Sie wusste, Rose und Hugo ging es bei ihrem Vater und Miss Breaze in der Zahnarztpraxis gut. Dort gab es Bücher, dort gab es Bohrer, die besonders Hugo liebte, und dort gab es immer Röntgenbilder, die Rosie liebend gerne ansah. Hermione wusste, dass man gut auf sie aufpasste und dass sie ohne jede Sorge nach Godric's Hollow gehen konnte.

Nicht, dass sie das wirklich wollte, denn sie nahm an, Ron würde ebenfalls da sein, aber nachdem sie die Dokumente unterzeichnet und versucht hatte, ein wenig zu arbeiten, wusste sie, sie musste herausfinden, ob Harry etwas über Snapes Tochter wusste.

Und wenn man das mit Tee und Kuchen und Sandwiches bei ihm und Ginny verbinden konnte, umso besser. Sie hatte sie nicht mehr gesehen, seit sie Ron verlassen hatte. Und das Haus, in dem sie zusammen gewohnt hatten. Außerdem war sie nicht sicher, auf wessen Seite sie standen.

Egal, was die Leute sagten, egal, dass sie sich in relativem Frieden getrennt hatten, es gab dennoch zwei Seiten. Und ja, sie hatte ihn verlassen. Sie war hier die Schuldige. Sie war diejenige, die aufgehört hatte, ihn zu lieben. Die ihre Liebe verloren hatte. Sie war sich nicht sicher, ob Ron seine Liebe verloren hatte – nein, sie war sich doch sicher. Wirklich. Er hatte seine Liebe ebenfalls verloren.

Und tja, wahrscheinlich hatte ihre Mutter Recht gehabt – aber vielleicht auch nicht. Wenn sie die Ehe ihrer Eltern und ihre eigene verglich, lagen Welten dazwischen.

Nein, wahrscheinlich sollte sie das nicht tun. Ihre Eltern waren für einander geschaffen. In all den vielen Jahren, seit sie ein kleines Mädchen gewesen war, seit sie sich erinnern konnte, waren ihre Eltern zärtlich und liebevoll miteinander umgegangen. Sie konnte nicht einmal mehr sagen, wie oft sie die beiden gesehen hatte, wie sie sich irgendwo küssten. Auch noch nach dreißig Jahren Ehe.

Sie hatte Ron schon seit Monaten nicht mehr geküsst. Und sie hatten nicht herumgeschmust, so wie sie ihre Eltern vor ein paar Wochen bei einem Besuch in deren Küche erwischt hatte. Ihre Eltern. Seit mehr als dreißig Jahren verheiratet (vierunddreißig, um genau zu sein), und sie hatten herumgeschmust. Und sie hatte das schon seit Ewigkeiten nicht mehr gemacht. Wahrscheinlich seit der Zeit vor Hugos Geburt nicht mehr.

Sie seufzte und apparierte aus dem Garten ihrer Eltern direkt nach Godric's Hollow.

Warum war es wirklich so, dass ihre Eltern ein besseres Liebesleben hatten als sie? Oder besser gesagt, warum hatten sie ein Liebesleben und Hermione nicht? Nicht, dass sie es wirklich wissen wollte. Aber Muggel konnten bloß die Türen schließen und keine Schweigezauber verwenden. Und geschlossene Türen waren nicht unbedingt schalldicht.

Sie schüttelte den Kopf, seufzte wieder und betrachtete Harrys und Ginnys Haus. Eine weitere perfekte Ehe. Drei Kinder. Keine Streitereien, kein sich anschweigen, zumindest nicht, dass sie davon wüsste. Ihre Liebe war nicht verloren. Es hatte funktioniert. Irgendwie. Und sie war dabei gescheitert.

Gescheitert bei der einen Sache, die sie sich immer erträumt hatte. Ein beständiges, nettes, liebevolles Zuhause, eine Familie. Sie hatte nichts mehr davon.

Sie wohnte mit ihren Kindern bei ihren Eltern. Tolle Leistung.

Sie atmete tief durch und klopfte an die Tür, ohne zu wissen, was sie erwarten sollte.


