Fridays at Noon

Kapitel 4

Freitag, 9. Juli, mittags


Ich kam ins Eclipse, bevor meine Schicht begann, in der Hoffnung, dass Rosalie heute gut gelaunt war. Jasper hatte mich ermutigt, mit ihr zu sprechen und ihr das ganze Fiasko mit dem Date zu erklären. Er sagte, sie würde es verstehen, aber ich war bislang zu feig dafür gewesen. Jasper drohte, er würde sie selbst anrufen, aber ich bettelte ihn an, es nicht zu tun, weil ich mir sicher war, dass Rosalie mich dafür bestrafen würde, weil ich ihn da mit hineingezogen hatte.

Im ganzen Lokal war es still, aber als ich immer näher zu ihrem Büro kam, konnte ich hinter der geschlossenen Tür komische Geräusche hören. Ich brauchte nicht lang, um herauszufinden, was ich da genau hörte.

"Oh, ja, genau da. Oh Gott, ja!", rief sie. "Emmett, ja! Fuck, ja! Genau da, oh Gott!"

"Rosie, ughhh!"

Ich ging rasch wieder weg, denn ich wollte nicht entdeckt werden. Rosalie und Emmett zusammen, das war eine interessante Entwicklung. Jasper hatte sich immer Sorgen gemacht, seine Schwester würde nie einen Mann finden, weil sie immer arbeitete. Ich schätze, dieses Problem wurde gelöst. Ich ging wieder hinaus, lief zwanzig Minuten lang auf und ab und versuchte vergeblich, die Bilder aus meinem Gedächtnis zu löschen, die diese Geräusche hervorgerufen hatten. Als ich wieder nach drinnen ging, war Emmett der Erste, den ich sah. Er trug ein riesiges ich-wurde-gerade-flachgelegt-Grinsen im Gesicht.

"Hey, Bells."

"Em", sagte ich und hielt meinen Kopf unten. Ich konnte keinen Blickkontakt halten und hoffte, er hatte Rosalie so befriedigt, dass sie mir diesmal zuhören würde.

Ich klopfte an Rosalies halb geöffnete Tür. Sie bemerkte mich und wedelte mich herein, sah aber nicht so glücklich aus, wie ich es gehofft hatte. Sie sah ganz normal aus. Kein einziges Haar war verrutscht. Niemand würde je wissen, dass noch vor ein paar Minuten ihre Welt von dem sanften Riesen dort draußen ins Wanken gebracht worden war.

"Ich habe mich gefragt, ob ich eine Minute mit dir sprechen kann, bevor meine Schicht anfängt?"

"Du sprichst doch schon, also schätze ich, ja", sagte sie schnippisch.

Ich holte tief Luft und schoss los. "Ich kann heute nicht den privaten Speisesaal machen, wenn Mr. Masen auftaucht, weil ich letzten Freitag ein Date mit ihm hatte und er dachte, ich wäre nur am Sex interessiert, das war ich aber nicht, also habe ich ihn im Restaurant sitzen lassen, und nun glaube ich, dass alles ziemlich komisch sein wird, und ich hoffe, er wird seine Dauer-Reservierung nicht wegen dem, was passiert ist, widerrufen, aber Jasper sagte, du würdest das verstehen und du würdest mich nie einem Mann gegenüber treten lassen, der so wenig von mir hielt, dass er annahm, ich würde ihm Sex als Erwiderung des Abendessens geben, obwohl ich zahlen wollte, weil er mir ein viel zu hohes Trinkgeld gegeben hatte, also dieser Teil verwirrt mich ein wenig, aber eigentlich verwirrt mich so ziemlich alles an diesem Mann, also ist das keine große Überraschung ..."

"Heilige Scheiße, Mädchen, hol' doch mal Luft!" Rosalie starrte mich an, als wäre mir ein zweiter Kopf aus dem Hals gewachsen.

"Tut mir Leid", murmelte ich.

