Anmerkung: Felix und die namentlich erwähnte Pol gehören nicht mir, aber ich versichere, dass sie auch weiterhin in guten Händen sind!

Heiße Nadeln, lose Fäden

Gespannte Stille hatte sich über den Aufenthaltsraum in der Schneidergilde gelegt, so machtvoll, dass nicht einmal der Glockenschlag des Alten Tom lautloser gewesen wäre. Es war eine Stille von der Art, dass einem die Ohren noch Tage später klingelten und die Milch im Krug sauer wurde. Große Ereignisse warfen ihre Schatten voraus, hätte der Dichter vielleicht geschrieben; doch da kein Poet je einen Fuß in diese Räume gesetzt hatte und die Fenster an diesem frühen Nachmittag nicht hinter Vorhängen verborgen blieben, war nicht viel Gelegenheit für einen bedeutungsschwangeren Schattenwurf.

Trotz dieses bedauerlichen Mangels an dramaturgischem Feingefühl, lag dennoch greifbar Spannung in der Luft. Vier Augenpaare hefteten sich auf einen braungelockten Jüngling, der vor wenigen Sekunden die Treppe von den Büros hinunter in den Aufenthaltsraum gestürzt war, um dort triumphierend zu rufen: „Seht her!"

Darauf war die eben beschriebene Stille erfolgt und seither nichts geschehen. Alle Schneider waren vollzählig im Aufenthaltsraum versammelt; der Zwerg Berin hatte seine Axt fester gegriffen, als der Hüter der KeineSorge, Gany, so überhastet nach der Aufmerksamkeit seiner Kollegen gerufen hatte. Auch Charles' Hand war zum Degengriff gewandert, während Felix neben ihm an der Bar zunächst nur die Stirn runzelte und, wie alle anderen, abwartete. Einzig Kallistos begegnete der Situation ein wenig unangemessen, denn er schlief wie ein Toter in einem Lehnsessel und war nicht einmal von der dröhnenden Stille zu wecken; für den Vampirmetabolismus war der Tag wohl noch nicht weit genug fortgeschritten.

Schließlich blinzelte Rodney, der letzte im Bunde und Oberhaupt aller Schneider, als erster, trat an den Ausrufer heran und fragte sanft: „Was sollen wir sehen, mein lieber Gany?"

Das!" Triumphierend zog Gany eine Zeitschrift hinter dem Rücken hervor und wedelte damit dem Chef vor der Nase herum. „Die kenne ich, die Ausgabe vom letzten Monat."

„Richtig. Aber ich habe mir erlaubt, einige Verbesserungen vorzunehmen." Gany blätterte in der Zeitschrift und schien eine bestimmte Seite zu suchen. Während ihm der Chef verwundert dabei zusah, neigte sich Felix zur Seite und raunte Charles, der mittlerweile ungeduldig mit den Fingern auf dem Degengriff trommelte, weil der kurze Wortwechsel keine Klarheit gebracht hatte, fragend zu: „Wovon sprechen sie?"

„Anscheinend geht es um die Zeitschrift."

„Ja. Das konnte ich auch schlussfolgern."

In Charles' Mundwinkeln zuckte es verdächtig, seinen besten Freund aufs Korn genommen zu haben. Felix rollte mit den Augen. Wie lange musste er es wohl noch aushalten, „der Neue" zu sein, nicht alle Gepflogenheiten zu kennen und darum immer wieder Ziel von Charles' Spott zu sein? Wahrscheinlich noch eine ganze Weile, bis die Reviergrenzen neu abgesteckt waren. Felix seufzte einlenkend: „Um welche Zeitschrift handelt es sich?"

„Die Schneiderbroschüre natürlich."

„Ich nehme an, darin sind keine Schnittmuster abgebildet."

„Exakt." Jetzt grinste Charles ganz offen. „Nenn es einen Werbeprospekt mit Modellen, Preisen, Informationen zu uns in Schrift und Bild… Besonders in Bild, in Ikonographien."

„Ich glaube, mehr muss ich nicht wissen."

Ob er es allerdings wollte oder nicht, darauf nahmen die Kollegen nun nicht sehr viel Rücksicht, denn Gany schien gefunden zu haben, was er zeigen wollte und als erstes bekam Rodney diese Verbesserungen zu Gesicht. „Frag Dr. Zeus. Was soll das sein?"

