"Sie sind Hermiones Mutter, oder?"

"Ähm, ja", antwortete Judith und starrte hoch zu dem ziemlich haarigen, ziemlich riesigen, ziemlich breiten Mann, und sie erinnerte sich. "Sie sind Hagrid. Aus Hogwarts."

"Der bin ich, Ma'am." Er neigte seinen Kopf. "Was bringt Sie hierher?" Er deutete auf die Apotheke, in der Severus Snape seine Tochter festhielt und sie offenbar irgendwie tröstete. Seine Hände rieben sanft ihren Rücken. Und Hermione dachte, dieser Mann könnte nicht lieben ... wirklich, was für ein Unsinn. Natürlich konnte er das. Jeder, der dies sah, würde das merken. Er hielt das kleine Mädchen so fest und gab ihr einen Kuss auf den Scheitel und beruhigte sie. So wie Väter, die ihre Kinder liebten, das im Allgemeinen taten.

"Ich, ähm, mein Enkelsohn ist ein wenig krank und er braucht diesen ... wie heißt das gleich noch mal? Aufpäppeltrank, und die Apotheke in der Winkelgasse ist ausverkauft."

"Hab ich gehört", grollte er. "Hogwarts hat auch nur mehr wenige Vorräte."

"Wirklich?", fragte sie mit einem Lächeln und wusste, dass sie irgendwie vor diesem haarigen Mann hineinkommen musste. Sie musste dieses Anfreunden zwischen Vater und Tochter aus der Nähe sehen. "Entschuldigen Sie", sagte sie dann einfach und ging an ihm vorbei, um die Tür zu öffnen.

"Lass'n Sie mich helfen", sagte er sofort und hielt sie für sie auf, und sie musste sich selbst eingestehen, dass sie wünschte, sie hätte ihre Gesichtsmuskeln ein wenig besser unter Kontrolle. Normalerweise war es leicht – sie trug diese Maske auf der Arbeit zur Schau und sie konnte zumindest mit ihrem Mund und ihrer Nase Grimassen ziehen, so viele sie wollte. Aber sie konnte die Tatsache nicht verbergen, dass es ihr nicht besonders gefiel, wenn sie den Laden gemeinsam mit einem Lehrer aus Hogwarts betrat. Oder mit einem Angestellten eben. Sie war sich nicht sicher, was er war. Sie konnte sich nicht genau erinnern. Aber sie konnte sich nach all dem, das sie gehört hatte, nicht vorstellen, dass Severus Snape gut auf jemanden von Hogwarts zu sprechen sein könnte.

"Danke." Sie lächelte, oder versuchte es zumindest, und es mag zwar ein wenig falsch rübergekommen sein, aber ihn schien es überhaupt nicht zu stören und er grinste zurück.

"Morgen, Snape", ertönte es laut hinter ihr und sie musste einfach die Augen verdrehen.

"Guten Morgen, Mister Snape", sagte sie sanfter, "guten Morgen, Ophelia." Sie sah hinüber, das Mädchen hatte sich noch immer an ihren Daddy geklammert. Ihr Gesicht war irgendwo vergraben, ihr schwarzes Haar war verschwunden und bei all seinen schwarzen Kleidungsstücken nicht sichtbar. Und bei ihren schwarzen Kleidern.

"Ophelia?", fragte Hagrid.

Sie beobachtete interessiert, dass Severus Snape aufstand, seine Tochter sich an ihn klammerte und ihre Beine automatisch um ihn schlang. So wie es Hermione immer bei ihrem Daddy getan hatte. Offenbar war dieses Mädchen, Ophelia, egal, was man auch sagen konnte, ein Papakind. So wie Hermione es gewesen war. Oder es noch immer war. Ein wenig.

Er, Severus Snape, nickte bloß mit dem Kopf und setzte sie auf ihren Stuhl. Er flüsterte etwas zu, das sie nicht hören konnte, dann drehte er sich zu ihnen.

"Was benötigen Sie?", fragte er kalt.

