Scherben

„Warum kann ich nicht Teufelsschlinge nehmen? In deinem Buch steht, das ist viel besser als einfache Dornenalgen." Severus zeigte mit einem bittenden Blick auf die aufgeschlagene Seite zwischen uns.

Ich lachte leise über seine offensichtliche Ungeduld.

„Da du ständig über deinen Büchern hängst hast du sicherlich schon herausgefunden, dass man Teufelsschlinge nicht unterschätzen darf. Kommt sie mit zu viel Licht in Berührung, verwandelt sie deinen Heiltrank in eine ätzende Säure."

Tobias war nicht da. Er hatte sich für den ganzen Tag mit einigen Freunden verabredet. Die perfekte Gelegenheit also, mit meinem Kleinen in den Keller zu gehen und ihn in die Geheimnisse der Braukunst einzuweihen. Er war erst fünf, aber seit er im Winter lesen gelernt hatte verschlang er alles, was Seiten hatte. Und er war von früh auf genauso von Tränken fasziniert gewesen wie ich. Nicht, dass ich besonders oft Gelegenheit hatte, ihm etwas zu zeigen.

„Aber ich bin doch vorsichtig."

„Hier im Keller ist es zu hell, als das wir sichergehen könnten, dass nichts passiert."

„Du könntest es doch dunkler machen.", ein leichtes Wedeln mit seiner Hand verriet, was er andeutete.

Ich seufzte leise. „Sev, ich habe dir doch erzählt, dass es dein Dad nicht mag, wenn ich zaubere. Ich kann das also nicht einfach so machen."

„Aber…"

„Nein.", er sah mich mit seinen wunderbaren Augen an, groß wie der volle Mond am Nachthimmel und so dunkel, dass man sich leicht darin verlieren konnte.

„Wann darfst du die gefährlicheren Zutaten benutzen?"

Teufelsschlinge war längst nicht so gefährlich, wie ich ihm weis machen wollte. Aber würde ich ihm von Drachenblut oder dem Sekret der Acromantula erzählen, würde ich keine ruhige Minute mehr haben.

„Wenn ich acht bin. Aber…", ungeduldig wischte er meinen Einwand beiseite.

„Kein aber. Sonst könnte ich entscheiden, dass du auch noch zu jung dafür bist, selbst einen leichten Heiltrank wie diesen zu brauen und dich nur meine Zutaten vorbereiten lassen."

Innerlich musste ich grinsen, als er seine Gegenwehr sofort aufgab, aber äußerlich behielt ich mein ernstes Gesicht bei. Die nächste Gelegenheit zum Brauen würde vielleicht mehrere Wochen auf sich warten lassen, das wusste er.

„Also gut." Etwas mürrisch suchte er in dem kleinen Zutatenschrank nach dem Glas mit den Dornenalgen. Als er es gefunden hatte öffnete er es mit geübten Bewegungen. Er hatte die perfekten Hände für die Trankbrauerei, schon jetzt, und das richtige Auge.

Er arbeitete konzentriert weiter, eine der wichtigsten Voraussetzungen für diese Arbeit.

Ich lächelte. Er würde mich einmal stolz machen.

Ich wandte mich wieder meinem eigenen Kessel zu und eine Weile arbeiteten wir schweigend nebeneinander. Ab und an warf ich einen prüfenden Blick zu ihm, aber kein einziges Mal musste ich eingreifen.

„Warum soll ich einen weniger effektiven Heiltrank brauen, wenn ich die Möglichkeit zu einem besseren habe?" aus Severus Stimme war ein Lächeln zu hören und als ich ihn leicht gegen die Schulter stieß wuchs ein breites Lächeln auf seinen Lippen.

Er wusste, wann er einen Kampf verloren hatte, aber er wäre nicht mein Sohn gewesen, hätte er es nicht probiert oder wenigstens kommentiert.

„Ich schätze nächstes Mal musst du Flubberwürmer ausnehmen."

Er lachte, wissend, dass ich es ebenso wenig ernst meinte wie er.

Es war ein helles, reines Kinderlachen, dass mein Herz immer schneller schlagen ließ.

Er war ein ernstes Kind. Ernst, aber soweit ich das einschätzen konnte nicht unglücklich. Das gab mir die Hoffnung, dass er nichts von den zunehmenden Streits zwischen mir und Tobias wahrnahm.

