Lautlos stieg er die Stufen herab und blieb einige Meter vor ihr stehen.
„Störe ich Sie?" fragte er.
Sie zuckte kurz zusammen, hatte sich aber genug unter Kontrolle, um nicht erschreckt aufzuspringen. Sie blickte nach oben und sah ihn an. Da war etwas in ihren Augen, das er nicht deuten konnte. Gewiss keine Angst, auch keine Trauer... Eher Entschlossenheit.
Sie musterte seine höflich ausgestreckte Hand zunächst skeptisch, lies sich nach einigen Momenten des Zögerns aber doch aufhelfen. Ihre Finger waren kühl. Auf der Lichtung war ihre Haut warm gewesen. Beinahe heiß... Sie ließ seine Hand sofort los als sie aufrecht stand.
„Ich gebe zu, ich habe mich ein wenig verlaufen." sagte sie. „Ihr Schloss ist eine Kleinigkeit größer als mein Elternhaus." Sie klang recht kühl. So kühl wie ihre Hand sich anfühlte.
„Sie hätten sich schon zurechtgefunden. Ihre Instinkte hätten Sie irgendwann automatisch dorthin geführt, wohin Sie gerne gelangen wollen."
„Sehen Sie, Exzellenz, das ist mein Problem! Ich weiß ja nicht, wo ich gerne hin gelangen möchte." sie lächelte ein wenig. Darauf gab es nichts zu entgegnen.
„Wollen wir ein wenig gehen? Wenn Sie es wünschen, zeige ich Ihnen das Anwesen."
„Gerne."

Schweigend durchquerten sie die Gänge des Schlosses.
Sie war still. Doch in ihrem Inneren schien es zu brodeln. Es ging eine Spannung von ihr aus, die sich in ihrer steifen Haltung und ihren zusammengekniffenen Lippen äußerte.

Sie gingen einen langen Gang entlang, durchquerten einen hohen Torbogen und standen mitten in der Eingangshalle. Von dort aus begann er, ihr zu erklären, welcher Gang und welche Treppe in welchen Teil des Schlosses führte. Wo die Bibliothek und der Ballsaal zu finden waren und wie sie am schnellsten zurück in ihr Zimmer finden konnte. Er sah ihr förmlich an, wie sehr sie sich bemühte, diese Flut an neuen Informationen zu verwerten um später nicht nochmal hilflos umher irren zu müssen.
„Jetzt, wo sie wissen, wo sich welche Räumlichkeit ungefähr befindet, dürften Sie sich hier bald wie zu Hause fühlen."
Sie sah ihn überrascht an. Sie schien etwas sagen zu wollen, überlegte es sich jedoch scheinbar im letzten Moment anders. Anstelle einer Äußerung biss Sie sich auf ihre Lippen.
„Bitte, sprechen Sie!" er war neugierig, was sie loswerden wollte.

„Sie sind mir ein Rätsel, Exzellenz." sie sah zu ihm auf und trat einen Schritt zurück, um ihm in die Augen blicken zu können, ohne dazu ihren Kopf in den Nacken legen zu müssen.
„Vor kurzem noch haben Sie mich im Wald überfallen. Haben mein Blut getrunken, was mich letztendlich zu einem Wesen gemacht hat, von dem ich dachte, dass es nur in Märchen und Gruselromanen existiert! Dann lassen Sie mich auf einer Lichtung liegen und riskieren dabei, dass mich die Sonne in Staub verwandelt..." Ihre Augen flackerten. Der Graf fühlte sich an den gestrigen Abend erinnert. „...und jetzt sind Sie der perfekte Gastgeber, führen mich durch ihr Schloss und hoffen, dass ich mich wie zu Hause fühle?" sie starrte ihn fassungslos an. „Verzeihen Sie, ich kann nicht nachvollziehen, was Sie hiermit bezwecken wollen!" ihre Stimme zitterte ein wenig. Ob vor Zorn oder aus einem anderen Grund konnte er nicht entschlüsseln.