"Ist es wahr, dass du 'ne Tochter hast?", fragte Hagrid sofort.

"Offenbar", schnarrte er und Judith Granger nahm die Gelegenheit wahr, die sich ihr bot. Und sie bot sich tatsächlich, denn das Mädchen sah sie an, erinnerte sich an sie, und sie zog ein großes Bilderbuch aus ihrer Handtasche.

"Hi, Ophelia", sagte sie sanft, ignorierte Snapes bösen Blick und Hagrids verwunderten Gesichtsausdruck (und eine Art gurgelndes Geräusch). "Ich habe dir etwas mitgebracht."

Das Mädchen schüttelte bloß ein wenig den Kopf.

"Das ist ein Buch von meiner Tochter, als sie in deinem Alter war." Sie beugte sich hinab zu Ophelia. "Willst du es einmal ansehen?"

Wieder schüttelte sie den Kopf.

"Was tun Sie da?", fragte Snape bissig.

"Ich habe Ihrer Tochter das hier mitgebracht", antwortete sie und stellte sich wieder gerade hin. "Das ist ein altes Buch von Hermione und ich dachte, es würde Ihrem Mädchen gefallen." Sie konnte ebenfalls böse dreinsehen, nur dass er es wusste, und das tat sie auch.

"Meine Tochter hat eigene Bücher."

"Snape, wann hast du 'ne Tochter gekriegt?", fragte Hagrid.


Er wollte, dass diese Leute seinen Laden verließen. Diese Granger-Frau mischte sich genauso in fremder Leute Angelegenheiten ein wie ihre Tochter. Sie brachte seiner Ophelia Bücher, als würde er es sich nicht leisten können, ihr welche zu kaufen. Als ob er nicht wüsste, was sie brauchte.

Und Hagrid. Wenn die ganze Zaubererwelt nicht gewusst hatte, dass er ein Kind hatte, dann wüssten sie es spätestens jetzt. Innerhalb der nächsten halben Stunde oder so.

"Entweder Sie kaufen etwas, und zwar beide, oder Sie verlassen sofort meine Apotheke", drohte er einfach mit der Stimme, von der er wusste, dass sie die meisten Menschen zum Erzittern brachte.

Und die Granger-Frau, so nett sie am Tag zuvor auch gewirkt hatte, starrte ihn böse an. "Ich kam hierher, um Ihrer Tochter ein Buch zu bringen. Nicht mehr, nicht weniger."

"Sie braucht dieses spezielle Buch nicht, genauso wenig wie jedes andere Buch von Ihnen. Sie hat Bücher."

"Ich habe schöne Bücher", sagte Ophelia. "Und Sirvater sagte, man darf nichts von Fremden nehmen."

Einen Moment lang konnte er nicht anders, er sah seine Tochter beinah stolz an. Ja, sie hatte verstanden. Sie würde überleben. Sie würde taff sein, sie würde ihren eigenen Weg auf dieser Welt gehen. Eines Tages. Jetzt noch nicht. Aber sie würde einmal. Wenn sie erwachsen war. Älter. Viel älter. Ja. Er würde ihr helfen, aber sie hatte die Grundlagen bereits begriffen.

Vertraue niemandem (tja, natürlich vertraute sie ihm, aber er war schließlich ihr Vater, nicht wahr?) und nimm keine Geschenke an. Von niemandem. Nicht, wenn du nicht weißt, was sie mit sich bringen könnten.

Und dennoch, sie war ein kleines Mädchen. Sie war viereinhalb. Sie war ein Baby. Sie hatte in seinen Armen geweint. Auf ihrem Gesicht waren immer noch die Spuren ihrer Tränen zu sehen. Nur weil sie ihn nicht verlassen wollte.

Sie wollte ihn nicht verlassen.

"Die Apotheke ist geschlossen", sagte er plötzlich und wirbelte herum, um seine beiden Kunden anzusehen.

"Verzeihung?", fragte Judith Granger.