"Was für ein Wortschwall. Ich bin nach dem ich kann heute nicht ausgestiegen, danach kam es mir vor, als würde ich mir einen Cartoon ansehen, wah wah wah." Sie hielt sich ihre Hand vor den Mund und öffnete und schloss die Finger, als würde sie sprechen. "Geht es wieder um Masen? Jeden Freitag, Bella, du bist so vorhersehbar. Mir ist egal, was dein Problem mit ihm ist, wenn er nach dir fragt und du hier bist, wirst du seinen Speisesaal übernehmen. Er gibt eine Menge Geld hier aus und ich würde das gern so beibehalten."

"Aber ..."

"Kein aber. Wir sind hier fertig."

"Ich weiß von dir und Emmett Bescheid", kam es aus meinem Mund. Ich bereute es, das gesagt zu haben, sobald ich sah, wie er Gesicht sich vor Zorn rötete.

"Was weißt du von mir und Emmett?", forderte sie mich heraus.

"Ich weiß über dich und ihn Bescheid. Ich weiß, was ihr hinter geschlossenen Türen treibt", quietschte ich.

Sie begann zu lachen. "Versuchst du, mich zu erpressen, damit du nicht den privaten Speisesaal bedienen musst?"

Die Tatsache, dass sie mich auslachte, gab mir das Gefühl, dass man das nicht gerade als Erpressung bezeichnen konnte.

"Und wem genau willst du das erzählen? Meinem Bruder? Den anderen Kellnern?"

"Ich werde es niemandem erzählen. Ich will nur einfach nicht den privaten Speisesaal übernehmen, wenn Mr. Masen kommt. Ich flehe dich an."

Rosalie dachte eine Minute lang darüber nach und dann stand sie hinter ihrem Schreibtisch auf. "Ich werde folgendes machen, Bella. Ich werde über die Tatsache hinwegsehen, dass ich dir diesen Job gegeben habe, obwohl du keinerlei Erfahrung als Kellnerin hast, sondern nur weil du mit meinem Bruder befreundet bist und er mich angefleht hat, dir zu helfen. Ich werde außerdem vergessen, dass du mich bei mehr als nur einer Gelegenheit genervt hast und dass du versucht hast, mich zu erpressen. Also, anstatt dich jetzt sofort zu feuern, werde ich so tun, als hätte diese Unterhaltung nie stattgefunden, und du wirst jetzt den Speisesaal vorbereiten, und wenn ich dich für den privaten Speisesaal brauche, wirst du lächeln und mir sagen, dass du das gern machen wirst. Hast du mich verstanden?"

Ich nickte und verließ leise ihr Büro. Ich würde nie wieder versuchen, jemanden zu erpressen. Meine kriminelle Laufbahn war nun offiziell zu Ende.

Zu Mittag brauchte sie nichts zu sagen, sie deutete nur die Stufen hoch, als ich zurück kam, um auf eine Bestellung zu warten. Ein Teil von mir konnte nicht glauben, dass er beschlossen hatte, sich wieder hier blicken zu lassen, nach allem, das letzte Woche passiert war. Der andere Teil hatte gewusst, dass er kommen würde, nur um mich zu quälen. Ich ging die Stufen hoch wie ein Insasse der Todeszelle, der gerade zum elektrischen Stuhl geführt wurde. Ich versuchte, mich auf die Tatsachen zu konzentrieren. Er hatte keine Macht über mich. Er war der Loser, den ich sitzen gelassen hatte. Er sollte nervös sein, mich wieder zu sehen, nicht umgekehrt.

Ich öffnete die Tür und erschrak, denn eine umwerfende Blondine saß praktisch auf seinem Schoß, kicherte und strich mit ihren Fingern durch das Haar über seinem Ohr.

Was zur Hölle?

"Die Mittagspause ist keinesfalls genug Zeit mit dir", murmelte sie, während sie mit ihrem rot lackierten Fingernagel seine Lippen berührte.

Er knabberte verspielt mit seinen Zähnen an ihren Fingern und sie kicherte vor Freude, ehe sie den Finger wegzog.

