AN Das ist meine persönliche Missing Scene die klärt, wo Alice an dem Abend im Fort war, während Cora und Nathaniel sich getroffen haben. Zwei Kapitel. Das Zweite poste ich später. Freue mich über jegliche Reviews :)

Der letzte Abend

Alice Munro saß am Fenster und starrte in die finstere Nacht. Der lebendige Klang von Musik und Trommeln drang gedämpft durch das Fenster und sie hörte das Lachen und Singen der Feiernden.

Dabei war es kein Tag zum feiern. Die Franzosen würden sie bald überrennen. Die Verwundeten stöhnten und wimmerten auf ihrem improvisierten Krankenlager und die hälfte der Soldaten wollte nichts lieber als desertieren, um ihre Familie und Kinder zu beschützen. Keiner hatte es ihr gesagt, um sie nicht zu verängstigen, aber sie war nicht dumm. Die Gefahr und die Drohung waren präsent in den stahlgrauen Blicken ihres Vaters und dem angespannten Ausdruck auf den Gesichtern der Offiziere.

Sie wusste, dass ihre Schwester irgendwo da draußen zwischen den Verwundeten war und versuchte, ihre Schmerzen so gut es ging mit den wenigen zur Verfügung stehenden Mitteln zu lindern.

Am liebsten wäre Alice zu Cora gerannt und hätte sie gebeten, sie in ihre Arme zu schließen. Ihren Schmerz und ihre Angst so zu vertreiben, wie sie es bei den Soldaten versuchte. So wie sie es trotz Alice's neunzehn Jahren noch immer häufig tat. Aber diese Nacht wollte sie stark sein. Sie wollte nicht länger wie ein kleines Kind behandelt werden. Ein Mädchen, dem man es nicht einmal zutraute, sich um die Verletzten zu kümmern, weil ihr der Anblick von Blut Übelkeit bereitete.

Die Musik wurde lauter und das ausgelassene Lachen der Tanzenden nahm zu. Alice presste sich die Hände auf die Ohren aber dann hielt sie es nicht mehr aus. Sie war zu schwach um allein mit ihrer Angst fertig zu werden. Sie brauchte ihre Schwester.

Unauffällig schlenderte sie durch die Masse der Feiernden. Die Feuer loderten in der Nacht und wuchsen Funkenschlagend in den dunklen Himmel. Der Puls der Musik bebte in ihrem zarten Körper und die Atmosphäre lebte auf in der Hitze und Musik. Sie kam an einem Fidelspielendem Mann vorbei und lächelte ihm flüchtig zu.

In der Nähe des Krankenlagers fand sie ihre Schwester. Sie stand stumm und bewegungslos zwischen den Menschen. Ihr dunkles Haar verschmolz mit den pulsierenden Schatten und ein seltsamer Ausdruck lag auf ihrem Gesicht. Alice beschleunigte ihre Schritte und zwängte sich durch eine Gruppe tanzender Frauen um zu ihrer Schwester zu gelangen. Dann sah sie, dass Cora nicht länger alleine war.

Ein großer, muskulöser Mann hatte sich aus der Menge gelöst und trat selbstsicher vor ihre Schwester. Die beiden schauten sich in die Augen. Keiner von ihnen sagte ein Wort, aber Alice Wangen verfärbten sich rot vor Scham, als sie den intimen Blickaustausch der beiden beobachtete.

Sie blieb augenblicklich stehen und packte den Stoff ihres Kleides fester. Unwillkürlich spürte sie ein hohles Ziehen in ihrer Brust, das sich seltsamerweise nach Verlust anfühlte. Ihre Knöchel traten deutlich hervor, als der Mann Cora wortlos an der Hand fasste und widerstandslos durch die Menschenmenge zog.

Erst als Nathaniel zusammen mit Cora hinter einer schlichten Blockhütten verschwunden war, löste sie ihre Faust. Der Stoff fiel raschelnd an ihrer Seite herunter. Stumm und alleine drehte sie sich um.

Das war der Moment, vor dem sie sich gefürchtet hatte, ohne es jemals zu wissen. Nur im tiefsten Inneren hatte sie schon immer geahnt, dass ein Tag kommen würde, an dem Alice in Coras Herz nur noch an zweiter Stelle stehen würde.

