Das letzte Mal - Open the door and let me go

Kapitel 1 – Ein Abend wie jeder andere?

Der Regen peitschte wie verrückt gegen das Fenster. Lange Rinnsale bildeten sich an der großen Scheibe. Den tosenden Wind konnte man ebenfalls durch die leicht undichten Spalten im Rahmen der Fenster pfeifen hören.

Erneut blickte sie zur Küchenuhr an der gegenüberliegenden Wand. Ein Seufzer entkam ihren Lippen. Das Essen stand wie immer fertig auf dem gedeckten Tisch, langsam wurde es spät. Ihr Blick blieb zuerst am Fenster hängen, nach einer Weile wanderte er zum Tisch hinüber und schließlich zur Uhr. Dieses Schauspiel ging etwa eine halbe Stunde, so lange bis ihr endgültig der Geduldsfaden riss. Einen weiteren Abend wurde sie versetzt und musste somit wieder allein essen. Als sie satt war, schaute sie ein letztes Mal zur Uhr, stand auf, begann den Tisch abzuräumen und ließ Wasser ins Abwaschbecken.

Sie war gerade beim Teller abspülen als sie die Schritte aus Richtung der Haustür und das Klappern von Schlüsseln im Schloss vernahm. Danach ein lautes Knallen der Tür und schließlich die ihr wohl bekannte Männerstimme.

„N'Abend Kaori. Hast du gesehen wie es draußen schüttet, hätte ich das gewusst, dann hätte ich doch 'nen Schirm mitgenommen." Er ließ sich auf einen der Stühle fallen.

Sie stand mit dem Rücken zu ihm und hatte auch nicht vor ihre Position zu ändern. „Hallo Ryo, wo warst du?" kam es kurz und fast gelangweilt rüber, aber nur um ihre wahren Gefühle im Ton zu unterdrücken. Sie spülte ruhig und gelassen weiter, tat so als wolle sie erst gar keine genaue Antwort von ihm haben.

„Ach nur bei Saeko. Wir beide hatten noch was wegen den letzten Auftrag zu klären und dann hatte sie noch etwas für mich gekocht. Das war echt lecker, Kaori."

'War ja mal wieder klar, das so was kommen würde.' Sie musste sich zusammenreißen um nicht völlig die Kontrolle zu verlieren, ballte die Hände zu Fäusten und fragte ihn etwas beleidigt: „Bist du also satt geworden, ja Ryo! Dabei habe ich extra auf dich gewartet, hättest du nicht anrufen können?" Sie blieb stehen, er sollte nicht ihr verärgertes Gesicht sehen. Verärgert und auch enttäuscht.

„Ich dachte mir du wärst um diese Zeit schon im Bett und würdest schlafen. Ich wollte dich nicht wach klingeln. Gähn. Ich glaub' ich sollte mich aufs Ohr hauen. Wir sehen uns morgen früh, Kaori." Somit ging er, nochmals gähnend, in sein Zimmer und ließ sie allein in der Küche zurück.

'Dieser Idiot merkt aber auch rein gar nichts. Lässt mich hier jeden Abend mit Essen warten, entschuldigt sich nicht mal und dann war er bei Saeko. Ich habe endgültig genug, mein Herz macht das nicht mehr mit. Sieht er mich denn gar nicht?' Tränen flossen ihr über die Wangen, sie schniefte, beendete ihre Arbeit und blickte bevor sie selbst zu Bett ging nochmals zum großen Fenster. 'Immer noch dieser Regen … Ryo … wieso siehst du mich mit anderen Augen? Bin ich nicht hübsch? Willst du mich nicht als eine Frau sehen?' Bald darauf schlief sie ein.

'Was würde ich nur ohne dich machen? Was würde ich tun, wenn du eines Tages nicht mehr neben mir stehen würdest, wenn es dich nicht mehr geben sollte? Habe ich die Kraft es allein zu schaffen? Ich habe noch nie darüber nachgedacht, ist es doch für mich die schlimmste Vorstellung, wenn du wirklich mal nicht mehr von einem Auftrag zurückkommen solltest. Ich würde wahrscheinlich versinken, nicht mehr schaffen zu stehen, geschweige denn nochmals aufzustehen.' Sie wälzte sich im Bett von der einen Seite auf die andere, die furchtbaren Gedanken über den Verlust ihres einzigen Haltes im Leben, seit dem Vorfall mit ihrem Bruder, ließen sie in dieser Nacht nicht ruhig schlafen.

