Tag eins, gefangen in Azkaban

Meine Beine stolpern benommen vor sich hin und zogen meinen schwankenden Körper mit sich. Dass ich dabei nicht das Gleichgewicht verlor, lag einzig und allein daran, dass abgemagerte Skeletthände meine Arme kräftig umfassten und mich somit mit sich zerrten. Die Nebelschleier und das lähmende Gefühl in meinem Kopf waren zu intensiv, um sie neben mir genau zu sehen, doch ich wusste, dass ich von Dementorenhänden festgehalten wurde. Meine Umgebung konnte ich ebenfalls nicht erkennen, dennoch war mir klar, dass sie mich zu meiner Zelle brachten.

Ich war in Azkaban. Dort angekommen, wo Voldemort seine Feinde leiden ließ, bevor sie verrückt wurden und die Dementoren ihnen die Seele nahmen.

Früher hatte mir die Anwesenheit von ihnen nicht sehr viel ausgemacht. Zwar hatte ich mich in ihrer Nähe nie wohl gefühlt und gruselte mich immer, doch in den vielen Jahre des Krieges hatte ich inzwischen so viele schreckliche Dinge gesehen, dass ich heute auch nicht mehr bei Verstand bleiben konnte, sobald sie da waren. Ich war nicht mehr immun gegen ihre Hölle und durchlebte gerade die Eigene in meinem Kopf wieder und wieder. Viele Tränen, viel Blut und die schlimmsten Schmerzen, die ich jemals in meinem Leben gespürt hatte, prasselten als all die vielen schrecklichen Erinnerungen auf mich ein, die ich in den vergangene Jahren angehäuft hatte. Tote Körper mit ausdrucklosen Mienen lagen überall verstreut. Sie waren entstellt, geschändet, mir einmal mehr vertraut, ein andermal weniger und wieder ein anderes Mal zu vertraut.

Vor meinem geistigen Auge tauchte Rons Bild auf. Mit einem weitaufgerissenen linken Auge lag er auf dem Rücken liegend leblos im Schlamm. Das andere war schmerzvoll zusammengepresst, wobei das Lid dabei ungewöhnlich schlapp wirkte. Es rannte daraus ununterbrochen Blut über sein fahles Gesicht herab. Bevor er von Bellatrix Lestrange ermordet wurde, hatte sie ihm das rechte Auge mit ihrem Zauberstab herausgestochen. Ich war so schockiert und starr vor Angst gewesen, dass ich Ron nicht rechtzeitig helfen konnte. Stattdessen stand ich einfach nur so da und musste es mit ansehen.

Bei dieser Erinnerung drehte sich plötzlich mein Magen um. Eine bittere Flüssigkeit kroch meine Kehle hinauf. Ich besaß nicht die Kraft mich gegen das Ekelgefühl zu wehren und verlor nun auch den schwachen Halt, den mir meine Beine noch gegeben hatten. Meine Knie krachten schmerzvoll auf den harten Betonboden und ich übergab mich, während die Dementoren immer noch erbarmungslos meine Arme umfasst hielten. Sie schleiften mich auf den Knien weiter und ich spürte angewidert, wie ich mit meinen Jeansbeinen durch mein eigenes Erbrochenes gezerrt wurde.

Irgendwann beruhigte sich mein Magen wieder. Aus der Ferne konnte ich ein Klirren vernehmen und nahm schwach wahr, wie der Druck um meine Arme verstärkt wurde. Sie hievten mich mit einem kräftigen Schwung vorwärts und ließen mich los. Ich war zu benommen, um mich abzufangen, bevor ich mit dem Körper auf den Boden krachte. Etwas stach mir dabei ins Gesicht, kratze an meiner Haut und federte gleichzeitig meinen Aufprall etwas ab. Doch der war immer noch so schmerzhaft, dass sich meine Augen mit Tränen füllten. Jetzt war der letzte Schutzwall entgültig gebrochen. Die Eiseskälte der Dementoren ließ mich erschaudern und die Ohnmacht nahm mich erneut mit auf eine Reise durch die schlimmsten Augenblicke meiner Vergangenheit.

