1.1 Kapitel 8

„Waaaas ist, wenn die beiden es nicht geschafft haben?" fragte Selphie argwöhnisch. „Vielleicht halten es diiiiie Gardens für zu gefährlich, um einzugreifen!" Squall beantwortete die Frage nicht einmal. Selphie wusste genauso gut wie er, dass zumindest der Balamb-Garden kommen würde, und wenn es mit dem aus Galbadia Schwierigkeiten gegeben hätte, wäre Irvine heraußen gestanden, um sich von Squall abholen zu lassen. Aber er hatte gar nicht heraußen stehen können, weil es kein Heraußen mehr gab. Denn der Garden war weg. Sie würden kommen. Doch es könnte zu spät sein.

„So ein Quatsch!" kommentierte Rinoa. „Wenn überhaupt, dann werden sie ein bisschen später kommen, solange müssen wir eben durchhalten! Aber die beiden würden uns niemals im Stich lassen! Glaubst du etwa, Irvine hätte eine neue Eroberung gemacht und uns darüber vergessen?" Sie schielte grinsend zu Selphie hinüber, die ärgerlich schnaubte. „Blöööödsinn!" erwiderte sie. „Aber vielleicht ist ihnen etwas zugestoßen? Squall, was meeeeinst du?"

Auch darauf antwortete Squall nicht. Er stand einfach mit verschränkten Armen da und starrte in die Richtung, aus der die Monsterarmee kommen würde. Wenn es den Monstern auf den anderen Kontinenten gelang, so ausgezeichnete Kämpfer wie Irvine und Xell zu töten, dann waren ihre Chancen noch schlechter, als sie ohnehin schon waren. Aber die beiden wussten um die Wichtigkeit ihrer Aufgabe. Sie würden eher aus den Kämpfen fliehen, als ein Wagnis einzugehen. Sorgen machte er sich viel mehr um die Anzahl der Kämpfer, die die Stadt verteidigten. Die Soldaten, die bisher hinter ihnen standen, gemischt mit einigen SEED-Anwärtern aus Trabia, waren vielleicht genug, um die Monster zu töten, die zwischen seiner Truppe durchbrachen. Aber sie würden ihnen nicht mehr bei ihrem Kampf helfen können, und allein konnten sie diese ungeheure Anzahl an Monstern unmöglich besiegen. Die Gardens MUSSTEN einfach kommen.

Dennoch gab es auch etwas, aus dem der doch eher pessimistisch eingestellte Squall Hoffnung schöpfte: Ihm war aufgefallen, dass die Monster beim Kampf im Grandieri-Wald sehr viel stärker gewesen waren als auf der freien Ebene. Offenbar konnte der Beschwörer die Monster nicht mehr ganz kontrollieren, wenn sie in einer solchen Zahl auftraten, was bedeutete, dass sie nicht mit all ihrer Kraft angriffen. Nicht, dass das irgendeine Bedeutung hatte, wenn die Verstärkung nicht eintraf. Sollten die Gardens nicht auftauchen, würde die Monsterhorde sie durch die schiere Übermacht überrennen.

„Sie kommt!" schrie auf einmal einer der Esthar-Soldaten, der auf einem der Elektrotürme positioniert war, die Laguna hatte aufstellen lassen. Sie würden nicht sehr viel nützen, aber die Monster, die seine Gruppe und auch das Verteidigungsheer durchdrangen, würden es dadurch nicht bis zur Stadt schaffen. „Die Monsterhorde kommt!"

Er kniff die Augen zusammen. Tatsächlich. Man sah die Staubwolke zwar noch kaum, aber sie war dennoch so breit, dass man wusste, was da angewalzt kam. Er zog die Gunblade, die in bläulichem Feuer erstrahlte und stützte sich damit ab. Es war noch zu früh, um G.F.s wirksam aufrufen zu können. Auch Rinoa zog ihre Shooting Star hervor und Selphie spielte bereits mit ihrem Nunchaku Marke „Traum oder Illusion" herum. Trotz der Furcht, die das Heer hinter ihnen gepackt hatte, fingen einige an, beim Anblick dieser Waffen Hoffnung zu schöpfen. Sie hatten Artemisia besiegt. Wieso sollten sie den Monsterbeschwörer nicht auch besiegen? Squall wünschte sich, er könnte diese Zuversicht teilen.

Plötzlich hörte er ein Auto näherkommen. Erstaunt drehte er sich um und sah, wie Laguna zusammen mit Kiros, Ward und Professor Odyne ausstieg. Er runzelte die Stirn. „Was macht ihr denn hier?" fragte er. „Ihr solltet besser nicht in der Gegend herumstehen, wenn die Monster hier ankommen. Wo ist Ell?"

„In Sicherheit, in einem der Schutztürme. Ich bin nur hier, weil ich mit diesem Typen reden will, bevor er meine Stadt in Schutt und Asche legt. Immerhin ist Adell tot, Esthar existiert schon seit Jahren ohne jeden Krieg. Vielleicht können wir ihn ja von diesem Wahnsinn abbringen." Laguna sah selbst nicht sehr überzeugt davon aus. „Ich muss es versuchen", meinte er. „Wenn's nicht klappt, bin ich hier schneller wieder weg, als du mir mit den Augen folgen kannst, versprochen!"

Squall's Miene zeugte von Skepsis, aber dann wandte er sich an Professor Odyne: „Und warum sind Sie hier, Professor? Ich nehme nicht an, dass dieser Suizid-Anwärter hier Sie kurzfristig zum Vizepräsidenten ernannt hat." Er hörte, wie Laguna empört Luft einsog und Rinoa und Selphie leise kicherten, achtete jedoch nicht darauf. „Das sei durchaus nicht so, oder?" antwortete der untersetzte Wissenschaftler. „Präsident Loire habe mich lediglich gebeten mitzugehen, weil dieser Feind früher war mein Untergebener. Vielleicht höre er ja auf einen ehemaligen Vorgesetzten, oder? Es sei einen Versuch wert, oder?"

Squall zuckte mit den Schultern und drehte sich wieder um. Als Laguna neben ihn trat, hörte er seinen Vater flüstern: „Um auf dieses Suizid-Thema zurückzukommen: ICH bin es nicht, der hier vorne stehen bleibt, wenn die Monster hier antanzen, falls du das vergessen hast!" Squall nickte lediglich. Er hätte auch nichts sagen können, denn in diesem Moment hörte man einen weiteren Posten rufen: „Der Balamb-Garden kommt! Der Balamb- Garden ist in Sicht!"

Tatsächlich. Man konnte bereits die schneckenhausförmige Silhouette der Kampfschule ausmachen. Aber nur zaghafter Jubel brach in den Reihen der Verteidiger aus, denn auch das Monsterheer war nun heran. Man konnte bereits einen sogar für diese Tierart riesigen Rumbrum-Drachen erkennen. Er war so groß, dass Squall sich unwillkürlich fragte, ob er mit seinem Herzensbrecher bei diesem Vieh eine Chance hatte. Und auf ihm standen zwei Gestalten: der Beschwörer und auch Quistis.

„Sieh an, da sind unsere Freunde ja wieder", bemerkte Feyjar Trepe. „Aber nicht vollständig, wie ich sehe. Aber wer sind diese zwei Neuen, die neben dem Anführer stehen? Und diesen Riesen mit seinem kleineren Freund beim Auto kenne ich auch noch nicht."

Quistis strengte die Augen an. „Der Riese und sein Freund sind Ward und Kiros, die obersten Berater des Präsidenten." Sie achtete nicht auf das überraschte Gesicht ihres Vaters und fuhr fort: „Der kleine Mann im Vordergrund ist Professor Odyne, der Zauberforscher. Und der Mann neben Squall ist der Präsident selbst, Laguna Loire! Anscheinend will er mit uns sprechen!"

