft gekostet hatte, als sie vorausgesehen hatte. Weil der Tag noch nicht zu Ende war und sie nicht die Möglichkeit hatte, einfach zu Bett zu gehen und sich und die Trostlosigkeit ihrer Welt für ein paar barmherzige Stunden zu vergessen. Weil sie bald unten in der Halle stehen, ihre Tochter in Schach halten und gleichzeitig ihren Mann, der aus dem Krieg zu ihr heimkehrte, mit einem Lächeln begrüßen musste.

Ihren Mann, Darth Vader, den Sith−Lord, die Heldenikone einer ewig siegreichen Armee und eines ganzen Imperiums, das lebende Symbol für Macht und Gesetz ...

Ihren Mann, Anakin Skywalker, den Ex−Jedi, den Henker und Folterknecht, das todbringende Symbol einer monarchistisch angehauchten Militärdiktatur voller Tyrannei und Unterdrückung ...

Und Padmé Naberrie / Skywalker / Vader würde wirklich da unten in dieser Halle stehen und sie würde tatsächlich lächeln. Und niemand − weder ihr Mann noch ihre Tochter noch das Personal − würde auch nur ahnen, dass dieses Lächeln nur noch aus einer hauchdünnen Maske aus Selbstbeherrschung bestand, die sie einer Überdosis Antidepressiva verdankte …

Leia stürmte in die helle weitläufige Suite, die immer als ihr Zimmer bezeichnet wurde, obwohl sie tatsächlich aus drei Räumen bestand. Der neongrüne Rucksack, den sie seit kurzem als offizielle Schultasche benutzte, flog mit so viel Schwung in eine Ecke, dass die Datenblöcke darin vor Protest klirrten. C3PO, der in einer Nische vor sich hingedöst hatte − er nannte es selbst so, wenn er sein System auf Standbymodus heruntergefahren hatte −, fuhr mit einem alarmierten Aufblinken neu aktivierter Videosensoren in die Höhe.

„Oh, Miss Leia! Schon zurück?"

„Ja, leider", sagte Leia bissig. „Denn eines kannst du mir glauben, sogar Schule ist besser als das hier!"

Und das war nun wirklich ein großes Wort, wie 3PO nur zu genau wusste, denn schließlich waren die unvorstellbaren Gräuel dieser absoluten Hölle, die sich hinter dem Begriff „Schule" verbarg, seit Wochen das einzige Thema, über das Leia sich ihm gegenüber ausließ. Die Lehrer waren durch und durch widerwärtig („Faschisten oder Feiglinge − ich weiß wirklich nicht, was schlimmer ist!").

Die Mitschüler waren ausnahmslos der blanke Alptraum („Eine Horde von hohlköpfigen Idioten − die Mädchen sind sogar noch hirnrissiger als die Jungen und das will schon etwas heißen!").

Und das Unterrichtsniveau war so schlecht, dass es schon beinahe jenseits aller Kritik war („Um Himmels willen, dieses Level an Interdifferentialphysik hatte ich schon mit zehn weit hinter mir und wenn DAS die berühmte imperiale Bildungsreform sein soll, dann weine ich um die Zukunft!").

„Soll ich Ihnen einen kleinen Snack aus der Küche holen?" fragte 3PO hilfreich. Er existierte in der Überzeugung, dass neunundneunzig Prozent aller menschlichen Krisen mit der Zufuhr von kohlenhydratreichen Nahrungsmitteln gelöst werden konnten, vor allem dann, wenn der Großteil dieser Kohlenhydrate aus Zucker bestand.

„Ach, ich weiß nicht, mir ist jetzt eigentlich nicht nach Essen ... oder vielleicht doch?" überlegte Leia halblaut. „Nachher werde ich garantiert keinen Bissen herunterbringen, wenn der Prinz der Finsternis mir direkt gegenübersitzt. Also gut, geh schnell und bring mir irgendwas."

„Oh! Wir erwarten auswärtige Gäste? Warum hat mir niemand etwas davon gesagt? Werde ich da nicht als Dolmetscher gebraucht? Obwohl ...", 3PO zögerte sekundenlang, während seine Prozessoren aufgeregt klickten und klackten, „... ich kann mich gar nicht daran erinnern, je von dieser Spezies gehört zu haben. Finsternis! Eine Randwelt vielleicht? Nein, ich bin ganz sicher, dass diese Sprache nicht zu meinen Kommunikationsformen gehört. Ich brauche dringend ein Update, Miss Leia."