"Wir haben geschlossen", wiederholte er langsam, damit auch sie es verstehen konnte. Die Mutter einer Gryffindor. Er wusste, von wem Hermione Granger das geerbt hatte. Es war eindeutig.

Und er wollte sie hier raus haben. Er wollte in Ruhe brauen. In seinen Laden kamen grausame, betrunkene, seltsame, schwachköpfige Typen. Normalerweise. Mit ihnen konnte er umgehen.

Aber die Rache? Nicht so leicht, wie sie hätte sein sollen. Nicht so befriedigend, wenn Ophelia hier saß und leider noch verängstigter vor Hagrid und der Granger-Frau aussah, als sie es bei allen anderen war, sogar bei Squiffy Mary Kelly.

"Snape, ich brauche fleischfressendes Schneckenabwehrmittel", sagte Hagrid langsam. "Es ist wieder diese Jahreszeit."

"Fein", fauchte er und hatte die Phiole binnen weniger Sekunden in der Hand. "Du weißt, wie es funktioniert, also brauche ich nicht zu fragen. Sieben Galleonen."


Snape war grundsätzlich nie freundlich. Er war nicht nett. Er plauderte nicht einfach mit seinen Kunden. Er machte die Tränke, oder in seinem Fall, ein Konzentrat, reichte es einem, verlangte Geld dafür, und das war alles. Aber so rüde?

Nein, Hagrid konnte sich nicht daran erinnern, dass er jemals so rüde gewesen war. Forsch und scharf und kurz angebunden. Rüde? Nicht wirklich.

"Hier haste." Er hatte das Geld schon in einer der vielen Taschen seines Mantels bereit und legte es auf den Tresen. "Sie ist ein nettes, junges Mädchen, das ist sie." Er nickte in Richtung der stillen Kleinen, die steif und beinah verängstigt auf ihrem Stuhl saß. "Sag einfach, wenn du Hilfe brauchst", sagte er einfach. Ihm fiel nichts Besseres ein, das er hätte sagen können, und drehte sich um. Die Phiole mit dem Schneckenabwehrmittel schob er tief in seine Tasche.

Er hatte gedacht, dass vielleicht, aber nur vielleicht, Hermiones Mum klug genug gewesen wäre, um ebenfalls zu gehen, aber als er wieder durch die saubere Fensterscheibe hineinsah, stand sie noch immer dort, hielt das große Buch in ihren Händen und er ging davon, unsicher, was er der Direktorin und allen anderen erzählen sollte.


Die Lady war am Tag zuvor schon hier gewesen. Sie erinnerte sich. Und sie erinnerte sich daran, dass Sirvater gesagt hatte, dass sie hallo sagen konnte. Und ihren Namen sagen, aber ein Buch von ihr zu nehmen?

Das wäre wie stehlen.

Zumindest hatte Mummy das immer gesagt, wenn sie bloß die Sachen auf Mummys Kommode angesehen hatte. Dort waren diese lustigen, kleinen Malstifte, mit denen sie ihre Augen schwarz machte an den Rändern und dann solche, die die Lippen rot oder rosa machten. Und dann gab es noch so kleine Töpfchen mit Farbe darin, die Mummy normalerweise auf die Lider strich oder auf ihre Wangen und manchmal, manchmal dachte Ophelia, dass es zu viel wäre. Dass Mummy nicht mehr wie Mummy aussah. Sondern anders.

Also, eines Tages, Ophelia erinnerte sich noch deutlich daran, war sie auf den Stuhl geklettert, der vor dem Tisch mit dem Spiegel stand, wo Mummy all diese Dinge aufbewahrte. Sie waren alle perfekt aneinander gereiht. Und eigentlich wollte Ophelia, die damals noch Fiffy hieß, ihr ein Bild malen. Es gab hier nie irgendwo Papier, aber sie dachte, dass sie mit einem dieser Stifte wohl auch auf dem Spiegel malen konnte. Dann würde Mummy es sofort sehen, wenn sie von ihrem Nickerchen aufstand.

