Carol ist jetzt schon seit knappen sieben Jahren weg. Ben ist zwölf. In seiner Kirchengruppe gibt es einen Neuzugang. Ein kleines Mädchen welches sechs Jahre und zweieinhalb Monate alt ist. Ben erzählt von ihr.

(Alex Sichtweise)

„Mom, bei uns in der Kirchengruppen haben wir wen neues." Informierte mich Ben beim Abendessen. Ich schaute von meinem Teller auf. Momentan gab es keinen Fall, so dass wir endlich mal gemeinsam essen konnten.

„Schonwieder?" fragte ich. „Vor einer Woche hattet ihr doch erst den letzten neuen."

Ich beobachtete wie Ben versuchte seine Nudeln aufzurollen. „Mm, das stimmt. Aber diesmal ist es ein kleines Mädchen." Er steckte sich den kleinen Nudelklumpen in den Mund und kaute darauf herum. „Alter oder Größe?" fragte ich. Bei Ben war das so eine Sache…

„Naja, sie sagte, dass sie sechs Jahre und noch was, ich glaub ein paar Monate wär. Von der Größe könnte sie auch als sieben durchgehen. Und sie kann sich Dinge sehr gut merken. Als ich zum Schluss noch mal den Pfarrer gefragt habe, er hat´s wiederholt, kam sie dann und sagte, das stimme nicht ganz. Dann hat sie die Rede Wortgetreu wiedergegeben." Er hielt kurz inne und ich lachte.

„Das nennt sich Eidetisches Gedächtnis, es kann vererbt werden oder auch so auftreten. Reagiert auf Stimuli-das was man hört. Derjenige kann es dann selbst nach ein paar Tagen Wort für Wort wiederholen." Erklärte ich ihm und wickelte meine Nudeln auf.

„Hat sie auch gesagt…" murmelte Ben verlegen.

„Tja so was gibt's wirklich. Wie heißt sie denn?" ich steckte mir die Nudeln in den Mund.

„Es war ein komischer Name…Cathy An/ Ancatherine. Der Nachname war irgendwas mit J… vielleicht Jackson. Ich weiß nicht." Er zuckte mit den Schultern.

„Es ist aber ein schöner Name, bestimmt sehr selten." Bemerkte ich und trank mein Glas aus.

„Ja, sie sagt sie seien erst aus Johannesburg hierhergezogen."

„Südafrika? Das ist aber ein großer Umzug. Und dann auch noch so ein Industriestädtchen wie Bradfield…" langsam schüttelte ich den Kopf. „Wie sieht sie denn aus?" wollte ich fragen, kam aber nicht einmal zum Fragewort, unsere Klingel unterbrach mich.

„Ich komme." Rief ich zur Tür und stand umständlich auf. Konnte ich nicht wenigstens heute etwas Zeit mit meinem Sohn verbringen?

„Tony!" unwillkürlich wich ich etwas zurück als er vor mir stand. Jeden hätte ich erwartet, nur nicht Tony.

„Abend Alex, störe ich?" fragte er.

„Nein, wir haben uns nur gerade unterhalten. Ben und ich. Was gibt's?"

„Ich hab Stromausfall." Scherzte er. „Nein, ich hab ein paarmal angerufen, weil ich sagen wollte, das ich in den nächsten paar Wochen wahrscheinlich sehr viel mit der Uni am Hals haben werde und falls du ein Profil bräuchtest könnte ich nur ab 20 Uhr. Es hat aber niemand abgenommen, nicht mal der Anrufbeantworter ging ran, da war ich besorgt." Gab er schließlich zu.

Ich verdrehte die Augen. „Jaja, als ob wir einfach abhauen würden…weit weg… ohne Kontakt… ohne Vorwarnung…" ich ließ meine Stimme düster werden, dann sprach ich wieder normal. „willst du reinkommen, Ben hat Nudeln gekocht."

Kaum saß Tony fragte Ben. „Tony, wo genau liegt eigentlich Johannesburg? Und wie weit ist es von hier entfernt?"

„Johannesburg, ja?" Ben nickte.

„Mal überlegen, du musst mit deinen Gedanken aus England raus…Richtung Mitteleuropa, dann nach Afrika runter. Ganz an die Südspitze. Dieses Land da unten heißt Südafrika, und in Südafrika musst du etwas Ost-nördlich gehen. Oder südwestlich von Pretoria. Oder so ca. 25° südlich des Äquators und 28° östliche Länge. 942 Tausend Kilometer, plus minus 500. So sicher bin ich mir da nicht." Endete er und wandte sich den Nudeln zu.

Ich hatte bei Tonys Schilderung vergessen den Tisch weiter abzuräumen. So präzise hätte ich das nur mit Karte hinbekommen. Doch ich kommentierte sein Verhalten nicht. Eine Sache die bei Tony Hill undurchschaubar war, war sein Verhalten und die Persönlichkeit, die es darstellte.

„Wie kommst du auf Johannesburg?" wollte Tony wissen.

„Wir haben eine Neue bei unserer Kirchengruppe. Sie ist mit ihrer Mom von dort hierhergezogen."

„Nur die Mutti?" Vielleicht konnte ich ihr ja helfen sich hier einzugewöhnen. Sie war alleinerziehend und eine komplett neue Stadt…

„Hat sie gesagt aber mehr nicht. Echt verschlossen wenn du mich fragst, selbst für ihr Alter." Warf Ben ein.

„Schau doch Ben, sie sind neu, würdest du dich dem ersten fremden anvertrauen?" fragte Tony. „Die Reaktion ist nur natürlich. Außerdem glaube ich, dass ihre Mutter sehr auf ihre Sicherheit bedacht ist, wenn sie alleinerziehend ist-mehr als wenn beide Elternteile zusammen wären."

Schon wieder hatte er was zum Analysieren gefunden.

Ich seufzte.