Disclaimer: Die Charaktere gehören J. K. Rowling, mit dieser Geschichte wird kein Geld lukriert. Dies ist die offizielle Übersetzung der englischen Fanfiction From the Corner von coffeeonthepatio, welche auch hier auf ff net gefunden werden kann. Viel Spaß allen Lesern, und vergesst nicht, die Autorin und ich würden uns über Reviews sehr freuen!


Kapitel 1


Hermione Weasley legte den Kopf in ihre Hände und seufzte. „Nein, du musst nicht gehen. Ich nehme Rose und Hugo mit zu meinen Eltern", sagte sie zum Tischtuch gewandt.

„Ich werde zurück in den Fuchsbau ziehen", antwortete Ron traurig.

Sie sah schnell hoch und schüttelte den Kopf. „Meine Mum wartet auf uns."

„Was?" Sein Temperament – von dem sie gedacht hätte, dass es sich nun beruhigt hätte, dass das Feuer nun ausgebrannt war – kam wieder zum Leben.

„Ich habe ihr gesagt, dass wir kommen", sagte sie müde. „Ron, dachtest du, ich habe diese Entscheidung spontan getroffen? Dass ich heute früh entschieden habe, dich nicht mehr zu lieben und nicht mehr mit dir zusammen sein kann?"

„Ja!"

„Nein", antwortete sie ruhig. „Ich will die Scheidung", fügte sie hinzu und stand auf. „Tut mir Leid, Ron."

„Was immer Sie wollen, Miss Granger", giftete er ihr nach, aber sie sah nicht zurück. Es hätte keinen Sinn gemacht. Sie wollte nicht nur wegen den Kindern noch mit ihm verheiratet sein – und Ron und sie? Es war vorbei. Zu Ende. Sie wollten nicht mehr miteinander reden. Wenn sie miteinander kommunizierten, dann stritten sie nur.

Er war ein Auror – mehr unterwegs als zu Hause, und sobald es ihr möglich war, schickte sie Hugo und auch Rose in den Kindergarten, denn sie selbst arbeitete auch wieder. (Sogar ihr Dreijähriger mochte den Kindergarten zuerst nicht und wollte lieber bei Mummy bleiben.) Ron und sie sahen einander kaum, denn sie wurde in die Abteilung für magischen Rechtsvollzug versetzt. Und wenn sie einander sahen, sprachen sie entweder nicht mit einander, oder stritten über Kleinigkeiten.

Hausarbeit. Wie er den magischen Geschirrspüler einräumte. Oder wie sie es tat. Wie sie die Pancakes machte, oder wie er es tat. Seine verschwitzten Shirts, die er auf einen Haufen auf den Boden warf, nach einem Samstag, den er mit Harry oder im Fuchsbau verbracht hatte.

Sie war es leid. Und vor ein paar Monaten begriff sie, dass sie nicht einfach aufgehört hatte, ihren Mann zu lieben. Sie hatte es versucht, hatte mit allen möglichen Mitteln versucht, sich wieder in ihn zu verlieben (und hatte vor einem Monat sogar kurz befürchtet, schwanger zu sein), aber nichts hat funktioniert. Nein, es sollte nicht sein.

Langsam ging sie die Stufen hoch in ihrem Haus, das sie in Godric's Hollow gekauft hatten, bevor Rose zur Welt kam. Er hatte darauf bestanden, ein Haus in Harrys Nähe zu haben – weit weg von seiner eigenen Familie und am Land.

Hermione blieb vor dem Schlafzimmer stehen. Sie hatte hier seit vier Wochen nicht mehr geschlafen. Nein – sie hatte begonnen, auf der Couch im Zimmer von Rose zu schlafen. Rose war überrascht gewesen, und in der altehrwürdigen Manier der Granger-Frauen hatte sie begonnen, eine Frage nach der anderen zu stellen. Hermione hatte sie beantwortet, allerdings mit einer kleinen Notlüge.

„Wenn Daddy schnarcht, kann ich nicht schlafen, Liebling", hatte sie erklärt und Rose war zufrieden gewesen. Manchmal ist das fünfeinhalbjährige Mädchen auch schon von seinem lauten Atmen geweckt worden.