„So, die ganze Hochprominenz ist also vertreten." Ihr Vater schüttelte verwundert den Kopf. „Meine Achtung vor der neuen Führungsspitze von Esthar steigt angesichts dieses Mutes. Aber dieses Gespräch ist sinnlos. Wir werden Esthar einnehmen, egal, was er zu sagen hat!" Quistis schwieg.

„Sie da, Feyjar Trepe! Und auch du, Quistis! Wenn du dich noch an meinen Namen erinnerst, er lautet Laguna Loire, und ich bin der derzeitige Präsident von Esthar!" Laguna machte eine Pause, um seine Stimme zu schonen. „Ich will Sie im Namen aller Esthar-Bürger bitten, mit diesem Wahnsinn aufzuhören! Adell, die Sie damals auf dem Mond aussetzen ließ, ist tot! Ihre Tochter und mein Sohn haben sie gemeinsam besiegt! Dass Ihre Frau durch sie sterben musste, tut mir Leid, aber niemand konnte etwas tun! Sie kennen Adells Macht, sie war zu stark, um sie anzugreifen!"

„Sie haben es gewagt", schrie Feyjar zurück. „Und dass sie besiegt werden konnte, haben diese jungen Leute gezeigt! Aber damals hat keiner, absolut niemand versucht, sie aufzuhalten, als sie mich ins Exil schickte oder meine Frau ermordete! Niemand dieser verfluchten Esthar-Bürger, wie Sie sie nennen, ist aufgestanden und hat ihr widersprochen!" Er sprühte geradezu vor Hass. Quistis wollte ihm beruhigend die Hand auflegen, aber er schüttelte sie ab. Er schien sie vergessen zu haben.

„Squall und seine Freunde konnten die Hexe nur besiegen, weil sie die G.F.- Kräfte nutzten!" entgegnete Laguna. Professor Odyne, Ihre ehemaliger Vorgesetzter, kann Ihnen bestätigen, dass niemand sonst dazu in der Lage gewesen wäre!" „Das sei richtig!" begehrte der Wissenschaftler auf. „Adell sei gewesen viel zu stark, um allein angegriffen zu werden, oder? Es hätte gebraucht viele Opfer, um sie zu besiegen, oder? Nur die SEEDS..."

Der Beschwörer fiel dem Professor ins Wort. „Halten Sie den Mund, Professor! Ich erkenne Sie wieder, ja. Sie hätten damals Ihr Wissen über Hexen ausspielen können, um Adell aus dem Weg zu schaffen, aber Sie taten es nicht. Ich habe kein Interesse an Ihren Ausreden!" Quistis ergriff ihn am Arm. „Vater!" zischte sie warnend, aber er beachtete sie nicht. „Sie haben mir keine Chance gelassen, also lasse ich Ihnen auch keine. Meine Schöpfungen, die Sie abgelehnt haben, werden jeden einzelnen von Ihnen töten!" Er wollte die Hand heben, als Quistis ihn herumriss. „Vater", begehrte sie auf. „Lass ihnen doch wenigstens Zeit, sich zurückzuziehen! Sie sind immerhin gekommen, um zu verhandeln! Lass sie gehen, sie kommen doch ohnehin nicht weit!"

Sein Blick zeugte von Wahnsinn. „Ja", gab er zu. „Das stimmt. Welchen Unterschied macht es also, wenn sie jetzt sterben? Keine Sorge, meine Tochter, bald ist alles vorbei. Dann sind deine Freunde, die unseren Tod wollen, selbst tot und Esthar gehört uns. Erst dann können wir in Frieden leben, denn wer könnte uns danach noch gefährlich werden?" Nur zögernd ließ Quistis seinen Arm los. Und im selben Moment setzte sich die Monsterhorde in Bewegung, direkt auf die Verteidiger zu!

„Laguna!" schrie Kiros, während er dem Präsidenten seine MG zuwarf, „fang!" Laguna fing sofort an, in die Monstermenge zu ballern, womit er aber nicht sehr viel Schaden anrichtete. „Gut, dass ich verrückten Monsterbeschwörern grundsätzlich nicht traue, was, Squall?" fragte er, aber sein Sohn hörte ihm nicht zu, denn er beschwor gerade wie seine Freunde eine G.F. Laguna begann, mit Odyne, Kiros und Ward im Schlepptau rückwärts zu rennen, auf die noch sichere Verteidigerlinie zu. Eben, als er sie erreichte, erschienen in Sekundenabständen Bahamut, Alexander und Kaktor und brachten Tod über die erste Monsterreihe. Aber noch immer war die Ebene voll von ihnen.

Squall warf schnell seine vorbereiteten Schutzzauber über sich und spreizte die Beine. Jetzt wurde es ernst, jetzt mussten sie zeigen, was in ihnen steckte. Er sah aus den Augenwinkeln, wie Rinoa und Angel zusammen auf die Horde zuliefen, um sie mit „Sternschnuppe" zu dezimieren, aber auch das war nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Selphie warf Ultima- und Meteor- Steine um sich, während sie auf ihr Limit wartete und er selbst sprang in die Luft und fegte einige der Ungeheuer mit seinem „Schicksalszirkel" zu Boden. Den Angriff eines Gogue Seals beantwortete er mit einem Konter, der das Monster gegen seinen Hintermann warf. Selphie beschwor „Mega-Vita", was sich glücklicherweise auch auf ihre Hintermänner auswirkte, denn auch wenn sie viele Monster töteten, nur zu viele kamen auch durch. Die Verteidiger, unterstützt von den Elektrokanonen, taten ihr Bestes, um die Bestien aufzuhalten, aber mehr als einer lag schon tot auf dem Boden.

Dann war der Garden heran, und mit einem freudigen Aufschrei landeten vier Gestalten neben ihnen, die sich sofort in den Kampf stürzten. Squall leistete sich nicht den Luxus, zu überlegen, wo zum Teufel Cifer, Rai-Jin und Fu-Jin herkamen, statt dessen vollführte er einen „Herzensbrecher", der drei Rumbrum-Drachen und zwei Grendel tot hinfallen ließ. Aber genug Monster standen noch. Rai-Jin zauberte einige Blitzga auf eine Gruppe Lebensverbieter, die sofort auseinander fielen. Fu-Jin griff sofort drei Drachen-Isolden an, die sich an ihr vorbeidrängen wollte und schaffte es tatsächlich, sie zurückzutreiben. Cifer wandte seine „Teufelsklinge" an und stoppte so den Vormarsch eines Rudels Archeodinos. Xell unterstützte ihn dabei tatkräftig, wobei er keinen Unterschied machte, ob seine Kicks nun Stahlgiganten oder Archeodinos trafen. Rinoa rief noch einmal Angel und zwei Morbole wurden von der „Angel-Kanone" durchstoßen.

Plötzlich erschien ein seltsames Licht am Himmel und vier Schwerter fielen herunter, wobei eins sogar einen Behemoth an den Boden nagelte. Gilgamesh erschien in einem Wirbel aus roter Farbe, nahm ohne eine Miene wegen der Gegnermasse zu verziehen, das Masamune zur Hand und spaltete mehr als zwei Dutzend Monster in der Mitte durch. Dann verschwand die sonderbare G.F. wieder. Squall dankte ihm im Stillen, während er einen weiteren Herzensbrecher vollführte, der sieben Ungeheuer das Leben kostete. Neben ihm zauberte Fu-Jin Tornado auf ein Rudel Galchimesäras, das sofort tot war, als es am Boden aufschlug. Rai-Jin erlegte mit seinem „Drachentöter" einen Schmelzdrachen, den er so heftig nach hinten schmetterte, dass auch sein Hintermann sein Leben aushauchte, während Selphie vier Meteor-Zauber auf einmal auf die Horde losließ. Cifer probierte noch einmal seine Teufelsklinge an zwei Morbolen aus, die in Stücken wieder auf die Erde zurückkamen. Xell hatte sich inzwischen ganz den Stahlgiganten zugewandt, von denen er mit seinem „Xell's Final Heaven" gleich fünf auf einmal durchbohrte. Rinoa ließ Angel mit dem „Angel Strike"-Befehl einen besonders großen Rumbrum-Drachen hochheben und auf einige Drachen-Isolden und Chimära- Hirne fallen, die ebenfalls in die Erde gestampft wurden.

