3 Tage Später:

(Vanessa)

Das war eine verdammte Frechheit. Man hatte mich in ein Krankenzimmer abgeschoben.

Ein K-r-a-n-k-e-n-z-i-m-m-e-r. Dabei war ich überhaupt nicht krank. Ich wartete nur auf meinen Klienten.

Schlimm genug schon, dass ich in einem Krankenhaus warten sollte. Von außen wirkten sie meist kalt, was sich dann beim stechenden Geruch der Reinigungsmittel innen bestätigte.

Nie hätte ich gedacht so etwas für einen einzigen Fall über mich ergehen zu lassen. Aber es war ein begehrter Fall, also musste ich wohl oder übel hier warten.

Meine Kanzlei war erfolgreich. Und das sollte sie auch bleiben. Auch wenn es hieß hier zu warten.

War es denn meine Schuld, dass sich dieser Typ unbedingt irgendwelche Knochen brechen musste?

Immerhin wollte er meine Hilfe und nicht andersherum.

Entnervt seufzte ich. Man hatte mich auch noch angewiesen ruhig zu sein. Keinen übermäßigen Lärm zu machen. Und so weiter und so fort.

Nur weil hier noch ein Kind auf der Station lag! Bitte.

Um wen ging es? Um das Kind oder den Klienten?

Gute Miene zum bösen Spiel. Ich klappte meinen Laptop auf. Vielleicht könnte ich noch ein wenig arbeiten.

Ungefähr Zehn Minuten klappte das auch. Wunderbare Ruhe. Stille. Nur das Summen des Rechners und das Klicken der Tasten die ich drückte.

Dann begann das Kind mit dem man mich in einen Raum gesteckt hatte aufzuwachen. Sie drehte sich unruhig umher.

Ich seufzte gereizt.

„Mummy? Daddy?" frage sie mit rauer Stimme.

„Nein." Versetzte ich um wieder Ruhe zu haben.

„Wer sind Sie?" wollte sie wissen.

„Weder deine Eltern noch ein Arzt." Und jetzt ruhe.

„Aber auch keine Ärztin."

Was war das für ein Kind? Konnte sie nicht den Mund halten wie alle anderen? Oder einfach nicht so…nicht so aufmerksam sein? Etwas mehr wie ein Kind?

Immerhin hatte sie noch nicht angefangen nach ihren Eltern zu schreien.

„Wo sind sie dann?" fragte sie ungestört weiter.

„Wer?" entgegnete ich ihrer Frage im scharfen Tonfall.

„Meine Eltern." Sie schien ihre Stimme wieder zu finden.

„Wenn du das hektische Blondchen von vorhin meinst ist sie im Moment nicht hier." Ich erinnerte mich an eine relativ aufgelöste Frau, die fast eine halbe Stunde am Telefon hang bevor sie sich überreden ließ zu gehen. Wahrscheinlich hatte sie mich vor Aufregung übersehen. Wahrscheinlich auch gut so, sonst hätte sie noch darauf bestanden, dass ich auf die kleine aufpassen sollte.

„Wo ist Daddy?" und noch einmal: Was war das für ein Kind? Warum ließ sie sich nicht einschüchtern. Meine Methodik funktionierte bei Erwachsenen, bei allen…

In diesem Moment flog die Tür krachend auf. Ich schrak in meinem Stuhl zusammen. Darum hasste ich Krankenhäuser.

„Cathy! Süße! Du bist wach!" Und deswegen hasste ich Mütter, die sich zu sorgsam gaben.

„Mummy." Rief die Kleine zurück.

Sie umarmten sich fest, oder so gut es ging. Hoffentlich nicht für allzulang.

Beinahe hätte ich beide zur Ordnung verrufen. Stattdessen ließ ich mich zu einem sarkastischen „da ist deine Mummy" herab.

Die blonde Frau wirbelte herum und fixierte mich. Tja, wenn Blicke töten könnten… wär sie vor mir umgefallen. Und danach die Kleine.

„Bitte, beruhigen Sie sich. Ich arbeite." Stellte ich klar.

„Wer sind Sie überhaupt?" sie zog ihre Augenbrauen zusammen, und ihre Lippen formten sich zu einem dünnen Strich.