"Es gehört zu meinen Vorteilen als Chef, so lange Mittagspause machen zu können, wie ich will", sagte er mit seiner schrecklich samtigen Stimme.

Ich hätte ihnen am liebsten vor die Füße gekotzt. Ich räusperte mich, um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. "Willkommen im Eclipse. Mein Name ist Isabella. Kann ich Ihnen etwas zu trinken bringen, bevor wir zu den heutigen Spezialitäten übergehen?"

Die Blondine setzte sich wieder auf ihren Stuhl und Edwards starrte mich mit seinen kalten Augen an. Heute waren sie dunkel, dunkel und müde. Er trug einen dunkelblauen Anzug und sah so gut aus wie immer, aber ich konnte leichte Ringe unter seinen Augen sehen. Ich wusste nicht, warum ein Teil von mir sich sorgte, weshalb er wohl müde war, besonders weil ich ihn doch von ganzem Herzen hasste. Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder seiner Essens-Nutte, ich meine, seinem Date zu.

"Was hättest du gern, Baby? Sollen wir den Champagner bestellen?"

"Oh, ich liebe Champagner", flötete sie.

"Gibt es einen Champagner, den du empfehlen kannst, Isabella? Der Preis spielt natürlich keine Rolle", prahlte er arrogant.

"Wir haben einen wunderbaren 88er Bollinger", antwortete ich. Heute war es mir ein Vergnügen, seine Rechnungssumme weit nach oben zu treiben. Je mehr er für seine Essens-Schlampe, ich meine, sein Date, ausgab, desto besser für mich.

"Perfekt. Den nehmen wir. Ich glaube, wir beginnen mit der Kaviar-Treppe. Lauren liebt teuren Kaviar und ich weiß, im Eclipse bekommt man einen der besten."

"Natürlich." Ich nickte höflich. Ich hatte nicht vor, ihm zu zeigen, dass mir diese verkorkste Situation etwas ausmachte.

Ich schloss die Tür hinter mir, musste mir aber noch das Gekicher von Lauren, der Essens-Tussi, ich meine, des Dates, anhören, als ich die Stufen hinunter ging.

Ich besorgte mir die Flasche Champagner von Eric und gab die Bestellung des Kaviars weiter. Seine Rechnung betrug bereits über zwei Riesen, und er hatte noch nicht einmal den Hauptgang bestellt. Wenn er mir das übliche Trinkgeld gab, hatte ich schon vierhundert Dollar in der Tasche. Natürlich könnte er sich umentscheiden und mir gar kein Trinkgeld geben, da ich davongelaufen bin. Alles war möglich, wenn es um Edward Masen ging.

Als ich zurückkehrte, stupsten sich die zwei gerade mit den Nasenspitzen an. Es war dämlich und völlig unangebracht, aber es war mir egal, was er mit seiner Essens-Schnepfe, ich meine, seinem Date, machte. Es war mir völlig egal.

Ich öffnete den Korken und Lauren kreischte bei dem Geräusch auf. Es war schwer zu glauben, dass sie eine echte Frau war. Sie war attraktiv, wenn einem Frauen gefielen, die wunderschön, blond und blauäugig waren und einen perfekten Körper hatten. Wahrscheinlich hatte sie Brustimplantate und keine Seele, aber jedem das seine. Ich schenkte ihnen die Getränke ein und ging, um den Kaviar zu holen, bevor ich ihre Bestellung entgegen nahm.

"Bist du okay?", fragte Emmett, als ich mit den ekligen Fischeiern aus der Küche kam.

"Mir geht's gut, warum?"

"Du siehst aus, als würdest du jemandem weh tun wollen, das ist alles."

"Mir geht's gut", protestierte ich wütend. "Ich will niemandem weh tun. Mir geht's prächtig. Warum zur Hölle würde ich jemandem weh tun wollen? Mir geht es absolut gut."

"Gut. Es geht dir gut, absolut gut. Tut mir Leid, dass ich gefragt habe", sagte Emmett. Er hielt die Hände beschützend vor sich.

