Kapitel 4 - Na, dann räumen wir die Dinger doch mal aus dem Weg!

Am nächsten Morgen trafen sie sich alle auf der sonnenüberfluteten Terrasse zum Frühstück unter der Sonnenjalousie. Alle, ausser Harry, der erst auftauchte, als die anderen das Frühstück bereits vor einer Stunde beendet hatten. Dobby brachte ihm sofort etwas zum Essen. Hermione, Sirius und Remus schnappten alle nach Luft, als sie ihn sahen.

"Was ist denn los? Hab ich was im Gesicht?" fragte Harry.

"Hast du heute schon mal in den Spiegel geschaut, Harry?" fragte Hermione zurück.

"Nur mein Gesicht - aber das kam mir vor wie immer," gab Harry verwirrt zur Antwort.

"Dann solltest du mal gehen, und dich im grossen Spiegel in unserem Badezimmer betrachten," schlug Remus vor und wollte wissen: "Wie um Merlins Willen bist du eben in deine Kleider reingekommen?"

Harry zuckte die Schultern, sah aber jetzt doch sehr besorgt aus.

"Ich hab gar nichts Ungewöhnliches bemerkt. Dies hier sind die neuen Kleider, die passen perfekt."

"Oh, Remus, erinnere dich - wir haben sie mit Zaubern belegt, damit sie automatisch mitwachsen, wenn Harry sie anzieht," warf Hermione ein.

"Ach ja, natürlich, da hat er klarerweise nichts bemerkt."

"Sagt mir einer mal, was hier eigentlich los ist? Ich sitze direkt vor euch, oder habt ihr das schon vergessen?" fragte Harry etwas ungeduldig.

"Du bist ein bisschen gewachsen, Harry. Wahrscheinlich, weil Bill gestern die ganzen Blockierungen von dir gelöst hat."

"Ach so! Deshalb habe ich mich wohl vorhin so komisch gefühlt."

"Kopfschmerzen?" fragte Sirius besorgt.

"Nein, keine Kopfschmerzen. Nur ein kurzer Schwindelanfall."

"Und der ging vorbei?"

"Oh ja! Mir geht's gut! - Wirklich!"

"Hast du schon irgend einen Zauber gesprochen, seit du aufgestanden bist?" fragte Remus neugierig.

"Nein."

"Dann werden wir mal schauen, wie sich das anlässt, sobald du gefrühstückt hast."

Als Harry sein Frühstück beendet hatte, forderte Remus ihn auf, ein paar Zauber auszuprobieren. Er gab dem Jungen schon mal die obligate Feder für den Schwebezauber.

"Wingardium Leviosa!" sagte Harry wie gewohnt.

Die Feder schoss in die Höhe, wurde vom Wind erfasst und verschwand. Remus schmunzelte, Hermione und Sirius starrten der davonfliegenden Feder nach und Hermione sagte:

"Dunnerlittchen!"

"Du nimmst mir das Wort direkt aus dem Mund, Hermione," meinte Sirius.

"Hier, Harry, versuch nochmals. Versuche mal, dieses Mal den Zauberspruch nur zu denken, während du die Bewegungen mit dem Zauberstab machst," forderte Remus Harry auf.

"Okay."

Wieder deutete er mit dem Zauberstab auf eine Feder. Dieses Mal schwebte die Feder wie gewohnt sanft in der Luft.

"Ich würde sagen, er braucht im sechsten Jahr in Hogwarts nicht zu lernen, wie man Zaubersprüche stumm anwendet," bemerkte Remus und sagte direkt zu Harry: "Du wirst es da in Verteidigung und Zauberkunst sehr leicht nehmen können, denn das ist der Teil der Magie, der im sechsten Schuljahr schwerpunktmässig in diesen beiden Fächern und Transfiguration drankommt."

"Wirklich? Glaubst du, dass ich das auch probieren könnte?" fragte Hermione sofort begierig.

"Sicher. Du wirst wahrscheinlich aber nicht Harrys naturgegebene Macht haben, Hermione," antwortete Remus.

"Das weiss ich eh. Aber ich bin auch den meisten anderen in meinem Schuljahr sicher ein Jahr voraus, weil ich immer vorneweg studiere," gab sie frech zurück.

"Nur zu wahr!" sagte Harry.

Sie brauchte einige Anläufe, aber nach einer Viertelstunde schwebte auch Hermiones Feder vor ihr in der Luft. Harry küsste sie.

"Super gemacht!"

"Kann ich nur beistimmen, Hermione! Dann lasst uns mal aufbrechen in die Diagon Alley. Wir brauchen Farbe und Stoffe, um das Gästezimmer herzurichten. Und Politur für die Möbel," sagte Remus strahlend.

"Das könnt ihr beiden übernehmen, während ich mich in die Gruselkammer begebe, auch bekannt unter dem Namen Black-Familienverlies. Was ist dir lieber Harry, mit zum Farbe aussuchen oder mit in die Gruselkammer?"

"Mein innerer Schweinehund und Feigling sagt, dass ich lieber Farben aussuchen würde, aber mein innerer Gryffindor schätzt Mut und Fairness, daher komme ich gerne mit dir, damit du nicht ganz alleine in den Kerker runter musst, Sirius."

"Das ist aber wirklich lieb von dir, ich weiss nämlich, was du dafür aufgibst! Ich schlage vor, dass wir uns danach in Florean Fortescues Eisdiele erholen. Natürlich auf meine Kosten."

"Na, das ist doch ein Vorschlag, mit dem man leben kann!" sagte Harry grinsend.

"Wir sind wahrscheinlich eher fertig als ihr. Wir kommen dann aber gleich zurück, damit wir gleich anfangen können; bringt ihr uns dafür was mit?" sagte Remus.

"Klar doch!" versprach Sirius.

Die vier reisten per Floo in den Tropfenden Kessel, wo sie eines nach dem anderen dem Kaminherd entstiegen. Beim Vorbeigehen grüssten sie den alten Barkeeper Tom und teilten sich, nachdem sie den Durchgang geöffnet und passiert hatten. Beide Paare tauschten ein paar zärtliche Küsse.

"Hast du genügend Galleonen, Remus?" fragte Sirius.

"Mehr als genug, danke, Liebster."

"Gut. Heisst das, dass wir ein properes neues Zimmer vorfinden, wenn wir nach Hause kommen?"

"Könnte schon sein. Ich dachte an das am Ende unseres Ganges, das mit Zugang zur Terrasse."

"Dachte ich mir schon. Eine gute Wahl! Die Politur wird die Art Déco-Möbel wieder voll zum Leuchten bringen. Wäre sehr schade, die rauszuschmeissen."

"Meine Eltern *lieben* Art Déco, Sirius! Die würde das schön reuen, wenn du dich unterstehen würdest, originale Art Déco-Möbel wegzuschmeissen. Vermutlich würdest du es dann bereuen."

"Das können wir doch nicht riskieren. Deinen Eltern wird das Haus dann sicher sehr gefallen, es ist ja im Ganzen ein Juwel zwischen Jugendstil und Art Déco."

"Aber wie! Ich freue mich schon, ihre Augen und Gesichter zu sehen, wenn sie's zum ersten Mal sehen. Dann bis später, ihr beiden!"

Sirius und Harry machten sich auf den Weg zu Gringotts. Hermione sah zu Remus auf und fragte:

"Und wo gehen wir lang? Bin schon gespannt auf die magische Version eines Baumarktes."

"Farbe und Stoffe auswählen. Unser Weg führt uns nach da drüben in den Silvertown Close!"

Die Seitengasse führte rasch zu einem sehr viel offeneren und grosszügigeren Teil des magischen Shopping-Bezirks, ein starker moderner Kontrast zum malerischen Hauptteil der Gasse.

"Ich glaube nicht, dass ich schon mal hier drin war," bemerkte Hermione.

"Du würdest diesen Bezirk gut kennen, wenn du als Kind magischer Eltern aufgewachsen wärst, Hermione. Es ist die Gegend, in der Zauberer und Hexen fast alles einkaufen, von Esswaren bis zu modernerer Kleidung. Es wirkt auch viel eher wie eine moderne Einkaufsstrasse der Muggel als das malerische Kleinod der Hauptgasse, nicht wahr? - Und hier sind wir auch schon, das ist der Baumarkt. Hier findest du schlichtweg alles, was du für dein Haus brauchst, vom Türrahmen zu Scharnieren, von Schrauben bis zu Fenstersimsen, Dekorationsmaterial und Möbel, vom Kleinsten bis zum Grössten. Was immer du zum Bau und Einrichten eines Hauses benötigst, hier wirst du meistens fündig."

"Klingt eigentlich nicht sehr magisch."

"Oh, eine Menge der Dinge hier sind sogar hochgradig magisch. Das Ministerium würde zum Beispiel nie gestatten, dass magische Rohrleitungen an Muggel verkauft werden, weil die alle magisch funktionieren. Du brauchst einen Zauber, um dein Geschirr abzuwaschen, aber das Wasser dazu wird hervor- und wieder weggezaubert. Es kommt nicht wirklich aus einem Rohr und muss auch nicht wieder durch ein Rohr ablaufen. Und das ist nur ein Beispiel."

"Wow, daran habe ich nicht gedacht. Weil der Basilisk in Hogwarts durch die Rohrleitungen kroch dachte ich, dass das alles Abwasserleitungen und Wasserleitungen sind. Zum Mindesten gibt's ein Röhrensystem."

"Das ist sowieso eigenartig, weil dort das Wasser auf genau die selbe Art und Weise kommt und geht. Noch nie gemerkt, dass die Duschen keinen Abfluss haben? Der Boden der Dusche ist so behandelt, dass das Wasser gleich verschwindet. Desgleichen in den Klos."

"Kann ich kaum glauben, dass mir das noch nie aufgefallen ist!"

Hermione schaute sich um, als sie zur Abteilung gingen, wo sie die Farbe einkaufen konnten. Dabei kamen sie an einer Abteilung vorbei, in der Tür- und passende Fensterrahmen verkauft wurden. Ein ziemlich frustrierter Zauberer diskutierte mit einem Verkäufer ein Problem, das er mit einem Fenster hatte, das er gekauft hatte. Dann kamen sie durch einen grossen Saal voller Lampen, ein grosser Teil davon altmodische Gaslampen. Remus führte sie über eine Treppe bis in den dritten Stock, wo sie schliesslich die Ecke erreichten, in der Farben angeboten wurden.

"Was für Möbel sind in dem Raum, Remus?"

"Klassische Art Déco-Möbel in dunklem Holz."

"Dann sollten wir eine helle Farbe als Kontrast wählen. Dieses goldene Eigelb hier zum Beispiel."

"Das ist perfekt! Passt genau hin, Hermione! Wir brauchen nur noch die richtige Schattierung, vielleicht ein bisschen heller und milder. Super Auswahl!"

Sobald sie die richtige Mischung für die Wände und den Boden hatten, gingen sie mit den Mustern in die Stoffabteilung, wo sie die Seidenstoffe für die Vorhänge, Bezüge für Kissen, Bettwaren und anderes auswählten. Remus wollte nicht nur die Vorhänge erneuern, sondern auch das Sofa und die anderen Sitzmöbel neu beziehen und den gleichen Stoff für den Bettinhalt verwenden. Den Holzboden wollte Remus auch gleich abschleifen und neu mit dunkler Farbe behandeln. Die Schattierung sollte der Farbe der Möbel entsprechen. Hermione dachte, dass sie für all die Arbeiten wohl mehrere Tage brauchen würden, aber dann erinnerte sie sich daran, dass sie ja mit magischen Mitteln sicher sehr viel schneller vorwärts kämen. Der letzte Posten auf ihrer Einkaufsliste war die Politur für die Möbel.

Während Remus und Hermione sich mit dem Einkauf hübscher Dinge vergnügten, gab es für Harry und Sirius weit weniger zu lachen. Sie waren nicht im Geldverlies, sondern in demjenigen Verlies, in dem die Blacks ihre Artefakte und alten Bücher aufbewahrten. Es war ein riesiger Keller, der durch spezielle Zauber trocken gehalten wurde, damit die wertvollen alten Bücher keinen Schaden nahmen. Sirius wandte all die Zauber an, die er mittlerweile gelernt hatte, um die 'nur für blutsverwandte Blacks' verzauberten Gegenstände von eben diesen Zaubern zu befreien. Harry half ihm mit den Suchzaubern, mit denen er noch einmal ein ganzes Regal voller Bücher zum Thema 'Horcruxe' aufstöberte. Sirius seufzte, machte den ganzen grossen Stapel klein und stopfte die grade mal noch briefmarkengrossen Bücher in die grosse Tasche seiner Robe.

Nachdem sie das Verlies bereits verlassen hatte, dachte Sirius noch daran, sich kurz zum neuen Verlies aufzumachen, in das er alle dunklen Artefakte einlagern liess, welche aus Grimmauld Place abtransportiert wurden. Bill war in erster Linie mit diesem Abtransport betraut und Sirius hielt es für eine gute Idee, kurz mal nachzusehen, was da alles zusammengekommen war. Einmal im Verlies, sprach er einen 'Accio Horcrux'-Zauber und staunte nicht schlecht, als aus der tiefsten Tiefe des Verlieses eine Goldkette mit Medaillon angeschossen kam und ihm beinahe ins Gesicht knallte. Sirius erwischte das Medaillon gerade noch zur rechten Zeit und schaute es mit weit aufgerissenen Augen an.

"Scheisse! Ich hab das nur so aus einer Laune heraus gesagt! Dachte, dass ich es einfach mal probiere und jetzt darf ich mich auch noch umtun, welcher meiner bescheuerten Vorfahren uns dieses Miststück kredenzt hat," knurrte er.

"Also ehrlich - mit der Menge an Material, das wir gefunden haben ist es doch fast ein Wunder, dass es nur ein einziger Horcrux ist!" gab Harry zu bedenken.

"Stimmt. Lass mich das Ding in einen Sack verfrachten - es fühlt sich entsetzlich an, weisst du!"

Gerade als Sirius und Harry wieder an der Oberfläche auftauchten, wurden sie ins Büro von Bloodaxe gebeten. Bill war schon da und grinste sie fröhlich an.

"Ich habe grade meinem Auftraggeber Bloodaxe meinen Bericht abgegeben. Als wir hörten, dass ihr beide im Haus seid, dachten wir, dass wir euch gleich einladen könnten..."

"Lord Black, Lord Potter, herzlich willkommen. Ich wurde grade über die Erkenntnisse orientiert, welche betreffend dem Dunklen gewonnen wurden. Unser junger Fluchbrecher hier erwähnte Horcruxe. Gringotts hat eine klare Politik, was Gegenstände wie diese betrifft. Wir tolerieren keine einzigen dieser Art in unseren Verliesen. Wann immer wir feststellen, dass so ein Ding in einem Verlies eingelagert wird, werden wir aktiv, entfernen und zerstören sie. Im Laufe der letzten tausend Jahre haben wir vielleicht drei oder vier davon gefunden. Der letzte Fall war übrigens vor nicht langer Zeit, und es war einer, der im Verlies einer nahen Verwandten von Ihnen eingelagert worden war, Bellatrix Lestrange, Lord Black. Es mögen so zehn oder zwölf Jahre her sein."

"Das wundert mich gar nicht. Die dumme Pute hatte das Ding wahrscheinlich von ihrem angebeteten Voldemort zur Aufbewahrung erhalten. Bin mir ziemlich sicher, dass sie nicht wusste, was es war. Denn wenn sie es wusste, dann sollten wir sie sofort durch den Todesvorhang schicken, wir möchten ja keine Inkarnation von diesem Monster in Menschengestalt wiedersehen. Ich bin sicher, dass sie dann selber einen hergestellt hätte. Zum Glück war sie immer mehr tun als lesen, also kann man eigentlich davon ausgehen, dass sie's nicht weiss."

"Unsere Aufzeichnungen sagen, dass es sich um einen goldenen Pokal mit einem Dachs darauf gehandelt hat. Ich hege die Vermutung, dass es sich um denselben Pokal handeln könnte, welcher vor einigen Jahrzehnten der Familie Smith entwendet wurde. Ich glaube, da besteht auch ein Zusammenhang mit Hogwarts irgendwo?"

"Helga Hufflepuff - eine der Mitbegründerinnen von Hogwarts," sagten Harry, Bill und Sirius fast zusammen.

"Dann würde ich doch fast annehmen, dass wir einen der Horcruxe unseres nicht verehrten Hauptfeindes erwischt haben. Könnten Sie mir ein Bild dieses Pokals geben? Wenn wir Dumbledore treffen, werden wir ihm wohl einige mögliche Gegenstände angeben können - und Dumbledore deutete an, dass Riddle immer schon ausgesprochen fasziniert von allem war, das mit Hogwarts und seinen Begründern zu tun hat," bemerkte Sirius.

"Ja, das hier ist der bewusste Gegenstand," sagte Bloodaxe und brachte ein Bild hervor.

"Wissen Sie demnach auch, wie man so einen Gegenstand zerstört?" fragte Harry dazwischen.

"Oh ja! Wir tolerieren keinen in unseren Verliesen und sie sind die einzigen Dinge, die wir willentlich aus jedem Verlies entfernen und zerstören. Es ist sogar eine Klausel im allgemeinen Kontrakt, den jeder Verliesnehmer bei der Eröffnung eines solchen als Allgemeine Geschäftsbedingung akzeptiert. So lange der Verliesnehmer das Verlies innehat, ist dieser Kontrakt gültig. Wiederholte Verletzung dieser Klausel führt zur Konfiszierung aller im Verlies gelagerten Gegenstände."

Sirius zog das Medaillon hervor, das er soeben aus seinem Verlies entfernt hatte.

"Dann hätte ich diese Klausel selber auch verletzt - wenn auch unwissentlich und eben erst. Ich wusste nicht, dass sich auch ein Horcrux unter den Artefakten befand, die Bill für uns aus meinem Haus entfernt hat. Als wir eben kurz hineinsahen, habe ich einfach mal ins Blaue hinaus nach einem gesucht und diesen hier gefunden..."

"Ich denke, wir können über die Verletzung der Klausel hinwegsehen, da Sie diesen Horcrux soeben selber angezeigt haben, Mylord," sagte der Kobold und grinste.

"Vielen Dank. Wir wollten ihn eigentlich mitnehmen und später zerstören. Ich weiss nicht, ob dieser hier ein weiterer von Voldemort ist oder von einem meiner doofen Vorfahren."

"Dann zerstören wir ihn gleich hier und jetzt. Werfen wir erst mal einen Blick darauf."

Das Medaillon war eigentlich recht hübsch an einer langen, goldenen Kette befestigt. Ein Buchstabe "S" war auf einer Seite eingeprägt. Das Medaillon konnte nicht geöffnet werden. Jeder, der es in die Hand nahm, fühlte sich auf einmal völlig anders, voller Hass und Ärger.

"Das 'S' könnte für Slytherin stehen..." mutmasste Bill.

"Gut möglich. In jedem Fall ist es bereits in Ihrem Besitz. Wenn der Horcrux darin zerstört ist, kann man den Gegenstand wieder reparieren und dann ist dieser hier sehr wertvoll. Es gibt ja nicht sehr viele Erbstücke, die von den Begründern von Hogwarts übriggeblieben sind, nicht wahr?" fragte Bloodaxe.

"Ich kenne nur noch den Sortierhut und Godric Gryffindors Schwert, die sind aber beide sicher in Hogwarts," sagte Harry.

"Und beide sind unversehrt, würde ich annehmen, vor allem der Hut. Wäre der mit einem Horcrux bestückt, käme kein Hogwartsschüler un'besessen' in sein Haus. Von dem Schwert weiss ich nichts - davon höre ich heute das erste Mal," sagte Bill.