Es war wohl an der Zeit, die Situation ein für alle Mal zu klären. Er blickte in ihre haselnussbraunen Augen.
„Was erwarten sie von mir?", fragte er sie.
„Wie bitte?" sie schien nicht verstehen zu können, dass sie ihm überhaupt etwas erklären musste.
„Sie haben mich schon richtig verstanden! WAS erwarten sie von mir? Eine Entschuldigung?"
Sie öffnete den Mund um etwas zu sagen, doch er lies sie nicht aussprechen.
„Denn wenn Sie eine Entschuldigung erwarten, dann muss ich Sie enttäuschen! Ich werde Sie definitiv NICHT um Verzeihung bitten! Lügen und Scheinheiligkeit sind mir ein Gräuel, ich werde niemals jemanden um Vegebung für etwas bitten, das mir nicht im entferntesten Leid tut!"
Auf ihrem Gesicht zog ein Sturm auf. „Wenn Sie nur einen Funken Anstand in sich tragen würden, dann..."

Oh, sie machte ihn rasend.
„So weit ich mich erinnern kann, befanden sich neben ihrer Kutsche die Überreste eines Menschen, der IHREM Anstand zum Opfer gefallen ist!", merkte er schneidend an.
Dieser Kommentar brachte wohl das Fass zum Überlaufen. Ohnehin nicht mit besonders viel Farbe im Gesicht gesegnet, wurde sie nun leichenblass. Die Fäuste geballt trat sie so nahe an ihn heran, dass sie ihn fast berührte.

„Das war mein Onkel!" Er hatte erwartet, dass sie ihn anschreien würde, statt dessen flüsterte sie. Ihre Stimme klang gepresst. Wenn sie hätte weinen können, hätte sie das zweifelsohne spätestens jetzt getan.
„Ich habe ihn gebissen, als er verletzt auf dem Boden lag! Ich habe die Ader an seinem Hals geöffnet und von ihm getrunken, bis nichts mehr übrig war! Ich habe meinen eigene Verwandten angefallen wie ein Tier!"
Sie atmete schwer. Er konnte erkennen, dass die Erinnerung sie rasen machte.
„Und wenn Sie glauben, dass mir das nicht Leid tut, dann täuschen Sie sich! Es tut mir so Leid dass es mich innerlich fast zerreißt!" sie schluchzte trocken auf. „Nur weil Sie abgestumpft und gefühlskalt sind, heißt das nicht, dass ich auch so bin!"
Sie musterte ihn mit einem beeindruckend verächtlichen Blick. und drehte sich auf dem Absatz um. Sie machte Anstalten davon zu laufen, doch das würde er nicht dulden.

Er packte sie an den Schultern und hielt sie zurück. Sie wollte sich losreißen, doch er war deutlich größer und kräftiger als diese kleine Person. Wenn er es nicht wollte, gab es für sie kein Entkommen. Er drehte sie zu sich um, so dass sie sich gegenüber standen.

Er richtete seine Augen auf die ihren. Er konnte erkennen, wie sehr sie darum kämpfte, sich aus seinem Griff zu lösen und fort zu laufen, doch er erlaubte es nicht. Es war wichtig, dass sie ihm zuhörte, dass sie ihn verstand...
Sie verkennen die Situation" merkte er kühl an. „Sie denken wohl, dass Sie eine Wahl gehabt hätten!"
„Man hat immer eine Wahl!" schleuderte sie ihm entgegen.
„Ist das so?" er blickte sie eindringlich an. „Wie war es denn, als Sie neben Ihrem Onkel auf der Erde lagen? Als die Stimme in Ihrem Kopf geschrien und getobt hat. Als alles woran Sie denken konnten, das rauschende Blut in seinen Adern war?"
„Hören Sie auf..." flüsterte sie heiser.
„Wie war es, als der Geruch seines Blutes Ihre Sinne benebelt hat? Als sie seinen Herzschlag ganz laut in ihren Ohren dröhnen gehört haben... Als Sie dann Ihre Zähne in seinem Hals versenkt haben, als sie den ersten Tropfen gekostet haben und wie plötzlich alle Ihre Sinne explodiert sind?"
„Hören Sie auf!" Sie war kurz davor, die Fassung zu verlieren.
„Sagen Sie es mir, hätten Sie aufhören können?" rief er Augen hielten die ihren gefangen.