Ron war ebenfalls überrascht. Wahrscheinlich. Sie konnte nicht. Sie konnte es einfach nicht. Und an diesem Morgen wusste sie, dass es Zeit war. Sie rief ihre Mutter an (sie wusste ja, warum sie auf einem Telefon bestanden hatte), und sagte ihr, dass sie nach Hause kommen würde. Mit den Kindern.

Und Judith Granger hatte verstanden. Sie wusste über die Probleme in der Ehe ihrer Tochter Bescheid – hatte sie vielleicht schon vor Hermione selbst erkannt. Sie war sich nicht sicher. Aber sie würde nach Hause gehen.

Und Rose und Hugo würden entzückt und glücklich sein, dass sie mehr Zeit mit ihren Großeltern verbringen konnten.

‚Bald', sagte sich Hermione und mit aufsteigenden Tränen betrat sie ihr ehemaliges Schlafzimmer, schrumpfte die Taschen, die sie gepackt hatte, während Ron auf der Arbeit war, und steckte sie in ihre Hosentaschen. Sie biss sich auf die Lippe.

Das – das, was jetzt kam – war der härteste Teil. Sie wollte ihre Kinder nicht belügen, wenn es nicht unbedingt notwendig war (so wie die Entschuldigung mit dem Schnarchen sehr wohl notwenig gewesen war, denn zu dieser Zeit hatte sie noch irgendwie daran geglaubt, dass sie nach ein paar Nächten anders empfinden würde) – und jetzt, jetzt musste sie ihnen die Wahrheit sagen. In gewissem Maße.


Severus Snape war kein umgänglicher Mann. Er war es nicht vor dem Zwischenfall mit der Schlange, er war es nicht während seiner Genesung, und er war es auch jetzt nicht. Er war weit von umgänglich entfernt. Aber er glaubte immer noch daran, seine Pflicht tun zu müssen.

Heutzutage hatte er nicht mehr viele Pflichten. Abgesehen vielleicht von der namenlosen Apotheke in der Nockturngasse (er hatte absolut kein Interesse daran, an einem Ort zu sein, den andere als respektabel bezeichneten), in der er Vorräte anlegte, Zutaten verkaufte, die vielleicht illegal waren, vielleicht auch nicht. Er machte Tränke, die er zu horrenden Preisen verkaufte, aber die, die sie brauchten, kauften sie dennoch. Das waren seine Pflichten.

Und das Mädchen. Eine Verpflichtung, die er schon seit einer Woche hatte.

„Setz dich auf diesen Stuhl", sagte er leise und zeigte auf einen Sessel, der hinter dem Tresen seiner Apotheke stand. Das kleine Mädchen – um die vier, vielleicht fünf – kletterte hoch, ihr Gewand, alt, abgetragen und ein bisschen zu klein, war um sie herum verdreht und machte es schwer, aber als er zu ihr gehen und ihr helfen wollte, schaute sie nur böse, ähnlich wie er es immer tat, und versuchte es noch mal.

Sie nickte ernst und saß still, ihre Hände in ihrem Schoß, als er sich daran machte, die Schutzzauber auf seinem Geschäft zu lockern – und es für Squiffy Mary Kelly zu öffnen, die bereits vor der Apotheke stand und auf ihren Ausnüchterungstrank wartete. Er drehte sich um, würdigte das Mädchen keines Blickes, und beschwörte eine Phiole herbei. Er musste dieses betrunkene, stinkende Frauenzimmer nicht hier bei dem Mädchen herinnen haben.

„Hier", sagte er schroff und schob die Phiole in ihre schmutzigen Hände. „Ich schreibe es auf Ihre Rechnung, aber morgen werden Sie mir etwas davon bezahlen. Sonst war das der letzte Trank."

„Danke, Meister Snape", sagte sie undeutlich, schluckte den Inhalt der Phiole hinunter und gab sie ihm zurück. „Danke, Meister Snape."

Er nickte, drehte sich herum und warf die Tür zu. Es war zu spät, als dass er die Angst auf dem Gesicht des Mädchens bemerkte.


„Rosie?" Sie betrat das Zimmer ihrer Tochter, wo ihre Älteste saß und Lesen übte. „Komm, Süße, wir werden zu Grandma und Grandpa gehen."

„Warum?" Das Mädchen runzelte die Stirn und schob ihr rotbraunes Haar ungeduldig hinter ihre Ohren. „Weil Daddy schnarcht?"

