Opfer

Als ich von James und Lilys Tod erfuhr, habe ich mir für einen Moment gewünscht, wir wären es gewesen, hinter denen Voldemort her war.

Natürlich wollte ich nicht, dass Neville in Gefahr gerät, aber im Grunde wurden wir genauso verfolgt wie die beiden. Gleichzeitig waren wir aber sicherer. Dumbledore war unser Geheimniswahrer und er hätte uns niemals an jemanden verraten.

Nicht, dass wir Sirius verdächtigt hatten, den Vorbildern seiner Familie zu folgen und seinen besten Freund dem Tod auszuliefern, aber die Wahrscheinlichkeit, dass Albus dem Feind in die Hände geriet und unser Versteck preisgab, war verschwindend gering, obwohl er mindestens genauso verfolgt war wie jeder unserer eingeschworenen kleinen Gruppe.

Merlin, ich kann mir nicht vorstellen dass Voldemort besiegt ist, dass der Schrecken, der uns Zeit unseres Lebens verfolgt hat, nun endlich vorbei sein soll.

Aber für welchen Preis?

Ich kann es einfach nicht fassen. Nie wieder werde ich James Rumtreibergrinsen sehen, wenn er und die Jungs etwas ausgefressen haben. Nie wieder wird Lily mir beruhigend den Arm auf die Schulter legen und versichern, dass alles gut wird.

Wie könnte alles wieder gut werden?

Das Schlimmste ist, dass ich mich dabei ertappt habe erleichtert gewesen zu sein, ja, nahezu dankbar.

Wozu hat der Krieg uns werden lassen, wenn wir Freunden, Vertrauten den Tod hinnehmen, gar begrüßen, nur um selbst Frieden zu haben?

Es heißt, wir haben gewonnen, die Guten haben triumphiert. Aber haben wir das wirklich? Sind wir wirklich die gute Seite in diesem Krieg?

Die Leute feiern den Tod zweier wunderbarer Menschen. Sie denken nur an die Freiheit, an das Ende Voldemorts, nicht an diejenigen, die sich für sie geopfert haben.

Wir haben in diesem Krieg verloren – nicht nur Menschenleben, sondern auch uns selbst, Stück für Stück, unwiederbringlich.

Ich schäme mich. Für all jene, die auf die Straßen gehen und Feste veranstalten, aber vor allem für mich, für den Teil von mir, der genau das tun will.

Lily hätte so etwas nie gedacht. Aber sie war auch immer stärker als ich. Sie hätte sich für jeden von uns geopfert.

Das könnte ich nicht. Für Frank und Neville, ja. Aber für die anderen? So wichtig sie mir auch waren, ich war nie so mutig wie sie, nicht so entschlossen, so fürsorglich.

Wenn Harry ihr auch nur ein wenig darin ähnelt, kann ich verstehen, warum er es ist, der Voldemort besiegen soll.

Ich könnte Neville so etwas nicht mitgeben und obwohl ich mir keinen besseren Mann als Frank wünschen kann, wird er doch nie an einen James Potter heranreichen.

Oh, wie ich sie vermisse. Lily. Sie würde mich jetzt ansehen, mit ihren klugen grünen Augen und mir sagen, dass ich nicht solche düsteren Gedanken hegen soll. Sie würde mir versichern, dass sie es wieder tun würde, dass sie das Beste für uns wolle. Sie würde mir das Versprechen abringen, dass ich ihr Opfer annehmen und weiterleben soll.

Aber ich kann nicht. Ich kann einfach nicht.

Ich habe das Leben immer geliebt – und jetzt ist es, obwohl nicht ich gestorben bin, trotzdem vorbei.

Ich muss weitermachen, für Neville – aber ich kann mir nicht verzeihen.