Leia stutzte einen Augenblick, dann musste sie trotz ihrem Zorn und allgemeinem Weltschmerz lachen. „Ach 3PO, was würde ich nur ohne dich anfangen? Ich würde dich nie hergeben ... nicht einmal, wenn sie mir dein Gewicht in Sternsaphiren aufwiegen würden. Aber jetzt geh. Los, beeil dich!"

3PO schlurfte gehorsam hinaus, wobei er so verwirrt aussah, wie es einem auf menschliche Manierismen programmierten Droiden ohne entsprechende Gesichtsmuskulatur nur möglich war.

Leias spontaner Heiterkeitsausbruch erlosch, sobald der Droide zur Tür hinaus war. Wenn sie an den bevorstehenden Abend dachte, verging ihr das Lachen ganz automatisch. Nicht, dass sie sonst viel Anlass zum Lachen hatte ...

Sie seufzte ein wenig, als sie das Wohnzimmer verließ und in ihr Schlafzimmer hinüberging, das eine etwas kleinere Ausgabe des Boudoirs ihrer Mutter war − so wie Leia selbst nichts anderes als eine kleinere und jüngere Ausgabe ihrer Mutter gewesen wäre, wenn sie es zugelassen hätte. Aber damit war jetzt Schluss. Endgültig.

Sie riss eine Schranktür auf und zerrte ungeduldig das erstbeste Kleid heraus, auf das ihr Blick fiel, ein schlichtes weißes Etwas, das sich schon durch seinen anspruchslosen Schnitt unübersehbar von den unglaublich komplizierten Roben ihrer Mutter unterschied. Sie warf das Kleid achtlos auf ihr Bett, wo es bleiben mochte, bis sie eine Kleinigkeit gegessen hatte und zum Anziehen bereit war.

Es wäre ja auch zu schrecklich, wenn sie mit einem Fettfleck oder Kekskrümeln garniert zum Empfang Seiner Boshaftigkeit erscheinen würde ... das reinste Verbrechen ... mindestens Majestätsbeleidigung! Möglicherweise würde er sie dafür sogar vor ein Erschießungskommando stellen − wissen konnte man das bei ihm nie so genau.

Leia setzte sich an ihren eigenen Kosmetiktisch − ja, auch sie hatte so ein spiegelverbrämtes Monument für die weibliche Eitelkeit hier in ihrem Schlafzimmer stehen − und schnitt sich selbst eine Grimasse. Sie war sich nicht ganz sicher, ob die neue Frisur ihr wirklich stand.

War ihr Gesicht nicht viel zu rund ...

waren ihre Wangenknochen nicht eine Idee zu breit!

… um auch noch durch eine Art kringellockige Wolke auf Kinnhöhe betont zu werden? Aber sie musste zugeben, dass das Resultat der Bemühungen des begnadeten Chef−Figaros aus dem Salon Micelli & Micelliimmer noch sehr viel besser aussah als das, was Leia vor rund zwei Monaten in einem Anfall von wütendem Trotz ...

in einem Ausbruch von kreativem Individualismus!

… an sich selbst verbrochen hatte. Eine Fingernagelschere war eben nicht unbedingt das geeignete Instrument, wenn es darum ging, mit einer hüftlangen Mähne fertig zu werden. Und wer kam schon mit seinem eigenen Hinterkopf klar? Leia fand, sie hätte schon Stielaugen haben müssen, um über eine halbwegs vernünftige Perspektive auf diesen fast unsichtbaren Körperteil zu verfügen. Und am besten gleich noch ein Paar Tentakel dazu, um gewisse Unzulänglichkeiten des menschlichen Bewegungsapparates auszugleichen.

Also gut, alles in allem war das Ergebnis einfach verheerend ...

nicht wirklich akzeptabel!

... gewesen, obwohl der schöpferische Akt an sich durchaus eine gewisse Befriedigung enthalten hatte. Im Nachhinein − das heißt, nachdem sie selbst den ersten Schock überwunden hatte − hatte sich sogar eine unerwartete Belohnung ganz von selbst präsentiert. Ihre Mutter nämlich hatte beim Anblick von Leias Selbstverunstaltung ...

Leias entschlossener Demonstration ihres Selbstbestimmungsrechtes!

... wenigstens einmal die Maske damenhafter Vollkommenheit fallen gelassen und war buchstäblich in Geschrei ausgebrochen.

„Liebling! Dein wunderschönes Haar! Warum hast du das nur getan?!"

Und schon das war die Sache beinahe wert gewesen. Beinahe.