"Ich hielt es in meinen Händen - damals in der Kammer des Schreckens. Fawkes brachte mir den Sortierhut und der sagte mir, ich solle meine Hand hineinstecken. Und dann kam das Schwert raus. So scharf, dass ich mich beim Herumtasten in dem Hut erst mal dran geschnitten habe. Nachher konnte ich dann sehen, dass der Name Godric Gryffindor hineingeritzt und der ganze Griff kostbar mit Edelsteinen, vor allem Rubinen, besetzt war," erzählte Harry.

"Noch eine Geschichte, die du uns dann erzählen darfst, Harry," sagte Sirius.

"Oh, die könnt ihr gleich hören. Eine ziemlich aufschlussreiche Geschichte... aus der Rückblende gesehen jedenfalls."

Harry erzählte so kurz er konnte die Sache mit dem Basilisken und der Beinahe-Reinkarnation des jungen Tom Marvolo Riddle.

Bloodaxe rief eine der Wachen im Gang ins Büro und trug ihm auf:

"Dies hier muss entzwei gehauen werden, Switchblade."

Der Wachkobold machte kurzen Prozess und zwei Sekunden später konnte man den Schrei vernehmen, den Harry nun schon zweimal gehört hatte. Er nickte und sagte:

"Klang genau gleich wie die beiden Male in der Kammer des Schreckens und dem Friedhof."

"Sind Sie sich ganz sicher, Lord Potter? Der Schrei eines sterbenden Horcruxes ist einzigartig und von Hersteller zu Hersteller verschieden."

"Echt? Dann ist dies hier einer von Voldemorts. Wir könnten uns ja die Erinnerungen von den beiden vorigen Malen ansehen, an denen einer seiner Horcruxe zerstört wurde."

"Ausgezeichnete Idee! Bill, könnten Sie freundlicherweise ein Denkarium holen? Und könnten Sie bitte auch Grudgekeeper herrufen? Laut unserer Liste war er der Kobold, welcher den Pokal-Horcrux zerstört hat. Wir können dann seine Erinnerung mit unserer hier und derjenigen von Lord Potter vergleichen und feststellen, ob es jedes Mal der selbe war."

Bill machte sich sofort auf die Socken und brachte nach einiger Zeit Denkarium und Kobold her. Beide, der Kobold und Harry spendeten ihre Erinnerungen und als sie das Gekreische aus dem zerstörten Pokal hörten, war allen klar, dass damit ein weiterer von Voldemorts Horcruxen der Vergangenheit angehörte.

"Vier weg, noch zwei oder drei zu finden...," sagte Harry erleichtert. "Wobei wir ein sehr, sehr grosses Problem mit einem davon haben."

"Was wollen Sie damit sagen, Lord Potter?" fragte Bloodaxe besorgt.

"Es scheint, dass einer davon in meiner Narbe an der Stirn steckt..." sagte Harry.

"Ah! Dann ist das der Grund für den grauen Ring in Ihrer Aura," sagte Bloodaxe. Er sandte den noch immer im Raum stehenden Wachkobold gleich auf einen weiteren Botengang:

"Rufe mir den Ritualmeister her, bitte, Switchblade. Wir müssen dafür sorgen, dass Lord Potter sich keinen Moment länger über dieses Monstrum in seiner Narbe grämen muss."

Sie warteten also nochmals einige Minuten, dann erklang ein Klopfen an der Tür und der Ritualmeister trat ein. Bloodaxe erklärte dem schon etwas bejahrten Kobold die Situation und danach untersuchte der Ritualmeister Harrys Narbe kurz, aber genau. Er grummelte und brummelte etwas und wandte sich dann wieder an Bloodaxe und erkundigte sich etwas unwirsch:

"Haben Sie einen Behälter für das Ding hier, Bloodaxe?"

Dieser offerierte eine kleine Schachtel aus Metall, die er erst leerte. Der Ritualmeister akzeptierte den Behälter, berührte Harrys Narbe und murmelte lange Zauber in Gobbeldiguk. Eine kurze, zischende Bewegung mit seiner Hand liess Harry fühlen, wie etwas aus seinem Kopf verschwand. Er schaute erstaunt auf und versuchte, dem Ding zu verfolgen, aber das verschwand bereits in dem Behälter. Bloodaxe liess ihm kaum Zeit, sich darin breitzumachen, sondern befahl dem Wachkobold sofort, auch diesen Horcrux zu zerstören. Wieder erklang derselbe Schrei wie zuvor durch das Büro.

Harry, der erwartet hatte, von der Prozedur zumindest in Ohnmacht zu fallen, war komplett verblüfft.

"Ich fühle mich grossartig! Es ist, als ob jemand einen dicken Wattebausch aus meinem Gehirn gezogen hätte! Noch mal viel besser als gestern, nachdem Bill mir die Blockierungen entfernt hatte. Das ist fantastisch!"

Harry sprang auf und umarmte reihum erst Sirius, dann Bill und sogar Bloodaxe. Der Ritualmeister hielt ihn jedoch von sich fern, aber selbst der griesgrämige alte Kobold konnte sich eines Lächelns nicht erwehren angesichts dieses freudestrahlenden jungen Mannes. Oh, wie lange war es doch her, seit er selber einmal so glücklich gewesen war. Sirius strahlte ebenfalls und zog Harry in eine weitere Umarmung.

"Ich kann es kaum glauben, dass das so einfach ging! Ich war mir sicher, dass ich sterben müsste, um diesen Parasiten loszuwerden. Danke, Dank sei Ihnen, Herr Ritualmeister, ich kann meine Dankbarkeit kaum ausdrücken! Meine Kindeskinder werden noch Ihren Namen rühmen und wissen, dass sie ihr Dasein Ihrer Kunst zu verdanken haben! Ich bin sicher, dass das nächste Mal, wenn ich einen Patronus brauche, Prongs vollständig solide sein wird!"

Und aus lauter Freude zog er seinen Zauberstab und brachte Prongs hervor. Ein massiver silberner Hirsch sprang hervor und zwar auf ein nur geflüstertes 'Expecto Patronum'. Dieser Patronus schien zu spüren, dass ein festlicher Anlass für seine Entstehung gesorgt hatte und kam zu Harry, um ihn mit der Schnauze zu stupsen und zu küssen. Sirius starrte diese Manifestierung von Harrys Glückseligkeit voller Ehrfurcht an. Dann strich er durch Harrys Haare und sagte:

"Wenn irgendjemand dieses Glück verdient hat, dann du, Harry. Und warte nur, was du erleben wirst, wenn du das Hermione erzählst! Sie wird auf dich zuschiessen wie eine Rakete."

"Ich glaube nicht, dass mich das stören wird, Padfoot."

"Sollte es auch nicht. Aber denke an die Konsequenzen und die Zauber! Ich möchte nicht schon Grossvater werden!"

Harry wurde prompt rot.

"Ist noch ein bisschen früh dafür, glaube ich, Sirius!"

"Das kannst du nie wissen. Diese Hexe hat dich jedenfalls fest mit Beschlag belegt, und zwar für immer."

"Ich weiss, aber ich weiss nicht, ob ich dafür schon bereit bin."

"Du wirst es wissen, wenn du es bist, keine Bange, und vertraue auf Hermiones Führung in diesen Dingen. Aber nun haben wir unsere Besorgung hier wohl wirklich erledigt, ich denke, wir können uns verabschieden. Ihnen allen herzlichen Dank für die Zeit und die Dienste, die Sie uns geleistet haben. Wir überlassen es Ihnen, die entsprechende Belohnung aus unseren Verliesen zu holen."

"Das geschah gerne, meine Herren. Hier, dies sollte Ihnen jetzt wieder gehören, Mylord."

Bloodaxe hatte rasch das Medaillon repariert und reichte es Sirius. Der nahm es entgegen und bewunderte die Arbeit des Goldschmieds aus vergangener Zeit. Ohne die üble Entstellung war es in seiner Strenge, Einfachheit und Eleganz wunderschön. Sirius steckte es in seine Tasche und streckte Harry die Hand hin.

"Komm her, Hündchen, wird Zeit, dass wir heimkehren. Remus und Hermione sind bestimmt schon hart am Arbeiten."

Als wäre er ein kleiner Junge, nahm Harry die angebotene Hand und winkte den Kobolden und Bill adieu. Sie verliessen das Gebäude und passierten einen Juwelier auf dem Weg zum Apparierungspunkt. Harry stupste Sirius an und zog ihn in das Geschäft.

"Ich möchte Hermione mit etwas hübschem überraschen, Sirius..."

Sirius lächelte. Eine mutige Tat seines Hündchens, aber Padfoot war sehr mit der Idee einverstanden. Sie suchten ein hübsches Paar Ohrringe mit einer einzelnen Perle drin und einen passenden Ring aus. Das Set kostete kein Vermögen, war aber sehr hübsch in Gold gefasst und wirkte sehr gediegen. Harry bewunderte den zarten Schimmer der Perlen, als sie den Laden verliessen. Sie machten nur noch einen weiteren kleinen Stop bei Florean Fortescue, wo sie für alle Riesenportionen Eis erstanden, bevor Sirius sie beide nach Hause apparierte. Harry rannte los ins Haus und rief:

"Remus! Hermione!"

Die beiden waren schon dran, das ganze Gästezimmer auszuräumen als sie Harrys Rufe hörten. Sie liessen alles stehen und liegen und rannten hinunter in den Gang, nur um dort einen vor Glück völlig aufgelösten Teenager zu finden, der es kaum erwarten konnte, ihnen seine Nachricht zu überbringen.

"Da seid ihr ja! Ihr glaubt ja gar nicht, was eben grade passiert ist! Wir waren nochmals bei Bloodaxe und wisst ihr was? Er liess seinen Ritualmeister kommen und der holte den Horcrux aus meiner Narbe raus! Das Ding ist echt weg, was sagt ihr dazu?"

Hermione sprang Harry an, küsste ihn und zog ihn in einen Freudentanz, wie Remus und Sirius noch nie einen gesehen hatten. Und als Harry ihr berichtete, dass zwei weitere von Voldemorts Horcruxen zerstört waren, begann sie zu weinen.

"Weine nicht, Liebste! Ich bin heute so glücklich! Ich war so glücklich, dass ich einen Patronus heraufbeschworen habe, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat! Du lieber Junge, war der solide! Ich glaube nicht, dass ich schon jemals so glücklich gewesen bin. Ich liebe dich, Hermione!"

Sie hob ihr tränenüberströmtes Gesicht zu ihm und betrachtete ihn sich einige Minuten lang aufmerksam. Die Narbe war schon zu einer feinen Linie verblasst, die sie nun zärtlich küsste. Dann pflanzte sie noch mehr Küsse auf sein Gesicht, bis sie seinen Mund erreichte und dann sagte sie:

"Ich liebe dich auch, Harry. Und ich werde dich immer lieben!"

Remus und Sirius verliessen die beiden still und setzten sich auf der Terrasse zusammen. Sirius zog Remus an sich und verteilte Küsse auf seinen Liebsten, bevor er erzählte:

"Sind sie nicht süss, die beiden? Und in Gringotts - das war einfach unglaublich! Ich werde meinen Sitz im Zaubererrat einnehmen und alles daransetzen, damit die Beziehungen zwischen Zauberern und Kobolden endgültig verbessert werden! Denn was ich heute dort erlebt habe, hebt meine Hochachtung vor ihnen noch um einige Grade! Die waren einfach sensationell. Offenbar braucht es nichts weiter als ein von Kobolden geschmiedetes Schwert, um einen Horcrux zu zerstören. Schau dir das hier an!"

Sirius zog das Medaillon aus seiner Tasche und zeigte es Remus.

"Was ist das?"

"Sieht so aus, als hätten wir einen von Voldemorts Horcruxen in Grimmauld Place aufbewahrt. Dies kam aus dem Verlies in dem Bill alles, was in Grimmauld Place dunkel und unheimlich ist eingelagert hatte. Ich habe sogar nur einfach 'Accio Horcrux' gesagt und das hier kam geflogen. Als es zerstört wurde, habe ich den Schrei wiedergehört, den Harry in der Kammer des Schreckens und in dem Gottesacker gehört hat. Zusammen mit Bloodaxe und Bill haben wir dann heraus, dass die Kobolde vor einiger Zeit bereits einen von Voldemorts Horcruxen zerdeppert hatten. Alle paar Jahre wird nämlich alles nach solchen Dingern abgesucht und alle, die sie finden, werden zerstört. Offenbar hat Voldie Bella einen seiner Horcruxe anvertraut und die Pute hat das Ding einfach in ihrem Verlies deponiert. Aber jetzt, da auch das Ding aus Harrys Narbe weg ist, jetzt sehe ich wirklich, dass wir es bald geschafft haben werden, Liebster!"

Auch Remus war über alles erleichtert. Seit sie von diesem Horror in Harrys Kopf erfahren hatten, hatte er um das Leben seines Wölfchens gefürchtet, die Erleichterung darüber, dass es weg war, war bodenlos. Er küsste Sirius zärtlich.

"Nimmt mich wunder, ob Dumbledore diese Tatsache akzeptieren wird."

"Ja, das ist eine Hürde, die wir noch werden nehmen müssen, Moony. Es wird sicher nicht einfach werden, ausser wenn er bereit ist, Harry selber darauf zu testen. Ich fürchte, dass das Harry viel mehr wehtun wird als die heutige Behandlung. Du hättest es sehen müssen, Remus, einige wenige Worte in Gobbeldiguk von dem Ritualmeister und das war's. Der Horcrux kam aus Harry heraus und ging in den Behälter rein, Behälter zerstört, noch ein Horcrux weg, Behälter geflickt, das war's! Und dann hat Bloodaxe das Medaillon hier auch wieder repariert."

"Das sieht sehr alt aus, Paddy."

"Könnte von Slytherin herstammen. Und sollte das der Fall sein, dann ist das ein sehr wertvolles Stück. Es gibt nicht viele Artefakte, die von den Begründern von Hogwarts noch übrig sind."

"Das stimmt."

"Ich werde es Hogwarts übergeben. Ist ja nicht so, als ob ich noch eine Menge neuer Wertsachen benötige, sind schon genügend alte da!"

Harry und Hermione rannten die Treppe hinauf in Harrys Zimmer. Sie setzten sich auf sein Bett und Harry zog sein kleines Geschenk hervor.

"Ich hab dir was mitgebracht - ich wollte dir etwas schenken. Ein kleines Danke für alles, was du für mich getan hast und tust, Hermione! Und natürlich, weil ich dich liebe und dir eigentlich die Welt zu Füssen legen möchte, Hermione!"

"Oh Harry! Du weisst, dass du das nicht tun musst! Ich bin so glücklich, dass du mein Freund bist und dass du mich liebst! Ich könnte dich kaum noch mehr lieben, als ich es schon tue. Aber ich danke dir... wow! Die sind superschön, Harry!"

"Ich dachte mir, dass sie dir gefallen könnten. Und ich weiss, dass ich nicht muss, aber es macht Spass, dich zu beschenken. Ich hatte sie gesehen und dachte, dass sie dir sicher gut stehen würden. Ich bin froh, dass sie dir gefallen. Sirius hat übrigens beim Aussuchen geholfen."

"Es sind wunderschöne Perlen und sie gefallen mir wirklich gut, Harry. Vielen Dank!"

Hermione streifte den Ring auf ihren Finger und zog sofort ihre Ohrringe heraus, um die neuen einzufädeln. Sie strahlte ihn an.

"Obwohl eigentlich ich dir etwas geben sollte, um dir meine eigene Freude darüber, dass du diesen Horror im Kopf los bist, Liebster! Meine ziemlich konservative Tante wäre übrigens sehr zufrieden mit dir. Sie behauptet immer, dass Perlen für junge Frauen perfekt sind."

"Du hast eine Tante?"

"Drei, um genau zu sein. Zwei auf der Seite meiner Mutter und eine auf Dads Seite. Plus zwei, die mit einem Bruder meines Vaters und einem meiner Mutter verheiratet sind. Ich bin zwar ein Einzelkind, aber meine Familie ist ziemlich umfangreich. Die Tante, die ich eben ansprach, ist die Älteste in der Familie meiner Mutter und Mum ist die Jüngste. Sie ist ziemlich viel älter als Mum. Und sie hat drei Kinder, ein Mädchen, zwei Jungen. Die sind allesamt einige Jahre älter als ich."

"Und du bist die einzige mit Magie?"

Hermione nickte, aber erklärte:

"Meine Grossmutter väterlicherseits ist eine Squib. Sie hat nie darüber gesprochen, bis ich nach dem ersten Jahr von Hogwarts nach Hause kam. Keines ihrer Kinder wusste was, aber sie hat gesagt, sie hätte schon immer vermutet, dass ich eine Hexe bin. Ich habe noch ein paar Cousins und Cousinen väterlicherseits, die jünger sind als ich und von denen könnten auch noch welche drunter sein, deren magische Gene eingeschaltet sind. Auf Seiten meines Vaters bin ich nämlich die Älteste. Auf der Seite meiner Mutter bin ich die drittjüngste, da sind nämlich noch viel mehr Cousins und Cousinen."

"Sind sie so nett wie du?"

"Ich glaube, sie sind ganz okay. Bin nicht so nahe mit ihnen bekannt, weisst du. Der nächste in der Linie, der magisch genug für Hogwarts sein könnte, ist Simon - er ist vor zwei Monaten elf geworden. Du lernst sie sicher im Laufe der Zeit alle kennen. Sie werden dann wohl irgendwo auch unserer Familie angehören."

Es war das erste Mal, dass Hermione überhaupt von ihrer Familie sprach. Es war aber auch das erste Mal, dass Harry sie überhaupt danach fragte. Hermione gab ihm bereitwillig Auskunft, aber nach einer Weile sprachen sie immer weniger und küssten dafür umso mehr. Sie fühlten sich immer wohler in ihren gegenseitigen Armen und es fiel ihnen von Mal zu Mal leichter, ihren Gefühlen auch verbalen Ausdruck zu geben. Sie hatten beide den Eindruck, dass es ganz natürlich kam und einfach stimmte. Erst, als Harrys Magen deutliche Anzeichen von Hunger verkündete, lösten sie sich zögernd voneinander, um nachzusehen, ob es so was wie ein Mittagessen gab. Natürlich fanden sie es auf der Terrasse vor, wo Remus grade drauf und dran gewesen war, aufzustehen und nach ihnen zu rufen.

"Da seid ihr ja schon! Lasst uns essen! Und dann machen wir uns an die Arbeit, falls ihr einverstanden seid."

"Wir helfen dir gerne, Remus!"

Sie genossen ihr leckeres Essen mit den Hauselfen zusammen und dann gingen die vier hinauf in das Gästezimmer. Es war ein schönes, grosses Zimmer, das Hermione und Remus vor dem Essen bereits geleert hatten. Dobby bekam den Auftrag, die Möbel zu polieren, die Sitzmöbel mit dem neuen Stoff zu beziehen, sowie die Vorhänge und Bettbezüge herzustellen. Er machte sich begeistert an die Arbeit. Die alten Vorhänge wurden also entfernt, dann machten sie sich erst an die Fenster- und Türrahmen, die sie abschmirgelten und mit neuer Farbe bestrichen. Die Wände wurden mit der neuen warmen Eigelbfarbe bestrichen und schliesslich schliffen sie die Dielen am Boden und strichen sie ebenfalls neu. Dabei prüften sie beim Trocknen, dass die Farbe mit derjenigen der dunklen Mahagonimöbel übereinstimmte. Die Fussleisten erhielten den selben Anstrich und dann musste alles nur noch trocknen. Dank ihrer Magie waren die Arbeiten in drei Stunden erledigt. Sie waren alle vier sichtlich zufrieden und schauten sich in dem Raum um, der noch vor so kurzer Zeit nur schäbig chic ausgesehen hatte. Die beiden Fenster im Raum wurden ebenfalls noch neu gestrichen und auf Hochglanz gebracht. Fenster- und Türgriffe hatte man auch nicht vergessen. Nun brachte Dobby die Möbel, die er wieder perfekt hergerichtet hatte und die Stoffbekleidungen für Bett und Fenster. Sie brauchten nur noch gut zu lüften, dann würden die ersten Gäste in diesem Zimmer sich ganz bestimmt wohlfühlen.