Als ich meine Augen öffnete, fühlte ich mich, als hätte ich einen schrecklichen Drogentrip hinter mir. Zumindest war ich mir sicher, dass man sich danach wohl so fühlte. Ich konnte mich kaum bewegen. Mein Körper war taub und alle meiner Glieder schmerzten. Auf dem Boden lag eine dünne Strohschicht. Die Halme hatten sich in meine Haut gebohrt und sie leicht, und an manchen Stellen sogar etwas blutig, gekratzt. Es war so kalt, dass ich fröstelnd mit den Zähnen vor mich hinklapperte. Meine Umgebung war in ein düsteres Licht getaucht. Es befanden sich keine Fackeln an den Wänden, doch ein fahles Licht, das nur dem Mond gehören konnte, drang aus den hochgelegenen kleinen Fensterspalten herein. Ich musste nicht erkennen, dass ich mich hinter schmiedeeisernen dicken Gitterstäben befand, eingesperrt, wie ein Raubtier in einem Käfig, um zu wissen, wo ich mich befand: Azkaban.

Die Todesser hatten mich am 25. Oktober den Dementoren ausgehängt. Ich konnte mich kaum daran erinnern, was seit dieser Zeit geschehen war. Das Datum fühlte sich in meinem Kopf so an, als wären Monate vergangen, doch es könnte auch nur einige Stunden her sein. Schrieben wir noch das Jahr 2001? Bereits jetzt hatte ich mein Gefühl für die Zeit vollkommen verloren.

Leichte Panik stieg in mir auf. Eigentlich war ich fest entschlossenen gewesen bei Verstand zu bleiben. Ich wollte hier ausharren, an meiner Hoffnung auf Harry festhalten, dass er es schaffen würde, diesen leibhaftigen Teufel von Voldemort zur Strecke zu bringen. Sie sollte mich aufrecht halten und bereits jetzt konnte ich mich nicht mehr daran erinnern, was in der Anwesenheit der Dementoren alles geschehen war. Der Gedanke, dass ich noch nicht mal am Anfang meiner Gefangenschaft stark genug war, um nicht verrückt zu werden, ließ mich resignieren.

Unwillkürlich rannten mir Tränen aus den Augen. Meine Hände krallten sich in das Stroh und ich drückte mein Gesicht darin hinein, obwohl das Gefühl darauf unangenehm war. Laut schluchzte ich vor mich hin. Ich beweinte mich in meiner Gefangenschaft, den ersten Toten, den dieser schreckliche Krieg gekostet hatte und dessen Verlust mir bereits das Herz zerrissen hatte – Ron – und all die anderen geliebten Menschen, die ich in den letzten Jahren verloren hatte: meine Eltern, die abgedrehte Luna, den liebenswerten Fred, die gerechte Professor McGonagall, viele Schulkameraden aus Hogwartszeiten, Bekannte und Freunde, die an meiner Seite gekämpft hatten; beweinte die Zeit, in der man viele Verluste hinnehmen hatte müssen und enttäuscht, verraten und hintergegangen wurde. Der Krieg dauerte bereits drei Jahre an und immer noch war kein Ende in Sicht.

Es fühlte sich verdammt falsch an, mit gerade einmal 22 bereits so viele schreckliche Dinge miterlebt zu haben. Ich war in diesen Krieg hineingeboren. So sehr ich versuchte die Erinnerungen an die glücklichen Zeiten festzuhalten, in denen alles noch in Ordnung war, gelang es mir immer weniger mich daran zu erinnern. Es gab nur das schreckliche Leid, das viele Blut und noch viel mehr Tote.

„Sei still", krächzte jemand schwach. Erst, nachdem sich die Stimme einige Male wiederholt hatte und dabei fester geworden war, nahm ich sie endlich wahr.

Ich horchte auf und versuchte mein Weinen zu unterdrücken, um mich auf die Stimme zu konzentrieren. Wer hat das gesagt? Durch die vielen Tränen hatte ich Schluckauf bekommen. Mein Körper zitterte und während ich mich aufrecht hinsetzte, hickste ich ununterbrochen vor mich hin. Zum ersten Mal warf ich einen genaueren Blick auf meine Zelle und die anderen um mich herum. Jede war ein Käfig, so dass man einen vollkommen freien Blick auf die anderen Gefangenen hatte. Wir waren hier wirklich wie Raubtiere eingekesselt.

