Goodnight, Noises Everywhere

Kapitel 3

Kollision


Entspannt ließ ich meine Arme schwingen, lief in der Mitte der Straße, direkt auf der gelben Doppelline. Ich musste mir nicht länger über den Verkehr Gedanken machen. Ich machte meine tägliche Runde. Ich hatte so ziemlich alle Häuser in der Gegend nach unverderblichen Lebensmitteln geplündert, aber in einigen Häusern hatte es zu sehr nach verwesenden Körpern gestunken, diese armen Seelen, die die letzten in ihren Familien gewesen waren, die gegangen sind, und niemanden mehr hatten, der sie irgendwo begraben könnte. In periodischen Abständen kontrollierte ich diese Häuser, um zu sehen, ob der Gestank weniger geworden war, sodass ich eintreten und nach Sachen suchen konnte, für die ich noch Verwendung hatte.

Ich dachte wieder daran, wie froh ich war, dass ich für Charlie hatte da sein können. Ich dachte an meine letzten Momente mit ihm, mit seinem leblosen Körper, wie ich ihn in die Laken gewickelt hatte, damit ich ihn über den Fußboden schliefen und die Treppe hinabziehen konnte. Ich konnte nicht glauben, dass er nicht länger in diesem vertrauten Körper war. Wohin war er gegangen? Er war immer noch warm. Als ich an einer Ecke des Lakens zog, wurde mir tief im Bauch schlecht, da ich hörte, wie sein Kopf gegen jede einzelne Stufe knallte. „Entschuldige, oh Gott, es tut mir Leid", sagte ich immer wieder. Ich wusste, dass er nicht mehr da war, nicht wirklich, aber oh, es war so schwer zu glauben, dass ich ihm damit nicht mehr weh tat. Nichts konnte ihm mehr weh tun, rief ich mir in Erinnerung. Darin fand ich einen Hauch Erleichterung. Ich war ein wenig beruhigter, dass Charlie nicht länger leiden und Angst haben musste.

Wenn ich mich auf ihn konzentrierte, auf sein Entkommen, seinen Frieden, bewahrte mich das davor, in Panik auszubrechen, dass ich die Einzige war, die noch da war.

Ich konnte nicht ganz bei Sinnen gewesen sein, als ich das seichte Grab hinten im Garten schaufelte. Das Laken war mittlerweile sicher schmutzig geworden, sein schwerer Körper lag auf den Grashalmen und gaben kein Chlorophyll mehr ab, da sein Gewicht die Stelle im Rasen bedeckte. Ich wusste, ich würde es nicht schaffen, ihn recht weit zu ziehen, und ich konnte ihn keinesfalls in den Truck heben, um ihn irgendwo hinzubringen. Außerdem wäre er so immer in meiner Nähe. Ich begann mit der Schaufel zu graben, die mein Dad immer verwendet hatte, wenn er Bäume gepflanzt und unseren Garten verschönert hatte. Meine Hände waren bald wund und schmerzten und es bildeten sich Blasen, mein Rücken war nass vor Schweiß von all der Anstrengung, in der gefühllosen Erde zu graben. Ich war dem körperlichen Schmerz dankbar. So konnte ich mich auf die Aufgabe vor mir konzentrieren und musste nicht daran denken, was Charlies Tod für mich bedeutete: meine komplette Isolation.

Die Friedhöfe waren schon seit einer Weile überfüllt gewesen, lang bevor Charlie krank wurde. Wir waren eine der letzten – wenn nicht die letzte – Familie, die es getroffen hatte. Sie hatten begonnen, die Körper in Massengräber zu werfen, schütteten Lauge darüber. Die Überlebenden, die das taten, mussten Gesichtsmasken tragen. Die Stimmung war düster und hing schwer in der Luft. Ich konnte mich nicht mehr daran erinnern, wann ich zum letzten Mal jemanden lachen gehört oder jemanden lächeln gesehen hatte.

Charlie hatte es aber versucht, als er im Sterben lag. Er erzählte abgedroschene Witze. „Lächle für mich, kleines Mädchen", sagte er und zitterte, und ich versuchte so sehr, ihm zu geben, was er brauchte, aber mein Gesicht war steif, meine Muskeln vergaßen bereits, was sich einst so natürlich angefühlt hatte. Das ist vielleicht sein letzter Wunsch, warnte ich mich selbst. Lächle halt einfach, nun lächle schon. Aber mein Herz fühlte sich schwer an, meine Wangen wie Beton.