„Eine Beratungsseite für Leserinnen und Leser. Alles über Erdbeerwackler und andere Schneidereien."

„Du willst unsere Berufsgeheimnisse ausplaudern?"

„Nein! Wie oft landen Briefe bei dir auf dem Schreibtisch, die keine Aufträge, sondern Fragen zu gewissen *nuschelnuschel* sind?"

Berin, Felix und Charles neigten sich kollektiv vor, aber was genau Nuschelnuschel und vor allem Fragen dazu sein sollten, blieb für immer Ganys und Rodneys unverstandenes Geheimnis. Das Oberhaupt der Gilde schien jedenfalls zu begreifen, was ihm sein Stellvertreter mitteilen wollte. „Gute Idee! Wir beantworten die Fragen andeutungsweise, aber für tieferes Verständnis muss man sich schon einen Schneider mieten. Super gemacht, Gany!" Rodney klopfte dem anderen anerkennend auf die Schulter und schien damit die Sache für erledigt zu halten. Allerdings hatte Gany noch ein weiteres As im Ärmel, denn nachdem er über Lob stolz gelächelt hatte, blätterte er schon wieder ein paar Seiten vor. „Auf das hier bin ich besonders stolz!"

Rodney bekam unerwartet Gesellschaft, denn die übrigen Schneider gaben sich nicht länger damit zufrieden, dem Gespräch nur zu lauschen ohne eigene Beiträge abgeben zu können. Halb gegen seinen Willen, halb aber auch aus eigener Neugier, wurde Felix von Charles am Ärmel zum Chef gezogen, während Berin sich in Kniehöhe einen Blick auf die Zeitschrift zu verschaffen wusste. Links und rechts über Rodneys Schultern spickten also ein Mensch und ein Zombie, während von unten eine Zwergenhand das Heft in die Tiefe zog. „Leute!"

Der Protest ging allerdings unbeachtet unter. Während Gany bereitwillig die Schneiderzeitschrift senkte, versuchte dieweil Charles an Rodney vorbeizugreifen und das Heft zu erobern, denn Felix grinste ausgesprochen breit beim Anblick der bunten Doppelseite, die dort aufgeschlagen worden war; Ikonographien an Ikonographien aller Schneider reihten sich dort aneinander und nicht immer waren sie in vorteilhaften Posen zu sehen; nicht immer waren sie vollständig bekleidet; und nicht immer schien Gany nach Erlaubnis gefragt zu haben, bevor er einen Kollegen zum Beispiel unter der Dusche ablichtete. Felix, der vor einem Monat noch kein Mitglied der Gilde gewesen war, hatte das Glück, diesen Schnappschüssen entkommen zu sein.

Als es Charles nicht gelang, die peinlichsten Bilder vor seinem besten Freund zu verbergen, grollte er: „Soll das vielleicht die Seite für Hinter den Kulissen sein?"

„Nicht doch", widersprach Gany. „Das hier ist eine Ikono-Lovestory!"

„Was für'n Ding?" fragte Berin von unten.

„Eine Ikono-Lovestory. Ich habe hier ein paar Ikonographien genommen, um ungefähr zu zeigen, wie das aussehen soll." Auf die ratlosen Blicke seiner Kollegen hin, erläuterte Gany geduldig: „Das sind nur Platzhalter für eine Bildergeschichte mit den Schneidern. Wir stellen uns in Posen, lassen uns ikonographieren und der Kobold im Ikonographen malt nach Drehbuch Sprechblasen in die Bilder hinein."

Rodney schien ein weiteres Mal begeistert von der Idee, doch bevor er seine Zustimmung ausdrücken konnte, fuhr Charles - der bis dahin noch Felix gestikulierend versichert hatte, dass, wenn der nicht sofort sein Grinsen einstellte, sein bester Freund ihm auf der grünen Wiese dabei behilflich sein würde, jedwede Belustigung besser zu verbergen - dazwischen: „Pardon, Gany? In was für eine Art von Lovestory willst du uns da schicken?"

„Eine Liebesgeschichte eben, wie aus einem Kitschroman. Die Damen lieben so etwas. Wir gewinnen haufenweise neue Leserinnen und davon bestimmt auch einige Kundinnen."