Dennoch, hinter ihnen wurde die Sache langsam ungemütlich. Trotz unzähliger Phönix-Federn lagen schon viele Verteidiger tot am Boden. Wenn nicht bald Verstärkung kam... „He, Leute!" erschallte in diesem Moment eine Stimme über ihnen. „Lasst mir auch noch ein paar von den Viechern übrig!" Irvine sprang über das Geländer seines ehemaligen Gardens, der bereits begann, neue Verteidiger auszuspucken, landete neben Selphie und begann sofort, die Bestien mit Pulsarmunition zu beschießen. Zwei Morbole und ein Grendel waren unter seinen ersten Opfern. Gut, dachte Squall, während er den Angriff eines Chimära-Hirns konterte, jetzt haben wir drei Teams und neue Verteidiger. Damit halten wir wieder ein bisschen länger durch. Aber wie lange noch? Er warf einen Mega-Phönix hinter sich, um die Lage des Heeres ein wenig zu verbessern und spürte dankbar die Wirkung des von Rai-Jin geworfenen Final-Elixiers. Dann konzentrierte er sich wieder auf den Kampf.

Quistis wurde immer unwohler, je länger sie den Kampf betrachtete. Du gehörst nicht hierher, flüsterte der SEED in ihr, du musst die Menschen vor diesen Monstern beschützen! Dass ihr Vater sie anscheinend gar nicht mehr wahrnahm, sondern verzückt bemerkte, wie seine Schöpfungen mehr und mehr Verteidiger töteten, verstärkte die Stimme noch, aber sie hatte die Verleumdungen aus dem Mund ihrer Freunde noch nicht vergessen. Dieser Trotz hielt sie davon ab, etwas zu unternehmen. Nervös sah sie zu den Gardens hinüber, um das Sterben nicht länger mit ansehen zu müssen.

Und blickte in das Gesicht ihrer Mutter. Natürlich nicht ihrer richtigen Mutter, sie war tot, aber die Frau, die sie aufgezogen hatte, die sie wie ihr eigenes Kind geliebt hatte, stand an der Seite ihres Mannes auf der Brücke des Balamb-Gardens und sah sie an. In ihrem Blick lag ebensoviel Zorn wie Trauer. „Mama!" flüsterte Quistis betroffen. Edea war hier! Der Kopf ihres Vaters fuhr herum und gewahrte Edea. „Deine Mutter ist tot, Quistis!" schrie er mit überschnappender Stimme. „Diese Frau hat dich aufgezogen, aber sie hat dich nicht geliebt, wie deine Mutter es getan hätte! Sieh sie nicht an!"

Quistis konnte ihre Augen nicht von Edea abwenden, ganz gleich, wer es ihr befohlen hätte. Und als hätte ihre Ziehmutter gewusst, dass sie Quistis' ungeteilte Aufmerksamkeit hatte, zeigte sie mit ihrer Hand zu den SEEDs hin, die noch immer gegen die Monster fochten. Sie folgte der Richtung der Hand und sah wieder den Kampf vor sich. Irvine! schoss es ihr durch den Kopf. Bist du verrückt geworden? „Nein", schrie sie, packte ihren Vater und riss ihn um. Im nächsten Moment fühlte sie sich hinten an der Kleidung gepackt und hochgehoben.

„Vorsicht!" schrie Irvine, aber Selphie war gerade dabei, Ultima-Zauber auf einige Gogue Seals und Stahlgiganten anzuwenden. Aus den Augenwinkeln hatte er bemerkt, wie sich von hinten ein Schmelzdrache an das Mädchen heranschlich. Blitzartig erinnerte er sich an seine erste Unterrichtsstunde im Galbadia-Garden, in der es lautete: „G.F.s sind die Grundlage der Stärke der SEEDs, aber sie sind launische Partner. Man darf sie nicht verärgern, wenn man am Leben bleiben will! Sie sind Geister, die den Regeln des Kampfes unterworfen sind, also hütet euch, jemals diese Regeln zu verletzen! In diesem Fall werden euch die Schutzgeister sofort verlassen und ihr steht ohne Schutz da!" Selphie's Verteidigung ist nur nach vorn ausgerichtet! Was passiert, wenn ein Monster sie gegen die Kampfesregeln von hinten tötet? Kann man sie dann überhaupt wiederbeleben? Aber was passiert mit mir, wenn ich dieselben Regeln breche, um sie zu retten?

Doch während sein Kopf noch Für und Wider dieser Aktion abwog, reagierte sein restlicher Körper bereits. Er fuhr herum, riss die Exetor hoch und schoss den Drachen mit einem gezielten Treffer nieder. Einen Moment lang wartete er, dann durchströmte ihn wilde Freude, als er bemerkte, dass ihn seine gekoppelten G.F.s nicht verlassen hatten. Er drehte sich um und wollte schon auf das nächste Monster anlegen, als – ihn das Schwert des Stahlgiganten mit voller Wucht traf und durchbohrte. Er sah verwirrt auf die Waffe herab, die ihn eben getötet hatte. Wieso das? dachte er, ohne Schmerz zu verspüren. Ich spüre Ifrit und die anderen doch noch! Wie kann es dann sein, dass...

Bevor er den Gedanken zu Ende denken konnte, zog der Stahlgigant das riesige Schwert wieder aus seiner Brust heraus und er fiel zu Boden. Das letzte, was er hörte, bevor sich sein Blick trübte und eine sonderbar endgültige Finsternis ihn einhüllte, war Selphies Stimme, die etwas schrie: „NEIN! Irvine! Erzengel!" Es war der schönste Klang, den er jemals in seinem Leben gehört hatte, auch wenn er von den Todesschreien von Menschen und Monstern etwas getrübt wurde. Er versuchte zu lächeln, als das Mädchen noch einmal Erzengel auf ihn zauberte, dann schloss er seine Augen.

Squall sah verwundert nach vorn zu dem riesigen Rumbrum-Drachen, auf dem eigentlich der Beschwörer und Quistis stehen sollten. Jetzt sah man den Mann nicht mehr, offenbar war er gestolpert, deshalb sahen sich die Monster momentan verwirrt um. Einige wenige griffen noch mit unverminderter Wucht an, aber die meisten fragten sich wohl gerade, warum sie hier miteinander gegen Menschen kämpften, die sie sehr wohl töten konnten. Und Quistis wurde von dem Rumbrum-Drachen gerade auf den Boden geschmettert!

„Quistis!" schrie er und wollte sich gerade einen Weg durch die Monster bahnen, um seiner Freundin zu helfen, als er Selphie schreien hörte. Hastig drehte er den Kopf und riss die Augen auf. Irvine lag tödlich getroffen auf dem Boden, aber seltsamerweise konnten ihm die Wiedererweckungssprüche des Mädchens nicht mehr helfen. Dann, nach ein paar Sekunden begann sein Körper in einem purpurnen Licht zu glühen und seine gekoppelten G.F., Ifrit, Pandemona und Siren lösten sich von seinem Körper und schwebten gen Himmel.