Mein Herz schlug schneller, als die Stimme erneut sprach: „Du nervst".

Schnell drehte ich meinen Kopf, um in jeden Käfig, der sich in meiner Nähe befand, einen Blick hineinwerfen zu könnten. Soweit ich das im schwachen Mondlicht erkennen konnte, war der mir direkt gegenüber leer – genauso wie der mir rechts schräg gegenüber. Auf der linken Schrägseite schnarchte ein Mann mit langem dunklen Bart und verfilzten Haaren vor sich hin. Seine Mähne ließ nur schwer einen Blick auf sein Gesicht zu, sodass ich nicht erkennen konnte, ob ich ihn schon einmal gesehen hatte. Neben mir saß ein kleiner gräulicher Mann in der Ecke gekauert und hatte die Beine fest an seinen Körper gezogen. Zum ersten Mal registrierte ich, dass auch er die ganze Zeit sprach. Ständig murmelte er leise Worte vor sich hin und wiegte sich dabei langsam hin und her. Auch ihn erkannte ich nicht. Erschreckend war allerdings, dass er genau das Bild von sich gab, wovor mir so graute. Würde ich auch in einigen Tagen so dasitzen und vielleicht nicht einmal wissen wer ich bin?

Sirius Black hatte Jahre in Azkaban verbracht ohne verrückt zu werden. Ihn hat der Gedanke aufrecht gehalten, Rache an dem Mord seiner besten Freunde zu üben. Woran konnte ich mich festhalten? Und außerdem gab es noch die wichtige Tatsache, dass Sirius nie jemandem etwas angetan hatte. Der Krieg hat Morde von mir verlangt. Gleichgültig wie böse die Absichten der Menschen gewesen waren, die durch meine Hände ihr Leben lassen mussten – ich war nicht mehr unschuldig.

„Ich muss mir den die ganze Zeit anhören. Vorne schreit auch noch ständig einer. Wenn du mit deinem Gejammer so weitermachst, dann ist wirklich das Maß voll", raunte die Stimme wieder.

Ich zuckte zusammen, riss meinen Blick von dem Verrückten los und wandte meinen Kopf zur letzten verbleibenden Zelle, links von mir, um. Erst nach einigen Sekunden entdeckte ich einen Mann, der dort im Stroh lag. Er hatte seine Arme hinter den Kopf verschränkt und sah zu mir her. Nur schemenhaft konnte ich seine Umrisse in der Dunkelheit erkennen und sah lediglich wie schmutzig und zerrissen sein helles Hemd war, das wahrscheinlich einmal weiß gewesen war.

Sein Blick ruhte nur kurz auf mir. Er seufzte, wahrscheinlich erleichtert darüber, dass ich endlich still war, und drehte seinen Kopf wieder Richtung Decke.

Erst zögerte ich, jedoch sagte ich mir im gleichen Moment, dass hier niemand schlechter als Voldemort sein kann, wenn der selbst es für nötig sah, diese Person einzusperren. Irgendwie musst ich erst meine Furcht vor den Gefangenen ablegen. Die eigentlichen Verbrecher waren aus Azkaban schon längst verschwunden und liefen jetzt frei auf der Straße herum.

Plötzlich sah ich in diesem Mann den rettenden Anker, der mich vor dem Wahnsinn in diesem Gefängnis bewahren konnte. Er schien noch bei Verstand zu sein. Mit ihm konnte man sich sicherlich über normale Dinge unterhalten.

Langsam robbte ich durch das Stroh und setzte mich vor die Gitterstäbe, die unsere Zellen voneinander trennten. Ich klammerte meine Hände an die Stäbe und drückte mich dicht daran, als würde mich jeder weitere Millimeter Welten vom Wahnsinn entfernen. „Wer bist du?"