Vader dagegen (Leia achtete sehr sorgfältig darauf, diesen Mann niemals und unter gar keinen Umständen Vater zu nennen, nicht einmal in Gedanken!), Vader also hatte sich gar nicht erst mit Fragen oder anderen langen Vorreden aufgehalten − das tat er nie.

Er hatte Leia einfach im Genick gepackt wie einen jungen Hund, sie über die nächst beste Couchlehne geschleudert und ihr eine Tracht Prügel verabreicht. Und danach hatte er Siri Te'Relkin, Leias Gouvernante und Hauslehrerin seit über acht Jahren, nicht nur fristlos entlassen, nein, er hatte auch noch mit einem einzigen Anruf dafür gesorgt, dass Siri nie wieder einen Job auf Coruscant finden würde – nicht einmal in den Slums von Imperial City, falls die nackte Verzweiflung sie dorthin verschlagen sollte.

Das hatte Leia natürlich mehr wehgetan als die ziemlich harten Schläge, mit denen er ihre vier Buchstaben traktiert hatte, und genau deshalb hatte er es auch getan. Bastard!

Aber was Vader damals nicht gewusst hatte (und hoffentlich auch nie erfahren würde), war, dass er nicht der einzige Mensch (Unmensch!) auf dieser Welt war, der die Dinge mit einem Anruf regeln konnte.

Nein, auch Leia kannte inzwischen wichtige Leute, einflussreiche Leute, an die sie sich im Notfall wenden konnte. Und genau das hatte sie getan, keine drei Minuten, nachdem ihre nervtötende Leibwache sie direkt vor dem pompösen, vor imitiertem Tirera−Marmor nur so strotzenden Eingang von Micelli & Micelliabgesetzt hatte.

Noch bevor der affektierte junge High−Society−Starfriseur Gelegenheit dazu gefunden hatte, mit allen Anzeichen des Entsetzens den grässlich zerzausten Zottelkopf von Lord Vaders experimentierfreudiger Tochter in Augenschein zu nehmen, hatte Leia sich schon mit einem zuckersüßen, aber ziemlich energischen: „Dürfte ich wohl mal ganz kurz Ihr Kom benutzen, Sir?" in das überraschend bescheidene Büro von Micelli senior gedrängt und die Kom−Einheit dort für mindestens eine Viertelstunde mit Beschlag belegt.

Und als Micelli junior schließlich damit begonnen hatte, die wild zerschnippelten traurigen Überreste von Leias einstiger Haarpracht mit behutsamen Kürzungen hier und da und einer kunstvoll gelegten Dauerwelle zum krönenden Abschluss wieder in einen halbwegs präsentablen Zustand zu versetzen, da hatte Siri Te'Relkins Zukunft bereits in sicheren Händen gelegen.

Falls es überhaupt so etwas wie Sicherheit gab für jemanden, der das Pech hatte, Darth Vader in irgendeiner Hinsicht zu enttäuschen. Denn Leias Vater ... Vader! ... war nie wütend oder aufgebracht. Er war einfach nur ENTTÄUSCHT und das hatte für gewöhnlich ziemlich drastische Folgen für die Person, die leichtsinnig genug war, diesen Gemütszustand bei ihm hervorzurufen. BASTARD!

Leia zupfte gereizt das kitschige Samthaarband aus ihrem viel zu kurz geratenen Lockenschopf, der laut den Lobgesängen des vereinigten Micelli−Clans jetzt eine topaktuelle Modefrisur darstellen sollte, einen Popp oder Plopp oder irgendetwas ähnlich Absurdes. Die Mädchen in ihrer Klasse − seit Siri Te'Relkins Rauswurf musste Leia eine sündhaft teure Privatschule für die Sprösslinge der Oberen Zehntausend besuchen − fanden den Top−Plopp übrigens „haarscharf", was Leias Bedenken aber eher steigerte als zerstreute.

Sie fragte sich, was ihr Bruder zu der ganzen haarigen Angelegenheit sagen würde, wenn er in den Ferien nach Hause kam. Wahrscheinlich würde er begeistert sein. Luke war grundsätzlich von allem begeistert, das war das Problem mit ihm. Er war von Dingen und Leuten begeistert, die sensibleren oder einfach nur nachdenklicheren Zeitgenossen Alpträume verursachten.