Sie war extra leise gewesen, aber dann stand Mummy plötzlich direkt hinter ihr und der lange, bunte Fingernagel einer ihrer Hände stach ihr schmerzhaft in die Schulter und Ophelia, die damals noch Fiffy hieß, hatte vor Schmerz aufgejault. Sie hatte noch nicht einmal mit dem Bild begonnen. Sie hatte nur den roten Stift geöffnet, den Mummy für ihre Lippen nahm.

"Etwas zu nehmen, das dir nicht gehört, ist stehlen, junge Lady", hatte ihre Mutter gesagt und Ophelia, Fiffy, war aus dem Zimmer ihrer Mutter gelaufen. Und sie hatte es nie geschafft, ihr das Bild zu malen.

Und das hier war dasselbe, oder? Tja, diese Frau wollte ihr das Buch zwar geben, aber trotzdem ... es gehörte ihr nicht. Sie hatte nicht dafür bezahlt. Oder eher Sirvater hatte nicht dafür bezahlt und sie hatte gesagt, das Buch hatte ihrer Tochter gehört.

Das wäre wie stehlen von ihrer Tochter. Wer auch immer das war.

Und Ophelia wollte keine Stehlerin sein. Nein.

Sie drehte sich zu ihrem Vater, hatte die Augen ganz groß gemacht und wollte wirklich nicht wieder zu ihm laufen. Sie war schon ein großes Mädchen. Fast fünf. Und mit fast fünf brauchten Mädchen nicht ständig Umarmungen.

Das hatte Mummy jedenfalls immer gesagt. Aber Sirvater, er umarmte sie immer. Und beschützte sie. Und machte sicher, dass sie keine Stehlerin war, auch wenn sie sowieso keine sein wollte.

Ophelia biss sich fest auf die Lippe und plötzlich wurde ihr die Entscheidung, ob sie zu Sirvater laufen sollte oder nicht, abgenommen, indem sie in neben sich spürte. Seine Hände berührten sanft ihren Oberarm.

"Ich glaube, Sie gehen besser. Sie machen meiner Tochter Angst", sagte er mit seiner bösen Stimme. Aber sie war nicht auf sie gerichtet. Sie war auf die Frau gerichtet. Die, die sie zu einer Stehlerin machen wollte.

Die Frau zog ein Gesicht. "Ich wollte nur nett sein. Meine Tochter glaubt, sie wären nicht fähig, zu lieben. Ich glaube das nicht. Ich glaube, Sie wollen einfach vor den anderen nicht schwach wirken, indem Sie Liebe zeigen. Aber das ist Ihre Sache. Wenn Sie Freundlichkeit nicht einmal erkennen können, tja, dann wünsche ich Ihnen einen guten Tag. Und auf Wiedersehen, Ophelia. Schade, dass du dir das Buch nicht ansehen wolltest."

Ophelia biss sich wieder auf die Lippe und lehnte sich ein wenig näher an ihren Sirvater. Verstanden sie denn nicht, dass sie hinsehen wollte, aber es nicht konnte, weil sie nicht stehlen wollte? Wussten sie nicht, was stehlen hieß?

"Auf Wiedersehen, Missus Granger", sagte Sirvater und zog sein böses Gesicht, bis sie die Tür hinter sich geschlossen hatte.

"Brauen wir einen Trank, Ophelia", sagte er dann und seine Stimme ... seine Stimme hatte sich sofort verändert. Sie war wieder lieb. Und nett. Und die Stimme seines Sirvaters. Sie lächelte einfach hoch zu ihm und wusste, dass sie bei ihm in Sicherheit war.

Dass er nicht zulassen würde, dass sie zur Stehlerin oder Lügnerin wurde oder zu einem der anderen bösen Sachen, von denen Mummy immer gesagt hatte, dass sie das werden würde, sobald sie erwachsen war.

Sirvater kümmerte sich gut um sie.

Auch wenn sie jetzt wirklich einen anderen Namen für ihn brauchte.