Wenn einer schläft und alles spricht, das nennt man… Un… terricht?

„Stein-hákase… Stein-hákase…"

Sie rief ihn. Die helle, klare Stimme durchschnitt die unendlich scheinende Dunkelheit, die ihn in ihrem Griff hielt.

Die Töne bildeten einen Leitfaden, ein leuchtendes Rettungsseil, welches er nur ergreifen musste. Dann war er gerettet. Sämtliche andere Gedanken, Zweifel, Ängste, waren auf einmal sekundär, alles was nun noch zählte war das silbrig schimmernde Seil, welches sich nun aus dem Nichts vor seinen Augen materialisierte.

Ohne auch nur kurz die warnende Stimme der Vorsicht in seinem Unterbewusstsein zu beachten, versuchte er den Faden zu ergreifen. Es war, als würde er sich gegen die Haut eines aufgeblasenen Ballons stemmen müssen, als er sich danach streckte.

Seine bis zum äußersten gespannten Finger berührten das Seil.

Es fühlte sich merkwürdig unfest an, so leicht und schlüpfrig wie Seide.

Fest legte er seine Finger darum, wollte es nicht wieder loslassen, konnte es nicht mehr loslassen.

Seine Hand und das Seil schienen eins geworden zu sein.

Eine angenehme Wärme breitete sich in ihm aus, verdrängte die Kälte, die durch die Finsternis entstanden war.

Aus der Oberfläche des Faden begannen sich Ranken auszubreiten, wuchsen in die Höhe, wurden immer länger. Sie verästelten sich, bildeten wunderschöne Blumen an ihren Seiten, die unglaublich filigran waren und wie zerbrechlich wie feinstes Porzellan schienen.

Immer weiter breitete sich das silbern leuchtende, unnatürliche Gewächs aus, bis es ihn vollkommen wie ein Kokon umschloss.

Doch auch wenn er nun eingeschlossen war verspürte er immer noch keine Angst, im Gegenteil, ein Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit breitete sich in ihm aus.

Er genoss es, es war, als würde eine zentnerschwere Last von seinen Schultern gehoben werden.

Die kunstvoll verschlungen Ranken hielten die Dunkelheit draußen und tauchten das innere des Kokons in ihr Licht. Es war ein so friedlicher Moment. Ein Moment, in dem er nicht mehr gegen all das kämpfen musste, loslassen konnte und sich einfach nur treiben ließ.

Doch tief in ihm drinnen schrie irgendwo seine Vorsicht. Er war eingesperrt, eingeengt, und plötzlich schien die Wärme zu verschwinden, Kälte kam zurück, als er aus seiner Starre wich.

„Hab keine Angst."
Da war sie wieder, die Stimme. Er kannte sie nicht, wusste nicht einmal, ob sie zu einer Frau oder einem Mann gehörte, doch ihr Klang beruhigte ihn, er vertraute der Stimme.

Weder leise noch laut, und doch klar, hallte sie in dem leuchtenden Kokon wieder.

„Wer bist du?" Gegenüber der wunderschönen Stimme klang seine rau und kratzig, eine Tatsache, die er wohl seinem Zigarettenkonsum zu verdanken hatte. Doch auch wenn er nicht rauchen würde, er glaubte, niemand würde an diesen wunderschönen Klang herankommen.

Es klang wie das feine Plätschern kristallklaren Bergwassers, als die Stimme lachte.

„Ich bin die, die dich beschützt."

Ja', dachte Stein. ‚Sie beschützt mich vor der Dunkelheit. Vor dem Wahnsinn in mir.'

„Komm zu mir. Komm zu mir, Franken. Bei mir bist du sicher. Kein ewiges Leiden und Kämpfen gegen den Wahnsinn mehr. Bist du nicht müde? Müde, deinen Geist stets wachsam zu halten? Du brauchst nur zu mir zu kommen, und all das wird Vergangenheit sein. Willst du zu mir kommen?"

Ja', sagte der Teil seines Geistes, der der Stimme bereits vollkommen verfallen war.