Ich dachte an all das, so wie an beinah jedem Tag, während ich auf der Hauptstraße entlang lief. „Hallo?", rief ich in den Himmel. „Ich bin Bella Swan!", schrie ich. „Ich bin am Leben!" Ich wollte hören, wie meine Stimme irgendwo zurückgeworfen wurde. Ein Echo wäre ein Trost gewesen. Aber so wie immer bekam ich keine Antwort.

Ich kannte die Überreste von Forks schon so gut, dass ich mit geschlossenen Augen hätte herumlaufen können. Zweiundfünfzig Schritte bis zum Ende der Straße. Schritte bis ins Stadtzentrum. Ich zählte mit. Jeden Tag zählte ich, weil was sonst hätte ich tun sollen? Manchmal ging ich in den Park und legte mich auf eine Parkbank. Ich wollte nicht auf dem Gras liegen, weil ich nicht wusste, ob vielleicht Leichen unter mir verrotteten. Ich lag auf einer Parkbank und blickte in den Himmel und versuchte, meine Zukunft aus den Wolken zu lesen. Ich erinnerte mich daran, als ich noch ein Kind war und mir den Himmel über den Wolken vorstellte.

Ich war mir dieser Tage nicht mehr sicher, woran ich glauben sollte.

Heute streckte ich mich auf meiner Lieblingsbank aus, die mit dem schönsten Blick zum Firmament, und beobachtete die Wolken, die vorbeizogen und sich langsam mit dem Wind bewegten.

Manchmal sahen die Wolken wie Gesichter aus. Manchmal könnte ich schwören, dass ich Leute sah, an die ich mich erinnerte. Ich sprach mit ihnen, als könnten sie mich hören. Heute war da eine Wolke, die wie Mike Newton aussah, ein beliebter Junge aus meiner Klasse. „Hi, Mike", sagte ich zu der Wolke. „Erinnerst du dich an mich? Was gibt's Neues? Für welche Colleges wirst du dich bewerben, was denkst du?"

Die Wolke veränderte sich und sah nicht länger entfernt menschlich aus. „Auf Wiedersehen, Mike", sagte ich. „Es war schön, mit dir zu sprechen. Danke, dass du da warst."

Ich hatte nicht immer Selbstgespräche geführt, am Anfang nicht. Für so lange Zeit war ich geschockt, lief herum wie ein Zombie. Wie lang war ich still gewesen? Damals markierte ich die Tage in einem Kalender, nahm einen dicken Farbstift wie damals im Kindergarten und markierte die Tage mit einem X, aber als der Kalender zu Ende ging und meine Gedanken schleppend und komisch wurden, träumte ich, dass ich vergessen hatte, wie man spricht. Ich entwickelte mich zurück, verwandelte mich in einen Primaten. An diesem Morgen musste ich mir schwören, wieder laut zu sprechen, und zwar so viel ich konnte und egal, wie blöd ich mir dabei vorkam.

Und das Seltsamste war, dass es mir anfangs schwer gefallen war. Ich hatte vergessen, wie man Worte bildete. Mein Mund fühlte sich rostig an, weil ich ihn nicht verwendet und vernachlässigt hatte. Ich begann, mir laut Bücher vorzulesen. Manchmal nahm ich ein Buch mit in den Garten und las Charlie etwas vor. Und dann begann ich, mit mir selbst zu sprechen und mir Unterhaltungen mit anderen vorzustellen.

Ich beobachtete, wie sich die Wolken über meinem Kopf verwandelten und eher wie vertraute Gesichter aussahen, aber heute war kein guter Tag. Mittlerweile sah jede Wolke wie ein Tintenfleck aus. Ich kicherte und dachte, dass ich den Verstand verlor, wenn zweideutige Formen plötzlich wie andere zweideutige Formen aussahen. Abwesend zupfte ich an der sich lösenden Lackierung der Bank herum.