Mir ging es gut. Bis ich den privaten Speisesaal betrat, wo Edward und Lauren, sein Essens-Flittchen, ich meine, sein Date, ihren Champagner mit ineinander verkreuzten Armen tranken.

Wollte er mich damit verarschen? Wer zur Hölle machte so etwas? Niemand, der bei klarem Verstand war, tat so etwas noch.

Ich stellte die Kaviar-Treppe nicht allzu sanft vor ihnen ab und bekleckerte damit ein wenig das weiße Tischtuch. Edward sah mit seiner perfekt hochgezogenen Augenbraue zu mir auf. Ich hätte nur gebraucht, dass er mich wie Emmett vorhin fragte, ob es mir gut ginge. Ich drohte ihm mit einem Blick, aber er entschied sich dafür, seine perfekte Klappe zu halten.

"Möchten Sie schon bestellen oder brauchen Sie noch eine Minute?" Ich versuchte, meinen Tonfall leicht und unberührt zu halten.

Edward sah wieder zu seinem Essens-Miststück, ich meine, Date. "Wir sind bereit."

"Ich bin immer bereit, Baby", schnurrte Lauren verführerisch. Ich konnte siehen, wie sie mit der Hand unter den Tisch griff und sie auf sein Bein legte.

"Nur für mich, richtig?", antwortete er und fuhr mit seinem Daumen über ihre Unterlippe. Ich glaube, sie bekam jetzt beinahe einen Orgasmus, denn ein gehauchtes Stöhnen entkam ihren glänzenden, roten Lippen.

Mir wurde nun definitiv schlecht.

"Was hätten Sie gerne?", knurrte ich fast.

Edward wandte mir wieder seine Aufmerksamkeit zu. Er trug dieses armselige, schiefe Grinsen im Gesicht.

"Wir teilen uns das Geheimnis des Chefkochs, weil Lauren morgen ein Shooting hat. Models, sie zählen immer jede Kalorie, obwohl sie verdammt gut aussehen." Er hob ihre Hand hoch und küsste ihren Handrücken, wodurch sie wieder kicherte.

Ich zwang mich dazu, nicht die Augen zu verdrehen. "Super, ich bringe es Ihnen in Null Komma nichts hoch."

Ich wollte schon gehen, aber er rief mich zurück. "Isabella, könntest du unsere Gläser nachfüllen, bevor du gehst?" Er hielt sein leeres Glas hoch und schüttelte es, als würde er einen Hund mit einem Leckerli anlocken wollen.

Ich drehte mich mit einem falschen Lächeln im Gesicht um und ging zu ihrer Seite des Tisches. Und ich konnte auch sofort sehen, warum er mich hergerufen hatte. Er hatte seine Hand unverschämterweise unter ihren Rock geschoben. Ich schenkte den Champagner ein und lief rasch aus dem Zimmer.

Versuchte er mir zu zeigen, wie die Frauen normalerweise reagierten, wenn sie mit ihm ausgingen? Sollte ich von Lauren, seiner Essens-Schlampe, ich meine, seinem Date, lernen? Lauren, mit der er im privaten Speisesaal eines sehr gehobenen Restaurants vor der Bedienung herummachte? Vielleicht versuchte er nur mich zu nerven. Was nicht der Fall war. Ich war unerschütterlich. Ich blieb knallhart. Er ging mir nicht unter die Haut.

Ich brachte ihnen ihr Essen und sah nur einmal nach ihnen. Ich konnte es nicht ertragen zu sehen, wie sie ihn fütterte und umgekehrt. Als sie mit ihrer Mahlzeit fertig waren, kehrte ich mit der Rechnung zurück und merkte, dass Lauren, seine Essens-Hure, ich meine, Date, gerade nicht im Zimmer war.

"Wie war Ihr Essen?", fragte ich ihn, obwohl es mir am Arsch vorbei ging, wie ihm sein Essen geschmeckt hatte.

"Alles war perfekt", lobte er.