Sie hatte es verdrängen können, während Duncan Cora den Hof gemacht hatte. Egal wie sehr Cora Duncan schätzte, Alice hatte gewusst, dass ihre Schwester nie dieselbe Liebe und Zärtlichkeit für Duncan empfinden würde, die sie Alice spüren ließ. Und tief in ihrer Seele hatte sie darauf vertraut, dass sich das nie ändern würde. Jetzt war es geschehen.

"Passen Sie auf, Miss!", rief ihr eine Frau zu, als sie gegen einen Apfelkorb zu ihren Füßen stieß. Der Korb kippte um und die reifen Äpfel rollten über den Boden wie die Kugeln des berühmten französischen Spieles Pétanque.

"Es tut mir leid!", murmelte sie. Fahrig klaubte sie die zu Boden gefallenen Äpfel wieder auf. Als sie den Arm streckte, um einen im Staub liegen gebliebenen Apfel aufzuheben, kam ihr eine feingliedrige dunkle Hand zuvor.

Ihr Herzschlag beschleunigte sich und sie wagte es nicht, aufzuschauen.

Bedächtig ließ er den angebeulten Apfel in ihre ausgestreckte Hand fallen. Einen Moment lang betrachtete sie verwundert den eigenartigen Kontrast seiner Nussbraunen, rauen Hand neben ihrer zarten, bleichen Haut, dann zog er seine Hand zurück und sie ließ den Apfel zurück in den Korb fallen.

"Danke...Uncas", flüsterte sie.

Uncas stand auf und das feine Rehleder seiner Hose passte sich geschmeidig seinen Bewegungen an.

Langsam hob sie den Kopf um ihn anzuschauen.

Er nickte, "Das ist mein Name."

Der Ausdruck in seinen Augen war Intensiv und tiefgründig. Die Pupillen von einem dunkleren Braun als sie jemals gesehen hatte. Beinahe Schwarz.

Sie konnte nicht verhindern, dass ihre Wangen warm wurden. Sie hatte ihn noch nie aus einer solchen Nähe betrachtet.

Während ihrer zweitägigen Reise durch die Wildnis hatte sie ihn jedoch häufig von der Ferne beobachtet. Fasziniert von dem dunklen Ton seiner Haut. Dem seidigen schimmern seiner Haare und der katzenhaften Sicherheit seiner Bewegungen.

Und vor allem von dem weichen Ausdruck in seinen Augen und der Unzahl an Emotionen, die sich in ihnen spiegelten, die ihn am meisten von den anderen zwei Männern unterschieden.
Nathaniel und Chingachgook strahlten eine Härte und Unerschrockenheit aus, die sie auch von Cora kannte und sie unwillkürlich einschüchterte.

Und sie hatte auch seinen Blick auf ihr gespürt. Hin und wieder, wenn sie erschöpft und ausgelaugt vom langen Laufen gewesen war, war sie seinem Blick begegnet. Und sie hatte seine Augen auf ihr gespürt, als sie entkräftet und müde zu ihrer Schwester und Duncan aufgeschaut hatte, die vor ihr einen steilen Felswand hinaufkletterten.

"Hast du Hawkeye gesehen?"

"Wie bitte?", fragte sie überrascht.

"Hawkeye. Nathaniel Poe. Mein Bruder."

Sie konnte die Enttäuschung nicht zurückhalten, die sie überspülte und senkte den Blick. Deshalb ist er gekommen?

Sie zögerte, dann schüttelte sie den Kopf, "Nein."

Ein winziges Lächeln schien um seine Lippen zu zucken. Schließlich zog er einen Mundwinkel in ein halbes, amüsiertes Lächeln.

Sie war noch immer auf dem Boden gekauert sodass er auf sie herunterschaute. Sie stand auf. Trotzdem war sie fast einen Kopf kleiner als er.

"Suchst du ihn?", fragte sie.

"Nein."

Ihr verwirrtes Gesicht schien ihn noch mehr zu amüsieren denn jetzt lächelte er offen, "Ich wollte fragen, ob es dir gut geht."