Da Rai-Jin und Fu-Jin sich momentan um seine Monster kümmerten, von denen sich nicht wenige selbst anfielen, hatte er genug Zeit, die Schutzgeister anzurufen: „He, wartet! Wo wollt ihr hin? Der Kampf ist noch nicht vorbei!" Siren drehte sich um und blickte ihn mit ihren strahlenden Augen ernst an. „Dieser Mensch hat gegen die Gesetze des Kampfes verstoßen, die Hyne einst aufstellte! Er ist tot und wir somit frei! Lebt wohl!"

Er tötete einen Lebensverbieter, der sich zu ihm durchgekämpft hatte und rief: „Bleibt hier! Wir haben euch besiegt, in einem ehrlichen Kampf! Sagt Phönix, er soll Irvine wiederbeleben!" Nun drehte sich auch Ifrit um und seine volltönende Stimme ließ die Monsterhorde erzittern: „Wir sind frei, wenn jemand den Kampfregeln zuwiderhandelt, Mensch! Selbst wenn Phönix den Toten wiederbeleben könnte, was nicht der Fall ist, würden wir ihn nicht darum bitten! Was willst du dagegen unternehmen?"

Squall wurde von einem Zorn ergriffen, den er noch nie verspürt hatte. „Wenn ihr jetzt flieht und uns im Stich lasst", brüllte er, „dann schwöre ich, werde ich euch jagen, wohin ihr auch geht! Ich werde gegen euch kämpfen und euch töten, ohne Gnade! Und wenn ihr darum fleht, wieder unsere G.F. sein zu dürfen, ich werde euch töten, wie ihr Irvine habt sterben lassen!"

Er wusste nicht, ob es sein Blick war, oder ob die drei Guardian Forces selbst zu dem Schluss kamen, dass sie hier noch etwas zu erledigen hatten. Jedenfalls blähte Pandemona plötzlich ihren Windbeutel auf und saugte die ihr nahestehenden Monster ein, um sie gleich darauf wieder auf ihre Artgenossen herabstürzen zu lassen. Auch Ifrit beschwor einen Meteor aus dem All und ließ ihn auf die Ungeheuer herabstürzen. Nur Siren blickte ihn noch aus ihren unmenschlichen Augen an. „Wir werden euch helfen", sagte sie schließlich. „Aber euren Freund wiederbeleben können wir nicht. Das kann niemand." Ihr Sirenengesang ließ einem Rumbrum-Drachen den Meteor-Zauber im Hals stecken bleiben.

Squall blickte sich wieder um. Selphie hatte Irvines Kopf auf ihren Schoß gelegt und weinte. Sie schien den Kampf völlig vergessen zu haben, mit ihr war momentan nicht zu rechnen. Wieder drehte er den Kopf. Cifer, Xell und Rinoa hatten, während Rai-Jin und Fu-Jin ihn beschützt hatten, eine Bresche in die Monstermenge geschlagen, die sich langsam wieder zu formieren begann. Sie wollten zu Quistis vordringen, aber sie kamen immer langsamer voran. „He, Wunderknabe!" schrie Cifer ihm zu, während er einem Stahlgiganten die Waffe aus der Hand schlug. „Hilf uns mal ein bisschen!" „Ihr beide bleibt hier!" befahl Squall seinen beiden Helfern, ohne sie anzusehen, dann rannte er zu Rinoa, Cifer und Xell hin, die bereits wieder eingekreist wurden. Um Irvine konnten sie sich später kümmern. Jetzt mussten sie Quistis helfen. Dann sah er das Licht kommen.

Der Aufprall war grauenhaft. Der Rumbrum-Drache hatte sie aus einer Höhe von mindestens 10 Metern fallen lassen. Sie fragte sich ohnehin, wieso sie sich nichts gebrochen hatte. Mühsam stemmte sich Quistis hoch und sah nach oben, in ein Paar funkelnder Monsteraugen. Aber noch heller loderten die Flammen in den Augen ihres Vaters. „Du Verräterin!" sagte er mit einer Stimme, die so kalt war, dass sich Quistis unwillkürlich duckte. „Du bist nicht meine Tochter. Meine Tochter würde mich nicht davon abhalten, meine Rache zu vollenden. Ich werde dich töten, und mit dir werden deine Freunde sterben. Einen hat es ja schon erwischt."

Irvine! Dieser Gedanke ließ pure Wut in ihre Adern strömen und gab ihr die Kraft, aufzustehen und ihren Vater ins Gesicht zu sehen. Es war die Miene eines Fanatikers. Er würde nicht eher ruhen, bis der letzte Einwohner Esthars tot war, das sah sie jetzt. Wieso hatte sie das nicht nur schon früher gemerkt? Dann wäre Irvine jetzt noch am Leben! Aber ohne G.F. konnte sie diesen Ur-Drachen nicht besiegen.

Der Beschwörer lachte irre. „Ich hätte es wissen müssen", sagte er zu sich selbst. „Es gibt niemanden, dem man vertrauen kann. Alle sind gegen mich und meine Schöpfungen. Sogar diese seltsame Energie auf dem Mond. Ich habe sie gefragt, ob sie mir helfen wolle, auf die Erde zu gelangen, aber sie hat nicht geantwortet und meine Monster angegriffen. Ich habe sie vernichtet, nur ein Anhänger blieb von ihr zurück. Aber von dir, Verräterin, wird nichts mehr zurückbleiben!"

Quistis fasste sich an die Brust. Der Anhänger vom Mond! Eine Energie, die die Monster angegriffen hatte! Konnte es sein, dass... Sie sandte mit Hilfe ihrer SEED-Kräfte eine Botschaft in das kühle Metall. Da! Eine Antwort! Die Macht, die ihren Vater auf dem Mond angegriffen hatte, war eine G.F.! Eine G.F., die der Erdtrabant erschaffen hatte, um sich gegen die Monster zu verteidigen! Hastig versuchte sie, ihren Geist mit dem fremden Bewusstsein zu koppeln, aber es war so anders als die irdischen Schutzgeister. Sie hörte, wie der Drache Luft einsog, um sein tödliches Feuer auf sie zu schleudern. „Stirb!" kreischte der Beherrscher des Tieres. Der Flammenstrahl schoss auf sie zu und hüllte sie ein.

Die Health-Points der neuen G.F. waren nach diesem Angriff fast aufgebraucht. Auch wenn sie es gerade noch geschafft hatte, sie zu koppeln und aufzurufen, eine weitere Chance hatte sie nicht mehr! Mühsam nahm sie noch einmal Kontakt mit dem Schutzgeist auf, wobei sie hoffte, dass der Drache und sein Herr lange genug verwirrt sein würden, um sie nicht anzugreifen. Sie sah das Gesicht des fremden Wesens vor sich, wie es sie verwirrt anstarrte. Es war noch nie zuvor gekoppelt worden. Aber es erkannte langsam seinen Besitzer. Wieder sog der Drache Luft ein, um zu einem noch gewaltigeren Feuerstoß anzusetzen.

„Seraphim!" flüsterte Quistis. Dann umtanzten grüne Flammen sie und sie rief mit lauter Stimme: „Zorn Gottes!" Dann verschwand sie. Und die Lichtgestalt kam. Man konnte nicht sehen, welche Gewänder der Engel trug, denn das Licht blendete so stark, dass man keine Konturen erkennen konnte. Nur seine Augen verrieten ein bisschen über sein Wesen. Er kannte keinen Hass, keine Gerechtigkeit oder Rache. Er erfüllte nur seinen Zweck, für den er geschaffen worden war. In der linken Hand schwang er ein Schwert, an dem meterlange Flammen züngelten. Und mit diesem holte er aus und ließ es durch den Körper des Drachen gleiten, als wäre er aus Gelee.

