Acht

Kapitel 5

Eine unwahrscheinliche Prophezeiung


In Dracos Gedanken tauchte lebhaft das Bild von Professor Sybil Trelawney auf, die Granger durch ihre dicken Brillengläser hindurch ansah, wodurch ihre Augen mindestens doppelt so groß wirkten wie normal. "Sie verstehen sicher nicht die zarte Balance, in der eine Seherin sich befinden muss, um zu erkennen, welche Prophezeiungen sie in den Vordergrund ihrer Gedanken einlassen kann und welche in den Hintergrund zu schieben sind."

"Oh, also haben Sie vergessen. Ich sehe schon", antwortete Granger schnippisch. Aus irgendeinem Grund hatte Draco sich immer vorgestellt, dass das Gryffindor Mädchen nur zu Slytherins und giftigen Reporterinnen des Tagespropheten unhöflich sein konnte. Anscheinend lag er falsch.

"Nein, mein liebes Mädchen, das Problem ist, dass Sie nicht sehen können", korrigierte die Frau schniefend. "Und ich habe nicht vergessen. Es geht eher um die Entscheidung, welche Prophezeiungen man den Anderen am besten, sagen wir mal, nicht vorenthalten soll, dass ich sie gemacht habe? Ich finde, dass die Blinden, so wie Sie selbst, oftmals nicht empfänglich dafür sind, dass ihr Leben vorherbestimmt ist, und daher entscheide ich mich dafür, sie nicht zu ängstigen, indem sie zu vieles zu bald wissen."

"Also haben Sie mich abgeschirmt, indem Sie so taten, als wüssten Sie nicht, warum ich hier war?", übersetzte Granger.

"Es ist viel komplizierter als das, aber kurz zusammengefasst, ja."

"Also sollten Sie dann auch keinen Grund zur Besorgnis haben, warum wir uns nicht in unserem Klassenzimmer befinden."

"Unser?", fragte Trelawney. "Oh." Anscheinend hatte sie Draco nun auch endlich bemerkt. Er rieb sich immer noch den Hinterkopf und sah Sternchen trotz seiner Erblindung.

"Meinen Sie damit, dass Sie auch seine Anwesenheit in den hinteren Teil ihrer Gedanken geschoben haben?", fragte Granger.

"Das Auge sieht, was das Auge sieht", sagte Trelawney erhaben.

Granger war einen Augenblick lang still, aber anhand eines seltsam dumpfen, tappenden Geräuschs in der Nähe seines rechten Ohrs bekam er das Gefühl, dass sie wohl mit dem Fuß auftappte. "Tja, ich denke, Sie sollten es beweisen", sagte sie schließlich.

"Es beweisen?", fragte Trelawney.

Draco stöhnte, setzte sich langsam auf und rieb sich den Kopf. Diese ganze Sache mit der Blindheit wurde langsam öd.

"Machen Sie eine Vorhersage", erläuterte Granger, "und wir werden sehen, ob sie sich bewahrheitet." War es seine Einbildung oder klang Granger tatsächlich ein klein wenig böse?

Trelawney stotterte am Anfang, bevor sie tief Luft holte. "Wenn Sie darauf bestehen", sagte sie. Ihre Stimme nahm etwas Verträumtes an, das sich eher wie eine Show anhörte als sonst etwas. "Bevor dieses Jahr sich dem Ende neigt", sagte die Frau sehr langsam, "werden Sie und Mr. Malfoy finden, was das Herz sucht, was aber die Gedanken meiden."

Dracos Kopf zuckte in Richtung von Trelawneys Stimme, sobald er seinen Namen hörte. "Was im Namen Merlins soll das denn bedeuten?", fragte er und schrie dabei fast.

Er hörte ein neuerliches Schniefen aus Trelawneys Richtung. "Das bedeutet, Mr. Malfoy, dass Sie und Miss Granger sich verlieben werden, ob es Ihnen gefällt oder nicht."

Dracos Wangen plusteten sich mit Luft auf, bevor er in lautes Gelächter ausbrach. "Was! Sie sind wirklich eine Betrügerin!" Über ihm begann auch Granger zu lachen.

"Das ... das ... hätten Sie sich nicht etwas Glaubhafteres ausdenken können?", fragte sie und japste nach Luft.

"Ich denke mir gar nichts aus, Miss Granger!", beharrte Trelawney. "Sie, liebes Mädchen, sind komplett blind in Bezug auf Ihr inneres Auge, und Ihre Gedanken meiden bereits das Unvermeidliche. Außerdem, welche Prophezeiung hätte Sie denn sonst überzeugen können, hmm? Hätte ich vorhergesagt, dass Sie ein O auf Ihren Zaubertränkeaufsatz bekommen, was Sie auch werden, hätten Sie es sicher als Zufall abgetan, nicht wahr?"