Felix, gänzlich unbeeindruckt von Charles' Duellversprechungen, tauschte sein Amüsement nun doch gegen ein Stirnrunzeln. „Braucht es für solch eine Geschichte nicht auch... Frauen?"

Auf diesen denkwürdigen Einwand hin tauschten die Schneider erneut untereinander Blicke und murmelten. Rodney seinerseits schien erneut vor den übrigen Kollegen verstanden zu haben, was genau Gany ihnen antun wollte. Gänzlich unangemessen, Anbetracht seiner folgenden Worte, lächelte der Chef vergnügt: „Es scheint, liebe Freunde, als würden wir alle Rollen spielen."

„Was?" Die Begeisterung unter den Kollegen hielt sich hörbar in Grenzen. Berin angelte nach seiner Axt und verkündete dunkel: „Auch, wenna alle hier Zwerginnen nich' von Zwergen unterscheiden könnt, ich spiel' auf - keinen - Fall 'n Mädchen!"

Gany versicherte ihm schnell: „Nein, nein! Du bist der böse Onkel."

Die anderen Schneider beeilten sich nun, Berin zu folgen und ihre eigenen Gründe zu nennen, auf keinen Fall die Rolle, und vor allem das Kostüm, einer Frau in dieser Geschichte tragen zu können.

„Ich bin der Chef, ich ikonographiere!"

Auf Rodney folgt sofort Charles: „Ich habe einen Bart und darf den aus kulturell-religiösen Gründen nicht abrasieren!"

„Ich bin zu hoch gewachsen und muskulös!" argumentierte Felix.

„Ich führe Regie und bin der Dramaturg!" fügt Gany zuletzt an.

Wieder breitete sich eine gespannte Stille unter den Schneidern aus, in der jeder jeden herausfordernd anfunkelte; Äxte wurden gehoben, nach Degengriffen getastet - bis ein leises Schnarchen aus einem Lehnsessel zu hören war. Alle Blicke gingen zu Kallistos, der allmählich unter die Lebenden zurückzukehren schien. Rodney schien sich seiner Verantwortung als Oberhaupt bewusst zu werden, nickte den anderen zu und trat an den Sessel heran. Erst behutsam, dann energischer rüttelte er den Vampir wach, der ob dieser groben Behandlung senkrecht saß und mit weit aufgerissenen Augen seinem Chef ins Gesicht starrte. Vielleicht war das besser, als sich einem wütenden Mob mit Mistgabeln und Fackeln nach einem Schlummer gegenüber zu sehen. Allerdings wirkte Rodney nicht weniger beunruhigend, wenn er auf diese Weise gewinnend lächelte. „Wasistpassiert?" brachte Kallistos darum sichtlich schockiert hervor.

„Herzlichen Glückwunsch, mein Bester! Du hast gewonnen."

„Habe ich?"

„Ja, und zwar die Hauptrolle in einer ganz spektakulären Geschichte. Du wirst berühmt und nicht nur das: Alle anderen Schneider werden neidvoll zu dir aufblicken von heute an. Wahrscheinlich werden sie sogar in nächster Zeit ständig um dich herumscharwenzeln. Du hast gewonnen."

„Habe ich?"

„Ja, und zwar die Hauptrolle in einer spektakulären Geschichte, einem epischen Werk! Du wirst berühmt und nicht nur das: Alle anderen Schneider werden von heute an neidvoll zu dir aufblicken. Wahrscheinlich, nein: gewiss, werden sie sogar in nächster Zeit ständig um dich herumscharwenzeln und um deine Aufmerksamkeit buhlen. Du bist der Mittelpunkt ihrer Welt!"

„Rod?"

„Du bist: Julia!"

„Rod!"

„Bravo, Kallistos, das ist die richtige Einstellung! Gany erklärt dir später die Details."

Während der Vampir nach dieser Eröffnung stöhnend in den Sessel zurücksank und zu hoffen schien, gleich doch noch in der richtigen Welt wieder aufzuwachen, schüttelten sich die übrigen Schneider gratulierend die Hände – bis Berin brummte: „Irgendwer muss auch ihr'n oder sein'n Romeo spiel'n."

Umgehend versuchte wieder jeder sich hinter den anderen zu verstecken, bis Gany, der selbsternannte Regisseur, Dramaturg und offenbar auch Drehbuchschreiber, einschritt. „Ich habe schon alle Rollen festgelegt. Zufällig war Kal tatsächlich für die Rolle der Julia vorgesehen. Berin ist ihr strenger Onkel, der sie bewacht und ihrem Liebhaber - Charles - das Leben schwer macht."