Nachdem sie aufgetaucht war, versuchte Quistis festzustellen, ob ihr Vater noch lebte. Aber nichts konnte seine verkohlten Überreste mehr von denen des Drachen unterscheiden. Sie fiel auf die Knie. Diese G.F. war so anders gewesen, so viel stärker... Das waren ihre letzten Gedanken, dann fiel sie in Ohnmacht.

Selphie erwachte aus ihrer Lethargie. Für einige Zeit hatte es in ihrem Leben nur sie und Irvines starres Gesicht gegeben, welches sie unaufhörlich streichelte. Sie hatte nichts gedacht in dieser Zeit, wie ein Roboter hatte sie seinen toten Körper angesehen und ihn liebkost. Jetzt wurde sie aus diesem Zustand gerissen, durch einen Behemoth, der auf sie zurannte. Erstaunt sah sie ihn an, sie war sich nicht bewusst, in welcher Gefahr sie schwebte. Einige Schritte, bevor er sie erreichte, traf ihn eine Wurfwaffe, die ihn niederstreckte. Dann erschienen zwei Gesichter vor ihr.

„Aufwachen!" herrschte Fu-Jin sie an. „Hilf uns mal ein wenig", schloss sich Rai-Jin ihr an. „Die Biester drehen mal durch, jetzt, wo keiner mehr Kontrolle über sie ausübt!"

Selphie sah sich um. Tatsächlich, die Monster, die jetzt ohne Führung waren, stürzten sich zum Teil aufeinander, aber auch oft auf die Menschen in ihrer Nähe. Auf einmal wuchs Zorn in ihr, als sie sich erinnerte, dass solch ein Geschöpf Irvine getötet hatte. Und er verwandelte sich in blanken Hass, als sie einige Stahlgiganten sah, die ihn ihre Richtung stapften. „Ihr", flüsterte sie. „IHR!!!!" Sie hob ihr Nunchaku auf, visierte die Monster an und wartete, bis die goldenen Blitze um sie herum erstarben. „THE END!" rief sie mit einer Stimme, die durch das ganze Tal zu hören war.

1.2 Kapitel 9

Als sie wieder erwachte, wusste sie zunächst nicht, wo sie war. Erst nach und nach wurden aus den unförmigen Klumpen um sie herum die Einrichtungsgegenstände der Krankenstation des Balamb-Garden. Auch ein Gesicht schälte sich langsam aus den Umrissen heraus. „Na, bist du endlich aufgewacht?" fragte die dazugehörige Stimme erleichtert. „Ich dachte schon, wir verlieren dich ganz!"

Selphie sah sich um. „Was... ist passiert?" fragte sie. Ihre Stimme wollte ihr nicht mehr ganz gehorchen. Dr. Kadowaki zuckte mit den Schultern. „So genau weiß ich das auch nicht", meinte sie bedauernd. „Ich weiß nur, dass du und Quistis gestern von Squall und den anderen hier reingebracht wurdet, als der Kampf zu Ende war. Sie haben irgendwas davon gefaselt, dass ihr beide für den Sieg verantwortlich seid und ich euch schnellstmöglich wieder zusammenflicken soll. Quistis ist schon ein paar Stunden später wieder aufgewacht, aber du hast einfach weitergeschlafen, so als wolltest du gar nicht mehr aufwachen. Erinnerst du dich noch an etwas?"

Sie versuchte es. Bilder tauchten vor ihrem Auge auf, erst Bilder von unzähligen Monstern, dann von Irvines totem Gesicht. Diese Vorstellung trieb ihr die Tränen in die Augen, aber sie zwang sich, weiterzuforschen. Sie erinnerte sich an eine Gruppe Stahlgiganten, die auf sie zukam und an ein unglaublich dunkles Gefühl. Dann fiel es ihr wieder ein. „The end", flüsterte sie. „Ich habe... den stärksten aller Zauber eingesetzt!" Sie hatte den ultimativen Zauber erst ein einziges Mal aufgerufen, das war in einem Zufallskampf gewesen. Aber dass er zu solchem fähig war, hatte sie nicht gewusst.

Dr. Kadowaki hob die Augenbrauen. „Ach, das meinten die anderen. Ich konnte gar nicht glauben, dass du alle verbleibenden Monster allein besiegt haben sollst!" In ihrer Stimme schwang Bewunderung mit. „Warst das wirklich du?"

Selphie nickte und drehte den Kopf zur Seite. Sie konnte sich über diesen Triumph nicht freuen. Der Sieg war zu teuer erkauft. Viel zu teuer. „Irvine", sagte sie. „Irvine ist tot." Sie merkte vor Trauer gar nicht, dass sie auf einmal ganz normal sprach. Sie setzte sich auf, zog die Knie an und versteckte den Kopf dahinter. „Er... hat sich für mich geopfert und ist dafür gestorben. Warum nur? Warum hat er sein eigenes Leben weggeworfen, um mich zu schützen?"

„Kannst du dir das nicht denken?" fragte eine sanfte Stimme von der Tür her. Einen Moment lang schluchzte sie einfach weiter, bevor sie bemerkte, wem diese Stimme gehörte. Sie erstarrte förmlich. Unmöglich! Absolut unmöglich! Er war tot! Aber dennoch hörte sie die Schritte, die langsam auf sie zukamen. Das war sein Gang, eindeutig. Zaghaft hob sie den Kopf, wartete, bis sich der Tränenschleier etwas gelichtet hatte und – schrie auf.

Sie versteckte ihren Kopf wieder zwischen den Knien und schrie weiter: „Du bist nicht hier! Du bist nicht hier! Du bist tot! Lass mich in Ruhe! Verschwinde!" Dann fiel sie wieder in hemmungsloses Schluchzen zurück. Nur am Rande ihres Bewusstseins bekam sie mit, wie Dr. Kadowaki die Person anschnauzte: „Ich habe Ihnen doch gesagt, dass Sie so bald noch nicht zu ihr dürfen, Kinneas! Sie sehen doch, dass sie gerade erst aufgewacht ist! Ich warne Sie, wenn sie Ihretwegen jetzt einen Schock bekommt, werfe ich Sie persönlich aus dem obersten Fenster des Gardens!"

Sie bekam keine Antwort. Selphie spürte, wie sich jemand zu ihr auf das Krankenbett setzte. Beinahe hysterisch rückte sie so weit zurück, bis sie bei der Wand anstieß. Die Person folgte ihr. Sie wollte niemanden sehen, sie wollte in diesem Moment für immer so sitzen bleiben, aber jemand löste mit sanfter Gewalt ihre Arme, die um ihre Füße geschlungen waren und hoben ihr Gesicht in die Höhe. Sie schloss die Augen. Sie wollte nichts sehen, was sie verletzen würde, sie wollte das Phantom nicht ansehen. Ihre Sinne narrten sie. „Lass mich in Ruhe!" rief sie noch einmal. „Geh fort! Du bist nicht er! Er ist..."

An diesem Teil des Satzes wurde sie unterbrochen, als ihr jemand sanft die Lippen mit einem Kuss verschloss. Sie war so überrascht, dass sie sogar aufhörte zu weinen. Der Kuss war nicht scheu, auch nicht fordernd, aber er wirkte beruhigend auf sie. Als dieser Jemand seine Lippen wieder von ihren wegnahm, verspürte sie ein Gefühl des Verlustes. Aber sie war nun bereit, die Augen zu öffnen. „Das... ist unmöglich", hauchte sie förmlich. „Du bist tot! Du bist... vor meinen Augen gestorben! Wie...?"

