Verlorener Sohn

Ich spüre das Brennen meiner Wange, höre das Schreien meiner Mutter und fühle den Hass in meinem Inneren brodeln.
Ihre Worte kommen wie Messer auf mich zu, ich will sie nicht hören, sind es doch die gleichen wie immer, sie beschimpft mich als eine Schande für die Familie, fragt, ob ich denn jeden Respekt verloren habe.
Ich lasse es mir nicht anmerken, aber sie verletzt mich damit mehr, als es je eine ihrer Ohrfeigen hätte tun können.

Mein Bruder steht im Hintergrund, der kleine, perfekte Liebling von jedermann, ohne Fehler, mit glänzenden Manieren und dem Bestreben es unseren Eltern Recht zu machen, ein wahrhaft stolzer Vertreter unserer Familie und deren Traditionen.
Im Gegensatz zu mir, der ich ein Rebell bin, immer die falschen Fragen stelle und mich weigere, so zu sein wie alle anderen.
Sie sagen, ich verrate mein Blut, weil ich mich mit den falschen Leuten angefreundet habe, mich nicht für die zwielichtigen Geschäfte meines Vaters interessiere, nicht die gleichen Vorlieben hege wie alle Verwandten.

Meine Mutter schreit weiter, ich sehe das spöttische Leuchten in den Augen meines Bruders und plötzlich ist es einfach zu viel.
Ich drehe mich um, renne die Treppen hoch zu meinem Zimmer, werfe wahllos meine Sachen in meinen Koffer und mache mich auf den Weg zurück nach unten.
Ich blicke mich nicht noch einmal um, hier gibt es nichts, was ich vermissen könnte.

Ich werfe die große Eingangstür hinter mir zu und zeitgleich mit deren dumpfen Geräusch verstummt auch die Stimme meiner Mutter.
Es stürmt und schwere Regentropfen fallen auf mich nieder, aber ich spüre weder sie, noch die Kälte, die von ihnen ausgeht, denn in mir brennt noch immer ein Feuer.
Ich zögere eine Sekunde, fast abwartend, dann wende ich mich mit entschlossenen Schritten der Straße zu.

Natürlich folgt mir niemand, sie sind sicherlich genauso froh, mich loszuwerden.
Trotzdem tut es weh, dass sie mich einfach so ziehen lassen, aber ich habe es nicht anders erwartet.
Schließlich hat mich meine Familie von Anfang an verraten, weil sie mich nie verstehen wollte, nie akzeptieren konnte, dass ich anders bin.

oOo

Ich höre die Tür, wie sie ins Schloss fällt, endgültig, wie mir scheint.

Er erinnert mich so an seinen Vater, wie er wütend aus dem Haus gestürmt ist, er hat das gleiche Funkeln in seinen dunklen Augen.

Früher oder später war es zu erwarten, aber es ist trotzdem ein wenig erschütternd.

Natürlich lasse ich mir nichts anmerken und verbanne die Erinnerung an sein enttäuschtes Gesicht aus meinem Kopf.

Ich lasse noch einige Sekunden der Stille verstreichen, dann drehe ich mich zu meinem Sohn um, den einzigen, den ich habe.