Hermione fragte Remus nach den Zaubern, um Möbel zu restaurieren oder so etwas wie Vorhänge zu nähen und Sofas oder Sessel neu zu beziehen. Remus gab ihr den Tip, sich nach Büchern für magische Heimwerker umzusehen, die gäbe es in rauen Mengen.

Während Remus und die Teens sich mit Wänden, Böden, Fussleisten und Rahmen beschäftigt hatten, hatte Sirius sich zu Dobby gesellt und die beiden hatten die ganze Arbeit an den wertvollen alten Mahagonimöbeln gemacht, vom Spiegel bis zum Kleiderschrank. Bis zum Abendessen stand alles wieder an seinem Platz. Ein schöner Kleiderschrank an der Wand zum Gang, ein grosses Doppelbett mit Nachttischen an der Seitenwand, die Sitzgruppe in der Ecke und dem Erker unter den Fenstern und der Tür zur Terrasse und ein Frisiertisch und Spiegel an der Wand gegenüber dem Bett. Ein kleiner Kaffeetisch und ein kleines Sideboard folgten und die schwere Messingstehlampe und die Lampen für die Nachttische sowie drei weitere Lampen an Decke und der Wand beim Frisiertisch folgten. Alle hatten neue Lampenschirme in demselben Stoff wie die Vorhänge. Zum Schluss legten Remus und Hermione neue passende Teppiche aus und hängten Bilder auf. Kaum hing das erste davon am Haken, als auch schon einer der älteren Herren von seinem Porträt im Gang auftauchte und sich umschaute.

"Sehr gut gemacht, ihr Lieben, das sieht hier wieder grossartig aus."

"Danke, Onkel Alphard," sagte Sirius.

"Ja, das ist wirklich wieder mein schönes Gästezimmer von früher. Das Gelb passt auch wunderbar mit den Bleiglasfensterteilen. Wer hat die Farbe ausgewählt?"

"Hermione und ich. Hermione stiess gleich drauf und ich schloss mich sofort an, weil es wirklich gut passt," sagte Remus.

"Exzellenter Geschmack, junge Dame. Wir wurden einander noch nicht vorgestellt?"

"Tut mir leid, Onkel Alphard! Das ist Harry Potter, mein Ziehsohn, und das ist Hermione Granger, seine Klassenkameradin und seit neuestem nicht nur beste Freundin, sondern seine Liebste," sagte Sirius grinsend.

"Es freut mich, euch beide kennenzulernen. Ihr dürft mich gerne ebenfalls Onkel Alphard nennen. Sirius und Andromeda haben in ihrer Generation die Stelle der schwarzen Schafe der Blacks eingenommen, in meiner Generation war ich es. Und ein wenig auch deine Grossmutter Dorea, Harry, meine Cousine. Sie hat zwar standesgemäss, aber nicht unbedingt familienpolitisch erwünscht geheiratet. Man konnte natürlich nichts wirklich gegen Charlus ins Feld führen - die Potters sind eine noch ältere magische Familie als die Blacks, obwohl sie immer mal wieder Muggel oder Muggelgeborene und regelmässig auch Halbblüter geheiratet hatten. Als ob das in irgendeiner Art und Weise eine Rolle spielte, nicht wahr? Ich habe gehört, dass auch deine Mutter eine Muggelgeborene Hexe war, Harry, stimmt das?"

"Oh ja! Und ganz ehrlich, ich bin stolz darauf. Es war nämlich in Wirklichkeit sie, die Voldemort besiegt hat, nicht ich. Ich genoss ja nur den Schutz, weil sie sich ganz klar für mich geopfert hat."

"Vollblutmutter nenne ich sowas!"

"Hermione ist auch eine Muggelgeborene. Und sie ist die Jahrgangsbeste, wohl nicht nur von Hogwarts!" fügte Harry stolz noch dazu.

Hermione wurde etwas rot und dachte: 'Also, das ist der vielbesprochene Onkel Alphard. Der hat ja sehr gut ausgesehen!'

"Ich freue mich sehr, deine Bekanntschaft zu machen, Hermione! Junge Frauen wie dich braucht es noch viel mehr. Also nicht nur guten Geschmack, sondern auch noch blitzgescheit. Behalte sie in deiner Nähe und macht viele Babies miteinander, Harry, wie es deine Grosseltern gern getan hätten!"

"Das werde ich tun, Onkel Alphard."

"Danke, Sir. Manchmal denke ich, dass ich die bessere Partie mache als Harry."

"Mach dir da bloss nichts draus. Die Potters sind eine so alte Familie geworden, grade weil sie immer so durcheinander geheiratet und ihr Blut dadurch frisch bewahrt haben. Sie sind alter magischer Adel und steinreich, aber sie hatten immer eine gute Nase fürs Heiraten, glaub mir. Fast immer Liebesheiraten noch dazu. Charlus hat sich in Dorea schon früh verknallt. Sie wollten so gerne viele Kinder, aber leider hat es erst sehr spät in ihrem Leben mit deinem Vater James geklappt und wir wussten alle, dass es nicht an den Potter-Genen, sondern an den vielen inzestuösen Verbindungen in der Black-Familie lag, dass nicht mehr lebende und gesunde Kinder geboren wurden. James war aber auch ein prächtiger Junge!"

"So weit sind wir noch nicht, Onkel Alphard! Erst mal wollen wir die Schule beenden und dann einen Beruf haben, dann erst kommt die Familie!" meinte Hermione.

"Bodenständig ist sie auch noch! Diese junge Frau lässt du dir aber wirklich nicht entgehen, Harry, verstanden? Hegen und Pflegen eurer Beziehung ist angebracht!"

Die lebenden Teilnehmer des Gesprächs lachten alle, aber ihnen war klar, dass dem alten Herrn durchaus ernst war. Sie waren aber der Ansicht, dass man sich da nicht gleich festlegen sollte, Harry und Hermione dachten aber beide insgeheim, dass sie sich gerne dieser Entscheidung stellen wollten.

Dobby rief zum Abendessen. Sie sassen alle um den Tisch während des Essens und irgendwann erkundigte sich Hermione, wie er denn den übrigen Tag verbracht hatte. Er teilte ihr mit, dass er am Vormittag Winky in Hogwarts besucht hatte.

"Wie geht's ihr denn, Dobby?" fragte Hermione.

"Nicht gut, Miss Hermione. Sie trinkt immer noch zu viel Butterbier, obwohl die anderen Elfen in Hogwarts ihr Bestes tun, sie davon abzuhalten."

"Sehnt sie sich denn immer noch nach ihrem scheusslichen Meister?"

"Nein, sie hat begriffen, dass er nicht mehr lebt, aber sie sehnt sich nach einer neuen Familie, der sie dienen kann. Langsam beginnt sie, ihre Magie zu verlieren," sagte Dobby traurig.

"Sie verliert ihre Magie?" fragte Hermione entsetzt.

"Ja. Ungebundene Elfen verlieren ihre Magie. Zwar nicht ganz, aber sie werden sehr geschwächt. Wenn sie nicht haben, was sie brauchen, dann werden sie ganz schwach. Sie wird bald mit einem neuen Meister oder einer Meisterin ein Band finden müssen, sonst kann sie sterben."

"Aber - du bist doch ungebunden?" bemerkte Hermione.

Dobby wurde glatt rot, wie die Weasleys, wenn sie sich für etwas genierten. Hermione ging ein Licht auf.

"Du hast dich an Harry gebunden, nicht wahr? Klammheimlich, so, dass er es gar nicht merkte, stimmt's?" fragte sie mit spitzbübischem Lächeln.

Der kleine Hauself schaute etwas verlegen seine drei Meister an und nickte noch verlegener.

"Okay, ich verstehe. Hauselfen benötigen das Band um zu überleben?"

"Ja, Meisterin."

"Was können wir dann für Winky tun? Ist sie nicht an Hogwarts gebunden wie die anderen Elfen dort?"

"Nein, ist sie nicht, sie ist immer noch eine freie Elfe. Hogwarts sollte immer nur sein, bis sie wieder eine Familie gefunden hat."

"Und sie ist wirklich sehr unglücklich, nicht wahr?"

Dobby nickte.

"Sie braucht den nahen Kontakt mit einer Familie und Menschen, um die sie sich kümmern kann."

"Würde sie kommen und für uns arbeiten, Dobby?" fragte Sirius.

"Vielleicht. Nur, wenn sie eine wirkliche Hauselfe sein kann, Meister Sirius. Es ist sehr wichtig für sie, sie fühlt sich als eine entehrte Hauselfe und nur mit einer neuen Versklavung würde sie akzeptieren. Sie hasst es, eine freie Elfe zu sein."

"Nun, dann gibt's nur eines, wir rufen sie her. - Winky!" sagte Sirius deutlich.

Mit einem scharfen Knall stand Winky vor ihnen im Zimmer. Sie sah sich sehr erstaunt um und fragte mit piepsender und schwankender Stimme:

"Warum ruft der Meister Winky?"

"Winky, wir haben soeben gehört, dass du dich als freie Elfe in Hogwarts sehr unwohl fühlst, stimmt das?" fragte Sirius sanft.

"Winky ist eine entehrte Elfe! Sie ist nicht glücklich, aber sie darf sich nicht beschweren!" sagte die Kleine streng.

Offensichtlich unter dem Einfluss von Butterbier schwankte nicht nur ihre Stimme, sondern die ganze kleine Elfe. Niemand verlor ein Wort darüber, sie kannten alle ihr Problem.

"Du wärest aber bereit, dich an eine neue Familie zu binden, nicht wahr?" fragte Sirius weiter.

"Ja, aber wer würde eine entehrte Elfe wie mich noch wollen?"

"Wir zum Beispiel. Du könntest kommen und dich mit uns verbinden. Du würdest dann hier in Seaside Manor für Remus Lupin und mich, Sirius Black arbeiten."

Winky sah erstaunt zu dem grossen Mann auf, schaute sich um und sah, dass Dobby mit am Tisch sass. Obwohl beide Elfen wussten, dass es hier eigentlich nicht genügend Arbeit für zwei Elfen gab, nickte Dobby ihr dennoch aufgeregt zu.

"Aber ist nicht Dobby bereits Ihr Elf, Sir?"

"Dobby ist Harrys Elf, Winky. Es ist uns klar, dass hier nicht so viel Arbeit ist, aber wir haben auch noch andere Häuser, die gepflegt werden wollen, du wirst also schon genügend zu tun bekommen. Du wirst aber hier mit uns zusammen leben."

"Dann ist Winky bereit, sich mit den Herren zu verbinden."

"Sehr gut. Es gibt bei uns einige grundsätzliche Regeln, die du beachten musst: du darfst dich niemals selber bestrafen - niemals! Wenn du denkst, dass du wirklich etwas falsch gemacht hast, was du meinst nicht selber wieder richten zu können, dann ist deine Strafe die, dass du zu Remus oder mir kommst und es uns beichtest. Du wirst alle Mahlzeiten mit uns teilen und so wie Dobby mit an unserem Tisch essen. Ich weiss, das sind zwei für dich wohl unerhörte Dinge, aber Winky, wenn du dich mit uns verbindest, dann sollst du unser zweites wichtiges Helferlein werden, und zudem unsere Freundin und ein Familienmitglied. Du wirst zur Familie gehören. Zudem wirst du Familieninterna nicht ausplaudern, aber ich weiss, dass du das eh schon weisst und einhältst."

Winkys Augen wurden gross wie Untertassen, während sie der Aufzählung dieser Regeln zuhörte. Sie schaute etwas eingeschüchtert Dobby an, aber der nickte nur wieder, wobei er sich fast schüttelte, so energisch nickte er. Harry und Hermione beobachteten amüsiert, wie Winky die Vertragsbedingungen akzeptierte. Sirius stand auf, näherte sich Winky und legte ihr die Hand auf den Kopf. Dann sprach er die seit Jahrhunderten gebräuchliche Formel, mit der ein Hauself an Familie und Herd gebunden wurde:

"Ich, Sirius Black, nehme und binde diese Hauselfe Winky an die Familie und das noble und uralte Haus und Herd Black. So spreche ich und so sei es."

Es gab einen weissen Lichtblitz, der die beiden einhüllte und das Ritual beendete. Dobby lief sofort los um ein weiteres Gedeck für Winky aufzulegen und Sirius lud sie ein, sich zur Familie zu setzen. Winky wollte zunächst instinktiv protestieren, doch dann erinnerte sie sich, dass sie versprochen hatte, sich an die Regeln im Haus zu halten, also setzte sie sich noch etwas schüchtern neben Dobby hin. Remus passte den Stuhl so an, dass sich das kleine Wesen am Tisch wohlfühlte und die Mahlzeit wurde in der etwas vergrösserten Familie beendet. Sirius erinnerte Winky daran, wer nun alles zu ihrer neuen Familie gehörte:

"Du bist zwar jetzt an mich gebunden, aber zur Familie gehören diese Menschen hier: Remus Lupin, der mein Lebenspartner ist, und ich glaube, du kennst bereits Harry Potter und Hermione Granger? Übrigens, Miss Hermione hat inzwischen verstanden, was Hauselfen im Moment wirklich nötig haben, nämlich freundliche Behandlung anstelle von Freiheit, und du sollst keine Angst vor ihr haben."

"Ja, Meister Sirius."

"Gut. Du wirst auf uns alle hören. Dobby wird dich in die Aufgaben im Haus einweisen und mit der Zeit werden wir euch die anderen Häuser zeigen, zu denen ihr in Zukunft schauen müsst."

"Ja, Meister Sirius."

Sirius sandte noch eine Patronus-Meldung zu Minerva nach Hogwarts, um sie zu informieren, dass sie ihre zweite freie Elfe auch noch losgeworden war.

Nach dem Abendessen verabschiedete sich Hermione, um per Floo zu ihren Eltern zurückzukehren. Sirius, Remus und Harry verbrachten den Abend mit Spielen und Plaudern. Dabei besprachen sie auch gleich ihre Pläne für den nächsten Tag.

Als Harry später schlafen ging, blieb er von allen Arten von Alpträumen vollständig verschont. Er erwachte am Morgen zeitig und fand, dass er noch nie besser ausgeruht durch eine Nacht gekommen war. Tief drinnen kitzelte ihn das warme Gefühl, dass mit dem verschwundenen Horcrux nun auch die schwere Last von seinen Schultern genommen worden war, persönlich für Voldemorts Ableben besorgt sein zu müssen. Obwohl er sich vor dieser Kreatur, die Tom Riddle im Moment war auch nicht mehr allzu sehr fürchtete.

Hermione tauchte wieder zum Frühstück auf und war sehr erfreut zu hören, dass ihr Freund eine so ruhige Nacht verbracht hatte. Sie strahlte, als er ihr erneut versicherte, wie viel besser er sich fühlte. Dann fragte sie:

"Und was ist der Plan für heute?"

"Wir gehen nach Hogwarts und sprechen mit Dumbledore, um zu sehen, wie weit er mit seinen Recherchen gekommen ist. Dann konfrontieren wir ihn mit unseren Recherchen und Unternehmungen. Und natürlich wollen wir ihm mitteilen, dass der Horcrux in Harry weg ist," zählte Sirius auf.

Remus verschickte einige Eulen, eine an Bill, eine an Filius Flitwick und eine an Minerva, um ihr Kommen für eine kurze Sitzung anzukündigen. Im Brief an Minerva baten sie diese, auch Dumbledore zu der Sitzung einzuladen, aber kurzfristig und ohne ihm mitzuteilen, worum es denn genau gehen sollte.

Um halb eins versammelten sie sich daher alle vor dem Floo-Kamin und reisten eins nach dem anderen zum Büro ihrer Hauslehrerin. Harry ging als erster. Wie immer landete er wie ein Sack Mehl auf dem Platz vor dem Kamin, direkt vor Minerva, die ihm grinsend aufhalf und ihn abstaubte.

„Nie werde ich dieses verflixte Reisen per Floo checken! Nie!" schimpfte er mit sich selber, bedankte sich dann für die Hilfe und begrüsste Minerva.

„Hallo, Professor McGonagall; und danke für die Hilfe."

„Das ist schon in Ordnung, Harry. Und Ihnen auch einen guten Tag!"

Harry war ein bisschen amüsiert, als Hermione hereinkam und auch nicht ganz auf den Beinen landete, aber immerhin war sie kein unordentlicher Haufen am Boden. Danach kamen Remus und Sirius und setzten der Peinlichkeit von Harrys Landung noch einen drauf, als sie elegant und leichtfüssig dem Kaminherd entstiegen.

„Es ist schön, euch wiederzusehen, meine Lieben. Da ihr eine Sitzung verlangt habt, habe ich das Konferenzzimmer vorbereiten lassen. Kommt, folgt mir!" begrüsste Minerva sie.

Sie folgten ihr aus ihrem Büro, eine Etage höher, durch ein wandhohes Bild des Schlosses, welches am vermeintlich toten Ende eines Korridors lag, das aber in einen kurzen weiteren Korridor führte. Ein Blick durch die zumeist offenen Türen zeigte Harry, dass dahinter zumeist Büroräume lagen und schliesslich betraten sie offensichtlich einen der unzähligen Türme in Hogwarts und erreichten einen schönen, grossen Konferenzraum, mit dem längsten ovalen Tisch, den Harry je gesehen hatte. Eine eingeschnittene Rille verlief in der Mitte des Tisches und bot Stauraum für Pergament, Tintenfässchen, Federn und andere Papeterieartikel. Der Tisch aus Eichenholz sah sehr alt aus. Es war das perfekte Möbelstück, an dem man sich zusammensetzte um gemeinsam zu arbeiten. In der Mitte des Tisches war ein Denkarium platziert. Harry fand, dass so ein Ding hier ausgezeichnet situiert war. Auf alle Fälle würde ein Brainstorming in dieser Umgebung und mit diesem magischen Hilfsmittel bestimmt unglaubliche Resultate erbringen. Auf einer Anrichte an einer Seite des Raumes standen Wasserkaraffen und andere Erfrischungen sowie eine Reihe von Kristallgläsern. Auf dem Tisch standen Kristallplatten mit Früchten darauf. Minerva führte sie auf eine Seite und schwenkte ihren Zauberstab, um den Tisch auf die Grösse der teilnehmenden Gesprächsteilnehmer zu zaubern.

„Ich lasse euch noch kurz alleine, denn ich muss ja noch Bill in Empfang nehmen. Er hat kurzfristig noch mindestens einen zusätzlichen Gast angekündigt."

Harry, Sirius, Remus und Hermione sahen sich gegenseitig an und fragten sich, wer denn wohl der zusätzliche Gast wäre, aber sie nahmen schon mal am Tisch Platz. Dort erschien auch schon Filius Flitwick, fröhlich wie immer. Er zauberte sich seinen Stuhl etwas höher, damit er nachher mit den anderen auf derselben Höhe sass.

Dann erschien Dumbledore, kurz bevor Minerva mit Bill und, zu jedermanns Überraschung zwei Kobolden erschien. Einer davon war Ragnok, der Bankdirektor persönlich, der andere natürlich Bloodaxe. Dumbledore war sichtlich unglücklich, denn er wusste nicht, was gleich abgehen würde, dabei war er sich doch gewohnt, stets alles vor den anderen zu wissen und alle Besprechungen an denen er teilnahm zu leiten. Nun war er nur ein Gast in seinem eigenen Reich.