Charles verzichtete auf lautstarken Protest, aber sein Gesichtsausdruck sprach Bände. Besonders, da das mitfühlende Schulterklopfen von Felix nicht darüber hinwegtäuschte, dass dieser erleichtert war, dass es nicht ihn getroffen hatte. Das Schulterklopfen wurde kurz darauf allerdings zu einem entsetzten Griff, als ihr Vorgesetzter weiter verkündete: „Der Nebenbuhler um die Gunst der Dame wird von Felix gespielt. Alle übrigen Statistenrollen und was sonst anfällt, machen abwechselnd Rod und ich."

Gany räusperte sich und damit war alles beschlossen und besiegelt.


Seit diesem schicksalhaften Tag waren einige Wochen ins Land gegangen und mehrere neue Ausgaben der Schneiderzeitschrift bereits gedruckt worden. Sehr zum Missfallen einiger Darsteller, aber zur Freude des Gildenvorstands, hatte sich die Ikono-Lovestory als echter Renner entpuppt. Zwar wurden nicht unwesentlich viele Fragen auch an Dr. Zeus gestellt, deren Antworten Berin nebenher in seiner Freizeit verfasste und die einen ungeahnten Feingeistig des Zwergs offenbarten, aber zweifellos hatte sich der Absatz der Zeitung vor allem aufgrund der dramatischen Geschichte um Julia, ihre beiden rivalisierenden Liebhaber und dem bösen Onkel in bis dahin ungeahnte Höhen gesteigert. Statt einmal im Monat, erschien die Schneiderzeitschrift jetzt schon einmal in der Woche und Gany verstand es, die Spannung in der Lovestory aufrecht zu erhalten. Nicht zuletzt dadurch, dass es zwischen Kallistos – der erschreckend authentisch ein Mädchen darstellen konnte – und ihren Verehrern noch zu keinen ausdrücklichen Liebesszenen gekommen war; sehr zur Erleichterung aller beteiligten Schauspieler.

In jeder neuen Ausgabe fieberten die Leserinnen (und manch heimlicher Leser) mit, wie es nur weitergehen mochte. Ob der böse Onkel sich irgendwann erweichen ließ, oder ob die Buhlen ihn gehörig austricksten, um endlich an Julias Balkon empor zu klettern. Selbstverständlich gab es keine Kundin zu, die Zeitschrift selbst zu kaufen, aber in den Straßen Ankh-Morporks wurde doch von Mund zu Ohr über die Geschichte getuschelt, von der die Freundin einer Schwägerin dritten Grades, die man eigentlich kaum kannte, erzählt hatte.

Nicht allein die Geschichte war von Interesse, sondern natürlich auch die Ikonographien von den Schneidern selbst. Rodney trug Sorge dafür, dass die Männer immer im besten Licht zu sehen waren; bis auf Kallistos, der nach den ersten Proben immer mal wieder als Häuflein Asche zusammengekehrt und wiedererweckt werden musste, bis er durchsetzen konnte, keine Blitzlichtsalamander mehr auf ihn anzuwenden. Die dunklen Schatten auf Julias Gesicht schienen jedoch nur von Vorteil dabei, über ihr wahres Geschlecht hinwegzutäuschen und so wurde aus der Not eine Tugend. Tatsächlich verzeichnete Gany einige zusätzliche Aufträge, weil sich diese oder jene Dame sich diesen oder jenen Schneider einmal in Natura näher ansehen wollte – oder auch von Herren, die gerne einen erhellenden Blick auf Julia zu erhaschen hofften; erstaunlicher Weise lehnte Kallistos diese Aufträge nicht rundweg ab, was einige Kunden ernüchtert zurückließ.

So erfolgreich sich die Ikono-Lovestory in die Schneiderzeitschrift eingefügt hatte, so prüde war sie allerdings auch. Der böse Onkel wachte so gut über Julia, dass, bis auf ein paar sehnsüchtige Blicke und schüchterne Andeutungen, wirklich nichts besonders aufregendes passierte. Die Verkaufszahlen gingen mit den nächsten Ausgaben zurück, denn gewisse Ansprüche an eine schneiderische Zeitung schienen doch gestellt zu werden; die Leserinnen schienen wieder zu ihren üblichen Schmachtromanen zu greifen, wo Phantasie und bildhafte Beschreibungen die Ikonographien ersetzten.

