Letzter Wunsch

Der Trank brennt in meinem Innern wie flüssiges Feuer, scheint mich von innen heraus zu zerstören. Einerseits gäbe ich alles dafür den Schmerz zu stoppen, andererseits heiße ich ihn aber auch willkommen, eine gerechte Strafe für alle Fehler die ich in meinem Leben gemacht habe.

Auch nachdem ich wusste, dass ich mich in diesem Krieg auf die falsche Seite gestellt hatte, war es nicht einfach gewesen, die entscheidenden Schritte zu gehen.

Wenn ich nicht so lange gezögert hätte, müsste es vielleicht nicht mit meinem Tod enden.

Vielleicht hätte ich für die ‚Guten' mehr von Nutzen sein können, vielleicht hätte ich mehr ausgerichtet, vielleicht hätte ich meinen Bruder zurückbekommen.

Vielleicht wäre es ein wenig so geworden wie damals, als wir noch Kinder waren, Freunde, unzertrennlich. Ich erinnere mich an das Strahlen in seinen Augen, als er nach seinem ersten Schuljahr nach Hause gekommen ist und mir von seinen Freunden erzählte, von den kleinen und großen Abenteuern die sie erlebt, von den Streichen, die sie gespielt hatten. Unsere Eltern haben diese Verbindung verflucht, wollten ihn daran erinnern, dass er auf seinen Stand zu achten hatte, sich nicht mit solchen Leuten abgeben sollte. Aber es war ihm egal.

Er hatte immer seinen eigenen Kopf gehabt. Anders als ich.

Sie haben mir endlose Stunden lang ins Gewissen geredet, mir das Versprechen abgerungen nicht so zu werden wie er, sie stolz zu machen.

Ich war immer schwächer als er.

Auch wenn er geschworen hatte mir zur Seite zu stehen, ich konnte mich nicht offen gegen unsere Familie stellen. Stattdessen habe ich ihn verloren.

Danach haben wir nie wieder die gleiche Nähe geteilt, haben immer seltener etwas zusammen gemacht. Bis wir schließlich kaum noch ein Wort gewechselt haben, bis wir uns hassten.

Unsere Welten sind verschiedene geworden, unvereinbare, dunkle Reiche, jedes für sich, ohne verbindende Brücken dazwischen, nur Mauern, die bis zu den Sternen zu reichen schienen, nach denen wir früher gemeinsam greifen konnten.

Ich war alleine in meiner ganz eigenen Dunkelheit, aber ich war zu feige einen Weg zu suchen mir Licht zu machen, etwas zu ändern, etwas richtig zu machen.

Jetzt ist es dafür zu spät.

Vielleicht gab es einmal einen schmalen Pfad um zwischen beiden Lagern zu wechseln. Jetzt ist es unmöglich geworden. Es gibt nur noch Schwarz und Weiß.

Man wählt für sein Leben. Es gibt keine Rückkehr.

Jeder, der es versucht hat, hat sein Leben verloren und es war kein leichter Tod.

Aber wenigstens diesmal habe ich mich richtig entschieden. Es tut mir Leid um die Jahre, die ich nicht mehr erleben werde, um die Liebe, die ich niemals finden werde, die Familie, die ich niemals haben werde. Aber jetzt bringe ich es zu Ende.

Ich wünschte nur er könnte mich jetzt sehen, der Bruder, den ich einst verloren hatte, weil ich zu feige gewesen war ihm beizustehen.

Ich wünschte er würde wissen, dass ich es schlussendlich doch getan habe, den richtigen Weg gegangen bin, so wie er.

Ich wünschte, ich könnte ihm noch einmal sehen, ihm sagen, dass es mir Leid tut, all die bitteren Worte, die zwischen uns gefallen sind.

Ich wünschte, er wäre hier, damit ich das letzte Stück des Weges nicht alleine gehen, nicht alleine sterben muss, nachdem ich mich doch noch auf seine Seite geschlagen habe.

Ich bereue es nicht, nein, ich bin ihm dankbar, aber ich bedaure, dass er nie davon erfahren wird, dass er nie wissen wird, dass ich letztendlich doch sein Bruder geblieben bin.