Doch ein kleiner Rest in ihm warnte ihn. ‚Eine Falle! Sag Nein!'

Der kleine Rest rief immer stärker, schüttelte ihn aus der Trance und ließ das Licht der Pflanzen auf einmal schaurig sein, kalt wie das Leuchten von Neonröhren.

„Nein, tu es nicht!" Doch es war zu spät. Stein hatte bereits ausgeholt und seine Hand mitten in das Gewebe der Pflanzen geschlagen.

Mit dem Geräusch von berstendem Glas zerbrachen sie in Splitter, durchsichtig wie klare Kristalle.

Ihre scharfen Kanten schnitten in seine Hand und der Schmerz half ihm, seinen Kopf endgültig klar zu bekommen.

Die Finsternis brach wieder herein, füllte den ehemals beschützenden Kokon und schien ihm die Luft zum Atmen zu nehmen. Kälte breitete sich aus, als sich das Loch, das sein Schlag hinterlassen hatte, ausweitete.

Feine Risse zogen sich von der Bruchstelle aus über das Geflecht wie Spinnenweben.

Dann zerbrach die gesamte Konstruktion und Stein fiel zurück in die Dunkelheit…

„Black Star… Wir sind zu spät… sollten wir nicht lieber höflich klopfen?", fragte Tsubaki zaghaft. „Quatsch, dass ist doch meine Chance, einen großartigen, alle Aufmerksamkeit auf sich ziehenden Auftritt hinzulegen!", rief Black Star und stürmte auf die Tür zum Klassenzimmer zu.

Mit vollem Körpereinsatz rammte er diese, sodass das bemitleidenswerte Konstrukt mit einem Ächzen nachgab. Sich auf die Knie begebend schlitterte Black Star in den Raum und breitete unter Erwartung von Beifall die Arme aus.

Hinter ihm lugte Tsubaki in das Zimmer, in Erwartung einen verärgerten Stein zu sehen, gefolgt von Black Star, den seine Strafe bereits erwarten würde.

Stattdessen kniete Black Star immer noch in seiner Pose auf dem Boden und niemand von seiner Klasse schien Notiz von ihm zu nehmen.

Im Gegenteil, sie hatten sich alle um das Pult vorne beim Lehrertisch versammelt und diskutierten anscheinend lebhaft.

Wie sich jeder vorstellen konnte, war Black Star über diese Ignoranz nicht unbedingt erfreut und tat dies auch lautstark kund.

„Oi, Black Star, sei mal leise!", rief Soul zu ihm rüber und drehte sich dann wieder zu Maka, die Black Star lediglich einen finsteren Blick zusandte und wieder anfing, mit Soul zu reden.

„Grrr", knurrte Black Star. „Wer wagt es da, mir die Show zu stehlen?"

Wütend stampfte er auf die Traube aus Schülern zu, gefolgt von Tsubaki.

Ohne Rücksicht auf die anderen drängte er sich durch die Menschenmasse zur Mitte.

Verdutzt hielt er inne, als er das Objekt der Aufmerksamkeit der Shibusenschüler sah.

Dr. Stein saß auf seinem Stuhl, den Kopf auf dem Schreibtisch abgelegt und rührte sich kein bisschen.

„Was ist denn mit dem los?", fragte er Kid, der neben ihm stand. Dieser zuckte nur die Achseln. „Circa eine Minute bevor du hier reingeplatzt bist, hat er mitten in seinem Vortrag inne gehalten und ist eingeschlafen."

„Er ist eingeschlafen?", fragte Black Star ungläubig. „Sicher, dass er nicht vielleicht tot ist?" „Er atmet noch, Black Star."

„Oh, stimmt… und wieso weckt ihr ihn dann nicht einfach?"

„Die anderen haben Angst vor seiner Reaktion", sagte Kid und ließ deutlich herausklingen, dass er diese Ansicht nicht teilte.

„Stell dir doch einmal vor, er wird sicher furchtbar wütend sein und uns alle sezieren!" Liz bibberte nur so, als sie sich die möglichen Auswirkungen einer Weckaktion ausmalte.