Leia seufzte erneut. Sie hing sehr an ihrem Bruder, was nur natürlich war, wenn man bedachte, dass sie Zwillinge waren. Und natürlich vermisste sie Luke schrecklich, seit er auf Carida war. Aber das änderte auch nichts an der Tatsache, dass sie sich in letzter Zeit nur noch mit ihm zankte, bei jeder sich bietenden Gelegenheit und meistens nur wegen Kleinigkeiten. Meistens.

Aber Luke konnte auch zu aufreibend sein und manchmal war er die reinste Pest. Er war so abscheulich zufrieden. Er lebte vollkommen sorglos in den Tag hinein und machte sich über nichts und niemanden jemals wirklich Gedanken – außer über seine Besessenheit von allem, was Lärm machte und fliegen konnte.

Natürlich war er hoffnungslos naiv. Jeder, der beinahe den Boden unter Vaders Füßen anbetete, musste entweder blind sein oder hoffnungslos naiv – wahrscheinlich sogar beides. Ja, Luke verehrte seinen Vater, er vergötterte ihn regelrecht, so unbegreiflich das auch war. Und nichts und niemand konnte diese großäugige Bewunderung beeinträchtigen – nicht einmal seine Verbannung in die Militärakademie.

Aber was hieß hier eigentlich Verbannung? Leia hatte den stillen Verdacht, dass ihr Bruder sogar von Carida begeistert war, und es war ein begründeter Verdacht. Es war durchaus möglich, dass das, was ganz offiziell als Disziplinarmaßnahme angekündigt worden war, für Luke eher so eine Art Belohnung darstellte. Und vielleicht war es sogar als Belohnung gedacht gewesen: Immerhin war Luke der Augapfel seines Vaters und wer bestrafte schon seinen Augapfel?

Luke war noch nie eine Tracht Prügel verpasst worden, nicht einmal, nachdem er sich Vaders Gleiter „ausgeliehen" hatte, um ihn nach einer kleinen Spritztour in einer spektakulären Bruchlandung mitten in den weitläufigen Gärten des imperialen Palastes abstürzen zu lassen.

Denn so liefen die Dinge im Hause Vader nun einmal: Leia, das erklärte schwarze Schaf der Familie, konnte sich nicht einmal ihre eigenen Haare abschneiden, ohne dafür wenigstens eine emotionale Hinrichtung durchmachen zu müssen. Doch Luke, der kleine Sonnenschein, durfte die Luxuskarosse seines Vaters zertrümmern und nebenbei noch zwei Treibhäuser voller seltener Orchideen dem Erdboden gleichmachen und wurde dafür nur auf die Militärakademie geschickt, wo er jetzt den ganzen Tag mit ein paar Dutzend gleichaltrigen Jungen herumlungern konnte und höchstwahrscheinlich die beste Zeit seines Lebens hatte.

Es war einfach nicht fair! Luke konnte sich alles leisten und geriet nie wirklich in Schwierigkeiten, er kam immer davon, egal, was er anstellte. Lag das nur an seinem unwiderstehlichen Wildfang−Charme oder vielleicht doch eher an seinem ... Talent?

Leias Lippen pressten sich zu einem trotzigen Strich zusammen. Das Talent ihres Bruders oder vielmehr ihr eigener Mangel an Talent, was die Macht anging, war eine alte Wunde.

Sie wusste nicht mehr genau, wann ihr zum ersten Mal klar geworden war, dass Luke genau wie Vader über gewisse Fähigkeiten verfügte, ganz besondere Fähigkeiten, zu denen sie selbst keinerlei Zugang hatte. Aber irgendwie war diese Erkenntnis zusammen mit all der Scham und all den Minderwertigkeitskomplexen, die sie deswegen empfand, so tief im innersten Kern ihres Wesens verwurzelt, dass sie sich nicht einmal mehr vorstellen konnte, dass es je eine Zeit gegeben haben mochte, in der ihr nicht bewusst gewesen war, dass Luke eine Begabung hatte, die ihr völlig abging.

Sie hatte es schon in den halb besorgten, halb erleichterten Augen ihrer Mutter gelesen, als Luke zum allerersten Mal seine Actionfiguren und Leias Puppen kreuz und quer durch das gemeinsame Kinderzimmer hatte schweben lassen. Sie hatte es in Vaders kühl abschätzendem Blick gelesen, als sie selbst unter großem Geschrei auf einen Schaukelstuhl und von dort aus auf eine Kommode gekrabbelt war, um ihre süße kleine Prinzessin Regenbogen vor dem nächsten mutwilligen Zusammenstoß mit einem hässlichen harten Plastikschädel zu bewahren. Ja, schon damals hatte Leia gespürt, dass es aus irgendeinem Grund eine Schande war, ihre Puppe mit einer komplizierten Kletteraktion retten zu müssen, statt sie einfach elegant und mühelos aus der Luft zu pflücken, wie Luke es gleich anschließend mit seinem Captain Starfury getan hatte.