"Ich werde das Kompliment an die Küche weitergeben", sagte ich, machte auf dem Absatz kehrt, um zu gehen, aber er hielt mich auf.

"Isabella, kann ich dich um einen Gefallen bitten?"

Ich drehte mich wieder um, langsam, denn ich befürchtete, etwas für ihn tun zu müssen. "Sicher", antwortete ich mit wenig Begeisterung.

"Wenn Lauren nicht in einer Minute wieder zurückkommt, würde es dir ausmachen, auf der Toilette nach ihr zu suchen? Ob du es glaubst oder nicht, es gab da eine Frau, die ihrem Date sagte, sie müsse zur Toilette, aber eigentlich ist sie stattdessen davongelaufen, sie ist rückgratlos einfach ohne ein weiteres Wort gegangen." Seine Stimme änderte sich langsam von sorgsam kontrolliert zu dunkel und bissig. "Sie hat die Gefühle ihres Dates völlig missachtet, seine vergeudete Zeit gar nicht erst zu erwähnen. Sie hat sich nicht um die Tatsache gekümmert, dass er vielleicht Sorge hatte, ihr wäre übel, oder dass er gedemütigt wurde, als die Bedienung mit dem Wechselgeld einer bezahlten Rechnung zurückkehrte und mit der Entschuldigung, dass die Lady ihn um fünf Minuten gebeten hatte, damit sie davonlaufen konnte. Fürchterlich, ich weiß, aber so etwas kommt vor."

Er mag vielleicht böse auf mich gewesen sein, aber ich war genauso angeekelt, wenn nicht noch mehr.

"Ich bin gegangen, weil du ein Schwein bist!", rief ich. Ich ließ meinen Zorn an ihm aus. "Ich bin gegangen, weil mich in meinem ganzen Leben noch nie jemand so beleidigt hat! Ich dachte, wir hätten ein echtes erstes Date, aber du hast mir rasch bewiesen, dass ich falsch lag und zu naiv war."

"Was willst du von mir, Isabella? Was hättest du gedacht, was sich daraus ergeben würde?", fragte er und deutete zwischen sich und mich.

"Ich habe keine Ahnung, was ich gedacht hatte, weil du die ärgerlichste Person bist, die ich je getroffen habe!"

"Oh, gleichfalls, kleines Mädchen", rief er zurück. Er stand auf und ging um den Tisch herum auf mich zu.

Ich ging rückwärts, als er näher kam, und stieß an einen der Stühle, konnte ihn aber ergreifen, bevor er umkippte.

"Tja, offenbar hast du eine gespaltene Persönlichkeit. Du hast Stimmungsschwankungen, die der eines hormongesteuerten Teenager-Mädchens gleichkommen. In der einen Minute bist du charmant und verspielt, und in der nächsten wirst du zu dieser völlig anderen Person, diesem schrecklichen, rüden, arroganten ... Monster", schuldigte ich ihn an.

"Warum hast du zugestimmt, mit mir auszugehen, wenn ich so abscheulich bin?", fragte er, während er immer noch näher kam.

"Ich weiß nicht. Vielleicht dachte ich, der nette Kerl wäre dein wahres ich und der böse Kerl wäre nur deine Maske, die du trägst, um die Leute auf Abstand zu halten. Aber mach dir keine Sorgen, du hast mir verdeutlicht, dass der nette Kerl nur ein Spiel für dich war, um zu kriegen, was du wolltest. Du ekelst mich an."

Ich trat weiterhin immer einen Schritt zurück, wenn er einen in meine Richtung machte. Mein ganzer Körper bebte, aber es fühlte sich gut an, ihn anzuschreien und ihm genau das zu sagen, was ich von ihm hielt.

"Was glaubst du, wer du bist?", schäumte er. "So spricht niemand mit mir. Niemand läuft vor mir davon. Die meisten Frauen würden es sofort bereuen, wenn sie vor jemandem wie mir weglaufen."

