Kennst du das Land

Kennst du das Haus? Auf Säulen ruht sein Dach,

Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach,

Und Marmorbilder stehn und sehn mich an:

Was hat man dir, du armes Kind, getan?

- Johann Wolfgang von Goethe, "Mignon"

Ursula Tavares, geborene Hartenstein, hatte sich das Glück anders vorgestellt.

In Lichterfelde hatte sie oft davon geträumt, einen schönen, reichen und liebenswerten Mann zu heiraten und nie mehr Strümpfe stopfen, Teller waschen und Unkraut jäten zu müssen. In Sao Paulo schleicht sie über die Perserteppiche und Marmorfliesen der Villa Tavares und träumt von Zuhause, noch nicht einmal wissend, wo ihr Zuhause liegt.

Ein Tag ist lang, wenn man nichts damit anfangen kann. Milton geht zur Arbeit in sein Handelshaus und kommt spät abends wieder, zu müde am Ende des Tages, um mit Ursel Klavier zu spielen oder sich zu unterhalten. Nur an den Wochenenden hat er Zeit - dann reden und lachen sie auf Deutsch und Portugiesisch, dann gehen sie zusammen ins Kino oder ins Museum. Er zeigt ihr seine Stadt wie ein stolzer Fremdenführer, stehts um ihre Unterhaltung bemüht. Das ergibt immer noch fünf Tage, um die Zeit totzuschlagen.

Teresa, die Köchin, sagt: "Kann ich Ihnen behilflich sein, Donna Ursula? Was wollen Sie – kochen helfen? Aber wieso? Setzen Sie sich nur hin und ich mache Ihnen etwas zurecht, ja?" Das alles in einem fast unverständlich breiten portugisischen Dialekt, den sich Ursel ungefähr wie Hannes Berlinerisch vorstellt. Donna Ursula? möchte sie fragen. Wer ist das?

Schwiegermutter Tavares schaut von ihrem Stickrahmen hoch und rümpft die Nase: "Ich weiß nicht, wie es in Alemanha Sitte ist, aber hierzulande schickt es sich nicht, wenn eine Dame aus unserem Stand körperliche Arbeit leistet." Und Marga blickt Ursel nur mit bittenden schwarzen Augen an – sie solle sich doch nur anpassen, kein Aufhebens machen, so zu sein wie alle anderen.

Ursel stickt. Sie lernt Klavier. Sie nimmt Gesangs- und Sprachunterricht. Sie hält den Mund.

Nachdem das Märchen vorbei ist und das glückliche Ende eintrift, hat man kein Recht, unglücklich zu sein.

Einmal erst hat Milton sie in der Nacht weinen gehört. Er hat sie in den Arm genommen und – auf Portugiesisch – gefragt, was ihr fehlt.

Ihr fiel nichts ein außer einer neuen portugiesichen Vokabel aus dem Wörterbuch.

"Tenho saudades." Ich habe Heimweh.