Bill stellte die beiden Gäste der Runde vor und Minerva brachte den Tisch auf die richtige Grösse, um die Anzahl Besprechungsteilnehmer unterzubringen. Als alle ihren Platz gefunden hatten, öffnete Ragnok die Sitzung.

„Obschon es Mr. Lupin war, der diese Sitzung einberufen hat, möchte ich Sie alle dazu begrüssen. Professor Dumbledore, Sie werden sich vermutlich wundern, warum ich, als der Direktor der Gringotts-Bank, mich hier hinstelle und es als wichtig genug erachte, dass ich mich persönlich mit dieser Sitzung befasse. Sie werden sich nicht lange wundern müssen. Vor einigen Tagen kam Lord Potter zu Gringotts, um herauszufinden, ob magische Blockierungen auf ihm lasteten. Sein Gringotts-Berater riet ihm, Mr. William Weasley als Fluchbrecher beizuziehen. Er ist unser vielversprechendster junger Fluchbrecher, und er stand zu diesem Zeitpunkt auch zur Verfügung, da er sich für längere Zeit auf Urlaub hier in Grossbritannien befindet und wohl nächstens eine Stelle hier in London antreten wird. Er stellte sich auch gerne zur Verfügung, den jungen Lord Potter zu untersuchen. Nicht nur fand er eine beunruhigende Anzahl verschiedener Blockierungen, er wurde auch in der berühmtesten Narbe des Landes fündig, in der ein offensichtlich ausserordentlich bedenkliches Ding zu stecken schien."

Die gesamte Tischrunde warf Blicke auf Dumbledore. Minerva runzelte die Stirn. Ihr fiel sofort auf, dass ausser ihr offensichtlich niemand über Ragnoks Äusserung erstaunt war. Sie begriff jedoch so viel, dass Dumbledore mit Sicherheit an der Wurzel des Problems zu finden war. Dumbledore hatte den Anstand, leicht rot anzulaufen.

„Wenn ich die derzeitige Situation richtig verstehe, sind alle Anwesenden ausser Madam McGonagall und Mr. Dumbledore auf dem Laufenden?"

„Das ist korrekt, Direktor Ragnok. Wir haben diese Sitzung einberufen, um alle über die bisher gewonnenen Erkenntnisse und unsere Unternehmungen zu informieren," bestätigte Remus.

Er wandte sich direkt an Minerva.

„Wir hatten noch keine Gelegenheit, dich direkt zu informieren, Minerva. Diese Sitzung ist jetzt die Möglichkeit, mit euch allen zu besprechen, was wir über das Thema, das Albus zur Zeit studiert herausgefunden haben. Es ist ein äusserst heikles Thema, und seit wir wissen, worum es sich handelt, können wir sehr gut verstehen, warum er es so geheim wie möglich halten will, denn es handelt sich um eine der dunkelsten aller dunklen Magien. Wir begriffen was es war, als wir uns mit Filius über einige Dinge unterhielten. Er stellte Harry einige Fragen zu Riddle/Voldemort. Dabei erwähnte Harry auch das verfluchte Tagebuch, das die kleine Ginny Weasley in ihrem ersten Schuljahr besass und das er in der Kammer des Schreckens ausser Gefecht setzte. Er erzählte, dass das Ding, als er es mit dem Eckzahn des Basilisken durchstach, ein grauenvolles Schreien von sich gab, wonach das Bild des sich formenden Tom Riddle wieder verschwand. Und das führte zu der Situation auf dem Kirchhof, bei dem die beiden Jungen diese Riesenschlange töteten. Harry fiel dabei sofort auf, dass die ‚Schlange' ebenfalls dieses Schreien ausstiess.

Filius wusste daraufhin sofort, um was es sich hier handeln musste: Horcruxe. Und schlimmer: Horcruxe, die Voldemort hergestellt hatte. Was uns weiter dazu brachte, anderes zu bedenken, denn wir wussten bereits, dass etwas hinter Harrys Narbe steckt, was sehr dunkel ist. Von da war es dann nicht mehr weit bis zum Verdacht, dass auch das ein Horcrux sein könnte. Oder, wie wir jetzt sagen können, war – denn das Ding wurde von den Kobolden aus Harry in einen metallenen Behälter verlegt und danach zerstört. In den vergangenen zwei Tagen sind wir in Gringotts fündig geworden und haben zwei weitere Horcruxe gefunden, ebenfalls welche von Voldemort. Einer davon wurde von den Kobolden schon vor einiger Zeit anlässlich einer ihrer routinemässigen Kontrollen entdeckt und zerstört, er hatte sich im Verlies der Lestrange Familie befunden. Es war ein goldener Pokal, der mit einem Dachs geschmückt war und als Erbstück Helga Hufflepuff zugeordnet wird…"

„Ein goldener Pokal, der Helga Hufflepuff gehört hat? So einer wurde der Familie Smith im Jahre 1946 entwendet…" warf Dumbledore ein.

Ragnok wandte sich interessiert zu ihm.

„Nachdem wir den Gegenstand entdeckt hatten, erinnerten wir uns, dass er zuvor entwendet worden war. Können Sie uns Näheres dazu mitteilen, Professor?"

„Selbstverständlich."

Da nun die Katze aus dem Sack war, merkte Dumbledore, dass er sich mit seinen eigenen Informationen nicht mehr hinter dem Berg halten musste. Er zog sich die Erinnerung mit dem Zauberstab aus dem Kopf und legte sie in dem Denkarium ab. Die Runde war sehr erstaunt, als sie danach Dumbledores Erinnerung von einer kleinen, schon fast sterbenden Hauselfe sahen, die ihm alles über den Mord an ihrer Herrin und den Diebstahl der Artefakte erzählen konnte.

„Sie war in Azkaban eingesperrt, belastet mit dem Mord an ihrer Herrin, den sie gar nicht begangen hatte. Sie kannte eigentlich auch den wahren Mörder, doch dieser hatte sie unter Imperius dazu gebracht, sich selber zu bezichtigen," sagte er traurig.

„Haben Sie noch weitere Informationen dazu?" fragte Ragnok höflich.

„Oh ja. Da Sie nun bereits alle über Horcruxe Bescheid zu wissen scheinen, möchte ich Ihnen gerne noch weitere Erinnerungen zeigen, die damit in Zusammenhang stehen. Sie müssen wissen, dass ich den vormaligen Hogwarts-Schüler Tom Riddle nicht ganz aus den Augen verlieren wollte. Ich begegnete ihm zum ersten Mal, als ich ihm persönlich seinen Hogwarts-Brief überreichte. Da hatte er bereits selber gemerkt, dass er ausserordentliche Kräfte hatte, wie er mir sagte. Bereits damals ging es für ihn nicht um eine besondere Gabe, sondern um Macht. Er benutzte sie, um die anderen Kinder im Waisenhaus, in dem er aufgewachsen war zu terrorisieren."

„Von Lord Potter haben wir bereits erfahren, dass er von halbblütiger Abstammung war, sogar ein Nachkomme Slytherins durch seine Mutter, aber mit einem Muggel-Vater. Sie scheinen mehr darüber zu wissen?"

„Tatsächlich. Sie gebar ihn und verstarb, kaum, dass sie ihm den Namen Tom Marvolo Riddle gegeben hatte. Das war das Mass ihres Beitrags. Tom kam ins nächste Muggel-Waisenhaus, aber wie so viele Muggelgeborene konnte er gut fühlen, dass er nicht wirklich dahin gehörte. Schon im Alter von sechs Jahren war er gefürchtet. Er war noch nicht mal neun Jahre alt, als er bereits genau wusste, dass er Kräfte hatte, die ihn stärker als andere Kinder machten. Es dauerte dann nicht mehr lange, bis er begann, die anderen Kinder im Waisenhaus zu quälen und regelmässig zu bestehlen. Es waren keine Wertgegenstände, die Kinder hatten eh keine, aber es waren immer Dinge, an denen die anderen Kinder hingen und die sie liebten. Einige dieser Dinge behielt er, aber manchmal tötete er auch Haustiere, die die anderen Kinder hielten und lieb hatten. Es schien, dass er einen angeborenen Drang dazu hatte, über andere zu herrschen und sie zu unterbuttern. Als ich ihn besuchte, um ihn über Hogwarts zu orientieren, habe ich ihm natürlich erst einmal klargemacht, dass ein solches Verhalten in der Schule nicht toleriert würde. Er hat sich zumeist daran gehalten, aber es gelang ihm nicht ganz. Fast alle Lehrer verfielen seinem natürlichen Charme, kaum dass er in Hogwarts ankam. Natürlich landete er in Slytherin und als er zu seinem vierten Schuljahr ankam, regierte er da unten wie ein König. Er war ein erstklassiger Schüler und wurde prompt zum Präfekten und später zum Schulsprecher gekürt. Was aber auffiel war, dass er in all den Jahren in Hogwarts nie irgendwelche Freunde gewann. Trotz seines Charmes behielt er alle auf Distanz, Schulkameraden wie Lehrer."

Nachdem er einmal begonnen hatte, berichtete er alles, was er über Tom Marvolo Riddle wusste und brauchte dazu mehr als zwei Stunden. Nachdem er etliche weiterführende Fragen beantwortet hatte, sprach Hermione:

„Vielen Dank, Herr Professor, das war sehr aufschlussreich. Sprechen wir nun noch über die DNDs…"

„DNDs?" unterbrach Dumbledore sie.

Alle am Tisch ausser Minerva und den Kobolden fingen an zu grinsen.

„Unsere hausinterne Abkürzung für die Horcruxe: Diese Niederträchtigen Dinger oder DNDs. Wir dachten, dass es eine gute Bezeichnung wäre, falls uns mal jemand zuhört. So weiss keiner, wovon wir eigentlich reden."

„Ah! Sehr schlau, Miss Granger. Bitte fahren Sie weiter," forderte Dumbledore sie auf.

„Also – die Horcruxe. Bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt haben wir vier davon zerstört: der Kelch von Helga Hufflepuff, das Tagebuch von Riddle, das Medaillon von Salazar Slytherin sowie den jüngsten, Voldemorts Schlange. Und endlich haben wir den Horcrux in Harrys Narbe entfernt. Hier sind die drei Artefakte, deren Horcruxe darin zerstört wurden."

Harry brachte die drei Gegenstände hervor und legte sie auf den Tisch. Dobby hatte das ruinierte Tagebuch wiedergefunden, die Kobolde hatten den Kelch aus dem Verlies der Lestranges geholt und sie waren ja bereits im Besitz des Medaillons.

„Darf ich fragen, wo Sie dieses Medaillon gefunden haben?" fragte Dumbledore neugierig, während er den Gegenstand von der Seite her beäugte.

„Ob du's glaubst oder nicht – das Ding war in Grimmauld Place," antwortete Sirius.

„Wir haben keine Ahnung, wie es dahin gekommen ist, aber wir wissen mit Sicherheit, dass alle diese Horcruxe von Voldemort stammen."

„Wie können Sie das wissen?" fragte Dumbledore verblüfft.

Harry leerte seelenruhig das Denkarium und füllte es mit den Erinnerungen der diversen Horcrux-Vernichtungen. Zunächst kamen drei bereits in einer Glasröhre gefangene Erinnerungen, am Schluss fügte er noch die dazu von seinem Abenteuer mit Cedric im Friedhof, als sie Nagini getötet hatten.

„Jedes Mal der selbe Schrei. Die Kobolde haben uns erklärt, dass jeder Hersteller eines Horcrux einen ganz individuellen Schrei ausstossen, wenn man eines dieser Dinger zerstört," erklärte Bill.

Sie betrachteten sich auch die Erinnerungen der Kobolde, von anderen Horcrux-Zerstörungsaktionen. Keiner klang gleich, aber es gab den Fall eines alten Zauberers, der ebenfalls zwei Horcruxe gemacht hatte. Auch hier klangen die Schreie exakt identisch, als seine Horcruxe zerstört wurden. Sie waren gefunden worden, weil der Mann sie beide in seinem Verlies verborgen hatte. Filius übernahm und erklärte weiter:

„Wir wissen, dass man Horcruxe auf mehrere Arten zerstören kann: Harry benutzte eine Methode, als er das Tagebuch mit dem Gift des Basilisken zerstörte. Die Kobolde benutzen ein von ihnen geschmiedetes Schwert und schliesslich kann man Feindfeuer benutzen, wenn man es denn kontrollieren kann. Wenn der Horcrux verschwunden ist, kann man den Gegenstand wieder reparieren. Es gibt nicht den geringsten Hinweis auf irgendwelche dunkle Magie mehr darin. Wir überlassen es dir, dich selber davon zu überzeugen, Albus."

„Ich sehe, dass ihr schon sehr aktiv wart," bemerkte Dumbledore, vollkommen überrascht.

„Und wir waren auch bisher sehr erfolgreich. Wir haben versucht, eine Theorie über die mögliche Anzahl seiner Horcruxe aufzustellen. Nach unserer Vorstellung hat er wohl versucht, eine Zahl von sieben zu erreichen. Aus den Büchern, die wir gelesen haben, konnten wir entnehmen, dass schon bei zwei oder gar drei Horcruxen die Seele völlig unstabil wird und dass der Körper sich durch das jedesmalige Halbieren der Seele markant verändert. Aus dem, was wir erforscht haben, können wir mit Sicherheit sagen, dass er sicher nicht mehr tun konnte, als seine Seele in sieben Teile teilen, sechs Horcruxe und der verbleibende Teil in ihm selber. Ich gehe davon aus, dass er das hingekriegt, oder fast hingekriegt hat. Er hatte auf jeden Fall schon fünf davon, als er zu Halloween 1981 zu den Potters ging. Vermutlich wollte er mit dem Mord an Baby Harry seinen sechsten und letzten Horcrux machen. Er war auch fast erfolgreich, aber es war sicher nicht seine Absicht, diesen Horcrux in Harrys Kopf zu hinterlassen. Meiner persönlichen Meinung nach ist es nicht mal gesagt, dass das, was da in Harrys Kopf war überhaupt ein richtiger Horcrux war. Es kann auch einfach nur ein bisschen was von Voldemort's Geist gewesen sein, denn um einen herzustellen, braucht es nicht nur ein Ritual vor, sondern auch nach dem Aufteilen der Seele. Und das konnte er ja kaum bewerkstelligen, nachdem er durch den abgeprallten Todesfluch seine Macht verloren hatte."

"Wenn das nur ein Abdruck von seinem Geist war, möchte ich ja nicht wissen, wie sich ein richtiger Horcrux anfühlt," sagte Harry.

"Da er das nicht wusste, war das erste, was er tat, kaum dass er wieder zaubern konnte, sich den letzten Horcrux noch herzustellen, den er in Nagini platzierte. Natürlich hatte er auch keine Ahnung, dass Harry inzwischen bereits einen seiner Horcruxe, nämlich das Tagebuch, bereits zerstört hatte. Was in diesem rudimentären Körper jetzt noch vorhanden ist, ist der winzigste Teil einer Seele, den man sich nur immer vorstellen kann. Selbst wenn er es noch schafft, sich einen neuen Körper zu verschaffen, ist der Teil zu klein, als dass er damit lange überleben kann, magische Kräfte hin oder her. Dafür hat er nun seine Seele einmal zu oft gespalten.

Was uns jetzt noch bleibt ist, die verbleibenden zwei Horcruxe aufzuspüren. Wir wissen nur, dass er offenbar scharf auf Artefakte war, die den Gründern von Hogwarts zugeschrieben werden können," erklärte Hermione.

Dumbledore war sprachlos. Minerva war unglaublich stolz auf ihre Lieblingsschülerin. Diese Fünfzehnjährige hatte weit mehr auf dem Kasten als die meisten Erwachsenen, die sie kannte. Weil Dumbledore immer noch versuchte, seinen Verstand wieder vom Boden aufzuklauben, fragte Minerva:

„Was tun wir jetzt?"

„Jetzt machen wir ein Brainstorming," sagte Hermione.

„Was ist das? Diesen Begriff habe ich noch nie gehört…" gab Minerva zu.

„Aber dieser Tisch ist so aufgestellt, dass ich fast sicher bin, dass ihr hier Brainstormings benutzt, um Probleme zu lösen. Das Prinzip ist eigentlich einfach: jeder sagt, was ihm zum Thema grade einfällt und irgendwann beginnen sich Lösungen zum Problem zu zeigen, weil alle durch die Ideen der anderen und ihrer eigenen zu weiteren Ideen gelangen."

Hermione stand auf und verzauberte eine Kreide, die dann an die Wandtafel schrieb. Sie erklärte:

„Hier sind die Details, die wir schon über die Gegenstände, aus denen Riddle Horcruxe gemacht hat, herausgefunden haben. Achtet darauf, wie er zu Beginn, wohl zum 'ausprobieren' einen eher zufällig gewählten Gegenstand gewählt hat, nämlich ein Muggeltagebuch, bei einem Händler in London gekauft. Wir sind sicher, dass er damit seinen ersten Horcrux gemacht hat. Das hat seine Seele in zwei Teile geteilt, die eine Hälfte ging in den Horcrux. Danach haben wir zwei Dinge, die eindeutig als Erbstücke eines Hogwarts-Mitgründers identifizierbar sind: das Medaillon von Salazar Slytherin und den Kelch von Helga Hufflepuff. Man kann davon ausgehen, dass der Horcrux in Harry ein Unfall war und in keinen Zusammenhang mit den anderen gestellt werden kann. Daher können wir ihn für unsere Forschung auch nicht einbeziehen. Ein weiterer Schlüssel in der Nachforschung sind jedoch die Personen, die er ermordet hat und mit deren Mord er die Horcruxe hergestellt hat. Schliesst ihr euch meiner Annahme an, dass er vermutlich in seinem fünften Jahr mit dem Mord an Myrtle das Tagebuch zu einem Horcrux verarbeitet hat? In der Kammer des Schreckens hat er nämlich vor Harry damit geprahlt, dass er sie mit sechzehn umgebracht hat."

"Ich kann mich dieser Annahme mit Sicherheit anschliessen, denn ich habe hier noch eine Erinnerung, die ich euch nicht gezeigt habe, weil sie entstellt ist. Sie ist von einem ehemaligen Professor, der 1979 in den Ruhestand ging, Horace Slughorn. Horace war während nahezu fünfzig Jahren Hauslehrer der Slytherins und Zaubertränkemeister. Er hatte ein gutes Verhältnis mit Tom Riddle. Tom stellte ihm eine sehr verräterische Frage, aber Horace hat die Erinnerung daran mit Absicht entstellt, vermutlich, weil er sich dafür schämte, Tom eine Antwort gegeben zu haben. Und auch, weil er sich bestimmt davor fürchtet, was Tom ihm antun könnte, wenn er erführe, dass Horace mir diese Erinnerung zur Verfügung gestellt hat. Jetzt, da wir Tom unten im Keller sichergestellt haben, könnte man ihn vielleicht davon überzeugen, uns die ungeschminkte Version zu geben. Wie auch immer, es ist die Erinnerung an eine Frage von Tom, in dessen sechsten Schuljahr. Ich vermute, dass er Horace gefragt hat, ob jemand mehr als einen Horcrux herstellen könne und vielleicht auch, wie viele möglich wären, bevor man davon stürbe, dass man zu viele hergestellt hatte. Ich nehme stark an, dass Horace sich dafür schämte, dass er eine solche Frage überhaupt mit einem Schüler diskutierte. Vielleicht war ihm auch klar, dass Tom fähig war, überhaupt einen herstellen zu können," führte Dumbledore aus.