Und später hatte sie dann den einen oder anderen Gesprächsfetzen aufgefangen, der nicht für ihre Ohren bestimmt gewesen war, aber trotzdem genug Indizien geliefert hatte, um aus einer Vermutung eine Tatsache zu machen. Es waren immer nur Fragmente gewesen, aber sie hatten sich Steinchen für Steinchen zu einem Mosaik zusammengesetzt, das Leia nur mit Bitterkeit erfüllen konnte:

Das Kindermädchen, das in einer ruhigen Minute mit dem Arzt in der Zimmerecke tuschelte, während Leia mit geschlossenen Augen in ihrem Bett lag, zu fiebrig und zu matt, um sich zu rühren, und daher nur scheinbar fest schlafend …

„Der Junge und immer nur der Junge! Nach der Kleinen fragt er nie. Er hat überhaupt kein Interesse an ihr. Das arme Herzchen ..."

Der Adjutant, der die Tür zu Vaders Büro bewachte wie den Zugang zu einem heiligen Reliquienschrein …

„Da kannst du jetzt nicht rein, junge Dame. Lord Vader ist beschäftigt. Er will nicht gestört werden."

„Aber mein Bruder ist doch auch da drinnen."

„Lord Vader will nicht gestört werden. Und jetzt verschwinde!"

Und als Leia geknickt den Rückzug antrat, sehr viel gedämpfter zu seinem kopfschüttelnden Kollegen: „Was soll ich denn machen, wenn er sie nicht sehen will? Ich befolge nur meine Befehle."

Und dann Mutter in einem Lehnsessel vor dem Kamin, ihre leise Stimme kaum noch hörbar …

„Es ist doch nicht ihre Schuld! Sie kann nichts dafür, dass er es hat und sie nicht. Es gibt keine Garantie dafür, das hast du damals selbst gesagt. Es ist wie eine Erbkrankheit − manchmal überspringt es Generationen, bevor es wieder zum Vorschein kommt."

Und Vader, seine hochgewachsene Gestalt nur eine Silhouette im flackernden Widerschein des Feuers, aber seine Stimme laut und hart und triefend vor Sarkasmus …

„Ach so, jetzt bezeichnen wir es also schon als Krankheit, ja? Danke! Vielen, vielen Dank für diesen bemerkenswert passenden Vergleich, Padmé! Aber vielleicht sollte ich lieber dafür dankbar sein, dass meine ... Krankheit diese Generation nicht übersprungen hat − wenigstens nicht ganz!"

Aber den ultimativen Beweis für Leias Unzulänglichkeit und ihre absolute Bedeutungslosigkeit hatte ihr der Imperator höchstpersönlich geliefert:

Zwölf. Leia war zwölf. Sie saß an einem der Seerosenteiche irgendwo in den Palastgärten und weinte sich ungeachtet dieser idyllischen Umgebung beinahe die Augen aus, was damals noch ziemlich häufig vorgekommen war. (Heute weinte Leia überhaupt nicht mehr. Es war eine Frage des Prinzips. Tränen waren ein Zeichen von Schwäche. Leia war stark. Und hart. Hart wie ein Diamant.)

Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern, warum oder wie lange sie dort gesessen und vor sich hingeschluchzt hatte, aber plötzlich stand eine gebeugte Gestalt in einer schwarzen Zeydtuchrobe neben ihr, die sich auf einen Stock stütze. Der Imperator! Ohne Gefolge, ohne Wache, ganz allein.

Leia sprang hastig auf und produzierte eine ziemlich windschiefe Verneigung, eine traurige Angelegenheit, die keinerlei Ähnlichkeit mit dem graziösen Hofknicks aufwies, den man ihr so mühsam eingedrillt hatte. Beim Aufstehen verfing sich ihr linker Fuß in dem Saum ihres Kleides, was sie beinahe stürzen ließ.

Vielleicht war es ihre kindliche Tollpatschigkeit, die das geringschätzige kleine Lächeln über das fahle runzlige Gesicht im Schatten der voluminösen Zeydtuchkapuze huschen ließ. Vielleicht war es aber auch etwas anderes. Etwas ganz anderes. Aber als die topasgelben Augen des Imperators Leia fixierten, sie beinahe aufspießten wie ein Präparator einen noch lebenden Schmetterling aufspießen mochte, waren sie bar jeder menschlichen Regung.