Judith Grangers schlechte Laune war auch nach drei Zahnhygiäne-Behandlungen, einer Zahnbleichung und einer Kariesbehandlung nicht verflogen. Noch nie in ihrem Leben war sie so schlecht drauf gewesen, und immerhin war sie Zahnärztin. Die Leute hatten Angst vor ihr und mochten sie nicht. Sie wurde gebissen, die Leute mussten manchmal wegen ihr würgen (ja, das war möglich), manchmal wurde sie angespuckt. Sie war daran gewöhnt, dass sie mit Argwohn behandelt wurde. Und auch mit einer gewissen Feindseligkeit. Ja, ja. Aber noch nie so. Nie so rüde. Und nie ohne Grund.

Weil wirklich, Leute, die normalerweise nicht so nett zu ihr waren, hatten es verdient. Und sie tat ihnen ja etwas an. Severus Snape aber nicht. Sie wollte dem Mädchen bloß ein Buch bringen. Es konnte wirklich nicht spannend sein, den ganzen Tag lang auf einem Stuhl in einem Laden zu sitzen. Sie hatte bloß wirklich nett sein wollen. Nicht mehr, nicht weniger.

Und dass ihr das nicht gedankt wurde, war nicht nett.

Sie war den ganzen Heimweg über wütend, die ganze Zeit über, während sie ihrem Mann zusah, der mit den Kindern spielte, die ganze Zeit über, als sie Hermiones Nachricht las, dass sie Harry und seine Frau besuchte, und die ganze Zeit über, während der sie das Abendessen zubereitete.

"Du stampfst die Kartoffeln aber ziemlich gewalttätig, nicht wahr, Jude?", erklang Johns leise, sehr vertraute Stimme direkt hinter ihr und sie spürte seine Hand auf ihrer Schulter.

"Ich mag keine Klumpen in meinem Brei", schnaubte sie und schüttelte seine Hand ab.

"Und weshalb bist du in dieser Stimmung?", fragte er wieder. Sein Arm schlang sich um ihre Hüfte.

"Wegen diesem ehemaligen Lehrer von Hermione", fauchte sie und zerstampfte die Kartoffeln weiter. "Wo sind Rose und Hugo?"

"Fernsehen", antwortete er. "Sie haben gebettelt und ich wollte wissen, weshalb meine liebreizende Frau so schlecht drauf ist."

"Er ist ein unhöflicher Mann", schnaubte sie. "Ich zweifle nicht daran, dass er seine Tochter liebt, aber sonst liebt er nichts und niemanden."

"Das weißt du nicht", antwortete er und legte sein Kinn auf ihre Schulter.

"Nein, natürlich weiß ich das nicht, aber wie er mit mir gesprochen hat ... John, niemand seit Jean McDonald auf der Universität hat je so mit mir gesprochen."

"Wer war sie?"

"Das Mädchen, das in dich verknallt gewesen war." Sie schob seine Hände wieder weg. "Du solltest dich an sie erinnern."

Er zuckte die Schultern. "Tue ich aber nicht."

"Und sie war genau so wie er. Unhöflich ohne Grund. Du bist freundlich zu diesem Menschen und die Antwort ist einfach bösartig. Ohne einem verfluchten Grund. Überhaupt kein Grund. Ich wollte seiner Tochter ein Buch bringen. Eines von Hermione, und er warf mich raus."

"Warum bist du überhaupt dorthin gegangen?", fragte er und trat ein wenig zurück.

"Ich weiß nicht", fauchte sie. "Es hat mich eben interessiert. Ich habe es dir doch gesagt. Niemand weiß, dass er eine Tochter hat. Keiner. Absolut niemand. Und man kann ein Kind nicht so lange verstecken. Du weißt, wie oft Hermione nach dem Krieg in der Zeitung war. Diese Welt ist sehr neugierig und naseweis. Sie schreiben in ihrem Propheten über alles. Alles. Ich zweifle nicht daran, dass sie auch darüber geschrieben hätten. Und das Kind war so ... sie ist so klein und so gut erzogen und so still und ich wollte etwas Nettes für sie tun. Und ich dachte, ich könnte den Trank für Hugo mitnehmen."

"Welchen Trank? Ist er krank?"

"Nein, ist egal. Und ich weiß nicht, warum ich deshalb so in die Luft gehe. Ich habe nichts mit diesem Mann zu tun."

"Du weißt, wie du bist, wenn es um Kinder geht", grinste er und drückte ihr einen sanften Kuss auf die Wange. "Du vergisst dich."

Sie seufzte, schlug ihm auf den Arm und widmete sich wieder ihren Kartoffeln. "Später gibt es Cottage Pie."


