"So, das isses. Das einzige Zimmer, das noch frei is. Haste Glück gehabt..."

Jovial schlug der Gastwirt Marcus auf die Schulter und stieß dann eine Tür auf. Das Zimmer dahinter war klein, schmutzig und roch nicht besonders gut. Dafür war es billig. Außerdem hatte es bereits gedämmert, als Marcus und Esca in Lutetia angekommen waren, und keiner der beiden fühlte ein besonderes Verlagen danach, in einer so großen Stadt Nachts auf den Straßen herum zu vagabundieren. Also hatten sie sich beeilt, eine Herberge zu finden und waren schließlich in der "blauen Sequana" hängengeblieben. Die Eigentümer waren gallische Kelten (eine gute Gelegenheit für Esca, seine "Landsleute" besser kennen zú lernen) und die Ostseite des Hauses hatte Blick auf den Fluss.

"Soll ich deinen Sklaven im Stall unterbringen? Da schlafen schon ein paar andere." fragte der Wirt und verspielte sofort jegliche Sympathien, die Esca zuvor für ihn empfunden haben mochte.

"Äh... nein danke. Das Zimmer ist groß genug für uns beide."

Der Wirt nickte vielsagend. "Weiß schon... Unsere Betten hier sind sehr stabil. Aber die Wände sind dünn." sagte er augenzwinkernd.

Marcus räusperte sich unbehaglich. "Moment, Sie missverstehen da - "

Der Wirt unterbrach ihn mit einer Handbewegung. "Ah geh, schon recht. Solang du zahlst is es mir wurscht, was du treibst." sagte er und hielt die Hand auf.

Marcus bezahlte und der Wirt verschwand, nicht ohne einen letzten anzüglichen Blick auf den römischen Gutsbesitzer und seinen britannischen Sklaven.

Esca zog die Brauen hoch. "Kann ich gefahrlos hier schlafen oder fällst du mitten in der Nacht über mich her?" erkundigte er sich mit einem schiefen Lächeln.

Marcus war die Sache schrecklich peinlich. "Das ist nicht witzig." sagte er uns setzte sich aufs Bett.

"Irgendwie schon. Eine Frage noch. Bin ich oben oder unten?"

Der Römer musste wider Willen grinsen. "Du meinst wenn ich dich niedergeschlagen und auf den Grund der Sequana befördet habe? Unten, würde ich sagen."

"Na bitte, du hast ja doch Humor..."

"Nein, jetzt aber ehrlich. Du bist nicht...oder?"

Esca gluckste. "Du kennst mich jetzt fast zwei Jahre. Das muss du noch fragen?"

"Na ja... "

"Nein, bin ich nicht. In unserem Stamm gab´s ein paar, aber darüber wurde nicht geredet." gab er achselzuckend.

"Ach so. "

Damit war das Thema beendet.

Marcus gähnte. "Lass uns schlafen gehen. Der Tag war lang... "

"Ich mach nur noch das Fenster auf. Schwül heute..." sagte Esca und öffnete die Fensterläden. Von unten drang Geschrei herauf. "DU WILLST STREIT? LASS MICH, BEATRICE, ICH MACH DEN KERL FERTIG! ICH -"

Er schloss die Läden wieder. "Die spinnen, die Lutetier..." murmelte er und zog seine Tunika aus.

"Gute Idee eigentlich." sagte Marcus und zog seine ebenfalls aus.

"Gute Nacht, Esca."

"Nacht." sagte Esca und warf sich aufs Bett.

Der Lattenrost brach mit einem lauten KRACKS!

Er sog scharf Luft durch die Zähne. "Ups..."

"Kann man so sagen... Lass sehen, vielleicht kann man´s reparieren..." Marcus beugte sich über die gebrochene Stelle.

In diesem Moment ging die Tür auf und der Gastwirt steckte den Kopf herein.

"Alles in... Ooooh, Verzeihung..." feixte er. Zu seiner Verteidigung muss jedoch gesagt werden, dass er den Römer und den Briganten in einer verfänglichen Stellung erwischt hatte.

Er wollte noch etwas sagen, aber Marcus schnitt ihm das Wort ab. "Keine Angst, wir bezahlen das."

"Guuut, guuut... Na dann, ich wünsche noch einen...äh... angenehmen Abend..." sagte er und schloss die Tür wieder.

Marcus seufzte tief. Er war zu müde, um sich groß darüber aufzuregen. "Stabil, von wegen... Dann schlafen wir wohl auf dem Boden..."

Früh am nächsten Morgen bezahlten Marcus und Esca ihre Rechnung und verschwanden.

Den Vormittag verbrachten sie damit, sich Lutetia anzusehen.

Danach saßen sie bei Wein und Wildschwein in einer Schenke und besprachen ihre weitere Reise.

"Was hältst du davon, wenn wir gleich heute weiterreiten?" fragte Marcus. "Oder willst du noch mehr von Lutetia sehen?"

Esca winkte ab und nahm einen tiefen Schluck aus seinem Krug. "Eigentlich nicht... Stadtbewohner sind hier noch seltsamer als zu Hause. So römisch..."

"Du weißt aber schon, dass in Rom die meisten Leute römisch sind?"

"Ach, echt?" Esca verdrehte die Augen. "Dort werd ich aber nicht zu meinem Privatvergnügen durch die Gassen flanieren."

"Das sagst du jetzt. Vielleicht gefällt´s dir dort ja. Rom ist die schönste Stadt der Welt."

"Das hab ich auch schon beim zehnten Mal verstanden... Trotzdem, bis wir nicht wieder sicher in Britannien sind (und ich mich nach Albu wagen kann, ohne von den Seehundleuten gejagt zu werden) bleibe ich bei meiner Meinung. Alle Römer sind das Letzte! Anwesende natürlich ausgenommen..."

"Und meinen Onkel."

"Den natürlich auch."

"Hey, ich bin meine Vorurteile losgeworden. Jetzt bist du dran!"

"Ich habe keine Vorurteile. Dabei bleib ich."

Marcus ließ es dabei bewenden. Esca HATTE gute Gründe, die Römer zu hassen.