Er hatte wieder angefangen zu trinken als der Kleine fast zwei Jahre alt war. Erst wenig und selten. Dann begann er wieder Nächte wegzubleiben. Und schließlich war ihm wieder das eine oder andere Mal die Hand ausgerutscht, aber nie war es so schlimm geworden wie vor der Schwangerschaft.

Und wir hatten es schon einmal geschafft, nicht wahr?

„Vielleicht kannst du mir aber auch einfach einen neuen Trank zeigen?", er hatte die Mundwinkel spitzbübisch nach oben verzogen. Er wusste genau, dass ich ihm selten einen Wunsch abschlagen konnte.

„Ich nehme an, du hast schon einen im Sinn?"

Sorgfältig führte er seinen momentanen Arbeitsschritt aus und überprüfte seinen Kessel. Dann beugte er sich über das Buch, auf der Suche nach einem bestimmten Rezept.

Er hatte noch keine fünf Seiten umgeschlagen, als hinter uns krachend die Tür aufflog.

Bitte nicht.

Einen Augenblick lang herrschte eine merkwürdige Stille zwischen uns, ein Innehalten jeder Bewegung, wie die Ruhe vor dem Sturm.

Severus trat einen Schritt vor, ein unechtes Lächeln im Gesicht, ohne die geringste Spur der Leichtigkeit, die eben noch auf seinen Zügen lag.

„Dad, du bist zuhause." Er öffnete die Arme um seinen Vater zu umarmen. Im nächsten Moment, ohne dass ich auch nur die geringste Chance gehabt hätte einzugreifen, lag mein kleiner Junge auf dem Boden, die Hände an die Seite seines Kopfes gepresst.

„Geh weg von mir." Eine Wolke von Alkohol füllte den Raum, die mich aus meiner Starre löste.

Ich fühlte unbändige Wut in mir aufflammen. Dieses Ungeheuer hatte es gewagt, sich an meinem Kind zu vergreifen.

„Severus, geh bitte auf dein Zimmer.", ich sprach ganz ruhig, ohne etwas von dem rasenden Feuer preiszugeben, das in mir wütete. Sein ängstlicher Blick lastete auf mir, aber er stand auf und machte einen unsicheren Schritt in Richtung Tür. Eine Welle von Stolz erfüllte mich. Er musste fürchterlich geschockt sein, verunsichert, verletzt. Aber er gab keinen Ton von sich. Er hielt sich gerade.

Und er sieht zu dir auf. Dabei kannst du ihm nicht helfen. Du bist zu schwach.

Tobias sah unbewegt zu, wie der Kleine den Raum verließ. Eine Sekunden noch blieb er stumm, dann streifte sein Blick die beiden Kessel in meinem Rücken hasserfüllt und richtete sich dann auf mich.

„Was glaubst du was du tust?", ich konnte den Alkohol hören, der ihn zu diesem gedankenlosen, brutalem Menschen machte.

„Was ich tue?", beinahe hätte ich aufgelacht, meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Du fragst was ich tue?"

Er nickte wie einer, dessen Verstand zu benebelt war, um das Geschehen wirklich aufzunehmen.

„Du bringst ihm diesen Hexenkram bei."

„Ich sorge mich um ihn. Er ist ein Kind, verdammt. Dein Kind. Und was machst du? Du hast deinen Sohn geschlagen!", niemals zuvor hatte ich es gewagt ihn so anzuschreien, aber die Fassungslosigkeit über seine Tat ließ mich jede Vorsicht vergessen.

„Er ist nicht mein Sohn.", seine Stimme war leise und gefährlich ruhig. „Er ist eine Missgeburt. Genau wie du."

„Wie kannst du so etwas sagen?"

Bevor ich weitersprechen konnte holte er mit seinem Arm aus und traf meine Wange, fast beiläufig, fast wie früher, sodass mein Kopf nach hinten flog. Ich tat nichts, um mich zu wehren.

Für einen Moment schien die Welt still zu stehen.

„Aber du liebst ihn. Und… und mich."

Und dann lachte er. Es war ein grausames Geräusch, das die dichte Schicht aus Taubheit und Entsetzen, die sich beim Anblick meines verletzten Kindes um mich gelegt hatte, in tausend Teile zerschlug. Und mit ihr mein Herz, das jede Dunkelheit durch einen ewigen Funken Hoffnung überwunden hatte, weil ich glaubte mit Tobias die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

„Dich lieben?", die Ehrlichkeit in seiner Stimme zerschnitt den letzten Rest meiner mühsam zusammengehaltenen Verteidigung. „Wie könnte ich dich lieben? Du bist ein Nichts. Du glaubst, dein bisschen Hokuspokus würde dich zu etwas Besonderem machen. Aber das bist du nicht."