Sie waren beide nicht feindselig. Im Gegenteil sogar. Sowohl Harry, als auch Ginny, waren, naja, freundlich. Beide umarmten sie, und sie unterhielten sich nicht wirklich über ihre gescheiterte Ehe. Nein, sie hatten sich einfach hingesetzt, der kleine Albus Severus (sie bezweifelte, dass Snape das wusste – aber naja ... irgendwann würde sie wohl danach fragen) hatte es sich auf ihrem Schoß gemütlich gemacht und sie hatten sich über Harrys Job, Ginnys Job und ihren Job unterhalten. Die Kinder und Harry, tja, er hatte sie eine Weile lang irgendwie argwöhnisch angesehen. Er wusste wahrscheinlich, dass es ihr nicht gefiel, wenn er immer eine Ewigkeit brauchte, bis er einen Brief beantwortete.

Und ja, sie sahen glücklich aus. Sehr glücklich. Sie berührten sich sogar von Zeit zu Zeit. Jedes Mal, wenn einer der beiden entweder aufstand, um etwas zu holen, war da eine kleine Berührung. Nichts Großes. Nur einfache Intimität.

Nicht das, was sie eine Weile lang gehabt hatte.

Oh naja, sie musste im Stillen die Schultern zucken und beschloss, gleich ins kalte Wasser zu springen. Obwohl Al immer noch auf ihrem Schoß saß.

"Also?", fragte sie plötzlich.

"Also was?", fragte Ginny zurück und sah verwirrt aus, aber Harry ... Harry wusste, wovon sie sprach.

"Ich weiß gar nichts. Ich hatte noch nicht einmal davon gehört, bis deine Eule kam ..."

"Wovon sprecht ihr?", fragte Ginny wieder.

"Snape hat eine Tochter", antwortete Hermione rasch. "Und ich habe Harry gefragt, ob er das wusste."

"Und ich wusste es nicht. Bis ich deine Eule bekam und ein paar Fragen am, ähm, Meldegericht stellte. Er hat eine Tochter, Ophelia Sophie Snape. Geboren am 14. April 2007 in London. Sie lebte bis vor etwa zwei Wochen bei ihrer Mutter. Dann nahm er sie zu sich. Das Mädchen ist eine Hexe, sagen die Dokumente. Sonst nichts. Keinen Namen der Mutter." Er zuckte die Achseln. "Da dort so eindeutig stand, dass sie eine Hexe ist, und sie auch schon auf der Liste für Hogwarts steht, nehme ich an, ihre Mutter ist ein Muggel. Sonst, naja, ihr wisst, wie das ist."

"Ja, wissen wir", seufzte sie. Kinder von Reinblütern, oder zwischen einer Hexe oder einem Reinblut und einem Halbblut wurden nur besonders in den Dokumenten hervorgehoben, wenn sie Squibs waren und somit nicht magisch. Und diese Dokumente waren selbst magisch. Sie wussten es, noch bevor es verkündet wurde, wirklich ... und sie lagen nur sehr selten falsch. Allen der Menschheit bekannten Gottheiten sei Dank, dass sie nicht öffentlich einsehbar waren.

Noch eine Sache – diese Hervorhebung – gegen die sie kämpfen musste.

"Viereinhalb also? Sie sah jünger aus."

Harry zuckte wieder mit den Schultern. "Ich weiß nur das und werde nicht weiter nachforschen", sagte er mit einer gewissen Endgültigkeit. "Er hat sich mit seiner Apotheke ein Leben aufgebaut und ich will mich nicht einmischen."

"Snape hat eine Tochter? Eine Vierjährige? Wie das?", fragte Ginny, nahm ihren Sohn von Hermiones Schoß und schickte ihn zum Spielen zu seinen Geschwistern.

"Du weißt, wie das funktioniert." Harry verdrehte die Augen. "Und ich werde bei dieser Spekulation nicht mitmachen. Ich habe schon zu viel Zeit damit verbracht, darüber nachzudenken und zu recherchieren. Das ist alles, das ich tun werde." Er stand auf und verließ das Zimmer.

"Er hat noch immer nicht seinen Frieden mit ihm gemacht. Er betet ihn an für das, was er getan hat, aber kann es immer noch nicht laut aussprechen."

Hermione zuckte die Achseln. "Ist schon gut. Ich schätze, es ist egal. Ich war bloß neugierig und hätte es wahrscheinlich nicht sein sollen."

"Komm schon, Snape hat eine Tochter. Das ist riesig. Da darf man ein wenig neugierig sein. Wie sieht sie so aus? Hast du sie gesehen? Warum warst du dort?"