Und Leia, so jung sie auch war, fühlte plötzlich mit instinktiver Gewissheit, dass der beinahe übertrieben liebenswürdige und fürsorgliche alte Mann, der sie und Luke an allen Geburtstagen und Neujahrstagen mit fantastischen Geschenken geradezu überschüttete und sie verhätschelte wie ein in seine Enkelkinder vernarrter Großvater, nicht existierte, niemals existiert hatte.

Dieser Mann, der ihr zum ersten Mal alleine und ohne jede Großvatermaske gegenüberstand, dieser feindselige Fremde, der aus jeder Pore seines Körpers eine gehässige Kälte auszuströmen schien, das war der echte, der einzig wahre Palpatine.

Diese Erfahrung formte und prägte einen der bedeutsamsten Augenblicke in Leias Leben, einen Augenblick, den sie nie wieder vergaß, nicht einmal im Zentrum der Tragödie, die Jahre später unwiderruflich die Weichen für ihre Zukunft stellen sollte. Aber das Mädchen von damals sah den Imperator nur an, verwirrt und ein klein wenig beunruhigt, weil sie sich sein verächtliches Halblächeln nicht ganz erklären konnte, aber schon wachsam, weil sie hinter diesem Lächeln seinen Wunsch fühlte, sie zu verletzen, ihr wehzutun.

Und doch schnurrte die knarrende Altmännerstimme wie eine Katze unter einer liebkosenden Hand, als der Imperator sagte: „Ich frage mich, ob du jemals eifersüchtig auf ihn bist. Es wäre immerhin das Normalste von der Welt. Ich an deiner Stelle würde umkommen vor Eifersucht."

Sein Lächeln wurde dünn und scharf wie die Klinge eines Vibromessers, als Leia ihn verständnislos anstarrte.

„Ich meine, es ist doch schon schlimm genug, wenn man genau weiß, dass man ein völlig hoffnungsloser Fall ist. Aber auch noch einen brillanten Bruder neben sich zu haben, dessen bloße Existenz einem Tag für Tag unter die Nase reibt, was für ein Versager man ist, das ist doch einfach unerträglich, nicht wahr?"

Der Imperator legte eine Kunstpause ein und musterte Leia von oben bis unten, ohne eine Spur von Nachsicht für ihr verweintes Gesicht mit den verschwollenen roten Augen, für ihr zerknittertes Kleid, dessen Rock voller Grasflecken war, für den herunter getretenen Saum.

„Und du bist nicht einmal hübsch, was zwar keine Entschädigung, aber immerhin ein gewisser Trost für deinen armen Vater wäre. Ein kompletter Fehlschlag also. So ein Pech!"

Sein kurzes höhnisches Auflachen war pures Gift und fraß sich in Leias Seele wie Säure.

Und dann war er einfach weiter gegangen, eine kleine gekrümmte, aber nur scheinbar harmlose Figur, die in aller Gelassenheit durch die Gärten flanierte und dabei eine Aura von vernichtender Bösartigkeit hinter sich herzog wie eine unsichtbare Schleppe.

Leia, die wie betäubt neben ihrem Teich stehen geblieben war, hatte ihm nachgesehen, bis er hinter einer Hecke aus Alkaliansträuchern verschwunden war, und die ganze Zeit über hatte sie sich gewundert, dass die Blumenbeete, die seinen Weg säumten, nicht einfach verwelkten wie von einem tödlichen Frosthauch getroffen.

Aber von diesem Moment an hatte sie endlich ganz genau gewusst, was das Problem zwischen ihr und Vader war. Sie war ein Fehlschlag − wenigstens in seinen Augen − und es lag jenseits ihrer Möglichkeiten, es lag buchstäblich nicht in ihrer Macht, an dieser Sachlage jemals etwas zu ändern. Sie konnte nur eines ändern: Ihre Einstellung. Ihre Einstellung zu diesem Thema, zu Vader, zu ihrem ganzen Leben.

Und es fiel ihr erstaunlich leicht, einen neuen Standpunkt zu finden, die Dinge aus einer ganz anderen Perspektive zu betrachten, es war beinahe eine Art Befreiung. Vader hatte kein Interesse an ihr? Das beruhte inzwischen durchaus auf Gegenseitigkeit – Leia legte schon lange keinen Wert mehr auf seine Aufmerksamkeit.