Als ich mein Gekrächze hörte, erschrak ich selbst. Ich räusperte mich. Mir war nicht bewusst gewesen, dass ich meine Stimme bereits so lange nicht mehr benutzt hatte. In meinen Ohren klang es, als hätte dies gerade eine vollkommen Fremde gesagt.

Der Mann im Stroh stöhnte genervt auf. „Du sollst still sein", murmelte er verärgert. „Ich möchte schlafen."

„Nein, bitte", rief ich flehend. Mir wären beinahe wieder die Tränen gekommen. Der Gedanke, dass vielleicht die einzige Person, mit der man reden konnte, nicht mit einem reden wollte, löste Panik in mir aus. „Du scheinst normal zu sein. Bitte, rede mit mir. Ich möchte nicht ..."

Mein Blick huschte wieder zu dem verwirrten Mann auf der anderen Seite, der immer noch wirren Unsinn vor sich hin murmelte.

„Das hat nicht Azkaban aus ihm gemacht", erwiderte der Mann aus der linken Zelle gelassen. Anscheinend war er meinem Blick gefolgt. „Er war bereits so, bevor er hierher kam. Wahrscheinlich wurde er solange gefoltert, bis er verrückt wurde."

Je öfter er seine Stimme benutzte, desto besser klang sie und wurde mir gleichzeitig auch seltsam vertraut. Mein Herz schlug erneut schneller. Teils panisch, teils freudig sah ich ihn wieder an und versuchte angestrengt die Konturen seines Gesichts besser zu erkennen. Der schwache Lichtstrahl, der aus seinem Fenster hereinfiel, half jedoch lediglich dabei, den leichten Bartansatz auf seiner hellen Haut wahrzunehmen.

„Kennen wir uns?", fragte ich ihn zögerlich. „Deine Stimme ... ich glaube, ich habe sie schon einmal gehört."

Er sah mich kurz stumm an und setzte sich nach einigen Sekunden krächzend aufrecht ins Stroh. „Schon möglich", erwiderte er schließlich. „Es kann sein, dass ich dich schon einmal gefoltert habe."

Der Schock fuhr mir durch alle Glieder, als wäre mir gerade ein kräftiger Stromschlag durch den ganzen Körper gejagt. Ich stieß mich zurück und hätte es fast nicht geschafft, mich auf meinen Handflächen nach hinten abzufangen.

Mir gegenüber kicherte der Mann hämisch vor sich hin. „Ich wusste, dass du kein Todesser bist."

„Aber du schon?" Obwohl ich mich bereits so viele Anhängern Voldemorts mutig gestellt hatte, konnte ich ihm gegenüber die Angst nicht aus meiner Stimme bannen. Dabei sollte ich mir eigentlich bei ihm am sichersten sein, dass er mir nichts tun würde. Saß er doch genauso wie ich eingesperrt in einem dieser Käfige.

„Jetzt, da du weißt, dass ich einer bin, hältst du dann endlich die Klappe? Wir können uns später mal die Zeit miteinander vertreiben. Ich hatte schon lange keine Frau mehr. Allerdings möchte ich jetzt schlafen." Um seine Worte zu unterstreichen, lehnte er sich wieder ins Stroh zurück.

Seine Bemerkung jagte mir einen Schauer über den Rücken. Ich wusste nicht, ob er es wirklich ernst meinte, doch riet mir meine innere Stimme, dass ich mich von den Gitterstäben zu seinem Käfig fern halten sollte.

„Wer bist du?" Ich konnte dennoch nicht meine verdammte Neugierde zügeln. Inzwischen wusste ich mehr denn je, dass ich ihn kannte. Allein die Tatsache, dass er ein Todesser war, bestätigte das. Es gab sicherlich nicht mehr viele Todesser, denen ich in den letzten drei Jahren nicht begegnet war.

Der Mann seufzte erneut und stand unter einem schwerfälligem Stöhnen auf. Langsam bewegte er sich auf die Gitterstäbe zu und kniete sich dann auf meine Höhe herab. Nachdem sich meine Augen an die plötzliche Nähe zu seinem Gesicht gewöhnt hatten und ich sie nicht mehr zusammen kneifen musste, um etwas zu erkennen, bemerkte ich, dass er mir wirklich bekannt vorkam. Ich vergaß meine Vorsicht vollkommen und kam ebenfalls näher an ihn heran. Mein Atmen stockte. Mit überraschten Mienen sahen wir uns gegenseitig an. Draco Malfoy hatte mich ebenfalls erkannt.