Granger schnaubte. "Ich schätze, das kommt in etwa hin." Es gab eine kurze Pause. "Oh, nein! Komm schon, Malfoy, wir müssen zurück in den Unterricht." Zu seiner großen Überraschung ergriff sie tatsächlich seine Hand und half ihm auf die Beine, bevor sie wieder seinen Ärmel ergriff und ihn die Stufen hochzog, diesmal in einer akzeptableren Geschwindigkeit.

"Tja, das war interessant", schnarrte er, als sie um die Ecke bogen und in halsbrecherischer Geschwindigkeit durch einen ebenen Gang liefen. Interessant. Warum benutzte er nach wie vor dieses Wort? Es war ein sicheres Wort, beschloss er. Man konnte es auf viele Arten interpretieren. "Ich hatte keine Ahnung, dass du so eine zerrüttete Beziehung zu ihr hast. Ich war der Meinung, dass du jedem Lehrer die Schuhe ablecken würdest."

"Jetzt mal was Neues, Malfoy", sagte sie genauso wie er vorhin, "ich respektiere nur diejenigen, die es auch verdient haben."

"Ah, und wodurch hat die allmächtige Seherin deinen Respekt verloren, hmm?"

"Darüber würde ich lieber nicht sprechen", knurrte sie. "Obwohl es dich interessieren dürfte, dass sie einer der Stressfaktoren war, der dazu beigetragen hat, dass ich dir im dritten Jahr eine Ohrfeige verpasste."

"Und hier noch was anderes Neues für dich. Wenn du dieses Fach bestehen willst, wirst du es wohl überdenken müssen, mir ständig Gründe zu bieten, um dich zu hassen", schnaubte er.

"Hat ein armes, wehrloses Mädchen dich verletzt, Malfoy?", fragte sie.

"Wehrlos, meine Güte", murmelte er. Er blieb abrupt stehen und war vorsichtig, nicht zu stark an ihr zu ziehen, damit sie diesmal nicht wieder in ihn krachte. "Noch eines, bevor wir zurückkommen", sagte er langsam. Er entblößte seine Zähne ein wenig. "Wenn du jemals erwähnst, was dieser Drachen gerade prophezeiht hat, werde ich einen Weg finden, um mich so an dir zu rächen, dass du dir noch wünschst, du hättest niemals deinen Hogwarts Brief bekommen."

Sie schniefte. "Als würde ich irgendjemandem erzählen wollen, dass Trelawney glaubt, wir werden uns verlieben. Ich glaube nicht, dass du dir darüber so viele Sorgen machen musst. Ich muss auch ein Image wahren, weißt du." Sie zog an seinem Ärmel und wenige Momente später konnte er die Geräusche und Stimmen der anderen Achtklässler hören.

"Hier seid ihr ja, finite incantatem", sagte Amorell. Draco musste im plötzlichen Licht zwinkern, die Erleichterung überrollte ihn. Er riss seinen Ärmel aus Grangers Griff, seine Handschelle rutschte dabei ein Stück vor.

"Also", fuhr Amorell fort, "hier habe ich ein Formular, in dem ihr euch für die Trauerbewältigung eintragen könnt. Es sind schon viele Termine für die anderen Jahrgänge reserviert, die ich heute Morgen schon unterrichtet habe, nur um euch vorzuwarnen. Also, ich will, dass ihr alle die Einführung und Kapitel eins und zwei von Trauer für die Seele lest. Hat das jeder verstanden? Gut." Die Frau nickte und legte den Terminplan auf ihren Tisch. Draco stöhnte. Trauerbewältigung? Mit dieser Frau? Das wäre ja ein Fass voll Spaß ...

Granger schob sich an ihm vorbei auf dem Weg zum Tisch und er runzelte die Stirn. Was auf Erden hatte sich diese Wahrsagerin bloß gedacht? Er und Granger? Sich verlieben? Das war die am weitesten hergeholte, lächerlichste und absolut dümmste Idee, von der er je gehört hatte.

Granger beugte sich über den Tisch, um sich auf dem Dokument einzutragen. Ihr wildes Haar fiel ihr über die Schultern, ein winziges Stückchen ihres Halses war oberhalb ihres Kragens zu sehen. Draco biss sich auf die Lippe, bevor er sich ebenfalls anstellte. Bis er es bis nach vorne geschafft hatte, sah es schon so aus, als wären alle Termine gegen Ende des Kalenders vergeben. Granger, pflichtbewusst wie immer, hatte sich für einen Zeitpunkt in dieser Woche eingetragen. Draco wählte einen zufälligen Termin aus: den 19. September.