Er wollte nicht von ihr gestört werden? Leia war Lichtjahre davon entfernt, ihm ihre Gesellschaft aufzudrängen – tatsächlich mied sie jetzt nach Möglichkeit jede Begegnung mit ihm.

Sie war ein Versager? Er auch − zumindest als Vater. Er war für Leia nie wirklich eine Vaterfigur gewesen, aber erst an diesem Tag, in diesem Augenblick zog sie einen Schlussstrich, der aus dem viel zu vertrauten und vertraulichen „Vater" ein unpersönliches „Vader" machte. (Was als Anrede natürlich nicht in Frage kam und es immer zu einem Balanceakt machte, ihn direkt anzusprechen, aber das fiel kaum ins Gewicht, weil Leia ohnehin kein Wort mehr als unbedingt nötig mit ihm wechselte.)

Mit der neuen Perspektive kam eine ebenfalls neue und völlig ungewohnte Entschlusskraft über Leia. Sie würde nirgendwo bleiben, wo sie unerwünscht oder überflüssig oder was auch immer war, dachte sie mit dem ganzen Trotz ihrer zwölf Jahre. Und noch am selben Abend lief sie davon … oder versuchte es jedenfalls.

Natürlich kam sie nicht sehr weit, was auch kein Wunder war, so überstürzt und völlig kopflos wie dieser spontane Ausbruch vor sich gegangen war. Aber sie hatte immerhin ihren Standpunkt demonstriert und zum ersten Mal so etwas wie Unabhängigkeit an den Tag gelegt und das hatte das ziemlich klägliche Ende ihres Fluchtversuchs einigermaßen wettgemacht.

Natürlich hatte sie sich damals unsagbar dumm und kindisch verhalten, wie Leia heute mit der ganzen Weisheit und Reife ihrer fünfzehn Jahre erkannte. Aber Fehler waren dazu da, damit man aus ihnen lernte, und Leia lernte schnell. Wenn sie eines Tages tatsächlich von Coruscant wegging − und dass sie das tun würde, stand ganz oben auf dem ersten Blatt ihrer Zukunftspläne geschrieben −, dann würde sie es viel geschickter anfangen, soviel stand fest. Und dann würde ein neues Kapitel in ihrem Leben beginnen und alles würde anders werden. Ganz anders.

Leia hatte noch keine klare Vorstellung von den Details dieser Veränderung, aber eines wusste sie ganz genau: Ihr Leben war nicht das einzige, was sich verändern würde, wenn sie von hier wegging, dafür würde sie schon sorgen. Denn das war ihr wichtigstes Ziel überhaupt: Die Dinge zu verändern.

Sie war nicht wie Luke, der trotz seiner viel gerühmten Fähigkeiten nie über seine eigene Nasenspitze hinaussah. Leia sah sehr viel weiter, sie sah alles, was um sie herum und außerhalb ihres goldenen Käfigs geschah, und sie sah, dass es falsch war. Ganz und gar falsch.

Oder war es etwa richtig, dass ein ganzer Planet unter eine Generalblockade gestellt und von der imperialen Raumflotte hermetisch abgeriegelt wurde, so dass nicht einmal Impfstoffe und Medikamente zur Behandlung der dort grassierenden Seuche importiert werden konnten? War es vielleicht in Ordnung, dass imperiale Soldaten am helllichten Tag auf offener Straße auf unschuldige junge Leute schossen, nur weil sie mit einer friedlichen Demonstration gegen die willkürliche Schließung ihrer Universität protestierten?

Nein, es war falsch, es war auf eine Art und Weise falsch, die zum Himmel schrie! Und im Gegensatz zu ihrem Bruder und ihrer Mutter konnte Leia nicht einfach die Augen davor verschließen. Sie nahm Luke seine Blindheit nicht übel − nicht sehr jedenfalls −, weil sie davon ausging, dass er noch zu unreif war, um die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich waren. Aber ihrer Mutter nahm sie es übel, sehr übel ... Mutter, die kein Täter, aber dafür ein Mitläufer war.

Es waren Leute wie Mutter, die alles widerstandslos über sich ergehen ließen und dadurch dafür sorgten, dass ein Regime wie das Imperium so ausufern und trotzdem ewig am Ruder bleiben konnte. Leia war wild entschlossen, nichts widerstandslos über sich ergehen zu lassen. Sie leistete jetzt schon auf ihre ureigene Weise Widerstand, wo sie nur konnte. Und eines Tages, wenn sie endlich erwachsen und frei war, ihren eigenen Weg zu gehen, dann würde sie gegen alles kämpfen, was falsch war. Eines Tages, wenn niemand mehr dazu in der Lage sein würde, sie zum Schweigen zu bringen oder sie zu irgend etwas zu zwingen ... Und hoffentlich waren bis dahin diese grässlichen Haare nachgewachsen!

