Versäumnisse

Mit ihrem Tod ist auch irgendetwas in mir gestorben. Meine Wut, mein Stolz, meine Selbstachtung?

Das darf man nicht falsch verstehen, ich hasste sie und ihren Bengel immer noch, aber zu diesem Hass hatte sich ein wenig Wehmut geschlichen, ein leise nagendes „Was wäre wenn"-Gefühl.

Im Nachhinein wird mir klar, dass unsere Feindschaft von mir ausging, schon bevor sie diesen unseligen Brief bekommen hat.

Sie war all das, dass ich nicht war – oder sein konnte. Sie war schön, intelligent, selbstlos – und magisch. Nicht nur auf diese schrecklich abnormale Weise.

Wo sie auch hinkam verzauberte sie die Menschen mit ihrem Charme und ihrer Natürlichkeit, sie war überall belibt und nahm – ohne das wirklich zu beabsichtigen – den Mittelpunkt jeder Runde ein.

Ich dagegen, die ich spießig, langweilig-normal und nur leidlich hübsch bin, stand immer im Hintergrund. Anfangs hat sie noch versucht mich mit einzubeziehen, aber spätestens als sie auf diese Schule ging habe ich begonnen sie von mir zu stoßen.

Und jetzt ist sie tot. Ich fühle mich deswegen nicht schuldig. Ich hatte mit ihrer Welt nichts zu tun, also hätte ich ihr nicht helfen können, selbst wenn ich das gewollt hätte.

Unser letztes Treffen war zu Mums Geburtstag, bevor Dudley geboren wurde, bevor unsere Eltern gestorben sind.

Sie trug stolz ihren Babybauch vor sich her und tauschte liebevolle Blicke mit Potter.

Während die Schwangerschaft mich fett und hässlich machte, blühte sie geradezu auf.

Mum und Dad waren begeistert – und wir vergessen.

Zum Abschied hat sie mich mit ihren durchdringenden Augen angesehen, nur dass sie nicht mehr strahlend grün waren, sondern dunkel, besorgt, bedauernd, irgendwie gehetzt. Als hätte sie gewusst, dass wir uns nie wiedersehen würden, als würde sie nicht wollen, dass wir schweigend auseinandergehen.

Aber ich war zu – ja, was eigentlich? Gekränkt? Stolz? Hochmütig?

Vielleicht zu uneinsichtig um zu verstehen, dass das unsere letzte Chance für Versöhnung gewesen war.

Jetzt ist nur ihr Junge übrig. Er sieht genauso aus wie der verdammte Potter, nur die Augen hat er von ihr. Und sie blinzeln mich mit dem gleichen Vorwurf darin an, obwohl er gar nichts von unserem Zerwürfnis wissen kann.

Er wird sicher einmal genauso perfekt und umwerfend wie seine Eltern. Ein Frauenheld und Unruhestifter wie sein Vater und eine selbstlose Intelligenzbestie mit Helfersyndrom wie seine Mutter.

Und in ein paar Jahren wird auch er zu diesen unnormalen Freaks gehören, auf diese Schule gehen und meine Familie gefährden – und am Ende für diese Welt sterben.

Für einen kurzen Augenblick dachte ich, es wäre gut was passiert ist, weil es mehr Sicherheit für uns bedeutete.

Das Auftauchen des Jungens auf unserer Türschwelle weckte den Selbstekel in mir.

Was auch immer zwischen uns vorgefallen war, es gab mir nicht das Recht ihren Tod gutzuheißen.

Lily – lange Jahre hatte ich ihren Namen nicht ausgesprochen, länger als ich geleugnet hatte, überhaupt eine Schwester zu haben.

Jetzt wünschte ich, ich könnte die Zeit zurückdrehen. Nicht um wieder Teil einer gemeinsamen Familie zu sein, Nur um nicht in Hass auseinander zu gehen, um nicht mit diesem bohrenden Gefühl leben zu müssen, sich nie versöhnt zu haben.

Und nicht einmal an ihrem Sohn kann ich meine Fehler wieder gut machen. Ich hasse ihn beinahe noch mehr als sie, weil er mich mit ihren Augen anstarrt, mir zeigt, was ich verloren, versäumt habe, weil er mich Tag für Tag daran erinnert, dass meine Schwester tot ist – und ich nichts getan habe, um dieses Ende zu verhindern.

Lily – es tut mir Leid.