Der Zaubertränkeunterricht verlief deutlich anders als bei Snape und Slughorn. Professor Candanver - bei dessen Namen man, wie Draco bemerkte, nur den Buchstaben N weglassen musste, um ihn wie Kadaver auszusprechen - war ein extrem langweiliger Zeitgenosse. Seine Aufgabenstellung lautete nämlich: "Finden Sie sich etwas in Ihren Büchern und beschäftigen Sie sich damit. Wenn Sie Schwierigkeiten machen, müssen Sie nachsitzen. Ich mache ein Nickerchen." Und damit legte er seinen kahlen Kopf auf seine Arme und begann binnen weniger Minuten zu schnarchen.

Potter und das Weasley Mädchen unterhielten sich leise im hinteren Teil der Klasse. Sie flüsterte gerade etwas, das den Jungen, der zu viel Ruhm bekommen hatte, zum Erröten brachte. Granger und das Wiesel waren nur wenig besser. Sie weigerte sich, sich in diesem Fach zu entspannen und braute pflichtbewusst den anscheinend letzten Trank des ganzen Buches, für den man zum Glück nur eine Stunde und dreiundvierzig Komma sechs Sekunden brachte. Das Komma sechs amüsierte Draco, während er gelangweilt das Buch durchblätterte.

Die drei anderen Slytherins in diesem Fach waren ihm eher unbekannt. Es gab ein Mädchen namens Una Maroo, deren blondes Haar bis über ihren Po reichte und welches sie zu schrecklichen Rattenschwänzen gebunden hatte, und sie hatte einen Überbiss. Es gab einen Jungen namens Gavin Woolsey und seine Zwillingsschwester, Margaret. Die beiden blieben fast nur unter sich. Um genau zu sein, war er sich nicht sicher, ob er sie je getrennt von einander gesehen hatte außer im Schlafsaal der Jungen und am WC, nun, da er genauer darüber nachdachte. Sie waren ein sehr liebevolles Geschwisterpaar. Er drückte immer wieder ihre Hand und an der Art, wie sie ihm den Froschlaich reichte, lag etwas, sodass er am liebsten in seinen Kessel gekotzt hätte.

Als die Minuten vergingen und ihm immer langweiliger und langweiliger wurde, begann er tatsächlich mit einem Trank, nur damit er etwas zu tun hatte. Er hatte sich einen Agilitäts-Trank ausgesucht, den man idealerweise zur Besenpolitur hinzufügte. Er könnte genauso gut etwas Nützliches produzieren, wenn er schon hier festsaß.

"Ron!" Dracos Kopf wirbelte herum zu seiner vermeintlichen zukünftigen Geliebten, die große Augen gemacht und ihren Holzlöffel halb erhoben hatte, von dem eine klebrige, aprikosenfarbene Flüssigkeit zurück in den Kessel tropfte. Sie senkte ihre Stimme. "Nicht, während ich einen Trank braue! Und sicherlich nicht im Unterricht!"

Weasley runzelte die Stirn. "Tut mir Leid", murmelte er. "Es war ja nur ein Kuss auf die Wange. Reg' dich nicht auf." Der Rotschopf drehte sich herum. "Was guckst du so, Malfoy?"

"Nicht viel, offensichtlich", fauchte er zurück. "Oh, und Granger, dein Trank verwandelt sich in Sulfur. Du solltest dich lieber darum kümmern." Er zwickte sich auf die Nase für einen besseren Effekt. Granger kreischte sofort auf, warf zwei Lorbeerblätter hinein und rührte hektisch um.

Ganz vorne murmelte Candanver etwas im Schlaf, das sich verdächtig nach "Schmutzige, dumme Gassenkinder", anhörte.

Als Draco sich wieder zu seinem eigenen Trank umdrehte, hörte er immer noch Granger, die herumfauchte und Zutaten zerkleinerte. Eine Idee kam ihm, eine potenziell unmögliche Idee.

Es gab nur eine Art, auf die er sich wegen seiner eigenen Leistungen Respekt verschaffen konnte, und da es immer noch der erste Schultag war, war es noch nicht zu spät, um damit zu beginnen.

Draco wollte versuchen, Granger zu übertrumpfen.

Er war intelligent, obwohl er sich nie wirklich die Mühe gemacht hatte, dies zu nutzen. Es würde stundenlanges Lernen mit sich bringen, aber es war sowieso nicht so, als würde er im kommenden Schuljahr seine Zeit mit sozialen Frivolitäten zubringen. Er brauchte etwas, mit dem er sich beschäftigen konnte.

Wenn er es schaffte, bei seinen ZAGs genauso gut oder besser wie der Gryffindor Bücherwurm zu sein, dann hatte er endlich einmal etwas, das seine Leistung würdigte.