Sie schüttelte den Kopf und lächelte schwach. „Nein. Wir werden einfach eine Weile dort bleiben."

„Lasst ihr euch schei... schei...?"

Hermione kniete sich neben ihre Tochter auf den Boden und umarmte sie instinktiv. Sie drückte das Mädchen an sich und es tat weh, die Tränen zurückzuhalten. Sie wusste, es war ihre eigene Schuld. Sie war diejenige, die ging. Aber es tat trotzdem weh.

Schmerz.

„Mummy?", fragte Rose und rutschte zurück. „Sag es Hugo nicht. Er wird es noch nicht verstehen."

Sie konnte das kleine Lachen nicht unterdrücken, das ihrer Kehle entkam – obwohl es erstickt klang. Nein, Hugo war zu sehr ein Weasley, um es schon zu verstehen. Mit dem Kopf durch die Wand, das war ihr Baby. Rose war viel vernünftiger. Rose war älter als ihre fünfeinhalb. Hermione war ein bisschen besorgt wegen ihrer Kleinen. Ein wenig eingeschüchtert. Sie war eine Mini-Hermione, mit Ronalds glattem Haar und seinen Sommersprossen.

„Ich werde es Hugo nicht erzählen. Wir besuchen einfach die Großeltern, okay?" Sie küsste ihre Tochter und nahm sie mit.


Er wusste nicht viel über Kinder, und noch weniger über Kinder, die gerade ihre Mutter verloren hatten. Er wusste gar nichts darüber. Und sie war so ... unabhängig. Sie zog sich selbst an, aß alleine, ging selbst zu Bett und sprach kaum. Sie war gehorsam – saß auf dem Stuhl und wenn er ihr ein Buch in die kleinen Hände drückte, tat sie so, als würde sie es lesen – obwohl sie das Buch verkehrt herum hielt.

Er sagte dazu nichts – sie würde es schon selbst herausfinden – und es kam neue Kundschaft herein.

Es war dennoch still in der Apotheke und er konnte sich umdrehen und sie beobachten. Sie saß immer noch da, war blass, mit seinem dunklen, strähnigen Haar und seinen Augen.

Er erinnerte sich nicht an vieles aus seiner Kindheit, um zu wissen, was seine Mutter mit ihm gemacht hatte. Wahrscheinlich hatte sie ihn zum Spielen nach draußen geschickt. Aber hier spielte kein Kind in der Nockturngasse und die, die es dennoch taten – nein, er wollte nicht, dass sie mit ihnen spielte. Obwohl er bezweifelte, dass sie überhaupt mit ihnen spielen wollte.

„Entschuldigung, Sir?", sagte sie mit ängstlicher Stimme plötzlich von ihrem Stuhl in der Ecke aus.

„Wie habe ich dir gesagt, sollst du mich nennen?", fragte er scharf.

„Entschuldigung, Vater", antwortete sie schüchtern.

„Was ist denn?"

„Ich bin ein bisschen durstig, Vater", sagte sie und hatte augenscheinlich Angst zu fragen.

Was er hier tat, war falsch. Aber was war richtig? Sie zu knuddeln? Sie hochzuheben und herumzutragen? Was? Er wusste es nicht. „Du musst nicht fragen. Der Kürbissaft ist hinten."

„Aber", flüsterte sie schnell, „du hast gesagt, ich soll nicht alleine nach hinten gehen."

Er seufzte. Natürlich hatte er das gesagt. Es war gefährlich für ein neugieriges Kind. „Komm", sagte er und schritt schnell hinter die schwarzen Samtvorhänge, die die Apotheke vom rückwärtigen Teil trennte, wo er seine Zutaten und Tränke lagerte und wo sich die Stufen zu seiner Wohnung befanden.

Severus schenkte schnell ein großes Glas Kürbissaft ein und gab es dem Mädchen. Sie dankte ihm kleinlaut und höflich und trank gierig. Ein bisschen durstig? Untertrieben. Und sie saß schon seit Stunden dort – sah ihn neugierig an und mit ihm das Geschäft, die Regale, den Tresen, den Kessel, in dem etwas köchelte, die Registrierkasse. Ihn. Sie hatte ihn immer und immer wieder angestarrt.

Er nahm an, dass es für sie normal war, so eingeschüchtert zu sein. Eine Woche in der Zaubererwelt und natürlich war immer noch alles neu für sie. So wie einen Vater zu haben.