Rodney nahm sich noch einige Tage später darum Gany zur Seite und hielt eine Unterredung im Chefbüro mit ihm ab. „Ich glaube, dass du die Spannung jetzt etwas überstrapazierst, lieber Freund. Kommt nicht bald ein Wendepunkt? Noch besser wäre sogar ein Höhepunkt."

Gany schien sichtlich überrascht von dieser Einleitung und blätterte im Drehbuch. Kopfschüttelnd stellte er fest: „Eigentlich noch nicht."

„Gib mal her!" Rodney riss das Manuskript an sich überflog die nächsten Seiten, bis er schließlich die Lippen kräuselte. „Wie langweilig. Wo hast du die interessanten Szenen versteckt, in denen es endlich zur Sache geht? Es stirbt nicht einmal jemand auf dramatische Weise."

„Da muss keiner sterben." erwiderte Gany leicht gekränkt. Rodney hingegen schnappte sich eine Schreibfeder und widersprach: „Muss doch!"

„He, was machst du mit meinem Drehbuch?" Gany schaute entsetzt zu, als der Chef ganze Textpassagen durchstrich und neu schrieb. Am Ende blickte Rodney wohlwollend auf sein Werk und reichte schließlich seinem Stellvertreter die neue Fassung. Mit gehöriger Skepsis nahm Gany sie entgegen und las die Handlung. „Der Nebenbuhler und der Liebhaber duellieren sich, der Nebenbuhler stirbt, Julia ist darüber totunglücklich und begeht Selbstmord, woraufhin der Onkel den Liebhaber durch die Assassinen inhumieren lässt, den Kontrakt aber nicht bezahlt und nach Viericks auswandert, wo er ein neues Leben im Kreise von fünf Konkubinen beginnt..."

Gany sah auf und einem grinsenden Chef ins Gesicht, der meinte: „Teil zwei heißt dann: ‚Onkels erotische Abenteuer im Känguruland'."

„Nicht doch!"

„Warum nicht?"

„Das wird den Leserinnen nicht gefallen."

„Als ob es ihnen jetzt noch gefallen würde. Die Änderungen müssen her!"

Gany rang die Hände. „Das sehe ich ein. Aber wir bringen nicht alle um!"

„Wenigstens Einen?"

„Nein! Gib mir die Feder!"

Rodney tat wie geheißen und dieses Mal schrieb Gany einige Dinge um. „Das Duell bleibt, aber dann... hehehe. Was hältst du davon?"

Rodney las und grinste noch breiter, als man es bisher von ihm kannte. Das spitzbübische Funkeln in seinen Augen verhieß nichts Gutes für Julia, ihren Onkel und ihre Verehrer. „Das ist gut, das ist seeehr gut. Trifft bestimmt den Nerv unserer Kundinnen. Mit dieser Wende hätte keine gerechnet. Ja, so machen wir's!"

Der Chef und sein Stellvertreter nickten sich verschwörerisch zu und in einem anderen Teil des Gildengebäudes schauderte es ein Schneider, als wäre gerade jemand über sein Grab gelaufen. Keiner der Darsteller erfuhr von den Änderungen, bis sie schon unentrinnbar mittendrin steckten…


Im Aufenthaltsraum war für die Bildergeschichte ein billiges Pappmaché-Bühnenbild als Hintergrund errichtet worden. 'Liebhaber' Charles betrat soeben eine üppig grüne Waldlichtung und las dabei demonstrativ einen Zettel.

„Halte ihn etwas höher! Ja, so. Perfekt." Knips.

Der Ikonographenkobold tat seine Pflicht, schwang den Pinsel und Rodney wies ihn noch gleich an, eine Denkblase über Charles' Kopf zu malen: 'Ich bitte den Monsieur Schlag zwölf Uhr mittags auf die grüne Wiese. Gez. F.'

Charles verharrte schicksalsergeben in seiner Pose, bis das Bild fertig war und Gany die nächste Regieanweisung gab. „Jetzt tritt Felix hier zwischen den Bäumen hervor. Gut, so bleiben! Noch etwas finsterer dreinschauen, bitte. Nein, warte! Ich habe es mir anders überlegt. Guck überheblich."