Sie erinnerte sich an die feinen Manieren, die man ihr und Cora seit ihrer Kindheit eingebläut hatte und öffnete den Mund um ihm zu erklären, dass es ihr gut ging und er sich keine Sorgen machen musste, aber dann überlegte sie es sich anders.

Er war nicht wie die Gentlemen die sie kannte. Er war nicht wie Duncan und gewiss nicht wie ihr Vater. Er würde sie nicht fragen, wenn er nicht ernsthaft interessiert wäre.

Stattdessen sagte sie, "Wie kommst du darauf, dass es mir nicht gut geht?"

Sein Gesicht wurde wieder ernst und ein vorsichtiger Ausdruck schlich sich in seine Züge, "Ist es nicht offensichtlich?"

Eine Welle der Trauer übermannte sie und drohte sie zu ertränken. Hastig schloss sie die Augen, "Nein", wisperte sie gebrochen.

In der Welt in der sie lebte gehörte es zur Etikette starke Emotionen zu verschleiern um andere nicht damit zu belasten. Dass es ihm aufgefallen war zeigte ihr erneut, dass sie nicht so stark war, wie sie es sich immer wieder wünschte. Und jetzt war noch nicht einmal mehr Cora da, um die Kraft und Stärke auszugleichen, die ihr fehlten.

Plötzlich spürte sie seine warme Hand auf ihrer Schulter und konnte das schmerzhafte Schluchzen in ihrer Kehle kaum noch zurückhalten.

Ungesehen und unbemerkt von den meisten standen sie so eine scheinbar unendliche Weile auf der festgetretenen Erde am Rande der Feier.

Erst als die ersten Feuer heruntergebrannt waren und die Dunkelheit immer fordernder nach ihnen Griff, regte sie sich.

"Ich muss wieder zurückgehen", murmelte sie ohne ihn anzusehen.

Er nickte und seine Hand rutschte von ihrer Schulter.

Sie drehte sich fort um zu gehen, als er sie an ihrem Handgelenk zurückhielt. Sie drehte ihren Kopf gerade als er sich zu ihr vorbeugte und leise in ihr Ohr raunte, "Deine Schwester fürchtet sich auch."

Ihre Augen weiteten sich und einen Wimpernschlag lang begegneten sich ihre Blicke bevor sie verstört ihre Augen abwandte. Seine Hand fiel von ihrem Handgelenkt ab, als sie sich schweigend von ihm entfernte, seine Worte und seinen warmen Atem noch immer im Ohr.

Das Feuer spiegelte sich flackernd in seinen dunklen Augen die ihr mit intensivem Blick nachschauten und für wenige Momente verschmolzen ihre Blicke noch einmal, bevor sie in der Menge verschwand.

Ihr war kalt während sie die Treppe zu ihrem Zimmer hochstieg. Vor der Tür zu Coras Zimmer blieb sie stehen und lauschte. Wie sie erwartet hatte, konnte sie niemanden hören. Cora war noch nicht zurück.

Die Feuer brannten noch hell genug um die Umrisse ihres Zimmers zu erkennen, als sie sich eine dünne Decke um die Schultern wickelte.

Obwohl sie noch immer Angst hatte merkte sie, dass sie sich nun nicht mehr vor dem allein sein fürchtete die sie verspürt hatte, als ihre Schwester mit Nathaniel verschwunden war. Die Einsamkeit war erträglich, solange es jemanden gab, zu dem man gehen konnte, wenn die Welt zu zerbrechen und man am Abgrund einer verlassenen Klippe zu stehen schien. Denn nun war die Klippe nicht mehr verlassen. Jemand stand hinter ihr, das wusste sie, und er würde sie festhalten, wenn sie drohte zu fallen.

Gleichzeitig musste sie an Uncas letzte Worte denken. Deine Schwester fürchtet sich auch. Sie schüttelte den Kopf. Er kannte Cora nicht. Cora würde jede Schwäche besiegen und wenn es ihre eigene Angst war, um sich und Alice zu beschützen.

Das letzte Bild das sie sah, bevor sie einschlief, waren seine wachsamen, dunklen Augen, die warm und beschützerisch auf ihr lagen.

TBC