Irvine verschloss ihr die Lippen mit dem Zeigefinger. Er strahlte sie derart glücklich an, dass sie plötzlich gar nicht mehr das Bedürfnis verspürte, etwas zu fragen. „Würden Sie uns wohl einige Minuten allein lassen, Doktor?" fragte er Kadowaki. Sie brummte irgendetwas vor sich hin, sagte aber: „Aber nur ein paar Minuten! Und wenn Sie auf dumme Gedanken kommen sollten, ich bin gleich im Nebenzimmer!" „Keine Sorge." „Pah!"

Als sich die Tür geschlossen hatte, wandte er sein Gesicht wieder ihr zu. „Pssst!" sagte er. „Sag jetzt bitte nichts. Du bist noch zu schwach dazu. Lass mich lieber erzählen." Sie nickte. Sie war momentan auch gar nicht in der Lage, etwas anderes zu machen. „Ich war wirklich tot, als der Stahlgigant mich niederstach", fing er an zu erzählen. „Ich weiß nichts davon, was danach geschah, aber die anderen haben mir erzählt, dass Quistis den Monsterbeschwörer besiegt hat und du The end eingesetzt hast. Danach seid ihr beide zusammengebrochen. Nachdem sich alle ein wenig erholt hatten, brachte Edea Ell und Rinoa dazu, einen Teil ihrer Kräfte auf mich zu übertragen. Ich kann nicht beschreiben, wie es sich anfühlte, ich glaube, bei der Geburt verspürt man dasselbe. Ich wollte sofort aufspringen und das nächstbeste Monster anvisieren, als ich dich sah. Wir haben dich und Quistis sofort hierher gebracht, aber während sie nach ein paar Stunden wieder fit war, bist du nun schon seit nahezu anderthalb Tagen hier. Ich bin die ganz Zeit hier gewesen und habe gewartet, dass du aufwachst, auch auf die Gefahr hin, von Dr. Kadowaki skalpiert zu werden. Ich wollte dir nämlich etwas sehr Wichtiges sagen."

Ihre Augen flackerten. Sie wusste, was er ihr sagen wollte, aber sie konnte es einfach nicht glauben. Ihr Atem beschleunigte sich. Irvine zog sie ganz nah zu sich heran und flüsterte ihr leise ins Ohr: „Du hast mich gefragt, warum ich mich für dich geopfert habe. Ich habe es getan, weil ich dich liebe, Selphie. Ich liebe dich." Als er den Kopf wieder zurückzog, sah er, dass in ihren Augen schon wieder Tränenbäche warteten. Blitzartig fragte er sich, ob es so klug gewesen war, ihr jetzt schon davon zu berichten. Immerhin, vor ein paar Minuten hatte sie noch geglaubt, dass er tot war und jetzt das...

Mit einer Schnelligkeit, die er ihr in diesem Zustand niemals zugetraut hatte, setzte sie sich auf und umklammerte ihn mit beiden Armen. Er bekam fast keine Luft mehr, so fest hielt sie ihn. „Ich dich auch, Irvine!" jauchzte sie glücklich. „Ich liebe dich auuuuch!" Na also, dachte Irvine zufrieden. Der Sprachfehler ist auch wieder da. Jetzt ist alles wieder in Ordnung. Er legte ihr ebenfalls die Arme um den Rücken und drückte das diesmal vor Glück weinende Mädchen fest an sich. Sie saßen lange so da. So lange, bis Dr. Kadowaki wieder hereinkam und ihn sehr bestimmt aus dem Zimmer bugsierte.

„Ich kann mich nicht erinnern, Laguna jemals so aufgekratzt gesehen zu haben!" bemerkte Squall. Er runzelte die Stirn. „Und ich habe ihn nun schon bei weiß Gott nicht wenigen Dummheiten gesehen!" Rinoa, die sich bei ihm eingehängt hatte, schmunzelte. „Das ist doch verständlich, oder, mein großer starker Beschützer?" neckte sie ihn. „Immerhin wurde gerade seine Stadt gerettet. Das ist doch ein ziemlich triftiger Grund zum Feiern, denkst du nicht?"

Squall blickte seinen Vater an. Er wusste nicht so recht, ob er heulen oder lachen sollte. „Mag ja sein", gab er zu. „Aber muss er deswegen den Schlagzeuger aus der Band vertreiben und sich selbst daran versuchen? Ich meine, er hat dafür ungefähr so viel Talent wie ein gichtgeplagter Gartenzwerg!" Tatsächlich. Der Esthar-Präsident hatte wirklich schon ein paar Gläser zu viel intus, denn er hatte der Band gedroht, sie allesamt aus der Stadt zu schmeißen, wenn sie ihn nicht unverzüglich mitspielen ließen. Rinoa kicherte leise über diesen Vergleich. „Könnte hinkommen!" bestätigte sie noch immer grinsend. „Aber es hätte viel schlimmer kommen können. Stell dir mal vor, er hätte sich an der Trompete versucht!" Nun, DAS wollte er sich besser nicht ausmalen!

„Na, bei euch herrscht ja anscheinend eine Bombenstimmung!" hörten sie eine bekannte Stimme hinter sich. Als sie sich umdrehten, konnten sie gerade noch sehen, wie Xell zu Laguna hinsah und das Gesicht verzog. Wie Squall hatte er die SEED-Uniform an, was beiden gut stand, und seine Begleitung war niemand anders als die junge Bibliothekarin aus dem Balamb-Garden. Sie wusste augenscheinlich nicht, wohin vor lauter Glück, denn sie brachte kein Wort heraus, um sie zu begrüßen. Rinoa, die in ihrem smaragdgrünen Abendkleid einfach hinreißend aussah, lächelte ihr aufmunternd zu. „Ich frage mich ernsthaft, wo du dich verkriechen willst, wenn sich die Leute zu fragen beginnen, ob der Sohn des Gastgebers wohl seine Begabung in Sachen Entertainment geerbt hat, Squall!" ließ Xell vernehmen.

Dieser schnitt eine Grimasse und antwortete: „Nun, ich hatte eigentlich gehofft, dass du mich wegen einer wichtigen Angelegenheit hier wegholen könntest..." „Keine Chance", erhob der Faustkämpfer Einspruch. „Meine Begleitung und ich sind gerade erst gekommen und haben vor, das Fest auch noch ein wenig länger zu genießen, nicht wahr?" Er legte dem jungen Mädchen, welches noch mehr errötete, den Arm um die Schultern und sah es grinsend an. „Ich kann dir schließlich nicht immer aus der Patsche helfen, Squall! Wieso fragst du nicht Irvine?"

„Der ist momentan... verhindert", entgegnete Rinoa. „Er hat sich seit gestern nicht mehr aus der Krankenstation weggerührt. Er will um jeden Preis dabei sein, wenn Selphie wieder aufwacht. Keine Sorge", winkte sie ab, Xells Frage vorausahnend, „es geht ihr gut. Sie schläft nur ein wenig länger als sonst. Aber ich möchte zu gerne wissen, was sie sagt, wenn sie aufwacht." Weiter konnte sie nichts sagen, denn in diesem Moment schritten Ward und Kiros zwischen sie.

„Squall" zischte Kiros bittend, „du musst Laguna zur Vernunft bringen! Wenn er noch weiterhin so spielt, wird er die nächsten Wahlen niemals überleben. Du als sein Sohn solltest dich für das Image deines Vaters doch verantwortlich fühlen!" Ward nickte zustimmend und blickte besorgt zu Laguna hinüber, der gerade wieder ein Solo einlegte, welches ihnen einen Schauer über den Rücken laufen ließ. Squall nickte ernst. „Mag schon sein. Aber momentan interessiere ich mich mehr für MEIN Image, und das wird gewaltig leiden, wenn ich jetzt zu ihm hingehe und mich mit ihm öffentlich zeige! Ihr müsstet solche Auftritte von ihm doch schon gewohnt sein, holt ihr ihn doch runter! Ich habe jedenfalls vor zu verschwinden, wenn er auch nur einmal meinen Namen nennt!"