Felix seufzte innerlich. 'Ich habe es mir anders überlegt' war in den vergangenen Wochen oft zu hören gewesen. Trotzdem schauspielerte er brav und tauschte kurz einen wissenden Blick mit Charles, der nun selbst nicht gerade der geduldigste Zombie auf Scheiben war und diese Standbildportraits, wenn nicht gleich die ganze Lovestory, eher entnervend fand. Nicht weniger gelangweilt sahen aus dem Off Kallistos und Berin zu, bis ihr Einsatz gefordert wurde. Was tat man nicht alles für den Job - und die guten Aufträge im Anschluss.

Auch dieses Bild - das Treffen der Kontrahenten - war nun im Kasten. Rodney blinzelte Gany zu, der sich darauf geschäftig die Hände rieb. Es war Zeit für den Wendepunkt. „Jetzt folgt etwas ganz nach eurem Geschmack: Ein Duell!"

Sehr zu Ganys Verwunderung blieb die Begeisterung bei den Darstellern jedoch aus, sodass er nachfragte: „Was ist denn, was habt Ihr?"

Charles ergriff das Wort. „Es ist einfach nicht dasselbe."

„Was meinst du?"

„Sich richtig zu duellieren oder in eingefrorenen Posen zu stehen."

Felix nickt bestätigend und fragte dann auch pflichtbewusst: „Wie soll es aussehen?"

Gany entging nicht die allgemeine Lustlosigkeit unter den Kollegen. Anscheinend fehlte es nicht nur den Leserinnen in letzter Zeit an Spannung. Er sah zu Rodney herüber, der wiederum mit dem Ikonokasten zu reden schien. Felix und Charles führten dieweil im Hintergrund ein Fachgespräch á la: „Wenn du hier hin schlägst, mache ich so und dann..."

Die beiden Freunde wurden in ihrer Planung unterbrochen, als der Chef sich einmischte. „Der Kobold sagt, es geht in Ordnung."

„Pardon?"

„Wenn ihr euch richtig duelliert. Der Kobold kann Skizzen anfertigen und später richtige Bilder daraus machen."

Die Mienen aller anwesenden Schneider hellten sich auf und Gany nutzte den neuen Elan sogleich, indem er rief: „Dann Klapääää und... ÄKTSCHN!"

Charles und Felix waren sofort begeistert dabei und zeigten extra viele Tricks und Spielereien mit den Degen, sie wurden schließlich beobachtet! Den anderen Schneidern war es sichtlich ein Vergnügen, den Freunden zuzusehen, die ihr ganzes Können unter Beweis stellten und eine spannende Choreographie zeigten. Berin richtete sogar spontan ein Wettbüro ein, das regen Zulauf fand. Auch Felix rief dem Zwerg zwischen zwei Hieben zu: „Setz einen halben Monatslohn auf mich!"

„Einen halben nur?" spöttelt Charles. „Einen ganzen auf mich, Berin!"

Wie so oft, blättert Gany im Drehbuch. „Das würde ich an deiner Stelle nicht tun, Charles..." „Was...?" Der Einwand lenkte den Zombie derart ab, dass Felix ihn plötzlich entwaffnete und triumphierend den Offiziersdegen auf Charles' Brust setzte.

„Bleibt so, nicht bewegen!" rief Rodney. „Ganz ausgezeichneter Schmollmund, Charlie."

„Ich bin nicht dein Charlie, ihr Verräter." grummelte Charles, während Felix sehr beherrscht schien, nicht loszuprusten. „Du schuldest mir einen Monatslohn."

„Tu ich nicht, das war ein ganz abgekartetes Spiel - und pass gefälligst auf wo du dein Ding hinhältst!"

Felix grinste und hielt die Klinge weiterhin auf die Brust des Freundes gesetzt. Vergnügt wandte er sich an Gany: „Wie geht es nun weiter?"

„Charles schlägt mit dem Arm den Degen beiseite."

Das ließ sich der Schneider nicht zweimal sagen. Knips, auch dieses Bild war eingefangen und die nächste Anweisung folgte. „Darauf sieht Felix rot, lässt den Degen fallen und packt Charles am Kragen."