Wieder lachte er. Kurz und abgehackt. Fast bellend. Wie ein Hund der seine Überlegenheit zur Schau stellt.

„Du bist nur eine kleine Schlampe, die es in ihrem Leben nie zu etwas bringen wird. Und du hast mir meinen Sohn gestohlen." Plötzlich klang er genauso wütend wie ich nur wenige Minuten zuvor.

„Du hast ihn zu einem Nichtsnutz werden lassen, zu einem Freak aus deiner verdammten Welt. Aber ich werde ihm das austreiben, hörst du? Ich werde nicht zulassen, dass er auf diese Schule geht. Dass er so wird wie du."

Und dann war er verschwunden, mit einem letzten unheilvollen Blick, der mir Kälte in die Knochen trieb. Alle Kraft wich aus meinem Körper und ich rutschte langsam an der Wand hinab, ohne mich zu erinnern, wie ich überhaupt dorthin gekommen war.

Meine Augen brannten, aber ich weinte nicht. Worüber auch? Über meine Naivität, die nicht nur mein Leben, sondern auch das meines Kindes zerstörte? Über die Ausweglosigkeit meiner Situation?

Was konnte ich tun? Wohin konnte ich gehen?

Er würde mich überall finden. Er oder meine Familie, die alles versuchte, um mich nicht nur aus ihren Stammbäumen, sondern auch ihren Geschichten streichen zu können.

Nutzte ich zu viel Magie, würden sie mich finden. Ich hatte auch keinen Pass, um das Land auf Muggelweise verlassen zu können.

Außerdem wusste ich nicht, ob ich es jemals über mich bringen könnte, ihn zu verlassen.

Das ließ heiße Wellen der Abscheu in mir aufkochen.

Was war ich für eine Mutter, die ihrem Kind zuliebe, nicht ihre eigenen, längst gestorbenen Träume zurücklassen konnte?

„Mum?", Severus stand in der Tür, die Augen weit aufgerissen und noch dunkler als sonst.

„Komm her, Schatz.", ich breitete meine Arme aus, aber es kostete mich Mühe den Blick nicht von ihm abzuwenden.

„Was ist los? Wo ist Daddy hin?"

Er will nicht mehr dein Daddy sein. Er hasst uns beide.

Wie erklärte man einem Fünfjährigen, dass manche Menschen schreckliche Dinge tun, wenn sie etwas nicht verstehen? Wenn sie sich etwas wünschen, von dem sie wissen, dass es nie in Erfüllung gehen wird?

„Es ist nichts. Wir hatten einen kleinen Streit. Das hatte nichts mit dir zu tun."

Er hasst uns, weil wir anders sind. Weil wir bessere Menschen sind, als er je sein könnte.

„Aber du schaust genauso wie Mrs. Cane, wenn sie sich mit Mr. Cane gestritten hat. Und sie weint doch so viel.", er schaute mich ängstlich an. „Wirst du auch so traurig wie sie? Wird Daddy auch so böse wie Mr. Cane?"

Er ist es schon. Und es wird noch viel schlimmer, weil ich ihn nicht aufhalten kann.

Ich lächelte traurig, als ich ihm über die schwarzen Haare strich. Er war so ein aufmerksamer Junge. Und ein so guter. Er hatte das Herz auf dem rechten Fleck. Er sorgte sich um mich, dabei musste seine Wange wie Feuer brennen.

Ich war mir sicher, er würde einmal ein guter Mensch werden.

„Nein, mein Kleiner. Wenn dein Dad nachher nach Hause kommt ist alles wieder gut."

Es tut mir so leid!

Dann umarmte ich ihn. Ich drückte ihn so fest an mich, wie ich es wagte, als könnte ich ihn damit sicher halten, als könnte ich mein eigenes zerbrochenes Selbst damit vor dem auseinanderfallen retten. Ich drückte ihn, als wollte ich ihn nie wieder loslassen. Und ich hoffte, er würde meine Tränen nicht bemerken.

Fühlte es sich so an versagt zu haben?