„Rechtsanwältin."

„Ihr Name." Forderte sie.

„Was geht Sie das an?" schnappte ich zurück.

„Es ist nun mal in meinem Interesse zu wissen wer mit meiner Tochter in einem Raum ist."

„Wo ist Daddy?" fragte die Kleine dazwischen.

„Sh, Daddy kommt gleich. Ich konnte mich eher wegschleichen. Ich glaube irgendein Student hat ihn malwieder aufgehalten." In ihrer Stimme war deutlich wie sehr sie diese „Studenten-Idee" missachtete.

„Warum machen Sie sich überhaupt die Mühe und halten eine Beziehung? Eine Familie. Es ist nur hinderlich." Warf ich ein.

„Weil ich sehr lange darauf gewartet habe, Mrs. Und was ist an einer Beziehung hinderlich?"

Zuerst schaute ich abwertend auf die Kleine, sie sah ihrer Mutter sehr ähnlich, und dann auf ihre Mom.

„Alles. Kinder." Sagte ich abwertend.

„Was haben Sie ihrem Sohn angetan?" fragte sie kopfschüttelnd.

„Sie kennen ihn?" ich konnte diese Frage nicht zurückhalten, bereute es aber schon als ich diesen Satz ausgesprochen hatte.

„Dazu müsste ich wissen wer Sie sind."

„Vanessa Hill." Ich lächelte etwas verächtlich in ihre Richtung. Sie dagegen schien ernstlich besorgt zu sein. Und nun wütend zu werden. Sie musterte mich noch einmal-genauer.

„Was haben Sie ihrem Sohn angetan?" wiederholte sie, diesmal deutlich an mich gerichtet und anschuldigend.

„Was interessiert Sie mein Leben?" Was wollte diese Frau?

Sie schaute kurz an mir vorbei in den Flur.

„Zufälligerweise kenne ich Ihren Sohn."

„Sie Ärmste." Setzte ich zu.

„Hören Sie auf, so abfällig über ihn zu reden!"

„Was wissen Sie schon von ihm?" Er ist ein Schauspieler, ein verkorkstes Hirn. Ein kleiner Spinner, wie seine kleinen Freunde.

„Mehr als Sie."

Die Kleine lauschte gespannt und beobachtete mich verwundert. Sie war fasziniert von dem Verlauf des Gespräches.

„Bis eben wussten Sie nicht einmal dass ich existiere."

„Ich hätte auch nicht von Ihnen erzählt." Gab sie im gleichen Tonfall zurück.

„Bilden Sie sich nicht zu viel ein." Warnte ich sie.

„Wir können ihn gleich selber Fragen." Sie lächelte süffisant und stand auf.

Bevor ich nachforschen konnte was sie mit diesem äußerst beunruhigenden Satz zum Ausdruck bringen wollte flog die Tür erneut auf.

„Carol. Es tut mir leid, Gordon hat mich aufgehalten." Er ließ eine blaue Plastiktüte auf einen Stuhl fallen, die Jack auch und umarmte, wie ich jetzt wusste, Carol kurz.

Ich hielt die Luft an. Verdammter Fall…Mistverdammter Fall.

„War es nicht Glen?" sie lachte. Ich hörte, dass Stoff raschelte.

„Egal. Cathy, hey…"

„Daddy."

Nein. Nein. Nein. Ich wandte meinen Blick ab, fokussierte mich dann aber auf diese Carol. Sie beachtete mich nicht mehr und lächelte sanft der Szene vor sich zu.

Einige Minuten vergingen bis sie sich dann räusperte.

„Ehm, Tony, du hast Besuch." Ich warf ihr einen strafenden Blick zu. Besuch. Als ob ich freiwillig gekommen wäre. Warum war er überhaupt hier? Was machte er hier? Hier?

„Dann kann ich mir das peinliche Vorstellungsgespräch ersparen." Vermerkte er kühl. Gleichzeitig, fast automatisch, trat er einen Schritt zurück, umfasste mit einer Hand die der Kleinen (ein schrecklicher Gedanke „Tochter") und legte einen Arm verteidigend um seine Carol.

„Keine Sorge, ich bin nicht wegen dir hier."

Das war das Letzte was ich tun würde.