Hermione seufzte. "Ich bin dorthin gegangen, weil es einen Engpass an Aufpäppeltrank gibt. Wegen dieser Epidemie in Wales, und du weißt, dass Hugo sich leicht erkältet. Also dachte ich, könnte ich ja dorthin gehen und seinen Laden ansehen und so. Und da war sie einfach. Bei ihm. Sie hielt Snapes Hand."

"Ein kleines Mädchen, das Snapes Hand hielt", wiederholte Ginny erstaunt. "Wirklich? Das muss ja ein Anblick gewesen sein."

"Besonders weil sie ganz schwarz angezogen war und sie genauso aussieht wie er. Genau wie er. Tja, nicht die Nase, aber der Rest. Und sie gingen gemeinsam durch die Nokturngasse. Ich meine, in der Nokturngasse hält man ja alles für möglich. Wirklich, aber nicht Snape und ein kleines Mädchen, das sich an ihn klammert."

Ginny zog eine Grimasse. "Ich kann es mir wirklich nicht vorstellen."

"Du kannst auch dorthin gehen. Sie hat einen Stuhl hinter seinem Tresen und sitzt dort offenbar die ganze Zeit über", erklärte Hermione weiter. "Er hält sie in der Apotheke."

"Er hält sie?"

"Naja, was sonst."

"Hört auf, ihr zwei." Harry kam zurück ins Wohnzimmer, wo die beiden saßen. "Er hat sein Glück verdient und er hat es verdient, ein Kind zu haben, ohne dass ein Theater darum gemacht wird."


Daddy passte nicht. Vater passte nicht. Dad passte nicht. Papa passte nicht. Pa passte nicht.

Und sie kannte sonst wirklich keine anderen Namen für Väter.

Und sie war sich nicht sicher, wie sein Vorname war. Sev'wus oder so. Sevrus vielleicht. Snape war sein Nachname. Wie ihr Nachname jetzt. Er hatte erklärt, dass sie Ophelia Snape hieß, als er sie von dieser Tante und diesem komischen Haus abholte, wo sie nach Madame Sylvies Wohnung hingekommen war.

Davor war sie einfach Fiffy gewesen. Sie wusste nicht, ob sie damals einen Nachnamen hatte. Mummy hatte nie etwas gesagt.

Mummy. Die logische andere Form war Daddy.

Sie seufzte und streckte sich ein wenig. Er hatte sie in die Badewanne gesteckt. Schon wieder. Und er hatte gesagt, er würde kommen und ihr beim Haarewaschen helfen. Und sie war wirklich, wirklich dankbar dafür. Das letzte Mal hatte sie es allein versucht und das ganze seifige Zeug war ihr in die Augen gelaufen und sie musste ein wenig weinen. Und es hatte gebrannt. Also wenn er es tat, würde es vielleicht nicht so viel brennen. Weil wirklich, sie mochte ihr Haar, wenn es gewaschen war. Es war nicht so schwer und sie fühlte sich nicht so schmutzig und es hing ihr nicht so in die Augen.

Und er hatte gesagt, dass er es tun würde. Und er, Daddy, hielt seine Versprechen immer.

Sie war sich noch immer nicht sicher, ob Daddy das richtige Wort war. Sie würde es versuchen. Vielleicht. Und sehen, ob es ihm auch gefiel. Und wenn nicht, würde sein Gesicht es schon zeigen, und sie konnte wieder Sirvater sagen. Sie würde es versuchen. Und wenn Daddy nicht passte, dann würde sie sich etwas anderes ausdenken und in der Zwischenzeit Sirvater sagen. Ja.

Sie lächelte ihren dreiköpfigen Hund an, der auf dem zugeklappten Toilettensitz saß und ihr beim Baden zusah, bevor sie die Seife tollpatschig in die Hand nahm, um sich zu waschen.

Dieser Tag hatte ihr gefallen. Naja, außer der Riese, der sie so intensiv angesehen hatte, und diese Frau mit dem Buch. Aber danach, danach war es toll gewesen. Es waren keine anderen Leute in der Apotheke und er hatte ihr gezeigt, wie man Flubberwürmer abschälte, und sie durfte den Trank wieder umrühren und er hatte wieder die Farbe gewechselt und er – Daddy – war wieder hinter ihr gestanden und hatte geholfen und sie hatte sich irgendwie an ihn gekuschelt. Naja, sie hatte ihren Rücken an seinen Bauch gedrückt und ihr hatte dieses Gefühl wirklich gefallen.