"Das setzt Myrtle ganz oben auf die Liste und das Tagebuch dazu. Wir wissen weiter, dass er danach seinen Vater und seine Grosseltern ermordet hat, kaum, dass er Hogwarts 1944 verlassen hat. Wir wissen nicht, was für einen Gegenstand er benutzt haben könnte, aber es könnte das Medaillon gewesen sein, in dem demnach ein Viertel seiner Seele gesteckt hat. Wir wissen aus den Erinnerungen von Professor Dumbledore, dass er dessen wahrscheinlich habhaft wurde, als er gleich nach der Schule bei Borgin and Burke's gearbeitet hat. Also setzen wir die Riddles an die zweite Stelle, gleich nach Myrtle und dazu das Medaillon, mit einem Fragezeichen. Der nächste Mord war der an Madam Smith, dort hat er den Kelch entwendet und gleich vor Ort verwertet. Schliesslich wissen wir, dass er mit dem Mord an Bertha Jorkins seine Schlange Nagini zu einem Horcrux gemacht hat. Und von hier an tappen wir im Dunkeln. Wir wissen, dass es noch zwei Morde gegeben haben muss, aber wir wissen weder, an wem, noch womit er seine verbleibenden Horcruxe gemacht hat.

Dies ist der Punkt, an dem wir wieder zu möglichen Gegenständen zurückkehren, denn es ist wahrscheinlich einfacher, das Rätsel von dieser Seite her zu lösen. Einfacher jedenfalls, als von den möglichen Morden auf mögliche Horcruxe zu schliessen, obschon wir auch diesen Weg nicht auslassen sollten. Wir haben einen kleinen Ansatzpunkt - er hat allein zwei Artefakte benutzt, die klar als Erbstücke von Hogwarts-Gründern identifiziert wurden. Vom Professor wissen wir, dass er von den Gründern geradezu besessen war, vor allem Slytherin, von dem er ja in direkter Linie abstammte. Wir sollten also damit beginnen, alle noch verbliebenen Erbstücke der vier zusammenzubringen. Es besteht eine grosse Wahrscheinlichkeit, dass es darunter welche gibt, aus denen er Horcruxe gemacht hat."

"Gryffindors Schwert," sagte Harry sofort.

"Das - und der Sortierhut. Es sind die einzigen bekannten Erbstücke von Godric Gryffindor, die noch existieren, und die sind beide sicher hier in Hogwarts, in meinem Büro. Wir können sie überprüfen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass der Sortierhut noch wirklich sortieren würde, wenn Tom es geschafft hätte, aus ihm einen Horcrux zu machen," sagte Dumbledore und die anderen stimmten ihm alle zu.

"Ich hole sie aber später noch her. In diesem Moment sind aber drei Auroren dabei, das Gelände des Hauses von Voldemorts Grossvater zu untersuchen, auf dem ich einen weiteren Horcrux vermute. Ich weiss nicht, was es für ein Gegenstand ist, aber man kann annehmen, dass Sie das Medaillon streichen und mit diesem für den Mord seines Vaters und der Grosseltern ersetzen können, Hermione."

Hermione vermerkte die beiden Artefakte unter einer weiteren Kolonne, die sie mit 'mögliche Horcruxe' betitelte, dann löschte sie das Medaillon, schrieb 'unbekannter Gegenstand' an dessen stelle und setzte das Medaillon mit dem Vermerk 'unbekannter Mord' wieder auf die Tafel. Sie schaute sich unter den drei anwesenden Lehrern um. Flitwicks Stirn war leicht gerunzelt, aber er sagte dann:

"Von Rowena Ravenclaw ist nichts mehr greifbares übrig. Die beiden Gegenstände, von denen noch die Rede ist, sind mehr Mythen als Fakt: man spricht davon, dass Rowena ihren Zauberstab den Ollivanders vermacht hat und es stimmt, dass der Zauberstab im Schaufenster des Ladens eine Kopie davon ist. Ich gehe davon aus, dass das Original in Sicherheit gebracht worden ist, werde dem aber nachgehen. Der zweite Gegenstand ist noch sagenumwobener. Sie hatte nämlich ein Diadem, das angeblich jedem Weisheit verlieh, der es aufsetzte. Die Geschichte ist die, dass ihre Tochter Helena es entwendet hatte. Sie floh damit nach Albanien, doch der Mann, der um sie warb, folgte ihr dahin. Alles, was danach wirklich geschah, liegt im Dunkeln der Geschichte, denn die beiden Personen kamen in der Folge dort ums Leben. Das Diadem blieb verschwunden und niemand hat es seither je gesehen. Dies sind jedoch die einzigen klar definierbaren Erbstücke aus dem Hause Ravenclaw. Wir gehen von der Annahme aus, dass die Graue Dame der Geist von Helena Ravenclaw ist, doch wir können es nicht wissen, da sie nie spricht."

"Nehmen wir also an, dass ihr Zauberstab wahrscheinlich in Gringotts aufbewahrt ist, da hätte Voldemort schon einige Schwierigkeit gehabt, an ihn heranzukommen. Aber das Diadem ist von Interesse! Zu dumm, dass die Graue Dame nicht spricht…"

Doch die Graue Dame schien sie gehört zu haben und schwebte ins Konferenzzimmer. Sie erhob ihre Stimme, sanft und süss:

"Sie hat deshalb nie gesprochen, weil sie sich in Grund und Boden geschämt hat. Doch jetzt kann ich mich vielleicht nach Tausend Jahren rechtfertigen, da ich gehört habe, dass meine Geschichte Ihnen allen auf der Suche nach diesen schrecklichen Dingen helfen könnte."

"Erzählen Sie sie, Madam, wir werden Sie weder be- noch verurteilen, nur Ihnen zuhören," versprach Hermione und setzte sich wieder hin.

"Es ist keine grossartige Geschichte. Nur die Geschichte eines törichten Mädchens, das sich des Diadems der Mutter bedienen wollte, um deren Weisheit zu erlangen. Aber als ich es aufsetzte, kam mir keine Erleuchtung, im Gegenteil, ich konnte es nicht ertragen, dass es auf meinem Kopf sass. Vermutlich, weil mein Kopf nicht den Inhalt besass, den er benötigt hätte, um soviel Weisheit aufzunehmen. Doch weil ich das nicht konnte, wurde ich noch törichter, denn ich wollte nun nicht, dass irgendjemand sonst das Diadem haben sollte. Ich floh nach Albanien, wo ich das Schmuckstück in der Höhle eines Baumes verbarg."

"Albanien?" fragte Dumbledore und wollte ferner wissen: "Meine Liebe, haben Sie zu irgend einem Zeitpunkt jemals davon gesprochen?"

"Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich genau das getan habe, deshalb komme ich auch jetzt zu Ihnen. Ich weiss seinen Namen nicht mehr, aber er war ein hübscher, charmanter junger Slytherin. Wahrscheinlich war er wohl gerade nicht die Person, der ich es hätte sagen sollen. Es müssen so fünfzig Jahre vergangen sein. Er war ein Präfekt."

"Tom Riddle?" fragte Minerva.

"Ja, jetzt wo Sie's sagen, kommt's mir in den Sinn, genau das war sein Name. Sie haben diesen Namen jetzt schon mehrmals erwähnt. Ist aus ihm wirklich dieser schreckliche Lord Voldemort geworden?"

"Leider ja. Selbst, wenn er seinen Namen nur aus einem miesen Anagramm gebastelt hat," bestätigte Harry.

Hermione und Filius schauten beide hinüber zu Remus und die drei gescheitesten Leute im Raum nickten. Remus sagte:

"Ich halte es für durchaus möglich, dass Voldemort nach Albanien gereist ist und das Diadem geholt hat, nachdem er Hogwarts verliess. Wir brauchen gar nicht mal zu wissen, mit welchem Mord er den Horcrux daraus gemacht hat…"

"Das glaube ich auch. Vielen Dank, Madam Ravenclaw, Sie haben uns wirklich einen grossen Dienst erwiesen. Sie brauchen sich nicht zu schämen, darüber mit Tom Riddle gesprochen zu haben, denn er hat ganz viele Leute aufs Kreuz gelegt! Sie sind nur eines seiner unzähligen Opfer und Sie hatten Glück, dass Sie bereits ein Geist waren. Die Glücklichen wurden nur betrogen, die Pech hatten, hat er alle ermordet!" sagte Hermione.

"Danke! Vielen Dank! Sie benötigen mich nun wohl nicht mehr, oder?"

"Nein, vielen Dank! Aber Sie sind herzlich eingeladen, hierzubleiben."

Hermione erhob sich und studierte die beiden Ravenclaw-Artefakte auf Liste der möglichen Horcruxe.

"Sind wir uns einig, dass das Diadem der wahrscheinlichste Gegenstand ist, aus dem er noch einen Horcrux gemacht haben könnte? Es war verschwunden und er war die einzige lebende Mensch, der wusste, wo es sich befand? Er hat es geholt und seinen Horcrux draus gemacht und hat es dann wieder versteckt. Wo würde er das am besten tun? Warum nicht in Hogwarts, wenn er schon so besessen davon war? Ein Horcrux ist ein völlig unauffälliges Ding und nur wer weiss, dass ein Gegenstand einer ist, wird das wissen, sobald er ihn berührt."

"Ja, aber wann könnte er diesen Horcrux hier versteckt haben? Er war nur noch einmal hier und da hat ihm Professor Dumbledore ziemlich unmissverständlich klargemacht, dass er nicht willkommen ist, wie wir gesehen haben," warf Sirius vernünftigerweise ein.

"Das stimmt zwar, aber wir wissen nicht, wo im Haus er sich vor oder nach dem Gespräch befand. Er hatte genügend Zeit, etwas zu deponieren. In diesem riesigen Schloss gibt es eine Menge Ecken und Nischen, und er kannte es ziemlich gut, wie mir scheint."

"Hermione und Harry, erinnert ihr euch daran, wie ich am Abend des Yule-Balles erzählte, dass ich einmal in einem Raum gelandet bin, der voller Nachttöpfe war, als ich gerade dringend mal ein Badezimmer suchte?" setzte Dumbledore an.

"Ja…" sagten beide Teens.

"Oh, das muss der Raum gewesen sein, den sie als Raum der Wünsche bezeichnen!" rief Helena Ravenclaw. "Er ist so verzaubert, dass er immer das enthält, was man gerade braucht. Alles, was man tun muss, ist dreimal vor der leeren Wand auf und abzugehen und sich zu wünschen, wie der Raum aussehen soll. Dann erscheint eine Tür in der Wand und der Raum präsentiert sich genau so, wie gewünscht. Seit er im Jahr 1018 erstellt wurde haben ihn schon Hunderte von Schülern entdeckt. Ich glaube, er war eine Idee von Onkel Godric. Mum hatte immer den Verdacht, dass er sich darin mit nicht ganz koscheren Dingen beschäftigte. Er war ein etwas liederlicher Bursche, müsst ihr wissen."

"Oh, der Raum hat sogar einen Namen? Ich gebe zu, dass ich das nicht wusste," sagte Dumbledore. "Ich wusste nicht einmal, dass man ihn gezielt aufsuchen kann, ich dachte, es wäre ein Zufall gewesen."

Sie lachten alle über Helenas Geschichte und die beiden Rumtreiber grinsten.

"Klingt nach etwas, was wir eigentlich hätten finden müssen, Moony," meinte Sirius.

"Ja, zu schade, dass der uns nie untergekommen ist."

"Zum Glück! Ich glaube nicht, dass Hogwarts euch - oder noch schlimmer: Fred und George Weasley - überlebt hätte, mit solch einem mächtigen Zimmer in eurem Arsenal!" stöhnte Minerva.

Alle lachten.

"Ich meine es ernst! Ich darf gar nicht dran denken, was die kreativen Hirne dieser Rabauken in solch einer Umgebung alles hätten aushecken können!"

Durch das Gelächter durch erklang noch einmal Helenas Stimme:

"Es gibt etwas, was den Raum weit weniger gefährlich macht, Professor McGonagall - man kann nämlich nichts daraus entfernen, was der Raum hergestellt hat. Er liefert einem jedes Buch in der Bibliothek, aber man kann's nicht aus dem Raum tragen, ja, man kann es nicht einmal kopieren. Was immer sie also hätten aushecken können - wenn es etwas physisches gewesen wäre, dann wäre es da drin geblieben."

Sogar die Kobolde lachten nun mit. Doch die beiden Rumtreiber sahen gar nicht enttäuscht aus, sie hatten viel Spass an ihrem 'üblen' Ruf. Die Leute zum Lachen zu bringen war ja ihr wichtigster Auftrag im Leben! Als das Gelächter doch langsam ausklang, fragte Harry den Geist:

"Madam Ravenclaw, Sie sagten, dass man sich auf das konzentrieren müsste, was man in dem Raum benötigt, müssten wir also erraten, woran Riddle gedacht hat, als er eventuell seinen Horcrux dort versteckte?"

"Nicht unbedingt. Er hat sich bestimmt in der Eile nur einen Raum gewünscht, in dem sich etwas verstecken liesse."

"Und wo befindet sich dieser sagenhafte Raum?" fragte Minerva.

"Im siebten Stock."

"Im siebten Stock? Dort ist der Eingang zum Gryffindor-Turm," bemerkte Hermione.

"Und mein Büro - unterhalb des Westturms," fügte Filius bei.

"Ja, genau! Es ist auch nur um die Ecke beim Eingang zum Gryffindor-Turm. Ich bin sicher, dass Onkel Godric den Raum in seiner Nähe wollte. Es gibt ein Bild da, mit ein paar komischen Trollen in Tutus."

"Ach ja, jetzt weiss ich, wo…"

"Dort muss man dreimal an der Wand hin und her gehen."

"Ausgezeichnet, das versuchen wir gleich mal!" rief Dumbledore aus. Er war entzückt, dass man offenbar auf gutem Weg war.

Während dieser Besprechung war ihm langsam ein Licht aufgegangen. Er begriff, dass er während vieler Jahre des Schweigens und der Zurückhaltung zu diesem Thema keinen einzigen richtigen Schritt vorwärts gekommen war. Mit einigen intelligenten Leuten zusammen hatte man jetzt in wenigen Stunden weit mehr erreicht, als er mit all seinen Annahmen und Unsicherheiten in vielen Jahren. Er verstand, dass seine Angst dieses entsetzliche Wissen mit jemandem zu teilen, ihn ins Abseits geführt hatte. Er war erstaunt, was dieses Team jetzt schon alles mitgebracht hatte, und wie viel man gemeinsam vorwärts gekommen war. Neid war ihm ein Fremdwort und so betrachtete er die Fortschritte, die das Team jetziger und ehemaliger Schüler gemeinsam mit einem Kollegen und Gringotts-Leuten erreicht hatten ohne Missgunst. Schliesslich und endlich hatten sie alle das selbe Ziel: dieses grässliche Voldemort-Business ein für alle Mal zu erledigen und abzuhaken. Sie waren sich alle einig, dass das geschehen sollte, ohne irgendwelche Spuren zu hinterlassen. Nach dieser Sitzung war es ihm klar, dass er alleine niemals alles so erreicht hätte, wie seine jungen Freunde es gemeinsam getan hatten. Er hatte mit Erstaunen und Freude zugesehen, wie die junge Schülerin selbstbewusst ihre Ideen und Fakten präsentiert hatte.

"Ich glaube, dass wir tatsächlich davon ausgehen können, dass dieses Diadem unser nächster Horcrux ist. Gibt es noch weitere Artefakte, die bekannt sind? Vielleicht von Helga Hufflepuff oder Salazar Slytherin?" fragte Hermione.

"Ich kann es nicht mit Gewissheit sagen, aber wie ich eben schon sagte habe ich Hestia, Kingsley und Nymphadora den Auftrag gegeben, das Gelände der Hütte der Gaunts zu untersuchen, der Familie von Tom Riddle mütterlicherseits in Little Hangleton. Sie müssten eben grade dort sein. Es könnte eine gute Idee sein, uns ihnen dort anzuschliessen, sie könnten dort wohl etwas finden."

"Ausgezeichnet. Könnten Sie auch für uns den ehemaligen Zaubertränkemeister kontaktieren, Professor Dumbledore? Die Antwort, die er Riddle auf dessen Frage gegeben hat, könnte immer noch von grosser Wichtigkeit sein. Ausser, wenn Sie glauben, dass wir Voldemort einen Liter Veritaserum Einflössen können, damit er uns alles bestätigt, bevor wir ihn wegputzen…" fragte Hermione.

"Ich denke, ich kann es zumindest versuchen. Wir sollten auf jeden Fall beide Routen verfolgen."

"Gut. Was meint ihr, sollten wir Professor Dumbledore zu diesem Haus von den Gaunts begleiten? Ich bin sicher, dass uns das Diadem im Raum der Wünsche nicht davonlaufen wird."

"Von der Erinnerung, die wir vor kurzem gesehen haben, wäre es sicher gut, uns dahin zu begeben. Es könnte gut sein, dass Harrys spezielle Gabe hilfreich wäre, er ist ja ein Parselmund und mit den Gaunts haben wir's mit einer ganzen Familie von Parselmündern zu tun. Danke übrigens für die Übersetzung vorhin, Harry!"

"Bitte, gern geschehen. Interessant übrigens, dass ich das immer noch kann, nachdem der Horcrux weg ist."

"Da Sie diese Begabung nun einmal erworben haben, wird sie sicher nicht mehr verschwinden, aber ich zweifle, dass Sie sie einmal Ihren Kindern vererben werden, Harry."

Harry wurde rot und schaute Hermione an. Doch die strahlte nur und bemerkte:

"Und selbst wenn - dann werden wir das einfach als eine Fremdsprache betrachten! Vielleicht war das auch die Art, wie die Nachkommen in der Slytherin-Familie diese Begabung angesehen haben."

"Nach allem, was wir wissen, waren die frühen Generationen bei weitem nicht so schlimm wie die letzten paar. Also, dann mache ich uns einen Portschlüssel."

Dumbledore folgte dieser Ankündigung und stellte einen Portschlüssel her, dann erkundigte er sich bei den Kobolden:

"Möchten Sie unseren weiteren Aktivitäten ebenfalls beiwohnen, meine Herren?"

"Nein, danke, ich glaube, wir haben unseren Teil bereits erledigt und für den Moment befinden wir uns auf dem selben Wissensstand. Darf ich nur noch kurz das Wort an Miss Granger hier richten?"

"Selbstverständlich!"

"Miss Granger, sollten Sie sich jemals für eine Laufbahn in unserer Branche interessieren, dann möchte ich Sie doch bitten, sich direkt an mich zu wenden. Ich wäre sehr daran interessiert, Ihre Fähigkeiten in den Dienst unserer Bank stellen zu können. Dies nicht nur zum Vorteil der Bank, sondern wie ich meine, zum Vorteil der gesamten magischen Welt. Was ich heute von Ihnen gesehen habe, war nicht nur eindrücklich, vor allem im Hinblick auf die Tatsache, dass niemand von einem jungen Kobold Ihres Alters auch nur annähernd so viel Können erwarten würde. Wohl auch kaum von einem jungen Zauberer oder Hexe. Ich freue mich bereits darauf, Ihre Karriere mitzuverfolgen, ob sie nun innerhalb meines Hauses oder anderswo stattfinden wird. Aber ich könnte mir vorstellen, dass Sie innerhalb meines Hauses viele von Ihren Vorstellungen und Träumen verwirklichen könnten, denn in vieler Hinsicht ist Gringotts weit mehr als nur einfach eine Bank.

Es ist mir sehr wohl klar, dass viele die Kobolde auf einen einzigen Begriff reduzieren, nämlich den des Profits. Wir sehen aber noch weit mehr als monetären Profit. Mit einer Person Ihres Kalibers besteht viel Hoffnung für die magische Welt im Allgemeinen und Gringotts würde stolz darauf sein, Ihnen die Plattform zu bieten, auf dem Sie zur Mehrung des Profits aller innerhalb unserer magischen Welt beitragen könnten. Auch hier wiederum bei weitem nicht nur des monetären! Es war mir ein Vergnügen, Sie kennenzulernen, Miss Granger."