'Ryo, du verletzt mich ständig mit Nichtbeachtung, naja nicht direkt, deine ständige Beule in der Hose ist wohl ein Beweis, das du mich ein wenig anziehend findest. Dennoch ist es nicht genug. Du nimmst keine Rücksicht auf meine Gefühle, meine wachsenden Gefühle für dich, du Idiot. Bist du wirklich zu blind um es zu sehen, wahrscheinlich. Du willst es nicht wahrhaben, das ich dich vielleicht lieben könnte. Ja ich bin die Schwester deines verstorbenen Partners, ein Tabu für dich. Aber ich kann und werde meine Gefühle für dich nicht länger verstecken können. Du musst es endlich verstehen, es gibt da jemanden der dich aus tiefsten Herzen liebt. Jemanden für den du der einzige Halt im Leben geworden bist, der einzige Grund um nicht aufzugeben. Ich kannte vorher keinen Menschen wie dich, seit dem ersten Augenblick an, an dem ich dich traf, hast du in mir etwas ausgelöst. Beschreiben kann ich es nicht wirklich, aber es fühlt sich richtig und gut an.'

Langsam begann Kaori auf zu wachen, fasste sich an die Stirn und dachte nochmal über den letzten Abend nach. Ihr Blick wanderte zum Fenster, der Morgen erwachte ebenfalls langsam, die ersten Sonnenstrahlen kamen zum Vorschein und schlichen sich durch ihre Vorhänge auf ihre Bettdecke. Es wurde Zeit aufzustehen und das Frühstück vorzubereiten. Als sie sich im Bad befand und vor dem Waschbecken stand, sah sie in ihr Spiegelbild und betrachtete ihr Gesicht.

'Also hübsch bin ich auf jeden Fall, gefallen tue ich ihm auch, den Beweis sieht man bei ihm deutlich in der Hose. Beim letzten Auftrag sogar häufiger, aber irgendwelche unanständigen Anstalten und Aussagen wie es sonst bei ihm üblich ist fielen aus, er hatte sich eher peinlich gefühlt, wollte es verstecken und entschuldigte sich auch komischer Weise. Anscheinend hat er sein Verhalten gegenüber mir verändert. Obwohl, wenn ich doch jetzt genau nachdenke, hatte er es eilig nach dem Auftrag und wollte zu Saeko, mit der Begründung noch etwas Schreibkram wegen dem Fall zu erledigen. Er wird doch nicht mit ihr …! Deswegen kam er auch so spät, deswegen … dieser … dieser Mistkerl!'

Wütend verschwand sie aus dem Bad und ging in die Küche um sich mit dem Frühstück machen abzulenken. Es würde nicht lange dauern und sie würde ihm dann wieder aus seinem Tiefschlaf reißen. Was sie natürlich nicht wissen konnte, dem City Hunter erging es nicht anders als seiner Partnerin. Auch er fand in dieser Nacht nicht besonders viel Ruhe und Schlaf.

'Kaori … Kaori … wieso hast du mich nicht angesehen? Sonst hast du dich immer zu mir an den Tisch gesetzt und wir unterhielten uns über den vergangenen Fall. Doch gestern nicht, was war denn gestern nur anders? Ach Kaori, vielleicht ging es dir nicht gut, dann hätte ich dich gern in die Arme genommen und getröstet. Doch in letzter Zeit habe ich das Verlangen mein Versprechen zu brechen. Du bist die Schwester meines besten Freundes und ich habe ihm geschworen auf dich auf zu passen. Ich habe das Gefühl, das ich langsam aber sich schwach werde. Schwach gegenüber einer Frau, einer Frau wie dir. Ist mir das aber noch nie passiert! Bisher konnte ich es unterdrücken, verstecken dieses Gefühl. Ich wünsche mir, dich in den Arm zu nehmen und dir dann endlich zeigen zu können wie wichtig du für mich geworden bist. Auf der anderen Seite habe ich Zweifel, ob du es auch so siehst, ob du dich überhaupt in jemanden wie mich verlieben könntest. Ja Liebe ist es, was ich für dich empfinde. Ich bin nicht oberflächlich, ich weiß, das du eine Frau bist, ich weiß, das du Gefühle hast, auch wie eine Frau. Aber ob es Gefühle für mich sind? Kann ich nicht auch einen kleinen Platz in deinem Herzen bekommen? Hast du es mir ja noch nie gezeigt, so richtig schlau wird man aus einer Frau wie du es bist nämlich nicht. Es ist wirklich schwer etwas in deinen wunderschönen Augen zu lesen. Möglicherweise sollte ich es am besten einfach mal aussprechen, deine Reaktion abwarten und dann dich etwas in die Enge treiben um dich zu zwingen mir dein wahres Ich zu zeigen?'