Kiros knirschte mit den Zähnen und warf Ward einen hilfesuchenden Blick zu. Der Riese zuckte nur mit den Schultern und deutete unauffällig auf die Kabel, die zur Bühne führten, wo die Musiker saßen. Kiros nickte, auf einmal diabolisch grinsend und beide verschwanden in der Menge von SEED- Anwärtern aller Gardens, Esthar-Bürgern und normalen Soldaten, die sich alle in der Residenz eingefunden hatten. Squall hatte das Gefühl, dass die Scheinwerfer, die die Band beleuchteten, in den nächsten Sekunden einen bedauerlichen Stromausfall haben würden.

„Irvine Kinneas wollte wirklich nicht auf diese Party hier?" knüpfte die junge Bibliothekarin an das unterbrochene Gespräch an. „Mag sein, dass ich ihn verkenne, aber ich habe gehört, er würde kein Fest auslassen!"

Rinoa schüttelte den Kopf und lächelte Squall an. „Das ist normalerweise auch richtig", bestätigte sie. „Aber ich glaube, dass ihm der Augenblick, in dem Selphie aufwacht, wichtiger ist als die ganze Nacht auf dieser Party hier." Xell blickte sie nachdenklich an. „Ja, scheint so", meinte er. „Hätte mir das jemand vor ein paar Wochen gesagt, hätte ich ihn sofort zu Dr. Kadowaki geschickt... hallo, was ist denn da hinten los?"

Squall dachte im ersten Moment, dass er den Stromausfall meinte, der soeben stattgefunden hatte, aber Xell sah verwundert in Richtung Eingang. Erst nach ein paar Sekunden konnte er erkennen, was sein Freund meinte: Irvine war in den Saal gekommen, hatte seinen Hut in die Luft geworfen und nach dem erstbesten Mädchen gegriffen, das in seiner Nähe stand. Er hatte das total verwirrte Ding ein paar Mal herumgewirbelt und wieder losgelassen. Jetzt kam er mit einer zweiten Tanzpartnerin auf sie zu. „Leute!" rief er, als er sie sah. „Lasst uns feiern!" Mit diesen Worten ließ er das Mädchen gehen, das noch immer sehr verdattert drein sah – und griff nach Rinoas Hand!

Diese war so verdutzt, dass sie sich protestlos mitziehen ließ und einige Schritte mit ihm mittanzte, bevor er sich mit unverständlichen Jubelrufen zum Büffettisch durchdrängte. „Jetzt ist er vollkommen verrückt geworden!" erkannte Squall Cifers sarkastische Stimme. „Ich hab's ja gleich gesagt, wer so lange in der Krankenstation sitzen bleiben kann, ist nicht normal! Zu viele Dämpfe!" Als Squall zu ihm, Rai-Jin und Fu-Jin zurücksah, war sein Gesichtsausdruck so überrascht, dass Rai-Jin lauthals zu lachen begann. Sogar Fu-Jin musste sich das Grinsen mit der Hand verhalten. „Was ist?" fragte Cifer scheinbar ruhig. „Willst du deine Freundin nicht wieder zurückholen?" Dann fing auch er zu lachen an. „Sonst brennt sie dir noch mit diesem Verrückten durch!"

Einen Moment lang sah er sich versucht, seinem ehemaligen Trainingspartner gründlich die Meinung zu sagen, dann erinnerte er sich erst wieder. Schuldbewusst drehte er sich um und konnte Rinoa gerade noch auffangen, als sie auf ihn zustolperte. „Großer Gott!" entfuhr es ihr. „Was hat Selphie bloß mit ihm gemacht? Konfus auf ihn gezaubert?" „Ach, die Kleine war das?" mischte sich Cifer wieder ins Gespräch. „Deshalb hat dieser Irre Fu-Jin, als er an uns vorbeigerannt ist, also eine Kusshand zugeworfen. Und mir hat er zugerufen: „Viel Spaß noch, ihr Unwissenden!" Ich hab mir gleich gedacht, dass ihm was zu Kopf gestiegen ist. Aber das dieses Etwas Selphie war..."

Xell, der dieses Gespräch anscheinend wieder in normale Bahnen lenken wollte, fragte schnell: „Was macht ihr eigentlich noch hier? Nach dem Kampf wart ihr auf einmal verschwunden! Wir dachten schon, ihr hättet euch aus dem Staub gemacht!"

Rai-Jin sah ihn groß an. „Ohne mal unser Geld abzuholen? Wir sind Söldner! Wir haben mal ein Anrecht darauf, für unseren Einsatz bezahlt zu werden!" Squall drehte verwundert den Kopf, als er sicher war, dass Rinoa wieder stehen konnte. „Bezahlt?" fragte er. „Ich dachte, du wolltest diesen Kampf unbedingt für dein Image bestehen, Cifer!" „Und?" entgegnete dieser schulterzuckend. „Man kann doch auch das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden, oder?" Dann sah er sich suchend um. „Du weißt nicht zufällig, wo sich dein Vater rumtreibt? Ich möchte ihm so bald wie möglich die Rechnung vorlegen. Ich glaube, wir werden eine Zeitlang nicht arbeiten müssen!"

Squall sah kurz über seine Schulter. „Ich glaube, mit ihm kannst du heute nicht mehr rechnen", bemerkte er, als er Kiros und Ward sah, die Laguna an beiden Armen gepackt hatten und mehr hinauszerrten als –geleiteten. Er verzog die Lippen, als er Cifers ungläubiges Gesicht sah, dann blickte er wieder zu Laguna hin. „Lasst mich los, ihr beiden", verlangte er gerade. „Was soll denn das? Ich bin sicher, das Licht wäre gleich wieder angegangen..." Als sie an der Gruppe vorbeikamen, bemerkte er sie und rief ihnen zu: „Hallo, Leute! Tolle Stimmung hier, nicht? Ich hoffe, ihr amüsiert euch gut. Ich komm gleich wieder, sobald ich diese Nichtsnutze hier gefeuert habe..." In diesem Augenblick fiel die Tür hinter den dreien zu und kappte die Verbindung.

Rinoa, die sich inzwischen schon wieder erholt hatte, sah Cifer so unschuldig wie möglich an. „Tja", meinte sie. „Es scheint so, als ob ihr noch bis morgen hier bleiben müsstet, nicht wahr, Cifer?" „Ja, scheint so", antwortete dieser, noch immer auf die Tür starrend. „Also, Leute hast du in deinem Freundeskreis, Squall... ich möchte nicht mit dir tauschen!" Dieser lächelte Rinoa zu, nahm sie in den Arm und sagte: „Das hoffe ich doch! Sonst müsste ich mit dir um Rinoa kämpfen. Kommt, sehen wir mal nach, ob Irvine am Büffet noch etwas für uns übriggelassen hat!"

Traurig starrte Quistis auf die hellen Lichter, die immer wieder aus den Fenstern der Residenz blitzten. Natürlich wäre sie auch gerne auf diese Feier gegangen, aber sie ahnte, dass sie die gute Stimmung verdorben hätte, wenn sie aufgetaucht wäre. Wahrscheinlich hätte sich jeder in ihrer Nähe unwohl gefühlt, ihre Freunde vielleicht ausgenommen. Als sie gestern aufgewacht war, hatte sie sofort versucht, den Garden zu verlassen und wegzulaufen, aber die anderen hatten am Haupttor auf sie gewartet.