Alle Erwachsenen im Raum waren sprachlos. Bill schaute Hermione mit noch grösserem Respekt an, denn er war wahrscheinlich derjenige unter den Erwachsenen, der am genauesten wusste, welche Ehre dem Mädchen hier zuteil geworden war. Doch Hermione blieb wie immer bescheiden und antwortete:

„Danke, Direktor Ragnok, ich werde mich an Ihre freundlichen Worte erinnern und vielleicht darauf zurückkommen. Ich habe vermutlich einige politische Vorstellungen, die sich mit den Ihren decken könnten. Wenn in der Zukunft eine Möglichkeit bestehen sollte, Ihr Interesse an meiner Mitarbeit mit meinem Interesse an Ihrer Unterstützung kombinieren zu können, dann wäre das perfekt."

Noch einmal erstaunte Ragnok alle im Raum, als der der Kleinen vor ihm zuzwinkerte.

„Ich meine, dass diese Möglichkeit tatsächlich besteht. Gut gesagt, Miss Granger. Ich wünsche Ihnen alles Gute in ihrer weiteren Ausbildung. Ich entbiete Ihnen allen meinen Gruss, meine Damen und Herren, und danke für einen äusserst aufschlussreichen und unterhaltsamen Nachmittag."

Ragnok und Bloodaxe verliessen Hogwarts. Dumbledore sah Hermione ebenfalls mit neuem Respekt an. Er hatte bereits grosse Achtung vor ihren Fähigkeiten, genauso wie er einst Lily Evans geachtet hatte. Seit Jahren war er bereits der Überzeugung, dass ihr Selbstopfer mehr als unnötig gewesen war, und er gab sich selber die Schuld dafür, es herbeigeführt zu haben. Er folgte Hermiones Blick zu Harry hinüber und begriff, dass es zwischen den beiden offenbar zu einem neuen Verhältnis gekommen war. Dann stutzte er. Nicht über andere, sonder über sich selber. Es war noch keine Woche her, seit die Sommerferien begonnen hatten, aber bereits hatten diese beiden so viel erreicht, wie er in Jahrzehnten nicht. Die magische Welt in Britannien würde nie wissen, was sie diesem Paar da vor ihm wirklich zu verdanken hatte, aber er nahm sich fest vor, es niemals zu vergessen. Er betrachtete sich Harrys Gesicht noch für einen Moment und stellte fest, dass die Wahl des jungen Mannes für eine Partnerin bereits getroffen war. Dumbledore kannte die Gewohnheiten der Potter-Männer gut genug um zu wissen, dass die meisten davon sich nur einmal verliebten – und stets in die Richtige. Sie neigten allesamt dazu, die Richtige auch schon früh zu finden. Und nicht nur die Männer der Familie, auch die Frauen hatten diese Fähigkeit. Wenn Charlus Potters Grosstante Carola nicht früh verstorben wäre… wer weiss, vielleicht hätte er dann heute selber eigene Nachkommen.

„Der Portschlüssel wird aktiviert, sobald wir bereit sind. Darf ich Sie bitten, alle herzukommen, und ihn zu berühren? Es ist ein wunderbar warmer Tag, ich glaube nicht, dass wir irgendwelche zusätzliche Kleidung benötigen werden."

Sie versammelten sich um alten Professor und berührten die Kerze, die als Portschlüssel diente. Remus schaffte es gerade noch, Harry und Hermione zu sagen:

„Macht in der Luft ein paar Gehbewegungen, dann bleibt ihr nach der Landung auf den Beinen."

Beide Teens waren ihm sehr dankbar für die Instruktion und wirklich, sie blieben dank den Gehbewegungen in der Luft bei der Landung aufrecht stehen, nicht wie bei ihrer Ankunft am Austragungsort der Quidditch-Weltmeisterschaft.

„Mr. Weasley hätte uns das auch sagen können, was meinst du, Hermione?"

„Ja, aber das könnte auch ein kleiner Streich gewesen sein, wer weiss? Nicht mal Gred und Forge haben's gewusst."

„Stimmt. Und sie müssen's ja von irgendwoher haben, die beiden, nicht wahr?"

„Genau."

Als sie sich auf den Weg zur Gaunt-Hütte machten, meinte Sirius:

„Sie könnten diese Gene auch von der Seite ihrer Mutter haben. Ihre beiden jüngeren Brüder waren Zoll für Zoll so schlimm wie wir Rumtreiber."

„Stimmt! Und sie hatten das Terrain in Hogwarts perfekt für die Rumtreiber vorbereitet," fügte Remus hinzu.

Dumbledore musste auch lächeln. Er erinnerte sich sehr gut an die beiden Prewett-Brüder Fabian und Gideon. Er hatte schon oft gedacht, dass die Weasley-Zwillinge wahrscheinlich einiges von ihnen geerbt haben mussten, selbst wenn sie die beiden nie gekannt hatten.

„Wisst ihr, dass Mum niemals von den beiden spricht? Oder wenn, dann nur um zu sagen, dass sie ihren Tod nie überwunden hat. Wir haben alle keine Ahnung, wie sie waren, aber wenn ihr Geschichten über sie habt, dann würde ich die zu gerne hören," warf Bill ein.

„Wir haben einige! Wir haben sie im Orden kennengelernt. Die Todesser haben sie gefürchtet! Es brauchte einen Hinterhalt von fünf von ihnen, um Giddy und Fab zu erledigen. Die beiden waren wirklich grossartig. Sie waren zwar wahrscheinlich für einiges am üblen Temperament eurer Mutter verantwortlich, denn ich erinnere mich daran, dass sie uns erzählten, dass sie sie des Öfteren arg aufzogen und neckten. Ich kannte eure Mutter vorher nicht persönlich, nur euren Vater. Er ist entfernt mit den Blacks verwandt."

„Sehr weit entfernt, hoffe ich! Nichts gegen dich, aber die meisten deiner Verwandten möchte ich nicht meine Verwandten nennen müssen!"

Sirius lachte und gab zu:

„Ich gebe dir da vollkommen recht und danke dir, mich nicht da hineingemischt zu haben. Es gab einige anständige unter ihnen, aber der grösste Teil ist einfach grässlich. Zum Glück ist der grösste Teil auch schon unter der Erde. Allerdings sind wir nicht so sehr weit entfernt verwandt. Meine Grosstante Cedrella hat deinen Grossvater Septimus geheiratet. Dafür hat man sie aus der Familie geschmissen. Na ja, aus dem Wandteppich mit dem Familienstammbaum gebrannt. Vermutlich von meiner Mutter, die hatte diese üble Angewohnheit."

„Ah! Daher kommt es, dass Tante Muriel solch ein Drachen ist. Man würde es kaum glauben, dass sie die Schwester meines Vaters ist!"

Sirius lachte.

„Ja, das sitzt in den Genen, vermute ich. Die meisten von ihnen waren von innen heraus verrottet. Mit Ausnahmen: James' Mum war auch eine Grosstante von mir und sie war super lieb. Ich vermisse sie ebenso wie ich James vermisse. Sie war weit mehr meine Mum als ihre Nichte. Ohne Tante Dorea hätte ich es nie geschafft. Sie und mein Onkel Alphard, ein Bruder meiner Mutter, das waren die wenigen Guten, die es in meiner Familie gibt. Und meine Cousine Andromeda natürlich. Interessanterweise haben sie übrigens Dorea nie vom Familienstammbaum entfernt. Du bist übrigens auch mütterlicherseits mit mir verwandt: deine Grossmutter Lucretia war meine Tante väterlicherseits."

Für weitere Diskussionen über Verwandtschaftsverhältnisse blieb aber keine Zeit, denn jetzt erreichte man den Zielort, das Ende eines zerklüfteten kleinen Wegs, an dessen verlotterten Ende sie zwei Hexen und einen Zauberer in voller Angriffsbereitschaft antrafen. Dumbledore rief:

„Ich bin's, Kingsley, alles in Ordnung! Ich bringe Verstärkung mit!"

Sie erreichten die drei Auroren, die sichtbar erleichtert aufatmeten.

„Gut, Sie zu sehen, Herr Professor, wir waren nahe daran, aufzugeben. Wir können uns dem Gebäude nicht ohne grosse Gefahr nähern, soviel haben wir einzig feststellen können," erklärte Kingsley.

„Wir haben die mögliche Lösung hier. Kennt ihr euch schon alle? Wenn nicht, dann stelle ich euch Harry Potter und Hermione Granger vor. Sie haben uns soeben darüber informiert, was sie bereits über die Sache herausgefunden haben. Es sieht so aus, als ob wir es nur noch mit zwei verbleibenden Horcruxen zu tun haben, denn ihnen ist es gelungen, in Gringotts drei davon aufzustöbern und mit Hilfe der Kobolde zu zerstören."

„Wow! Wie viele dachten Sie, dass er hergestellt haben könnte? Fünf oder sechs?"

„Er ist wohl übers Ziel von sieben hinausgeschossen – das Tagebuch und die Schlange waren bereits weg, in Gringotts kamen drei dazu, einer davon entstand vermutlich versehentlich. Voldemort wusste nichts davon, deshalb hat er in aller Eile noch einen gemacht, als er wieder fähig war, selbst zu zaubern. Das war die Schlange. Bleiben also noch zwei seiner vorherigen. Wir haben bereits eine gute Ahnung, wo der andere sein könnte, nun hoffen wir, hier doch noch einen finden zu können."

„Oh, hier ist einer, das haben wir schon erkennen können. Wir kommen nur nicht nahe an diese verflixte Hütte heran. Sie wird durch irgendetwas beschützt, was wir nicht mal erkennen können. Wir erhalten völlig irre Resultate auf unsere Diagnostikzauber. Ich bin sehr froh, dass dieses Gebäude so abseits der üblichen Wege steht, dass hier noch niemand aus Versehen drübergestolpert ist, der nicht wirklich danach gesucht hat. Ich bin ziemlich sicher, dass uns was ziemlich Übles erwarten würde, wenn wir zu nahe dran kämen," erklärte Hestia.

„Da die Gaunts dafür bekannt waren, allesamt Parselmünder zu sein, könnte ich mir vorstellen, dass es damit zu tun hat. Sie haben die Gabe von einer Generation zur nächsten vererbt und Voldemort hat sie auch. Und sie hatten die Gewohnheit, sie für fast alles zu verwenden, auch für ihre Zauber," gab Harry zu Protokoll.

„Wir brauchen einen Parselmund?" fragte Hestia entsetzt. „Na dann gute Nacht! Nun kommen wir nie in die Nähe!"

„Du kannst dich beruhigen, Hestia, denn als Voldemort Harry zu töten versuchte, hinterliess er ihm auch die Gabe der Schlangensprache. Harry wird hier unsere Hilfe sein."

Dumbledore wandte sich an Harry:

„Harry, ich übernehme die Verantwortung darüber, was Sie bis zum Erreichen deines siebzehnten Altersjahres tun und angesichts der Tatsache, dass Sie zu einem grossen Teil mit dabei sind, Voldemort zu besiegen erlaube ich es mir, die Jugendspur von Ihrem Zauberstab zu entfernen. Niemand wird mir Bevorzugung vorwerfen, wenn sie gleichzeitig von Ihnen erwarten, dass Sie uns von Voldemorts Übel befreien sollen. Wären Sie so freundlich, mir Ihren Zauberstab hinzuhalten?"

„Hier ist er, Sir."

Dumbledore berührte Harrys Zauberstab mit seinem eigenen und sprach im Kopf die Worte, mit denen die Jugendspur entfernt wurde. Ein kleiner Lichtblitz, der von Harrys Zauberstab ausging, teilte Dumbledore mit, dass der Zauber gelungen war.

„Ich weiss, dass Sie das Privileg nicht strapazieren werden, auch Ihren Zauberstab, bitte, Miss Granger!"

Sie hielt ihm ihren Zauberstab hin und sah zu, wie die Jugendspur auch von ihm entfernt wurde. Sie versprach, das Privileg nicht zu missbrauchen.

„Meine Eltern werden erleichtert sein, endlich einmal zu sehen, was ich in der Schule so lerne, nicht nur davon hören. Sie nehmen nämlich grossen Anteil an meiner Bildung."

„Ausgezeichnet. Also, dann lasst uns mal hören, was ihr schon herausgefunden habt, Kingsley, Hestia und Nymphadora."

Tonks stöhnte ob der Nennung ihres richtigen Namens, aber die drei berichteten von ihren bisher nahezu fruchtlosen Untersuchungen. Harry hörte gut zu und fragte dann:

„Glauben Sie es könnte helfen, wenn ich ihre Diagnosezauber in Parsel spräche, Professor?"

„Schaden kann es auf alle Fälle nicht, legen Sie nur gleich los!"

„Gut. Bis hierher kommen wir, näher kommen wir nicht an die Hütte heran, Harry," sagte Hestia und fügte dann hinzu: „Oh, tut mir leid, ich darf Sie doch Harry nennen, nicht wahr?"

„Ich habe nichts dagegen, Madam."

„Dann müssen Sie mich Hestia nennen! Ich könnte Ihnen gelegentlich einige Geschichten über ihre Mum erzählen, wir waren gut befreundet."

„Dieses Angebot nehme ich gerne an, Hestia. Dürfen wir Sie in den nächsten Tagen mal zum Abendessen einladen?"

„Aber sehr gerne!"

„Super! Aber dann wollen wir mal – Können Sie mir die Zauber zeigen, die Sie verwendet haben? Ich versuch's dann mal…"

Kingsley und Hestia unterwiesen ihn in den diversen Zaubern und mit einem von ihnen bekam er ein so scharfes Resultat, dass er ein paar Schritte zurücktreten musste. Er starrte mit offenem Mund auf den Haufen vor ihm, der die Hütte darstellte.

„Professor, dieser Haufen hier sieht für mich jetzt genauso aus, wie das Haus beim Besuch von Ogden aussah. Nicht grade eine komplette Ruine, aber auf gutem Weg dahin…"

„Ah! Eine künstliche Illusion in diesem Fall."

Dumbledore zeigte Harry einige weitere Zauber, die ihm über die Schwelle des Hauses helfen könnten und einer davon sprach auf Parsel an. Hermione notierte die erfolgreichen Zauber alle in einem Notizbuch, das sie bei sich führte. Flitwick und Bill halfen ihr dabei. Remus und Dumbledore fütterten Harry inzwischen mit weiteren möglichen Zaubern, die Harry dabei helfen sollten, das Gebäude zu öffnen und zu sichern. Schliesslich fiel zunächst die Illusion zusammen, dann die Barriere, die sie am Betreten der Hütte hinderte. Sie konnten sich ihr nun nähern. Dumbledore erinnerte Harry:

„Ich könnte mir vorstellen, dass es der Ring sein könnte, den Marvolo Gaunt Bob Ogden gezeigt hat. Erinnern Sie sich, wie er aussah?"

„Ja, er hatte ein Wappen drauf. Goldring mit schwarzem Stein."

„Stimmt, das hatte er."

„Es war ein goldener Ring mit einem schwarzen Stein – fast so wie ein Siegelring."

„Genau wie ein Siegelring, Harry. Versuchen Sie mal die direkteste Methode."

Accio Peverells Siegelring!" zischte Harry.

Es funktionierte wie beim Kelch von Helga Hufflepuff – der Ring kam aus der Hütte geflogen wie von einer Pistole abgefeuert. Mit seinen Reflexen als Sucher wollte Harry ihn auffangen, aber Kingsley hielt seine Hand fest.

„Lieber nicht, ehe wir ihn auf weitere Schutzzauber geprüft haben, Harry!" sagte er.

„Oh ja, das ist wohl wahr!"

Kingsley zog dicke Handschuhe aus der Tasche und reichte sie Harry.

„Hier, ziehen Sie die hier an und zitieren Sie den Ring nochmal her."

Harry wiederholte seinen Zauber und fing den Ring mit den jetzt geschützten Händen auf. Plötzlich war Dumbledore da, der von dem Ring magisch angezogen wurde, und versuchte, ihn zu nehmen, doch Kingsley war bereit und zog ihn heftig zurück. Dumbledore zitterte und sah aus, als ob der Ring das Einzige wäre, was er in seinem Leben noch in seinen Besitz bringen wollte.

„Albus?"

„Ich muss weg von hier, Kingsley, dieser Ring ist wirklich ein Horcrux! Könnt ihr nicht auch alle fühlen, wie er einen anzieht und zu zwingen versucht…?"

„…so als ob man ihn unbedingt auf den Finger stecken wollte? Ziemlich teuflisch!" fragte Minerva, die auch zitterte.

Kingsley und Hestia führten die beiden weg. Sirius und Harry fühlten keinen Zwang, den Ring anzuziehen, was sie wunderte, daher bot Sirius sich an, das Schwert, welches ihnen die Kobolde leihweise dagelassen hatten, zu holen. Er verschwand und war wenige Minuten später damit wieder zur Stelle. Harry legte den Ring erst dann wieder hin, nachdem Kingsley und Hestia diejenigen unter ihnen, die am meisten unter dem Zwang zu leiden hatten, fixiert hatten. Es brauchte nicht viel, Sirius zerstörte den Ring mit der Spitze des Schwertes. Sie hörten dem inzwischen sattsam bekannten Geschrei zu, bis es verklang. Sirius und Remus konnten danach den Zwangszauber auf dem Ring auch noch entfernen, der die Menschen in ihrer Umgebung davon zu überzeugen versuchte, dass sie diesen Ring unbedingt tragen wollten. Kingsley befreite die ‚Gefangenen'.

Dumbledore holte tief Luft. Er schaute sich den Ring an, den Harry nun problemlos wieder flicken konnte. Der Junge steckte den Ring in seine Tasche und fragte:

„Ist an dem Ring noch etwas Bestimmtes dran, ausser dass er ein Erbstück von Salazar Slytherin war, Professor?"

„Ja, aber der Welt würde man keinen Gefallen tun, wenn man sagt, was. Er hat mich am Meisten betroffen, weil ich eine offenstehende Rechnung mit einer lange verstorbenen Verwandten habe, die mich nie losgelassen hat, seit sie starb. Das ist alles, was ich darüber sagen werde. Behalte ihn als ein Erinnerungsstück, Harry. Da du ein direkter Abkömmling der Peverell-Familie bist, hast du darauf den gleichen Anspruch wie Voldemort. Obwohl dein Vorfahre ein Bruder von seinem war."

„Von denen sind in Godric's Hollow eine ganze Menge begraben," bemerkte Remus.

„Ja, das stimmt, Remus. Lasst uns nach Hogwarts zurückkehren. Wir haben, was wir von hier brauchen."

„Professor, bedeutet das, dass ich doch auch von Salazar Slytherin abstamme?" fragte Harry plötzlich.

„Ja, Harry, das bedeutet es tatsächlich. Aber weisst du, das tun auch ganz viele andere. Wenn eine Familie nicht ausstirbt, dann funktioniert es nach dem Schneeballprinzip. Direkt oder indirekt gibt es ganz viele, die ihre Abstammung auf einen der vier Gründer von Hogwarts zurückführen können. Je weiter du zurückgehst in der Geschichte, desto mehr gemeinsame Vorfahren mit anderen Leuten wirst du finden. Ich würde mir darauf nichts einbilden," erklärte Dumbledore lächelnd.

Harry begann zu lachen.

„All diese Sorgen in meinem zweiten Schuljahr, wenn ich bloss hätte darauf hinweisen müssen, dass auch ganz viele andere Slytherin-Erben da sind? Ich kann gar nicht glauben, dass ich mir das angetan habe…" sagte er.