Als Candanver schließlich wieder aufwachte, um die Klasse zu überwachen, verlieh er Slytherin fünf Punkte für Dracos Agilitäts-Trank und Gryffindor sechs Punkte für Grangers Agoraphobie-Trank.

Es sah so aus, als wäre er auf dem Weg zum Erfolg. Oder auf dem Weg ins Desaster.


Beim Abendessen aß Hermione in Stille und sah über die Menge der Schüler hinweg. Ein Schauder lief ihr über den Rücken bei den vielen leeren Plätzen an den Tischen. Viele Schüler waren während der Schlacht gestorben oder waren in der Sicherheit ihrer Familien geblieben.

Neville, Lavender, Seamus und viele andere aus ihrem Jahrgang hatten die Schule bereits abgeschlossen, nachdem sie das letzte Schuljahr besucht hatten, obwohl sie sich nicht vorstellen konnte, dass sie auch eine anständige Ausbildung genossen hatten.

Ein paar andere, hauptsächlich Slytherins, waren nun in Askaban, inklusive Pansy Parkinson. Sogar sie hatte Schwierigkeiten gehabt, zu lächeln, als der Tagesprophet diese Schlagzeile gebracht hatte. Sie hatte sich zwar nie mit Pansy verstanden, aber sie war trotzdem nur ein junges Mädchen.

Die Hauselfen hatten ein besonderes Abendessen vorbereitet - Fondue. Es war ein Chaos, und Ron hatte seinen ganzen Umhang mit Käse bekleckert.

Sie reichte ihm eine Serviette und er grunzte zwischen zwei Bissen sein Dankeschön.

Am nächsten Tisch zeigte August ihre Zunge und erzitterte, und Hermione nickte zustimmend.

Hermiones Blick wanderte zum Slytherin Tisch, wo Malfoy sein Fondue mit Gabel und Messer aß. Zwischen ihm und Ron war sie sich nicht sicher, wer lächerlicher aussah.

"Also", sagte Harry von der anderen Seite des Tisches, "ihr erratet nie, was McGonagall mir nach Verwandlung erzählt hat."

Hermione blickte auf zu ihm. "Was?"

"Tja, zuerst klang es mal so, dass das Fach über Trauerbewältigung und so weiter nur kurzfristig stattfindet. Der Schulrat hat es für dieses Schuljahr beschlossen. Sie hätten wohl mit Verteidigung gegen die dunklen Künste weitergemacht, wenn es da nicht noch weniger willige Leute für diese verhexte Position gäbe als normal. Jedenfalls wollte McGonagall wissen, ob ich", er schnaubte, "nächstes Jahr der neue Lehrer sein will."

Hermiones Mund klappte nach unten. "Oh, Harry! Das ist wundervoll!"

"Wow, 'arry, da' is' klasse!", sagte Ron mit vollem Mund.

Harry runzelte die Stirn. "Das wäre schon lustig, nehme ich an. Irgendwie wieder wie die D.A., aber ... ihr wisst doch, dass ich nervös bin, wenn ich vor einer Menge Leute stehe."

Ginny öffnete den Mund und schloss ihn prompt wieder. Sie sah nachdenklich aus. Ihr Blick wanderte zum Lehrertisch. "Ist es dir je aufgefallen", murmelte sie, "dass keiner der Lehrer verheiratet ist?" Ihre Wangen wurden rosa.

Harry erstarrte und zog an seinem Kragen. "Und das ist auch ein gutes Argument. Ich glaube nicht, dass ich euch dann recht oft besuchen könnte, außer an den Wochenenden und während der Ferien."

"Tja, ich bin mir sicher, dir würde da schon was einfallen", sagte Hermione. Sie würde ihn sicher nicht zu dem Posten als Lehrer nein sagen lassen!

"Tja", sagte Ron, nachdem er runtergeschluckt hatte, "McGonagall sagte, sie sucht jemanden, der ab nächstem Jahr Verwandlung unterrichtet. Wie ist es um deine Fähigkeit, eine Maus in einen Kohlkopf zu verwandeln, bestellt, Gin?"

Ginny verdrehte ihre Augen. "Besser als bei dir, aber wahrscheinlich auch nicht perfekt." Sie strich mit ihrem Daumen über ihren Schulsprecherin-Anstecker. "Wieso ich den bekommen habe, verstehe ich nicht. Wo wir schon davon sprechen, ich muss etwas mit dem verpeilten Wilkes besprechen. Wir sehen uns später!"

Hermine nahm sich ein Stück Brot und teilte es, bevor sie es in die Käse-Sauce tauchte.

Ein kleiner Teil von ihr war eifersüchtig auf Harry.