Leia wurde aus ihren Gedanken gerissen, als 3PO würdevoll hereinstakste und dabei vorsichtig ein hoffnungslos überladenes Tablett vor sich her balancierte. Wie üblich hatte sich Mrs. Wombard selbst übertroffen. Seit die ebenso üppig gepolsterte wie gutmütige Herrscherin der Küchenregion Leia vor Jahren bei einem heimlichen Beutezug durch eine der Speisekammern erwischt hatte, war sie felsenfest davon überzeugt, dass „das Kind" so ausgiebig wie nur möglich gefüttert werden musste, „weil es schließlich noch im Wachstum war und überhaupt!".

Es war vor allem dieses „und überhaupt!", das Leia zu der überraschenden Erkenntnis gebracht hatte, dass sie unter den Dienstboten mehr Freunde hatte, als sie es je für möglich gehalten hätte. Das war tröstlich und nützlich zugleich – vor allem dann, wenn es um wesentlich wichtigere Dinge ging als um ein paar heimlich zugesteckte Extra–Leckerbissen.

Leia inspizierte die liebevoll aufgehäuften Türme aus köstlichen Sandwiches und Kuchenstücken. Sie hatte sich gerade für einen Teller mit einer Kombination aus cremig–süßen Mandillsahneringen und delikaten Guricfischpastetchen entschieden, als sich die Tür erneut öffnete und Maalin hereinstolzierte. Die Zofen ihrer Mutter gehörten ganz entschieden nicht zu Leias Freunden, was schon der hochmütig geschürzte kleine Kirschmund in Maalins dezent geschminktem Puppengesicht deutlich erkennen ließ.

„Mylady lässt Ihnen ausrichten, dass Sie in fünf Minuten unten sein sollen. In spätestens fünf Minuten!"

Leia runzelte die Stirn, aber Maalin zu erzählen, dass „Mylady" sich von ihr aus zum Teufel scheren konnte, hätte das Problem auch nicht gelöst, sondern nur verschlimmert. Sehr verschlimmert! Sie nahm mit einem bedauernden Blick Abschied von ihrem unberührten Teller und wandte sich dem Bett zu, wo immer noch das zusammengeknäuelte weiße Kleid lag.

Maalins Mund kräuselte sich noch ein wenig mehr, als Leia das Kleid aufhob und die hässliche Knickfalte entdeckte, die jetzt über die ganze Länge des Rocks lief. Aber erst als das Mädchen aus der Schuluniform schlüpfte und
Anstalten machte, sich das Kleid einfach überzuziehen, ohne sich weiter um das wenig dekorative neue Ornament zu kümmern, schossen Maalins sorgfältig gezupfte Augenbrauen ungläubig in die Höhe.

„Sie können doch nicht so hinuntergehen, Miss Leia!"

„Wer soll mich denn daran hindern? Sie vielleicht?" gab Leia schnippisch zurück.

Maalin ersparte sich eine Antwort. Stattdessen kniete sie neben dem Mädchen nieder und zauberte mit atemberaubender Geschwindigkeit vier Stecknadeln hervor, die sie in den hauchdünnen Stoff rammte.

Nach einer Minute hektischem Gezupfe war die Knickfalte zwar nicht verschwunden, sah jetzt aber wie eine raffinierte Verzierung aus, mit der ein erfahrener Schneider einem ansonsten recht langweiligen Fähnchen ein bisschen mehr Schick verliehen hatte.

„Danke", sagte Leia steif.

Maalin rümpfte ihre zierliche Stupsnase – sie hatte nur ihre Pflicht getan, nicht mehr, nicht weniger.

„Es ist so weit. Der Feind steht praktisch schon vor unserer Tür. Auf ins Gefecht!" sagte Leia zu ihrem Droiden.

Natürlich musste 3PO das genauso wörtlich nehmen wie alles, was sie zu ihm sagte.

„Was für ein Gefecht? Haben wir etwa schon wieder Krieg?" fragte er besorgt.

„Wann haben wir den nicht?" erwiderte Leia achselzuckend. „Na, jetzt komm schon!"

Und 3PO zockelte fügsam hinter ihr her.

Fortsetzung folgt ...© 2010 by Nangijala