Sicherlich hatte ich seit mehr als einem Jahr Malfoy nicht mehr zu Gesicht bekommen. Eigentlich hatte ich ihn mit kurzem gepflegtem Haar, glatt rasiert, einer edlen Blässe, arroganten Gesichtszügen und weit weniger schmutzigeren Kleidern in Erinnerung. Dass Azkaban kein Kurort für gestresste Todesser war, war ihm deutlich anzusehen.

Inzwischen war sein Haar länger geworden und fiel ihm wirr ins Gesicht und mittlerweile war ihm auch ein kurzer Bart gewachsen. Früher musste man ihm lediglich ins Gesicht sehen und wusste bereits, dass sich Malfoy für etwas besseres hielt. Jetzt konnte ich in ihm den stolzen reichen Sohn einer berühmten und blutreinen Zauberfamilie nicht mehr entdecken. Stattdessen sah er müde, mitgenommen und ausgezerrt aus. Seine Hautfarbe war mittlerweile so blass, dass er fast schon krank wirkte.

„Granger", murmelte er erschöpft, nachdem er die Überraschung überwunden hatte. „Du bist das."

Malfoy sah mich kurz für ein paar stille Sekunden emotionslos an, dann wandte er sich von mir ab und legte sich seufzend wieder zurück auf seinen Platz im Stroh. Ich konnte im schwachen Lichtschein erkennen, wie er erneut seine Augen schloss.

Das war alles. Keine spöttelnde Bemerkung, keine Beleidigung – ich bleib weiterhin überrascht und verharrte an den Gitterstäben. Allerdings, wieso sollte er sich auch mit solchen Dingen auseinander setzten, wenn er ebenfalls in Azkaban saß und man ihm deutlich ansehen konnte, dass er am Rande seiner Kräfte war?

Nachdenklich starrte ich ihn an und versuchte mich daran zu erinnern, wann ich zuletzt etwas von Malfoy gehört hatte. Im Sommer, vor etwa vier Monaten. Es hieß, er habe Verrat begangen und daraufhin verschwand er spurlos. Eigentlich hatten wir angenommen, dass das nur ein billiger Trick von Voldemort war, um uns vor dem gefährlichen Todesser in Sicherheit zu wiegen. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass an diesem Verrat wohl doch etwas dran zu sein schien. Lange Zeit war Malfoy Voldemorts „Wunderwaffe" gewesen. Ein genauso ergebener Todesser, wie auch einst sein Vater vor dessen Tod, nur zu weit mehr fähig.

Es war merkwürdig. Ich wusste, wie gefährlich Malfoy war. Ich wusste, dass er viele schreckliche Dinge begangen hatte. Eigentlich sollte ich mich auf die andere Seite meiner Zelle setzten und still darauf hoffen, dass ich nicht verrückt werden würde, bis Harry den Kampf gegen Voldemort endlich gewann. Ich sollte still sein und dafür beten diese Hölle heil zu überstehen. Allerdings hatten Malfoy und ich uns noch nie als Feinde einander gegenüber gestanden und in gewisser Weise standen wir beide ja jetzt auf der selben Seite – auch, wenn der jeweils andere eine persönliche Antipathie gegen den anderen hegte. Ich hatte eher das Gefühl, ich würde einen alten Schulkameraden wiedersehen, als den Verbündeten Voldemorts.

„Wie lange bist du schon hier?", fragte ich ihn und hoffte dabei, er würde mir antworten.

Malfoy seufzte gequält und drehte mir demonstrativ den Rücken zu. Mit anderen Worten forderte er mich dazu auf, die Klappe zu halten.