Sie war darauf gefasst gewesen, zumindest aus Irvines Mund Beschimpfungen und Flüche zu hören, aber sogar er hatte kurz den Hut gehoben, sie angelächelt und „Willkommen zuhause" gesagt. Obwohl er sie nach einer kurzen Umarmung sofort wieder verlassen hatte, um zu Selphie zurückzukehren, war kein Hass bei ihm zu spüren gewesen. Auch Xell hatte ihr nur (ziemlich fest) auf die Schulter geklopft, Rinoa hatte sie warm angesehen und ihre Hände gehalten, und Squall hatte sie sogar angelächelt und umarmt! Sogar Ell war bei ihnen gewesen und hatte ihr gesagt, dass jeder in Esthar wusste, dass sie den Sieg ermöglicht hatte.

Trotzdem, sie wollte auch aus einem zweiten Grund nicht gehen. Sie hatte jemanden getötet. Das war zwar im Leben eines SEED nicht zu vermeiden, aber niemand hier wusste, wie es war, den eigenen Vater umzubringen. Quistis war nicht umsonst Ausbilderin gewesen, sie konnte ihre Gefühle verstecken. Bald würde sie sich überzeugt haben, dass es ihre Pflicht gewesen war, diesen Verrückten umzubringen. Aber bis dahin würde ihr Herz ihr zuflüstern, wer dieser Verrückte gewesen war.

Sie wischte eine einzelne Träne aus dem Gesicht, als sie Schritte hinter sich hörte. „Mama!" entfuhr es ihr, als Edea schließlich ins Licht trat. Sie sah ihre Ziehtochter warm an und fragte: „Hast du etwas gegen etwas Gesellschaft?" „Wieso... bist du hier? Du weißt doch, wie gefährlich es ist, die Übungshalle zu betreten! Du hättest getötet werden können!" Quistis klammerte sich am Geländer fest. Edea lächelte nur. „Squall hat mir Eden geborgt", antwortete sie. „Ich wollte mit dir sprechen."

Quistis drehte sich wieder um. „Worüber denn?" fragte sie bitter. „Über meine Gründe, warum ich mich ihm angeschlossen habe? Oder über die, warum ich ihn getötet habe?" „Keins von beiden!" Edea lehnte sich neben sie ans Geländer. „Ich wollte nur wissen, was du jetzt zu tun gedenkst!" „Was?" Quistis war überrascht. Was sie jetzt tun wollte? Nun, ehrlich gesagt hatte sie noch nicht darüber nachgedacht. Sie konnte nicht im Garden bleiben, vielleicht würde es ihr sogar erlaubt werden, aber sie würde immer wieder die Blicke der Schüler im Rücken spüren. „Passt auf euch auf, sonst passiert euch das Gleiche wie ihr!" würden sie sagen.

„Ich... weiß nicht", fing sie zögernd an. „Ich habe daran gedacht, meinen SEED-Rang niederzulegen und als freie Söldnerin zu arbeiten. Vielleicht bewerbe ich mich auch irgendwo beim Militär!" Sie wusste, dass sie das nicht tun würde, und Edea wusste das auch. Sie hatte die Methoden des Militärs immer verabscheut, und als Söldner zu arbeiten,... vielleicht, aber ganz allein? Das konnte sie sich nicht vorstellen. „Wieso?"

Edea blickte sie an. „Weil ich dich sonst bitten würde, mit mir zu kommen und im Waisenhaus zu arbeiten" sagte sie. „Du könntest mir dabei helfen, die neuen Waisenkinder zu betreuen, die sicher bald eintreffen werden. Mehr als ein Kind hat gestern seine Eltern verloren. Du könntest das für diese Kinder sein, was Ell einst für euch war."

Quistis sah Edea ein paar Augenblicke lang an, dann entgegnete sie: „Ich weiß nicht. Ich habe mit Kindern nicht sonderlich viel Übung. Vielleicht..." „Spar dir dein Vielleicht!" rief Edea. „Wieso zögerst du überhaupt? Quistis, wenn du mir im Waisenhaus Gesellschaft leisten würdest, würde das nicht nur dir, sondern auch mir helfen. Was glaubst du denn, wie es ist, wenn Cid den Garden leiten muss und ich das Haus? Ich bin sehr allein, seit ihr alle im Garden seid, Quistis. Ich würde mich freuen, wenn du mit mir kämst! Und außerdem würden Squall und die anderen uns besuchen kommen, wenn sie Zeit haben. Du kannst dieses Angebot einfach nicht ablehnen!"

Quistis hatte ihr mit immer größerer Hoffnung zugehört. Sie stellte sich aufrecht hin, vollführte den SEED-Gruß und lächelte ihre Mutter an. „Ich nehme Ihr Angebot an!" sagte sie förmlich. „Mama", fügte sie hinzu. Dann ließ sie sich von Edea umarmen.

„Was für eine Nacht!" bemerkte Rinoa, als sie sich neben Squall auf das neue Doppelbett fallen ließ. Bisher waren sie zwar miteinander gegangen, aber geschlafen hatten sie immer noch in den eigenen Zimmern. Das änderte sich ab heute. „Erst dieser Zirkus mit Laguna, dann kommt Irvine herein und hinterlässt ein Tohuwabohu und dann auch noch Xells alberne Trinksprüche!"

Squall lächelte. Er fühlte sich nicht betrunken, und zweifellos war er auch nicht halb so blau wie sein Vater, aber leichter Nebel hatte sich bereits in seinem Kopf gebildet. „Ach, komm", beschwichtigte er. „Du hast doch selbst auch mitgelacht! Und gib zu, es sah urkomisch aus, als Irvine plötzlich versuchte, noch einmal auf die Krankenstation zu gehen und schon beim Aufstehen zusammenklappte!" „Ja, das stimmt! Aber jetzt schlafen dein sauberer Herr Vater und er bereits seinen Rausch aus, Cifer ist gerade dabei, seinen gerade erst verdienten Lohn im Triple Triad an Xell zu verlieren, während Fu-Jin und Rai-Jin ihn verzweifelt beobachten, und die anderen streifen noch irgendwo herum." Sie legte den Kopf schief und sah ihn an. „Wir sind endlich allein."

Squall rückte ein wenig näher an sie heran und streichelte ihre Wange. „Denkst du nicht auch, dass wir unser neues Zimmer noch ein wenig feiern sollten?" fragte er leise. Sie hörte aus seiner Stimme, dass er ein bisschen nervös war. Er war so süß, wenn er unsicher war! Sie nahm seine Hand und legte sie an ihre Brust. „Ja", flüsterte sie zurück. „das finde ich auch." Sie spürte förmlich, wie sein Puls raste, aber ihr ging es kaum anders. Vermutlich war das bei jedem so.

Trotzdem schob sie sich an ihn heran und küsste ihn sanft. Der Kuss löste ihre Spannung, und sie umarmten sich. Es dauerte ziemlich lange, bis sich ihre Lippen wieder voneinander lösten. „Weißt du, was ich jetzt gern machen würde?" fragte sie ihn. Seine Augen glitzerten erwartungsvoll. „Laguna hat zu mir gesagt, er möchte noch nicht so bald Großvater genannt werden müssen. Ich hätte Lust, ihn zu ärgern." Das Zimmer war dunkel, aber sie sah trotzdem, wie er rot wurde. Grinsend legte sie ihm den Finger auf den Mund. „Natürlich noch nicht jetzt. Ein wenig Zeit möchte ich dich schon noch für mich allein haben!"

Sie küsste ihn noch einmal, aber diesmal unterbrachen sie sich nicht noch einmal zum Sprechen. Die restliche Nacht sprachen sie kein Wort mehr. Es war auch nicht nötig.



The end



So, ich hoffe, derjenige, der sich bis hierher durchgekämpft hat, ist jetzt nicht enttäuscht. Wer will und Zeit hat, kann gerne eine Mail schreiben, um seine Meinung kundzutun!

Noch mal zur Erinnerung: g.girlinger@aon.at