Kapitel 1:Volle Fahrt voraus

Schon viele Male hatte Rohan hier mit seinen Freunden zusammen gesessen, gelacht, Geschichten erzählt und Verteidigungsstrategien gegen die feindlichen Temra-Armeen ausgearbeitet. Doch dieses Mal war der Saal mit einer eisigen Stille erfüllt. Von lachen und der Spannung der alten Legenden und Mythen war nichts mehr zu spüren. Wie ein geschändeter alter Hund stand er vor König Conchobar, der verärgert zu ihm hinab blickte. Er fühlte sich elend, die argwöhnischen Blicke Garretts taten ihr übriges dazu. Nichteinmahl Angus´ tröstendes Gesicht konnte ihn ein wenig aufheitern. Die ganze Sache würde diesmal nicht mit einem blauen Auge für ihn enden, diesmal war Conchobar wirklich aufgebracht. "Nun, Rohan. Was hast du zu deiner Verteidigung zu sagen?" "Ich weis es nicht, mein König. Wir waren einfach nur spazieren, am Boinye Valle. Als die Sonne unterging müssen wir wohl eingeschlafen sein. Alles, woran ich mich nur erinnern kann ist, dass wir von einigen Kerlen angegriffen wurden. Einer von ihnen muss mich wohl erwischt haben. Als ich wieder zu mir gekommen war, war ich allein. Die Kerle waren verschwunden und Deidre ebenfalls." "Es tut mir leid, Rohan, aber ich habe keine andere Wahl. Du wirst vorübergehend unter Arrest gestellt. Gib mir dein Schwert." Rohan tat, wenn auch nicht ganz freiwillig, wie ihm befohlen wurde. "Hast du noch etwas zu sagen?" "Nein, mein König. Das einzige was ich noch habe ist dieses Messer. Es muss einem der Kerle runter gefallen sein." Er kramte das besagte Stück hervor, worauf hin es Garrett konzentriert musterte. "Euer Majestät. Ich kann Euch sagen, wer diese Männer waren und wo sie Deidre hin gebracht haben. Dieser Dolch gehört zur Uniform eines Soldaten. Sie sind wahrscheinlich Richtung Norden aufgebrochen. Wenn Ihr es wünscht werde ich sofort alle Vorbereitungen treffen, damit wir unverzüglich ablegen können." "Tu das. Du trägst Sorge dafür, dass alle notwendigen Vorkehrungen getroffen werden. Angus wird dich auf deiner Reise begleiten, die anderen beiden brauche ich hier." "Ich danke Euch. Wir benötigen ein Schiff, ein paar Soldaten, eine Seetaugliche Crew und Vorräte für mindestens zwei Wochen." "Wo soll die Fahrt den hingehen?", erkundigte sich Angus. "Lass dich überraschen. Es ist nicht gut, wenn du zu viel weißt."

Bereits ein paar Tage später waren sämtliche Vorräte verstaut und das Schiff bereit zum auslaufen. König Conchobar, Carhardt, Rohan, Ivar und sogar ein paar Leute aus den umliegenden Dörfern waren erschienen, um die beiden Ritter zu verabschieden. "Gute Reise, ihr beiden und passt auf euch auf.", wünschte Cahardt. "Garrett nimm dies und bring mir meine Tochter gesund wieder zurück." Conchobar reichte ihm eine Schriftrolle und klopfte im anerkennend auf die Schulter.

Angus und Rohan hatten da so ihre eigene Art der Verabschiedung. „Hey, danke.", flüsterte Angus. „Danke, dass du mir den Rücken frei gehalten hast. Ich steh wirklich in deiner Schuld." Anerkennt nickte Rohan seinem langjährigen Freund zu. Sie schlugen sich nochmals in die Hände und drückten sich ein letztes Mal für lange Zeit. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge verfolgten die zurück gebliebenen, wie Garrett, Angus und einige Soldaten das Boot betraten und die Segel setzten.

Erst, als nur noch ein kleiner Punkt am Horizont das Schiff vermuten ließ rückten die Zurückgebliebenen zum Schloss aus.

„Garrett…!", maulte Angus, der an der Rehling stand und ins Meer starrte. „Du, Garrett…" Er drehte sich um, ging zum Tisch, wo Garrett mit einigen Berechnungen beschäftig schien, holte aus und hob auf die Platte. Erschrocken zuckte Garrett zusammen und sah Angus mit großen Augen an. „Ah sehr schön. Ich hab deine Aufmerksamkeit." Etwas genervt lehnte sich der junge Mann zurück. „Wie lange dauerts denn noch, mir ist langweilig? Seit einer Woche immer nur das gleich Bild." „Wir werden in Kürze anlegen, verlass dich drauf." „Wie jetzt, ich denke wir benötigen zwei volle Wochen?" „Das hab ich nie behauptet. Ich sagte wie brauchen Verpflegung für zwei Wochen." Ungläubig musterte ihn Angus. „Ich kenn dich und deinen Magen und hab deinen Kohldampf mit eingerechnet. Ich will ja nicht, dass du vom Fleisch fällst." „Ha ha, sehr lustig." „Wenn der Wind weiterhin so günstig weht, werden wir aller Wahrscheinlichkeit nach schon morgen Früh die Küste erreichen. Wenn du dich mal umdrehst, kannst du hinter uns die Klippen erkennen." „Wieso hinter uns? Fahren wir rückwärts?" „Nein, dass da am Horizont ist der Hafen von Kells." Ungläubig blieb Angus der Mund offen stehen. „Soll das heißen wir schippern seit eine Woche auf diesem verdammten Kahn sind noch keine 300 Meilen von zu Hause weg? Das hätten wir doch auch an zwei höchstens drei Tagen geschafft…!" „Wir hätten aber auch von einer Unterirdischen Strömung erfasst werden oder auf eine Sandbank laufen können. Vertrau mir, glaubst ich mach den ganzen Rechenquatsch zum Spaß?"