Hermione folgte ihm aber nicht in seinem Gelächter. Sie behielt es für sich selbst, aber sie konnte nicht umhin zu denken, um wie vieles Dumbledore es Harry hätte leichter machen können, wenn er das nur schon damals erwähnt hätte, und es wäre wohl auch sehr hilfreich gewesen, hätte er es der ganzen Schule ebenfalls mitgeteilt.

Sie nahmen alle den Portschlüssel wieder zurück nach Hogwarts, den Dumbledore aktivierte, sobald sie ihn alle berührten. Als sie das Konferenzzimmer erreichten, sah Minerva auf die Uhr und stellte fest:

„Noch ein kleines Abenteuer vor dem Abendessen? Ich lade euch alle zum Abendessen ein, um uns von diesem Abenteuer zu erholen."

„Ich meine, dass wir diesen letzten auch noch angehen – wenn es denn der letzte ist. Glaubt ihr, dass Voldie sich gleich zu Tode ärgert, wenn wir ihm sagen, dass wir seine sorgfältig verborgenen Horcruxe alle innerhalb einer Woche gefunden und entschärft haben?" fragte Hermione und grinste.

„Und wie! Können wir's unter seine nicht existierende Nase reiben, Herr Professor? Und dann möchte ich sehen, dass er wie ein räudiger Hund getötet wird…" sagte Harry.

„Wir werden sehen, wie er noch beisammen ist. Wenn dies hier der letzte Horcrux ist, dann bin ich sehr versucht, dir den Spass zu lassen. Ich denke, dass du einen guten verbalen Schuss auf ihn verdienst, danach wird's nicht mehr benötigen als einen Reducto, um ihn fertigzumachen, und das bekommt jeder Erstklässler schon hin," versprach Dumbledore.

Sirius staunte, dass Dumbledore Harry so viel erlauben wollte, aber er warf erst mal ein:

„Fudge wollte dabei sein, Albus!"

„Oh, das kann er, kein Problem. Aber bevor wir ihn dazu lassen, werden wir testen, ob wir wirklich alle von diesen Dingern haben."

„Wir können den Test ja für Fudge noch einmal wiederholen. Dann würde er uns auf alle Fälle vertrauen," schlug Hermione vor.

„Das ist ein ausgezeichneter Vorschlag, Miss Granger!"

Die ganze Gruppe, nun noch durch die drei Auroren vergrössert, bewegte sich zum siebten Stock, wo sie vor der Wand auf und ab gingen und verschiedene Phrasen ausprobierten, damit sie danach den selben Raum erhalten würden, in dem Voldemort seinen Horcrux versteckt hatte. Es war Hermione, die schliesslich die richtigen Worte fand:

„Ich brauche den Ort, an dem alles versteckt ist," murmelte sie, während sie vor der Wand auf und ab ging.

Die Tür erschien und als sie ihren Kopf hineinsteckte, rief sie aus:

„Das hier muss es sein! Schaut euch bloss all das Zeug hier drin an!"

Die anderen folgten ihr in den Raum und starrten! Auch Hermione, die ebenso voller Staunen das Sammelsurium an ‚verborgenen' Gegenständen ansah.

„Was man hier alles finden könnte! Jahrhunderte voller Dinge, die jemand verstecken wollte und dann wahrscheinlich einfach vergass."

„Ja, aber erst mal suchen wir ein Diadem!"

Sie versuchten es erneut mit einem Accio Zauber, aber diesmal ohne Erfolg. Offenbar war das Diadem dagegen geschützt worden. Sie teilten sich in kleine Gruppen von zwei oder drei Personen auf. Remus begleitete Harry und Hermione.

„Wer fündig wird, schickt rote Funken für die anderen oder eine Patronus-Nachricht, in Ordnung?" sagte Dumbledore, bevor auch er sich in diesen Dschungel aufmachte.

„Machen wir!"

Jede Gruppe machte sich in eine andere Richtung auf. Nach einer guten Stunde Suchen stiessen Hermione und Harry schliesslich auf das Schmuckstück. Remus sandte die Funken, bis alle anderen sie gefunden hatten. Kingsley sprach den Diagnosezauber.

„Das ist der Horcrux! Sirius, das Schwert, bitte! Ich würde gerne eines dieser schrecklichen Dinger selber zerstören. Ich weiss, kindischer Wunsch nach Rache, aber der Schweinehund hat meine Eltern ermordet!" sagte Harry.

Ohne weitere Diskussion händigte Sirius das Schwert aus. Weitere zwei Sekunden und ein dezidierter Schlag später hörten sie das sattsam bekannte Geschrei des sterbenden Horcrux zum, wie sie hofften, letzten Mal. Hermione hob das halbierte Diadem auf, reparierte es und überreichte es Filius Flitwick.

„Hier, Herr Professor, ich finde, dass es zurück in den Ravenclaw-Turm gehen sollte, wo es hingehört."

„Möchten Sie es nicht vorher aufsetzen, Miss Granger?" fragte der winzige Professor.

Sie sah das Diadem mit Verlangen an, dachte Harry. Dann sah sie sich in der Runde um, als wollte sie alle anderen um ihre Ansicht fragen. Dumbledore und McGonagall nickten, also hob Hermione das Juwel langsam an und setzte es sich auf den Kopf. Nur, um es fünf Sekunden später mit einem Lächeln und einem „Oh!" wieder wegzuziehen.

„Nun?"

„Es sagte: die grösste Weisheit erreichst du, wenn du dieses Diadem wieder weglegst. Stimmt wohl. Weisheit ist die Summe der Erfahrungen und des Gelernten und der Anwendung des Gelernten und Erfahrenen. Von so einem Gegenstand kann keine echte Weisheit erlangt werden."

„Sie sind aber bereits weise über Ihre Jahre hinaus, Miss Granger. Vielen Dank, dass Sie dieses Juwel für Ravenclaw repariert haben. Wir werden es ins Trophäenzimmer bringen, damit alle es sehen, aber keiner es benutzen kann," sagte Flitwick.

„Und ihr beiden werdet auf jeden Fall eine Medaille für besondere Verdienste gegenüber der Schule erhalten. Diejenige von Tom Riddle wird nicht nur leise verschwinden, sondern mit lautstarker Erklärung aus dem Trophäenzimmer geschmissen und zerstört! Seine Würdigung wird aus den Annalen gestrichen!" versprach Minerva.

„Nun, dann bleibt uns nur noch eine unangenehme Sache und dafür werden wir uns ins Herz von Hogwarts begeben müssen," sagte Dumbledore.

Sie fanden ihren Weg wieder aus dem Raum der Wünsche und liessen all die versteckten ‚Schätze' hinter sich. Sie folgten Albus ins Herz von Hogwarts, wo er sie vor sich her eintreten liess. Wie schon einmal in der Nacht nach der dritten Aufgabe erklärte er:

„Ich bin die einzige Person, die hier zaubern kann. Dies ist ein Teil von Hogwarts, der nur dem oder der jeweils aktiven Schulleiter oder Schulleiterin gestattet, Magie zu verwenden. Es können beliebig viele andere hier hereinkommen, aber nur meine magische Signatur wird hier erkannt und toleriert. Daher empfehle ich euch, eure Zauberstäbe alle wegzustecken, bis wir wieder hinausgehen."

Das taten denn auch alle, bevor sie sich zu der Zelle aufmachten, in der Dumbledore Voldemort aufbewahrte. Als sie eintraten, bemerkten sie alle, wie der Homunkulus bocksteif auf dem schmalen Brett lag, das als Bettgestell an der Wand hing. Dumbledore weckte ihn auf und sofort begann das Ding in den höchsten Tönen wütend an zu kreischen. Und dann entdeckte Voldemort das Diadem und aus dem Kreischen wurde ein Schreien. Harry grinste.

„Du dachtest wohl, dass du besonders schlau bist, was, Tom?"

„Nenne mich nicht bei diesem Namen! Wo hast du das her?"

„Wir haben nicht nur dieses, Tom, wir haben sie alle. Wir haben deine sämtlichen Horcruxe gefunden und zerstört. Das Tagebuch habe ich in meinem zweiten Schuljahr aus der Welt geschafft. Slytherins Medaillon, welches Sirius' Bruder von wo immer du's versteckt hast geklaut hat, haben wir gefunden und zerschlagen. Regulus wollte lieber sterben, als dass du deinen Horcrux behalten konntest, wusstest du das? Und dann den Pokal, der einst Helga Hufflepuff gehört hat…"

Harry hielt inne, um Voldemorts Reaktion zu testen. Der war mit jedem genannten Gegenstand ein bisschen mehr in sich zusammengesunken, aber als Harry innehielt, huschte Erleichterung über die scheussliche Fratze. Harry grinste.

„Ach ja, wir sollten nicht Slytherins Ring vergessen, der über die Peverell-Familie vererbt wurde, und diese Schlange, wie hiess sie doch schon nur? Ach ja, Nagini, nicht wahr? Nun, die habe ich zusammen mit Cedric gleich an Ort und Stelle zur Strecke gebracht, wo du uns hin verschleppt hattest. Es war keine gute Idee, einen Horcrux in einem Lebewesen zu verbergen, denn das konnte man nun wirklich ohne Probleme umbringen."

Das schleimige Ding vor ihnen wusste nun, dass kein Überleben mehr möglich war. Dumbledore wusste, dass Voldemort keine Ahnung davon hatte, dass auch in Harry ein Fragment seiner Seele zurückgeblieben war, ihm war ebenso klar, dass Voldemort begriffen hatte, dass sein Spiel ausgespielt war.

„Du hattest keine Ahnung davon, dass ich selber einer deiner Horcruxe war, nicht wahr, Tom? Es war gewiss nicht dein Plan, aber in meiner Fluchnarbe steckte auch eines dieser scheusslichen Dinger. Es hat aber nicht gereicht, aus mir etwas so Grässliches wie dich selber zu machen, Tom, und die Kobolde bei Gringotts waren so freundlich, es zu entfernen. Wir konnten es anschliessend zerstören. Das war's und du bist erledigt. Du kannst schon mal dem Tod in die Augen schauen, Tom, wir warten nur noch darauf, dass der Minister eintrifft, damit wir dich in die Hölle senden können, wo du hingehörst."

„Du willst mich ermorden? Das hast du nicht in dir, Potter!" kreischte Voldemort.

„Oh, du wirst feststellen, dass ich es sehr wohl in mir habe, Tom. Schliesslich hast du auch meine Eltern umgebracht, da ist mehr als genug Wut in mir, dass ich keine Skrupel haben werde, als Scharfrichter zu fungieren. Aber dieser Teil meiner Gefühlswelt wird es nicht sein, der dich umbringen wird, Tom, es wird die Liebe und Achtung sein, die ich für meine Mitmenschen, und ganz besonders für meine Lieben empfinde, die dein Ende herbeiführen werden. Sie werden endlich aufatmen können, dass diese Pestbeule aus der Welt geschafft wurde. Ausserdem, das was du jetzt grade noch bist, ist eh nichts Besseres als Ungeziefer. Das wird nicht viel anders sein, als eine lästige Mücke zu zertreten."

„Wenn du mich umbringst, werden alle diejenigen sterben, die mein Mal tragen," drohte Voldemort.

„Da überschätzt du bestimmt deine eigene Macht, Moldieshorts, soweit wird's wohl kaum kommen," bemerkte Sirius.

„Ausserdem – und wenn schon! Todesser mit deinem Mal? Du willst mich doch wohl nicht allen Ernstes glauben machen, dass das ein Verlust für die Welt wäre, wenn diese Mordbuben auf einen Schlag in die Hölle fahren? Würde uns nur aufzeigen, wer alles einer deiner Bande von Mördern und Verbrecher war. Ich kann ja verstehen, dass du es genossen hast, wenn all diese stolzen Reinblüter vor dir im Staub krochen, wo du doch selber auch bloss so ein Halbblut wie ich bist, schlimmer noch, denn dein Vater war ein Muggel und deine Mutter konnte man kaum eine Hexe nennen, viel mehr war sie eine total degenerierte Squib. Bisschen verlogen von dir, meinst du nicht? Aber es muss schon sehr befriedigend gewesen sein, sie so vor dir am Boden zu sehen…"

Voldemort war zu intelligent, um diese Tirade mit einer Bemerkung zu würdigen, er begriff, dass es aus war. Ohne Zauberstab und in dieser äusserst fragilen Form hatte er keine Macht, sein Schicksal noch einmal selber zu bestimmen. Er war nicht besser als ein Neugeborenes und so streckte ihn Dumbledore wieder mit einer Ganzkörperklammer fest.

„Das war's, Tom. Du hast noch genau so lange zu leben, bis der Minister eintrifft, danach werden wir dich töten."

Tom Riddle hatte Angst. Er wusste, dass sein Ende nahte. Er konnte sich nicht befreien, er konnte in dieser Umgebung nicht einmal zaubern (er hatte es natürlich schon versucht, aber bald festgestellt, dass es unmöglich war) und er hatte keine Möglichkeit, sich in dieser Form selber zu ernähren. Wenn er das Ritual nicht in den allernächsten Tagen ausführen konnte, dann würde er auch so verenden, doch das sagte er seinen Feinden natürlich nicht. Er konnte nicht einmal verlegen die Augen schliessen, denn Dumbledores Ganzkörperklammer war viel zu stark für ihn. Voldemort konnte sehen, hören, riechen, aber nicht sprechen und schon gar nicht zaubern. Er resignierte. All seine Ränke waren zunichte. Aus der Reaktion der anderen auf seine eigene Reaktion konnte er spielend entnehmen, dass sie nun wussten, dass sie alle Horcruxe gefunden und vernichtet hatten. Er war schon jetzt sehr schwach und hoffte nun, dass ihn die Ganzkörperklammer sterben liess, bevor sie ihn umbrachten.

Das Team kehrte wieder in die Grosse Halle zurück, von wo Dumbledore zufrieden durch Fawkes einen Brief mit der Bitte, nach Hogwarts zu kommen an Fudge absandte. Er lud den Minister ein, sich ihnen zum Abendessen anzuschliessen, um danach dem grössten Übel des Jahrhunderts ein Ende zu bereiten. Sie hatten sich noch kaum an den Tisch gesetzt, als der Minister auch schon in die Grosse Halle gewatschelt kam und ausser Atem fragte:

„Stimmt es wirklich? Wir können diesem Monstrum da unten im Keller ein Ende setzen?"

„Ja, es stimmt wirklich. Was von Tom Riddle noch übrig ist, könnte von einem Erstklässler erledigt werden," sagte Albus und lud den Minister zum Essen ein.

„Merlin sei Dank! Und wir brauchen niemandem etwas davon zu sagen?"

„Nein, rein gar nichts," bestätigte Dumbledore.

„Dem Himmel sei Dank! Ich konnte seit dem Ende dieses unseligen Turniers nicht mehr schlafen! Ich befürchtete ständig, dass er es schafft, sich daraus zu befreien."

„Wie hätte er das tun können? Er kann nicht zaubern und das hätte er können müssen, um sich aus dieser Zelle zu befreien. Einzig die magische Signatur des Schulleiters oder der Schulleiterin wird dort toleriert. Er war unfähig, sich zu bewegen, vom Zaubern wollen wir gar nicht erst sprechen und ich habe ihn mit minderwertigem Gift einer ungefährlichen Otter gefüttert, damit ich ihn grade mal eben so am Leben erhalten konnte. Wir bräuchten ihn gar nicht wirklich umzubringen, ich muss ihm nur die Nahrung vorenthalten und er ginge in den nächsten Tagen ein."

„Oh nein, oh nein, ich will sehen, wie dieses Ungeheuer erledigt wird!" sagte Fudge.

Harry grinste. Für einmal war er mit dem pompösen Minister einer Meinung. Gleich nach dem Abendessen folgte die gesamte Tischgesellschaft dem Schulleiter wieder hinunter in das Herz von Hogwarts und sobald sie dort ankamen, holte Dumbledore die Kreatur aus der Zelle heraus, denn für alle war darin eindeutig kein Platz. Das Herz von Hogwarts bestand aus weit mehr als einer Reihe von Kerkern, aber jetzt brachten sie Voldemort zurück in die Grosse Halle, wo Albus ihn gar nicht erst aufweckte. Er fragte nur:

„Wer mag es übernehmen? Harry hat die erste Wahl, aber wenn du ihn nicht selber töten willst, dann verstehe ich das sehr gut, mein lieber Junge."

„Ich bin nicht ausgesprochen scharf drauf, Professor, aber ich sollte es dennoch selber tun. Er war so sehr hinter mir her, dass es schon vor Jahren persönlich geworden ist!"

„Auch gut. Du hast ja den Reductor-Fluch gelernt und bereits sehr erfolgreich angewendet. Er wird es tun!"

„Gerne!"

Harry trat vor und holte tief Luft. Hermione folgte ihm auf dem Fuss und hielt seine linke Hand. Sie wollte es nicht tun, aber ihr war klar, dass sie ihn unterstützen musste. Mit diesem Schritt befreite Harry nicht nur sich selber, sondern die ganze magische Welt von einem Monstrum, das weit schlimmer als eine Landplage war. Harry war ein Geschöpf der Liebe, er brauchte jetzt ihre Liebe und der Glaube daran gab ihm jetzt die Kraft, diese Kreatur vor sich auszulöschen. Voldemort konnte es durch die Ganzkörperklammer fühlen. Ohne diese hätten sich seine Augen vor Angst geweitet, als Harry ruhig seinen Zauberstab hob.

Noch ein tiefer Atemzug, dann flüsterte Harry: „Reducto."

Das Letzte, was Voldemort wahrnahm war die immense Macht, die hinter dem geflüsterten Zauber zu spüren war. Die anderen sahen zu, wie der Fluch auf die Kreatur am Boden traf. Das schrumpelige Ding zerbarst zu Staub. Diesmal war kein Laut zu hören und kein Geist versuchte dem Wesen zu entrinnen, das Wenige, was davon noch übriggeblieben war, konnte Harry mit einem weiteren leisen „Evanesco"-Zauber wegputzen.

Dumbledore fragte:

„Wäre es euch recht, wenn ich euch mit einem Vergessenszauber die Erinnerung an die Existenz des Herzens von Hogwarts entferne? Es sollte ausser dem Schulleiter niemand von seiner Existenz wissen, denn es ist das letzte Rückzugsgebiet in einer Notlage."

Das verstanden alle Beteiligten und so entfernte Albus dieses Wissen aus ihren Köpfen. Es folgte eine fröhliche Party, die alle zwar hundemüde, aber dennoch in äusserst aufgeräumter Stimmung gegen Mitternacht verliessen.

Hermione rief ihre Eltern noch kurz an, um ihnen mitzuteilen, was sie den ganzen Tag so alles gemacht hatten und dass sie jetzt todmüde in ihr Bett im Seaside Manor fallen werde.

„Du klingst wirklich sehr müde, Liebes, bleib da und erzähle uns alles, wenn wir morgen zu euch kommen," sagte ihre Mutter.

„Danke, Mum! Gute Nacht, dir und Daddy!"

„Ich sag's ihm. Schlaf gut, mein Liebes."

Sirius und Remus gingen die Treppe hinauf, dicht gefolgt von Harry und Hermione. Auf dem Treppenabsatz drehte Sirius sich um und nahm Harry fest in die Arme.

„Gut gemacht, Harry. Du warst heute grossartig! Ich glaube, Fudge hat heute eine Demonstration deiner Stärke bekommen, wir werden uns vor ihm in Acht nehmen müssen, aber seine Zeit wird wohl schon bald kommen, denn es muss einiges in dieser magischen Welt ändern! Vielen Dank für alles, was du für uns getan hast, Harry. Schade, dass die restliche Welt nichts davon erfahren wird. Du wirst nun frei sein, deine restlichen Schuljahre zu geniessen!"

Dann wandte er sich Hermione zu:

„Dir ebenfalls Dank, mein Mädchen. Nicht nur, weil Harry ohne dich wohl kaum je so weit gekommen wäre, sondern vor allem für das, was du rundherum geleistet hast. Ich habe grosse Achtung vor dir."