Aber es nervte ihn, dass sie Tag für Tag hier saß, einfach nur saß, nichts sprach.

Wenn er nur wüsste, was er tun sollte.


„Hallo Mum", lächelte Hermione ihre Mutter an. Das Lächeln war schwach und unsicher, das wusste sie. Aber es war das beste, das sie momentan meistern konnte, während Rosie sich an ihre Hand klammerte und Hugo sie mit seinem festen Griff um den Hals fast erwürgte.

„Komm rein, Kind", antwortete Judith Granger und sah Hermione einen Augenblick lang ernst an, bevor ein großes Lächeln sich über ihr Gesicht breitete. „Und meine Babys", lachte sie. Rosie sprang in die Arme ihrer Großmutter und Hugo zappelte, um sich aus den Armen seiner Mutter zu befreien.

„Grandma!", riefen die beiden und Judith fand einen Moment, um Hermione zu betrachten. Die jüngere Frau wusste, dass sie schrecklich aussah. Der Haarknoten in ihrem Nacken war unordentlich, einzelne Haarsträhnen hingen ihr unschön ins Gesicht und kitzelten ihren Nacken. Sie musste dringend zum Frisör. Um ihre Augen hatte sie dunkle Ringe, die zwei Finger dick und so dunkel wie der Nachthimmel waren, und sie wusste, dass sie rote Flecken auf den Wangen hatte, die nicht mit Make-up bedeckt waren. Sie wusste das. Aber trotzdem lächelte sie ihre Mutter an.

„Geht und sucht Grandpa. Ich glaube, er könnte im Garten sein", sagte sie lächelnd zu ihren Enkeln. Beide bekamen einen Klaps auf den Po und rannten los. „Und?", fragte sie und erhob sich mit knackenden Knien aus ihrer Position.

„Ich bin gegangen", würgte Hermione hervor und so sehr sie auch ankämpfte, sie konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. „Ich bin gegangen und jetzt weine ich."

Judith Granger schnalzte mit ihrer Zunge – so wie sie es immer tat und schon immer getan hatte, solange Hermione sich erinnern konnte – und nahm ihre Tochter schnell in ihre Arme. „Ruhig, ruhig, Liebling, ist schon gut. Trinken wir eine Tasse Tee und setzen uns hin."

Sie nickte, schluchzte und ließ sich von ihrer Mutter in die Küche führen, wo sie sich setzte, ihr Gesicht in ihren Händen vergrub, und über ihre Ehe weinte. Die Ehe, die bald gelöst werden sollte.


„Wenn Sie das länger als eine Woche nehmen, werden Sie abhängig davon. Ich muss Ihnen das sagen", erklärte Severus spöttisch, „aber natürlich ist es mir egal. Wenn Sie abhängig werden, mache ich mehr Geschäft."

„Immer ein Lächeln im Gesicht, gell?", fragte der Kunde. Kunde war vielleicht übertrieben. Jemand, der hereinkam und etwas kaufte, das er in er Winkelgasse oder sonst irgendwo nicht bekommen konnte oder wollte. Seine Apotheke war der Ort, an den man ging, wenn man einen Trank brauchte, von dem die Ehefrau oder jemand anderes nichts wissen sollte.

„Zahlen Sie, nehmen Sie das Fläschchen und verschwinden Sie von hier", schnarrte er – er war froh, dass die Schlange ihn nicht seiner Stimme beraubt hatte.

Er war kein umgänglicher Mann – und seine Tochter hatte Angst vor ihm. Ihr Gesicht zeigte es deutlich. Sie hatte sein Gesicht, als er etwas älter als sie gewesen war und zum ersten Mal gesehen hatte, wie sein Vater seine Mutter durch das Haus gejagt und sie erwischt hatte. Mit dem Gürtel.

Er hatte keine Ahnung, was er tun konnte, damit sie weniger Angst hatte. Anscheinend halfen seine Worte nicht.

Er versuchte sich zu erinnern – und etwas fiel ihm ein. Etwas, das ihm geholfen hatte, als er noch ein Kind gewesen war, seine Mutter geweint und er Angst gehabt hatte.

„Komm, Kind", sagte er brüsk und sah, wie sie vom Stuhl sprang. Er schloss seine Apotheke ab, um zum ersten Mal mit seiner Tochter in die Winkelgasse zu gehen.