„Nicht immer am Kragen..." protestierte Charles noch halbherzig, als er auch schon grob gepackt und näher an den Freund herangezogen wurde. Jetzt kommandiert Rodney aber: „Hör auf zu grinsen, Felix! Du musst wütend gucken. Jaaa, so! Genau in die Augen - und vielleicht ein bisschen Zähne fletschen? Nein, kein Zähne fletschen. Aber zieh den Kontrahenten noch etwas näher heran, genau so, und immer - in - die - Augen - gucken!"

Charles musste an dieser Stelle neidlos anerkennen, dass Felix ein hervorragender Schauspieler war. Hoffentlich. Andernfalls hätte sich der Zombie bei dem zornig starrenden Blick jetzt ernsthafte Sorgen über die Freundschaft zu dem anderen Mann machen müssen. Felix' grüne Augen konnten arg stechend sein, gefährlicher als der Offiziersdegen selbst und es kostete Charles einige Mühe, dem Blick stand zu halten. „Hast du es?" fragte er darum auch ungeduldig den Chef, der bestätigte: „Ist ikonographiert."

Felix blinzelte mehrmals und schien den Kragen loslassen, wieder Abstand und Normalität zwischen den Freunden schaffen zu wollen. Aber Gany rief noch viel schneller dazwischen: „Neeeein, nicht die Spannung lösen! Weiter so gucken! Ja, jaaaaa— und jetzt: Küss ihn!"

„...!"

„Was?"

Nicht nur Charles guckte groß und wand sich auf der Stelle frei. Auch Felix trat sofort einen großen Schritt zurück. Berin zählte ungerührt die Wetteinnahmen, während Kallistos mit wehendem Kleid aus dem Raum flüchtete. Der Vampir wollte sich entweder den Anblick küssender Kollegen ersparen, oder fürchtete, dass es als nächstes Julia treffen könnte. Der schneiderische Vorstand aus Rodney und Gany wiederum schien weniger überrascht, als vielmehr pikiert. „Was 'was?' Das war doch eindeutig. Oder spreche ich etwa undeutlich, Rod?"

„Nein, lieber Gany. Die Anweisung war ganz klar."

„Dann verstehe ich nicht, warum die beiden ihr nicht folgen, Chef."

„Vielleicht hat Felix mit Charles' Monatslohn genug Geld für das nächste halbe Jahr beisammen, Vizevorsitzender."

„Ohja, und Charles wird seinerseits genug Erspartes haben, sodass er alle Leserinnen und seine Kundinnen schwer enttäuschen kann, weises Gildenoberhaupt."

„Ich bin sicher, sie werden schon irgendwie über die Runden kommen. Vielleicht erklären sie uns sogar, wieso sie uns so schändlich im Stich lassen, mein stets verlässlicher Stellvertreter."

Beide drehten die Köpfe wieder den Freunden zu, die im Duo ungläubig zurücksahen. „Das ist nicht euer Ernst! Rod, Gany!" rief Charles und Felix fügte sogleich an: „Das könnt ihr nicht verlangen!"

„Können wir nicht, Rod?"

„Es wäre sehr unfein von uns, Gany."

„Dann sollten wir auf die gute Auflage der Zeitschrift und die Kundinnen verzichten, die auch unseren beiden Schneidern den Lebensunterhalt und die Rente sichern?"

„Es scheint, als sollten wir das..."

Diese Überlegungen über das Geld schien Charles schon eher zu einem Opfer überreden zu können, aber Felix wehrte sich noch: „Wenn meine Frau das sieht!"

Neben ihm schien Charles neugierig eine Frage stellen zu wollen. Weniger darüber, wer Felix' Frau war, denn das wusste er natürlich. Vielmehr interessierte es den Zombie wohl, ob Pol regelmäßig die Schneiderzeitschrift las, aber Rodney kam jeder Anmerkung darüber zuvor. „Deine Frau hat eine Einverständniserklärung unterschrieben, als du der Gilde beigetreten bist."

Das war natürlich ein Argument, das nicht bezweifelt werden konnte, also verschränkte Felix die Arme und sagte mit fester Stimme: „Ich kann ihn nicht küssen. Wir sind doch Freunde!"

Jetzt sah allerdings Charles verwundert drein. „Was soll das denn heißen?"

„Das wäre nicht richtig."

„Ach, und warum nicht? Bin ich als Freund etwa gerade gut genug, mein letztes Hemd für dich herzugeben, aber mehr läuft da nicht?"