Plötzlich verspürte ich das seltsame Bedürfnis zu laufen, so schnell zu laufen, wie ich konnte. Ich rannte um den Park herum, mein Haar flatterte hinter mir im Wind. Ich atmete schwer und schwitzte, und es fühlte sich gut an. Ich schrie und brüllte und rannte, bis meine Lungen brannten. Es gab eine Statue in der Mitte des Parks, irgendein Kriegsheld auf einem Pferd. Ich versuchte, mich daran zu erinnern, was ich einmal über die Beine des Pferdes gelesen hatte. Welche Position bedeutete, dass der Mann in der Schlacht gestorben war? Ich verzog mein Gesicht und versuchte, diese Erinnerung in den Tiefen meines Gedächtnisses zu greifen. Meine Beine zuckten, weil ich stehen geblieben war, also lief ich wieder weiter und schaffte noch eine Runde. Ich joggte mit geschlossenen Augen hinüber zur Statue, 289 Schritte vom Eingang des Parks bis zur Statue, aber bei Schritt Nummer 276 stolperte ich über ... irgendwas. Irgendwas, von dem ich mir sicher war, dass es vor fünf Minuten noch nicht da gewesen war. Mein Atem blieb in meiner Kehle stecken und ich stieß ein Kreischen aus und ruderte mit meinen Armen wie eine Windmühle und versuchte, die Balance wieder zu finden. Ich öffnete meine Augen gerade in dem Moment, in dem ich hart mit meinem Fuß gegen etwas stieß. Ich dachte, die Statue von dem Mann auf dem Pferd wäre heruntergefallen, bis ich hochblickte und den Mann und das Pferd sah. Sie standen noch immer dort, wo ich sie beim letzten Mal gesehen hatte.

Ich muss wohl träumen, dachte ich, weil sich nichts mehr veränderte. Ich hatte Angst, nachzusehen, wo mein Fuß gelandet war. Warum? Es würde nichts Schlimmeres da sein als das alles, was mir bereits wiederfahren war. „Sei nicht kindisch, Bella", sagte ich. Meine Wangen waren vom Laufen immer noch gerötet. „Es ist nichts."

Ich blickte langsam nach unten und legte meine Hände vor meinen Mund, als ich den Körper sah, so bewegungslos, dass es eine Statue hätte sein können. Er – es – was auch immer – war schön, wie ein Engel, der vom Himmel gefallen war. Ich kniete nieder und war mir jetzt ziemlich sicher, dass ich träumte. Ich fuhr die Linien in seinem Gesicht nach, kühl und perfekt und still. Ich sah hoch in den Himmel, um herauszufinden, wie er hierher gekommen war. Ich blickte nach oben und murmelte: „Woher kommst du denn?"

Etwas Kaltes umgriff wie ein Schraubstock meinen Arm und ich schrie. Ich versuchte, meine Hand wegzuziehen, aber ich konnte nicht. Ich sah hinab und die Statue hatte sich bewegt, hatte mein Handgelenk mit einem steinernen Finger und einem Daumen umgriffen. Ich träumte definitiv. Wenn das ein Traum wäre, müsste ich mich nicht fürchten. Also versuchte ich, meinen Atem zu beruhigen und den Sinn hinter dieser Situation zu erkennen. Du bist in Sicherheit, du bist in Sicherheit, du bist in Sicherheit, rief ich mir selbst in Erinnerung. Nichts kann dir etwas anhaben, weder in deinen Träumen, noch, wenn du wach bist.

Aber dann sprach die Statue zu mir. Seine Augen blieben geschlossen, aber ich sah, wie sein Mund sich bewegte. Ich sah definitiv, wie sich sein Kiefer anspannte und die Lippen Worte bildeten, die ich kaum hören konnte.

„Isabella", flüsterte die Statue, „bist das wirklich du?"

Ich war daran gewöhnt, mit Dingen zu sprechen und keine Antwort zu hören, dass ich komplett geschockt war.

„Wie kannst du noch am Leben sein?", sagte er.

Ich schluckte ein paar Mal und hatte Angst, dass ich nun wirklich komplett verrückt geworden war. „Kenne ich dich?", fragte ich schließlich.

„Isabella Swan", sagte er mit Mühe. Seine Augen waren immer noch geschlossen, und dann war er wieder still, seine Finger hielten mein zitterndes Handgelenk immer noch in seinem eisigen Griff umklammert.