Auch sie erhielt eine feste Umarmung, die sie gerne erwiderte.

„Gern geschehen, Sirius – was ich für dich getan habe, wie das, was ich für Harry getan habe. Für diejenigen, die man liebt, tut man gern viel, auch wenn es nicht leicht fällt. Einiges ging mir leichter von der Hand als anderes, aber so muss das Leben wohl sein."

„Genau! Gute Nacht, ihr zwei Süssen!"

„Gute Nacht, Sirius! Gute Nacht, Remus!" wünschten die beiden Schüler.

Die beiden jungen Leute gingen gemeinsam unter die Dusche, um etwas schneller ins Bett zu kommen. Der Anblick seiner nackten Freundin lenkte Harrys Träume in dieser Nacht in eine weit angenehmere Richtung, als er von seinem abendlichen Tun her erwartet hätte. Er musste seine eigene Schüchternheit erst einmal überwinden, doch das fiel ihm auch nicht mehr schwer, nachdem Hermione ihn erinnerte:

„Deinen nackten Körper zu sehen, ist für mich ebenso aufregend wie für dich, meinen Körper zu sehen, Harry, vergiss das nicht. Mädchen sind so scharf auf Sex wie die Jungen, und soweit ich mich erinnere, bin ich ein Mädchen."

Harry grinste. ‚Dass sie ein Mädchen ist, kann man tatsächlich nicht übersehen,' dachte er, aber er konnte ihrer Begründung sehr gut folgen. Sie wuschen sich gegenseitig ab, aber selbst der Hormonrausch, den sie beim gegenseitigen Anblick empfanden reichte nicht, dass sie sich noch mit irgendwas anderem beschäftigten als Schlafen. Die ganze Familie schlief ausgezeichnet in dieser Nacht und schlief am nächsten Morgen aus. Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als Hermione als Erste den Kopf vom Kissen hob. Sie fühlte sich wunderbar warm und kuschlig. Sie schob ihr Duvet ein bisschen weg und schaute auf. Und dann erinnerte sie sich daran, dass sie nicht in ihrem, sondern in Harrys Bett lag!

„Ups!" machte sie, aber im Grunde gefiel es ihr.

Harry begann sich neben ihr zu regen. Beim Aufwachen bemerkte auch er, dass er nicht alleine im Bett war. Aber das fühlte sich so gut an! Er hatte noch nie so gut geschlafen wie in der vergangenen Nacht, da war er sich ganz sicher. Und dann fand er den Grund für sein Wohlbefinden direkt neben sich. Sie lächelte ihn durch ihren dichten Vorhang an lockigem Haar an, dann teilte sie den Vorhang, beugte sich vor und küsste ihn zärtlich. Er streckte sich einen Moment lang, dann nahm er sie fester in die Arme und erwiderte ihren Kuss. Jetzt, da Hermione ihm erklärt hatte, dass sie es genauso mochte und wollte, wusste er, dass ihr das willkommen wäre. Und ihm fiel sofort auf wie gut es sich anfühlte, ihren nackten Körper an seiner eigenen nackten Haut zu spüren.

„Auweia! Ich will nie wieder alleine schlafen, Hermione!"

„Und obwohl wir wirklich nur geschlafen haben, war das die schönste Nacht, die ich bisher je verbracht habe, Harry! Ich möchte auch noch ein paar mehr davon. Aber in Hogwarts werden wir wieder im Schlafsaal übernachten müssen."

„Ja, ich weiss. Aber es werden sich schon Gelegenheiten finden, und wenn ich dich jede Nacht in meinem Tarnumhang bei uns einschmuggeln muss."

Sie grinste. Es war eine Regel, die zu brechen ihr nicht schwerfallen würde.

„Lass uns aber jetzt aufstehen, ich habe grossen Hunger nach Dobbys leckerem Frühstück."

„Einverstanden! Ich nämlich auch!"

Hermione sah sich nach ihren Kleidern um und fand sie, sauber gewaschen und gefaltet auf der Fensterbank. Sie grinste. Das bedeutete, dass Dobby, oder Winky in der Nacht noch aktiv gewesen war. Sie wusste, dass es hoffnungslos war, den beiden Elfen einbläuen zu wollen, dass sie sich für sie nicht so aufreiben sollten. Sie würden es eh tun, besonders Dobby, denn alles was er tat, tat er sowieso für Harry. Und wenn jemand, den Harry liebte, um ihn war, dann tat Dobby eben auch für diese Personen alles, was er sonst für Harry tun würde, denn letztendlich kam das ja auch wieder Harry zugute. Hermione dachte daran, Dobby auf Colin Creeveys Mitgliederliste seines Harry-Potter-Fanclubs zu setzen. Dieser Gedanke brachte sie zum Grinsen, während sie sich anzog.

„Was grinst du?" fragte Harry.

„Nur so ein paar alberne Gedanken über Dobby, Harry. Er hat letzte Nacht hier aufgeräumt und unsere Kleider gleich saubergemacht, schau!"

„Bin gar nicht überrascht. Wir werden ihm nicht verbieten können, seine Arbeit zu machen, er liebt sie zu sehr!"

„Nein, werden wir nicht und sollen wir auch nicht. Daran habe ich auch eben gedacht. Und was immer Dobby macht, macht er für dich, er liebt dich so sehr! Dann dachte ich daran, dass er eigentlich ein Mitglied von Colins Fanclub werden sollte."

Selbst Harry konnte darüber lachen.

„Und weisst du was? Dobby würde es wahrscheinlich als ein Privileg betrachten, beizutreten."

Beim Frühstück erwartete sie ein Schock. Remus war der erste am Tisch und nahm sich daher die Zeitung vor, während er sich hinsetzte. Dobby servierte drinnen, weil das Wetter draussen nicht so schön war. Später am Tag sollte es auch noch regnen.

Der erste Schluck Tee ging Remus direkt vom Mund durch die Nase wieder ins Freie. Er rief:

Sirius! Harry! Hermione! Kommt sofort runter!"

Die Familienmitglieder kamen alle angerast und Sirius fragte:

„Was ist denn los? Ist dir was passiert, Liebster?"

„Mir geht's vollkommen in Ordnung. Kommt, lest!"

Anstatt ihnen die Zeitung zu geben, las er jedoch gleich vor:

„Mysteriöse Todesfälle gemeldet. Eine ungewöhnlich hohe Zahl an Todesfällen wurde gestern Abend ab ungefähr 21.30 Uhr gemeldet. Sie ereigneten sich überall auf den britischen Inseln und betrafen ausschliesslich ehemalige Anhänger von Du-Weisst-Schon-Wem. Sie wurden alle nach St. Mungos geschafft, wo die Heiler sich an eine Autopsie machten, um die Todesursachen festzustellen. Keine der Leichen wies irgendwelche Spuren von Gewalteinwirkung auf, aber niemand schien eines natürlichen Todes gestorben zu sein. Sie hatten alle eine Gemeinsamkeit, nämlich eine Tätowierung am Handgelenk ihres linken Armes, welches sichtbar tief in ihr Fleisch eingebrannt war. Die Tätowierung ist das Abbild des Schreckensbildes, das unsere magischen Mitbürger zu den übelsten Zeiten der Todesser und Du-Weisst-Schon-Wem zu Tode erschreckte, wenn es über unseren Häusern auftauchte. Seit es an Halloween 1981 endgültig verschwand, als der Junge-der-lebte, Harry Potter, Den-dessen-Name-nicht-genannt-werden-darf (von der idiotischen Belegschaft des Tagespropheten mit Bindestrichen zu Tode geschrieben, fand Remus) den Garaus machte, haben viele unter uns schon beinahe vergessen wie es aussah.

Was war also geschehen? Niemand weiss es und die Heiler in St. Mungos stehen vor einem Rätsel. Auroren wurden beigezogen, konnten aber bislang auch noch nichts weiter feststellen, nur dass nicht eine Person unter den Toten war, die nicht zu den Todessern gehört hatte. Die Presse wurde anlässlich einer dringend einberufenen Pressekonferenz mitten in der Nacht informiert, von Minister Cornelius Fudge persönlich.

Er gab an, dass der Tod von so vielen Todessern ohne äusserlich sichtbare Einwirkung mit dem Dunklen Mal an ihren Handgelenken im Zusammenhang stehen müsse und dass es vielleicht bedeutete, dass Du-Weisst-Schon-Wer noch nicht ganz so tot war wie man gemeinhin annahm.

„Es ist möglich, dass Du-Weisst-Schon-Wer jetzt endgültig tot ist und dass die Verbindung, die er mit den Dunklen Malen seiner Anhänger hatte, weiterging als man annehmen konnte. Wir wissen nicht, wie weit sich die Todesser an ihren Meister banden. Wir hoffen, doch noch etwas darüber herauszufinden."

Die Öffentlichkeit wird wissen wollen, was da passiert ist, denn unter den Toten sind auch so hochstehende Bürger wie Lucius und Narcissa Malfoy, Theodore Nott Senior, Nestor Avery, Richard und Elinor Parkinson und viele andere. Sie wurden nach 1981 alle freigesprochen, die meisten von ihnen weil sie behaupteten, unter dem Imperius-Fluch gestanden zu haben."

Sirius, Remus, Harry und Hermione waren komplett verblüfft. Ihnen war klar, dass es in der gesamten magischen Welt Grossbritanniens kaum jemand gab, der nicht ebenso verblüfft gewesen wäre. Harry dachte sofort an die zahlreichen Waisen und Halbwaisen, die es seit der letzten Nacht gab. Die Tränen schossen ihm ins Auge, denn wie immer suchte er die Schuld dafür zuerst bei sich selber. Sie hatten Voldemort nicht geglaubt, als er ihnen vorausgesagt hatte, dass dann alle markierten Todesser ebenfalls sterben würden. Hermione zog ihn sofort an sich und sagte in dezidiertem Ton:

„Das ist nicht deine Schuld, Harry! Obwohl du's verursacht hast, als du Voldemort getötet hast, denn sie haben es über sich selber gebracht, als sie sich an diesen Verbrecher gebunden haben und seine Sklaven wurden. Wenn du mich fragst, so war das wunderbar ausgleichende Gerechtigkeit, die Voldemort da über seine Genossen gebracht hat, und sie haben nun selber den Tod gefressen, den sie so grosszügig über uns alle gebracht haben. Harry, es ist so wie du gestern selber sagtest, sie haben verdient, was sie bekommen haben! Denke nur an all die grauenhaften Taten, welche Leute wie Malfoy auch nach seinem Freispruch noch alle beging. Er hat ja schliesslich seine Einstellung nicht geändert, und wenn du mich fragst hat er auf der politischen Ebene den Menschen in diesem Land einen riesigen Schaden zugefügt. Die meisten sind sich nur gar nicht bewusst, wie gross dieser Schaden ist. Und er war sicher nicht der einzige."

Während sie noch ein paar weitere kleinere Renovierungsarbeiten im Haus erledigten, hörten sie den ganzen Tag den Nachrichten im magischen Radio zu. Bis am Nachmittag kletterte die Zahl der aufgefundenen Toten auf 83, inklusive alle noch in Azkaban eingesperrten Todesser. Noch immer wurden Leichen gefunden, deshalb gab Fudge den Auroren den Auftrag aktiv nach ehemaligen oder verdächtigten ehemaligen Todessern zu suchen, vor allem jene Verdächtigen, die niemals angeklagt wurden. Mittlerweile hatten man im Ministerium das magische Totenregister hervorgeholt und fand weitere dreizehn Personen, die mit den schon bekannten 83 um exakt die selbe Zeit gestorben waren, nämlich am Vorabend um 21.27 Uhr.

Harrys Tränen waren mit Hermiones Ausbruch rasch versiegt. Im Grunde gab er ihr ja sehr recht, die Todesser hatten erhalten was sie verdient hatten. Sirius' einziger Kommentar war:

„Damit sind wir die meisten Probleme mit einem Schlag los."

„Ausser, dass sie Kinder wie Draco hinterlassen, die all den Quatsch eingesaugt und geglaubt haben."

„Ja, aber selbst die könnten jetzt begreifen, dass sich Verbrechen nicht auszahlt," meinte Hermione hoffnungsvoll.

„Wir werden sehen. Malfoy glaubt ja nicht, dass das Verbrechen waren, er glaubt ja, dass es sein und der Seinen Recht wäre, auf andere nicht nur herunterzuschauen, sondern sie auch noch gleich zu foltern und umzubringen, wenn sie ihm im Weg waren. Und er wird es nicht wahrhaben wollen, dass Voldemort das verursacht hat."

Sirius als Familienoberhaupt der Blacks ging nach Grimmauld Place, um zu sehen, wer sich um die Überbleibsel der Black-Familie kümmerte. Ausser Bellatrix und Narcissa gab es noch zwei Blacks, die offenbar den Todessern angehört hatten. Die würde er alle kaum vermissen, aber da war Draco, der immer noch minderjährig war und einen Vormund brauchte. Andromeda machte sich auf den Weg, um den Jungen abzuholen, da sie jetzt seine nächste Verwandte war. Sie fand einen vollkommen unter Schock stehenden 15-jährigen vor, der kaum noch ansprechbar war.

„Draco? Ich bin deine Tante Andromeda Tonks-Black. Möchtest du mit mir kommen? Ich werde vermutlich als dein Vormund eingesetzt werden, bis du volljährig bist."

Draco sah auf und war so am Boden zerstört, dass er nicht einmal mehr seine hochnäsige Grimasse aufsetzen konnte.

„Sie sassen da und auf einmal griffen sie sich nach ihren Handgelenken, fielen um und waren tot! Wie konnte das passieren? Niemand war hier, niemand hat sie getötet, sie waren nicht krank, sie starben einfach!"

„Wir können es erklären, Draco, aber dafür musst du mit mir kommen. Kannst du für einige Tage Kleider einpacken? Du kannst nicht hier bleiben, bis alle Formalitäten erledigt sind. Ausserdem bist du noch minderjährig. Deine Mutter und deine andere Tante sind beide tot, ich bin jetzt deine nächste lebende Verwandte."

Sie staunte, dass sie ihn einfach aus dem Zimmer und zu seinem führen konnte, wo er seine Schultruhe packte. Sie liess die Truhe aus dem Haus schweben und sagte:

„Komm. Deine Eltern sind jetzt eh im Leichenschauhaus und wir haben eine Beerdigung vorzubereiten."

Er nickte. Andi wusste, dass nur der Schock über den plötzlichen Tod der Eltern ihn so gefügig machte. Sobald er abklang würde der ziemlich fiese Charakter des Jungen bestimmt wieder ans Tageslicht kommen. Aber vielleicht konnte sie ihm ja in der Zwischenzeit ein paar Dinge zum Überlegen geben, jedenfalls wollte sie es versuchen. Sie brachte den Jungen in ihr Stadthaus, das sie von ihrem Onkel Alphard geerbt hatte. Auch dieses war ein schönes Gebäude im Jugendstil, auch hier zum grossen Teil mit originalen Art Déco-Möbeln eingerichtet. Sie gab Draco eines der schönsten Gästezimmer und sagte:

„Mach es dir bequem, Draco. Sirius wird bald kommen, und dann erwarten wir deinen Familienanwalt, um zu erfahren, was im Testament deiner Eltern steht. Die offizielle Lesung wird wohl später noch vorgenommen werden, aber du solltest dann nicht überrascht werden. Sollten in dem Testament Vormunde für dich bestimmt sein, die noch leben, dann wirst du ihnen anschliessend überstellt. Bis dahin kannst du hier wohnen."

Draco nickte, liess sich auf das Bett fallen und drehte sich von Andi weg. Sie liess es durchgehen, sagte aber:

„Abendessen ist um sechs Uhr unten im Esszimmer. Du kannst Iggy rufen, der dir den Weg zeigen wird. Du wirst Iggy mit Respekt behandeln, Draco."

Der Tag wurde hektisch und Sirius war den grössten Teil davon unterwegs. Er hatte den Auroren mitgeteilt, dass die Dementoren mit den Überresten seiner Familie in Azkaban machen konnten, was sie auch sonst immer machten und sie dort verscharren, er wollte sie eh nicht in seinem Familiengrab. Mit dem Tod der Lestrange-Brüder gab es jetzt überhaupt keine Lestranges mehr. Er grinste. Eigentlich hatte er den ganzen Tag über schon gegrinst, seit Remus den Artikel im Tagespropheten vorgelesen hatte. Noch mehr als Hermione war er davon überzeugt, dass die Todesser nur mit Verspätung das erhalten hatten, was sie eigentlich schon vierzehn Jahre zuvor verdient gehabt hätten.

Das Ministerium hingegen war in ziemlichem Aufruhr. Über zwanzig der jetzt Toten waren in unterschiedlichsten Funktionen im Ministerium tätig gewesen, einige in hohen Chargen. Und beinahe so viele waren Mitglieder im Zaubererrat gewesen. Jeder musste sich nun in die Arbeit knien und beim Aufräumen helfen. Dabei bemerkte der Minister, wie viele gute und verlässliche Leute eigentlich dort arbeiteten. Es war allerdings eine bittere Pille, dass die meisten von denen, welchen er besonders vertraut hatte nun tot waren. Er konnte von Glück sagen, dass niemand ihn verdächtigte, nachdem auch durchgesickert war, dass seine Unterstaatssekretärin Dolores Umbridge, tot in ihrer Wohnung in Hogsmeade aufgefunden worden war.

Es gab noch einen weit weniger laut verkündeten Todesfall in Spinner's End, wo ein früherer Zaubertränkemeister noch versucht hatte, sich das Dunkle Mal aus dem Handgelenk zu schneiden. Doch hatte es nichts mehr genützt, er war dennoch gestorben. Er liess keine Trauernden zurück, nur Dumbledore, der vor allem bedauerte, jetzt auch noch einen neuen Zaubertränkelehrer suchen zu müssen.

Auch drei Schulbeiräte waren unter den Toten. Dumbledore freute sich darüber mehr als er die Toten betrauerte. Er konnte nun auf frisches Blut im Schulbeirat hoffen und auf Fortschritt an der Schule. Seine Bemühungen, in den Schulplänen und angebotenen Fächern Reformen anzubieten, waren stets abgeschmettert worden, nun hoffte er, mehr als nur hohle Worte zu vermehrter Schuleinheit beitragen zu können. Er hoffte, seinem Ziel näherzukommen, in Zukunft nur noch dann Rivalität zwischen den Häusern zu erleben, wenn es um den Quidditch- oder Hauspokal ging und er hoffte, dass er modernere Fächer und Unterrichtsmethoden einführen konnte.

Alles in Allem war es wohl der schwärzeste Tag, den die konservativen Reinblüter wohl je in ihrer Geschichte erlebt hatten. Harry tröstete sich mit dem Gedanken, dass nun die Gelegenheit kam, um Reformen und Fortschritt auch in die magische Welt zu bringen. Politisch und gesellschaftlich hatte man jetzt die Gelegenheit, sich endlich vorwärts zu bewegen. Hermione hatte den ganzen Tag ein glückliches Lächeln auf dem Gesicht, denn für sie bedeutete es, dass die 'bessere' Gesellschaft in der magischen Welt um ihre aggressivsten Köpfe gekommen war und sich nun zwangsläufig heilen musste, um nicht unterzugehen. Der grösste Teil der jetzt noch verbliebenen Reinblüter gehörte der Lichten Seite an, die meisten von ihnen dachten schon noch konservativ, würden aber die Hand dazu bieten, dass es keine Unterschiede mehr zwischen den verschiedenen Blutstati geben würde. Sie war sich sowieso sicher, dass die Halbblüter und Muggelgeborenen diejenigen sein würden, die alles wieder aufbauten und ins Lot brachten.