Er wusste immer, was er tun musste, damit sie sich gut fühlte, damit sie lächelte und glücklich war und sich beschützt und sicher fühlte. Er ließ sie in seinem Bett schlafen.

Mummy hatte das nie erlaubt. Aber ihr Bett hatte auch immer schlecht gerochen. Ein seltsamer Geruch. Und dieses Parfum. Und sie musste immer niesen. Und Mummy rauchte in ihrem Schlafzimmer und sie mochte den Rauch nicht.

Es war schön, in seinem Bett zu schlafen, und sie fragte sich ... nein, sie fragte sich nicht, sie überlegte sich einen Plan, wie sie heute Nacht wieder nicht schlafen konnte. Damit sie sich wieder zu ihm in sein Bett kuscheln konnte. Das gut roch, warm und bequem und wunderbar war.

Sie lächelte und drehte sich auf den Bauch und schloss die Augen und tauchte ein wenig im warmen Wasser unter.


"Ophelia!", rief er laut, seine Stimme klang ein wenig seltsam, als er sie mit dem Kopf unter Wasser sah.

Oh nein, er hatte sie in der großen Badewanne in seinem Badezimmer allein gelassen und sie war ertrunken. Er wusste, es war zu tief gewesen. Er mochte sein Badezimmer. Es war so luftig, es war leicht, es hatte weiße Fliesen, eine weiße Badewanne, eine weiße Toilette, ein weißes Waschbecken und es hatte zwei Fenster. Echte Fenster, keine verzauberten. Ein kleines Schränkchen für Tränke und seine Toiletteartikel. Seinen Rasierer, seinen Kamm, sein Aftershave.

Aber das war eine große Badewanne, zu tief für so ein kleines Mädchen. Wie würde er bloß erklären können, dass er seine Tochter ertrinken lassen hatte?

Er lief zur Badewanne, kniete sich sofort davor hin und zog sie hoch.

"Hallo, Daddy", grinste sie und wischte sich das Wasser aus den Augen und das Haar aus dem Gesicht.

"Was hast du gedacht, dass du hier tust?", fragte er böse.

Ihre Augen wurden groß und weit und sie biss sich auf die Lippe. "Ich hab mich unter Wasser umgesehen", sagte sie kleinlaut.

Er wusste, dass er tief Luft holen musste, bevor er etwas tat oder sagte. Er hatte sie schon genug verängstigt. Aber was hatte sie sich bloß dabei gedacht, so zu tun, als wäre sie ertrunken?

Sie war seine Pflicht ... es war seine Pflicht, für ihre Sicherheit und ihr Wohlergehen und ihre Gesundheit und ihren Schutz zu sorgen. Es hatte nichts mit der Sorge um ihr Wohlergehen zu tun, es war einfach so, dass das sein Job war.

Wahrscheinlich.

"Bereit?", fragte er. Er hielt seine Stimme ruhig und neutral.

"Für was?", fragte sie. Anscheinend war sie immer noch ein wenig verängstigt, weil er wütend war.

"Für das Haarewaschen, Mädchen", sagte er höhnisch und nahm die Shampooflasche in seine Hand.

Sie nickte und ein Lächeln erschien wieder auf ihrem Gesicht. "Aber ..."

"Aber?", fragte er. "Bitte sprich in ganzen Sätzen."

"Nicht in die Augen?"

"Nein, nicht in die Augen", antwortete er sofort und gab vorsichtig, da er das noch nie zuvor getan hatte, etwas von seiner selbstgemachten Flüssigkeit aus der Flasche auf ihren Kopf. Er stellte die Flasche wieder ab und legte langsam seine Hände auf ihrem kleinen Kopf. Er begann mit seinen Fingern und in diesem Moment blickte sie hoch und er merkte, dass sie keine Angst vor ihm hatte.

Dazu brauchte er keine Legilitmentik. Ihr Gesicht war für ihn offen lesbar wie ein Buch. Sie hatte Angst, ja, aber nicht vor ihm. Sie hatte Angst davor, etwas falsch zu tun. Dass sie ihn wütend machte, indem sie etwas Falsches machte. Dass sie ihn womöglich enttäuschte.

Und ganz plötzlich war es ganz leicht, ihr die Haare zu waschen. Es flog ihm einfach zu.

Obwohl ihn gleichzeitig das warme Gefühl in seinem Bauch irritierte.