Mit diesem Entschluss öffnete er seine Augen und begann sich anzuziehen. Kaori wollte ihn gerade wecken, öffnete die Tür und blieb abrupt stehen, als sie in die Augen von Ryo schaute. Dieser kam ihr mit halb geschlossener Hose und nacktem Oberkörper entgegen. Er blieb direkt vor Kaori stehen, lehnte sich an den Türrahmen und lächelte ihr ins Gesicht, jedoch nicht wie üblich, sondern mit einem weichen und völlig neuem Ausdruck. Dies sah auch sein Gegenüber und begann schließlich etwas stotternd: „G-guten Morgen Ryo, h-hast du gut geschlafen? I-ich wollte dich gerade wecken."

„Guten Morgen, Kaori. Schön dich in deine Augen blicken zu dürfen und nicht so wie gestern nur mit deinem Rücken zu sprechen. War irgendetwas?"

Sie holte Luft und lieferte ihm wie sonst gleich die Antwort: „Nein, es war nichts, wieso?"

Mit Bedacht näherte er sich ihr: „Hm, ich dachte es würde dich etwas bedrücken."

Sie verschränkte ihre Arme und sah ihm verstohlen ins Gesicht. Sie musste es ihm sagen, jetzt sofort. Dampf ablassen.

„Nun mein Lieber, erstens hatte ich mit dem Essen auf dich gewartet, es wurde langsam aber sicher kalt, sodass ich alleine essen musste, mal wieder. Zweitens, nachdem du ziemlich spät endlich kamst musstest du mir gleich die Sache mit Saeko unter die Nase reiben, wie toll sie doch kochen kann und so. Ja ich weiß, sie ist viel besser als ich und dann hast du dich noch nicht mal entschuldigt!"

„Kaori, ich habe dir doch gesagt, ich wollte dich nicht wecken mit meinem Anruf."

„Oh wie rücksichtsvoll von dir. Ich bin doch kein kleines Kind mehr. Ich habe mir Sorgen gemacht, was wäre wenn dir was passiert wäre oder was weiß ich. Ryo, du hast keine Ahnung was du mit deinen unüberlegten Verhalten anstellst!"

Sie schrie ihn an, den Tränen schon nahe. Sollte sie noch weiter gehen? Er konnte sich nicht vorstellen, das sie so ausrasten würde. Schließlich ergriff er ihre Handgelenke und drückte sie mitsamt dem Körper an die Wand. Was sollte er denn tun?

„Was ist los mit dir? Irgendwas ist doch, du schreist mich wegen dieser Kleinigkeit an und ..."

„Wegen dieser Kleinigkeit? Du kommst ständig spät nach Hause, bleibst bei Saeko, redest kaum noch mit mir und wenn dann nur über sie. Ich bin immer allein, mache mir Sorgen wegen dir, du Idiot. Hast du überhaupt einmal an mich gedacht?"

„Was meinst du damit?"

„Ryo, verstehst du es denn nicht?"

„Oh Mann, was soll ich denn verstehen?"

Kopfschüttelnd sank sie etwas in die Knie, sie hatte keine Kraft mehr, sie kam nicht mehr gegen ihn an. Er verstand es anscheinend wirklich nicht.

„Ryo, lass mich los. Ich halte es nicht mehr aus."

Den letzten Satz von ihr bekam er nur noch leise im Vorbeirennen mit. Sie verschwand aus der Tür, aus der Wohnung, aus seinem Leben. Verdutzt blickte er zur offen stehenden Haustür.