Felix verzog das Gesicht. „Fang du nicht auch noch so an!"

„Hich fange hier überhaupt nichts an, Monsieur. Du zickst herum und traust dich nicht."

„Was redest du da? Das hat doch nicht mit Mut zu tun!"

„Und ob es das hat, du schiebst ja sogar deine Frau vor!"

„Tue ich nicht!"

„Tust du doch!"

„Nein!"

„Doch!"

„Gar nicht!"

„Wohl! Feigling!"

Das ließ Felix nicht auf sich sitzen, schnappte sich Charles wieder beim Kragen und Gany gestikulierte hektisch zu Rodney, mit dem Ikonographen draufzuhalten. Gerade rechtzeitig, denn Felix bewies nun in aller Ausführlichkeit, dass er gewiss kein Feigling in dieser Sache war. Im ersten Moment war Charles sichtlich überrumpelt, aber dann schien er sich umso mehr herausgefordert zu fühlen und zeigte, dass er sehr wohl mehr als nur sein letztes Hemd zu geben bereit war.

Berin sah nur kurz von den Geldbündeln auf, hob die Schultern und verstaute die Wetteinnahmen dann irgendwo in seinem Kettenpanzer. Dann marschierte er ebenfalls aus dem Raum, wahrscheinlich um Kallistos zu suchen und zu beruhigend auf den Vampir einzu…grummeln. Gany flüsterte hingegen dem Chef zu: „Ist alles drauf?"

Rodney zog ein Bild aus dem Ausgabefach des Ikonographen. „Ja. Woah, guck dir das an!" Gany spähte auf die Ikonographie und pfiff leise durch die Zähne. „Wirkt gar nicht wie gestellt."

„Nicht wahr? Sie sind Naturtalente. Schau nur, was hier die Hand macht!"

„Das Knie da ist aber auch nicht sehr unschuldig."

Rodney neigte den Kopf und drehte das Bild in Händen, um es aus allen Perspektiven zu begutachten. Er nickte zufrieden. „ Das ist eine gute Schlusseinstellung für diese Ausgabe, Fortsetzung folgt."

Sein Stellvertreter nickte und sah von der Ikonographie auf. „Gut, Jungs, das war's für heu- Äh? Jungs?"

Rodney folgte dem Blick des anderen Schneiders dahin, wo Charles und Felix gerade noch sehr beschäftigt miteinander gewesen waren – und sah sich nur leerer Luft und einem Bühnenhintergrund gegenüber. „Wo sind die hin?"

Gany guckte verwirrt durch den Aufenthaltsraum. „Keine Ahnung. Sollen wir suchen?"

Der Chef zögerte und musterte einen Pappmaché-Busch sehr gründlich. Schließlich schüttelte Rodney den Kopf. „Die kommen schon allein zurecht. Lass uns die Ikonographien für diese Ausgabe zusammenstellen." Einen Arm um die Schultern des anderen Schneiders, führte er Gany aus dem Aufenthaltsraum.


Verborgen hinter besagtem Pappmaché-Busch, beobachteten Charles und Felix ihre Chefs in Rodneys Büro abziehen. Als die Luft soweit rein zu sein schien, nahm Charles sein Hemd wieder an sich und flüsterte: „Ich weiß, wo die Druckfahnen liegen werden. Hast du Pols Dietriche?"

„Kann ich besorgen." flüsterte Felix zurück.

„Gut. Wir steigen ein, stehlen die Ikonographie und beenden die Bildergeschichte in anderer Version."

„Welcher?"

Charles überlegte kurz und meinte dann: „Der Nebenbuhler und der Liebhaber duellieren sich, der Nebenbuhler stirbt, Julia ist darüber totunglücklich und begeht Selbstmord, woraufhin der Onkel den Liebhaber durch die Assassinen inhumieren lässt, den Kontrakt aber nicht bezahlt und nach Viericks auswandert, wo er ein neues Leben im Kreise von fünf Konkubinen beginnt..."

„...klingt gut."

Die Freunde nickten sich zu.

Sahen sich in die Augen.

Sie nickten sich erneut zu.

Noch immer schaute keiner fort.

Schließlich blinzelte Felix und Charles schüttelte den Kopf. „Wir treffen uns in zwei Stunden wieder hier", sagte er zum Abschied und sie trennten sich.