„Nein..." Er konnte ihr Stimme kaum hören.
„Was haben Sie gesagt?" er schüttelte sie leicht.
„NEIN!" diesmal schrie sie ihm das Wort förmlich entgegen. „Hätte ich nicht!" Mit einem Mal war ihr Körper nicht mehr angespannt. Ihre Knie schienen unter ihr nachzugeben. Sie schwankte ein wenig, doch er lies sie nicht los. Er lies seine Hände an ihren Schultern, steuerte sie auf eine Bank zu und drückte sie mit sanfter Gewalt nieder. Er kauerte sich vor sie hin und nahm ihre Hände in die seinen. Er hoffte inständig, dass ihn niemand so sah. Nicht, dass zum Schluss noch jemand glaubte, er würde sich tatsächlich um die Gefühle anderer kümmern. Welch abstruser Gedanke.
Eindringlich sprach er sie an: „Man hat es nicht unter Kontrolle. Wenn der Hunger einen überfällt, dann ist man sein Sklave! Verstehen Sie das?"
Sie nickte erschöpft.

Erst als er sicher war, dass sie sich wieder beruhigt hatte, lies er ihre Hände los und wandte seinen Blick von ihr ab. Er stand auf, verneigte sich leicht und lies sie alleine auf der Bank sitzen.
Ohne es zu wollen, hatte er sich doch noch entschuldigt.
Und ohne es zu wollen, hatte sie seine Entschuldigung angenommen.

+*+*+

Herbert war am Ende seines Latein, als er Margareta schlussendlich alleine auf der Bank sitzen sah. Natürlich, sein Vater war immer für ihn da gewesen. Er hatte über ihn gewacht, als er aufwuchs. War immer zu einem Gespräch bereit gewesen, wenn ihn Sorgen gequält hatten und hatte ihm in schwierigen Situationen Ratschläge gegeben. Kurzum, er hatte in ihm jemanden zur Seite gehabt, auf den er sich zu 100 Prozent verlassen hatte können. Er hatte nie das Gefühl gehabt, ihm lästig zu sein oder sich vor ihm fürchten zu müssen. Er war eben sein Vater.

Doch anderen gegenüber konnte der Graf unnahbar und grausam auftreten.
Er war der Herr der zahlreichen Bauern, die die Höfe der Ländereien bewirtschafteten. Er war für das Wohl vieler Menschen verantwortlich. Unbeugsam und hart setzte er seine Entschlüsse durch und verschaffte sich so Achtung und Respekt bei seinen Untergebenen.
Er war der Graf, er konnte sich weder Mitleid noch Schwäche erlauben.

Aber der Mann, der sich in der Halle so aufmerksam um Margareta gekümmert hatte... War das tatsächlich sein Vater gewesen? Herbert war fassungslos.

Herbert wartete, bis Margaretas Atem sich wieder normalisiert hatte und sie aussah, als wäre sie wieder bereit sich in Gesellschaft zu begeben.
Mit übertrieben lauten Schritten steig er die Treppe in die Halle hinunter und tat so, als würde er sie erst sehen, als er auf dem Absatz stand.
„Ach, DA bist du!" rief er fröhlich. „Ausgeschlafen?". Er lief auf sie zu uns setzte sich neben sie.
„Es freut mich, dass du die Halle alleine gefunden hast. Ich habe schon befürchtet, du würdest dich im Schloss verlaufen!" Er grinste sie an. „Komm, ich zeige dir die Außenanlagen und die Stallungen, wenn du willst."
Sie nickte und lies sich von ihm aufhelfen. Gemeinsam verließen sie die Eingangshalle.

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Zum Schluss noch eine wichtige Mitteilung:
2) Nach Absprache mit dem amerikanischen Propheten, der für 21. Oktober 2012 den Weltuntergang prophezeit hat, kann ich garantieren, dass jeder, der mir bis zu diesem Datum eine Review für meine Fic schreibt, an diesem Tag mit 3% weniger Wahrscheinlichkeit in die Hölle kommen wird als die Leute, die mir keine schreiben.
→ Also, warum unnötige Risiken eingehen :p