„Und Maka hat etwa auch Angst?", stichelte Black Star zu der Meisterin hinüber, die den Kopf hob, als sie ihren Namen hörte. Prompt wurde sie sauer. „Ich hab keine Angst, ich denke nur nach, wieso Stein-hákase eingeschlafen ist!", schnappte sie. „Vielleicht ist er ja krank oder so, dann sollten wir Nygus holen."

Es stimmte, schon die ganzen vorherigen Tage schien ihr Lehrer nicht so recht bei der Sache gewesen zu sein. Immer wieder hatte er während seines Unterrichtes innegehalten und einfach ins Leere gestarrt. Zumal seine Augenringe von Stunde zu Stunde größer werden zu schienen.

„Du hast doch nur Angst, gib's zu, Feigling!"

„Hab ich gar nicht!", fauchte Maka zurück.

„Feigling, Feigling, Feigling…", sang Black Star vor sich hin.

Maka wurde nun echt sauer und stieß Black Star beiseite. „Ich werd' dir zeigen, wer hier feige ist!"

Entschlossen packte sie Steins Schulter.

Genau, komm zu mir, Kind', flüsterte eine Stimme. Erschrocken hielt sie inne.

„Wusst' ich doch, dass du zu feige bist!", sagte Black Star und schubste Maka zur Seite.

„Hey, Stein-hákase, aufwachen!", rief er und rüttelte den Doktor.

Eine Hand packte seinen Arm. „Keine Sorge, ich bin wach. Und ich habe Lust, etwas zu sezieren…"

Mit einem mörderischen Ausdruck im Gesicht blickte Stein Black Star an, welcher ängstlich zurückwich.

„Hab ich's nicht gesagt?", flüsterte Liz leidend, während Patty begeistert war.

Ox rückte seine Brille zurecht. „Dann können wir ja d-den Unterricht fortsetzen…", stotterte er und machte sich schnell auf, zu seinem Platz zurückzukehren.

Auch der Rest der Klasse beeilte sich, nun da ihr Lehrer wieder wach war, sich hinzusetzen.

Nur Maka stand immer noch etwas verloren neben dem Lehrerpult.

„Oi, Erde an Maka!", sagte ihr Partner Soul und wedelte ihr mit der Hand vor dem Gesicht herum. „Ja… komm ja schon…", sagte Maka, schien aber nicht recht bei der Sache zu sein.

„Dann tu's auch." Verärgert über die ausbleibende Reaktion packte Soul sie am Arm und schliff sie kurzerhand zu ihrem Platz.

Professor Stein hatte wieder begonnen, seinen Unterricht fortzusetzen als ob nichts gewesen wäre.

Maka starrte derweil ihre Tischplatte an, als ob sich etwas Hochspannendes darauf abspielen würde.

„Maka-chan, ist alles okay?", fragte ihre Nachbarin Tsubaki sie besorgt.

„Ja… ja, alles okay!", sagte Maka etwas zu hastig. Tsubaki schien nicht wirklich überzeugt. „Ich mache mir nur Sorgen um Stein-hákase", redete sie sich heraus. „Das ist alles."

„Hmm, ja, ich mir auch… Er ist ja schon die ganze Woche so… Und dass er einfach so einschläft… Normal ist das nicht…", flüsterte Tsubaki leise.

„Vielleicht hat er ja Schlafstörungen oder so…", flüsterte Maka zurück.

„Meinst du echt?" Tsubaki und Maka steckte die Köpfe noch tiefer zusammen.

„Oder er macht bis spät in die Nacht Experimente?"

„Aber früher hat er das doch sicher auch gemacht, da war er auch nicht so unausgeschlafen…"

„Maka Albarn, Tsubaki Nakatsukasa… wären Sie bitte so freundlich, meinem Unterricht zu lauschen?", fragte eine düster klingende Stimme hinter ihnen. Erschrocken drehten sich Maka und Tsubaki um. Mit einem wahrhaft furchteinflößenden Gesichtsausdruck stand Professor Stein hinter ihnen. „Ha-hai, Stein-hákase…", stammelten die beiden Mädchen eingeschüchtert.