Ich konnte ihn nur entgeistert anstarren. Irgendwie spürte ich plötzlich tief in mir Wut hoch kriechen. Jetzt, da er festgestellt hatte, dass ich Hermione Granger war, ein Schlammblut, hielt er es nicht mehr für nötig, mit mir zu reden? Dabei musste er sich im Grunde doch ebenfalls nach jemanden sehnen, mit dem er sich unterhalten konnte. Ganz klar lag es daran, dass ich nicht seinen persönlichen Vorstellungen entsprach. Es war einfach lächerlich. Sie saßen beide in Azkaban und trotzdem konnte er sich immer noch nicht von diesem narzisstischen Gedankengut trennen.

„Es tut mir leid, dass ich vielleicht nicht deinen Wünschen entspreche, aber ich möchte in diesem verdammten Gefängnis nicht geisteskrank werden." Ich gab mir nicht sonderlich viel Mühe meine Gereiztheit zu unterdrücken. Automatisch griff ich wieder nach den Gitterstäben und drückte mich dagegen, als würden meine Worte dadurch eine noch bessere Wirkung erzielen. „Wenn ich mit dir reden möchte, dann redest du gefälligst auch mit mir. Mit wem hast du denn hier deine letzte Unterhaltung geführt? Etwa mit dem Verrückten neben mir? Oder dem langbärtigen Schnarcher? Vielleicht sogar mit dir selbst? Ich kann mir gut vorstellen, dass der Wahnsinn auch schon an deine Tür klopft!"

Malfoy beachtete mich dieses Mal. Er drehte sich wieder zu mir um. Im Schein des Mondlichts konnte ich erkennen, wie er seine Augen hasserfüllt verengte. Ich konnte sie fast schon blitzen sehen.

„Hör zu, du elendiges Schlammblut", zischte er. „Ich möchte schlafen und dir würde ich empfehlen, das selbe zutun, wenn du unbedingt bei Verstand bleiben willst. Es ist Nacht. Die Dementoren gehen tagsüber fast nicht nach draußen. Dazu ist es ihnen sogar jetzt noch zu hell und warm. Wenn sie am Tag wiederkommen, kannst du dich auf einen wahren Albtraum gefasst machen. Du kannst nicht richtig schlafen, siehst ständig schlimme Dinge, die dich zum Schreien und Weinen bringen können und es ist unerträglich kalt. Damit kann man nur fertig werden, wenn man nachts schlafen kann. Andernfalls schafft es dein Verstand wirklich nicht, all diese Dinge zu bewältigen."

Malfoy sah mich noch ein letztes Mal böse an und drehte sich dann erneut in Schlafposition auf die Seite. Damit war für ihn die Sache erledigt. Ich konnte nur ungläubig seinen Rücken betrachten und wiederholte seine Worte wieder und wieder in meinem Kopf. Erst allmählich wurde mir dabei bewusst, dass es gar nicht so dumm war, was er mir gerade gesagt hatte. Ich wollte nicht zugeben, dass er sogar verdammt Recht hatte und ich – klug wie ich doch eigentlich war – das noch gar nicht von diesem Punkt aus betrachtet hatte.

Nun gut, dann eben nicht. Zu einem „Danke" konnte ich mich allerdings nicht überwinden. Im Grunde ging es ihm ja nicht um mich, sondern eigentlich nur um sich selbst.

Ich zwang mich den Blick von Malfoys Rücken zu wenden und krabbelte zur einzigen Mauer meiner Zelle. Es war die dunkelste Ecke, da der Mondschein hier nicht hereinbrach. Hier legte ich mich gegen die Wand und versuchte es mir auf dem harten Stroh so bequem wie möglich zu machen. Wieder stachen und kratzten die Halme gegen meine Haut. Es würde nicht einfach werden zu schlafen. Krampfhaft schloss ich meine Augen und hoffte darauf, dass der Schlaf mich dennoch bald finden würde.

Fortsetzung folgt ...

Ich hoffe der erste Teil hat euch gefallen. Wie viele Kapitel diese Fanfiction haben wir, kann ich noch nicht sagen. Allerdings wird es keine sehr lange Geschichte werden. Vielleicht knapp (unter) zehn. Über Reviews freue ich mich natürlich wie immer sehr. :)
Eure Tanya :D