"Ich bereue gar nichts", gab ich zurück. "Ich weiß nicht, für wen du mich gehalten hast, aber ich habe kein Interesse daran, nur mit jemandem wegen seines Geldes oder seiner teuren Kleidung zusammen zu sein. Das was ist mir nicht so wichtig wie das wer eine Person ist. Das Geld, der Wohlstand beeindruckt mich nicht, Mr. Masen."

"Was beeindruckt dich dann, Isabella? Häh? Erleuchte mich", forderte er mich heraus.

"Nicht du", antwortete ich selbstbewusst. "Von außen betrachtet magst du wohl schön sein, aber was sich im Inneren befindet ist äußerst mangelhaft. Mich beeindrucken Freundlichkeit und Anstand, Dinge wie Bescheidenheit und Nächstenliebe. Die Tatsache, ass du dachtest, ein unerhört hohes Trinkgeld würde später sicherstellen, dass ich in deinem Bett ende, ist so abwertend – ich kann es dir gar nicht sagen! Ich bin nicht so wie die Freundin, die du heute mitgebracht hast. Ich nehme keinen Champagner und Kaviar dafür, dass du mir die Hand unter den Rock legen darfst. Wenn du auf diese Art Frauen stehst, war es falsch von dir, mich nach einem Date zu fragen, denn ich könnte mich auch noch so anstrengen und wäre noch immer ihr komplettes Gegenteil."

Ich bemühte mich sehr, mich zusammenzureißen, nicht nachzugeben und loszuweinen wie ein Idiot, aber es wurde immer schwerer. Das geschah eben mit einem, wenn man völlig falsch als Hure behandelt wurde. Wir hatten den Tisch zweimal umrundet und er trat immer noch näher, kam auf mich zu wie ein Raubtier.

"Du bist eine komplette Anomalie, das bist du. So jemanden wie dich habe ich noch nie getroffen", sagte er und schockierte mich damit fast zu Tode. "Was, wenn ich wirklich gedacht hätte, du wärst nicht so wie die anderen Frauen, wie Lauren, die versucht hatte, sich in mein Leben zu drängen, indem sie mir ihre Beine öffnete und mir gab, wovon sie angenommen hatte, ich würde es wollen? Was, wenn ich gehofft hatte, dass du diejenige wärst, die mir helfen könnte, dieser Kerl zu werden, der keine Maske brauchte? Was, wenn ich das nur getan hatte, um auf Nummer sicher zu gehen?"

Das hatte ich nicht von ihm erwartet – überhaupt nicht.

"Hör auf, vor mir wegzulaufen, gottverdammt noch mal!" Er zog einen Stuhl heraus und warf ihn auf den Boden, wodurch er mir den Weg versperrte, wenn wir die Runde um den Tisch noch einmal schafften. Aber das war egal, denn ich blieb sofort stehen. Er machte mir eine Heidenangst.

Edward stand direkt vor mir und mein ganzer Körper vibrierte als Reaktion auf seine Nähe. Es war beängstigend, und überraschenderweise zugleich auch aufregend. Er streckte die Hand aus und streichelte mir über die Wange. Meine Augen schlossen sich eine Sekunde lang als Antwort auf seine sanfte Berührung, die solch einen Kontrast zu seinen aggressiven Worten vor wenigen Sekunden darstellte.

"Ich entschuldige mich nicht. Niemals", sagte er ohne Reue, aber mir viel auf, dass seine Augen wieder diese Traurigkeit zeigten, die ich beim Abendessen gesehen hatte, kurz bevor er mir sagte, dass er nichts liebte. "Aber letzte Woche lag ich falsch. Es war falsch von mir, gleich das schlimmste anzunehmen. Es war falsch von mir, dich so respektlos zu behandeln. Das tut mir Leid. Du bist ein guter Mensch, Isabella, und ich sollte dich allein lassen, weil ich mir nicht sicher bin, ob ich ein guter Mensch bin."

Da war diese winzig kleine Verletzbarkeit, die unter all der anderen Scheiße lauerte, die er sonst immer zum Vorschein brachte. Sein Daumen liebkoste meine Wange.

"Andererseits zweifle ich nicht daran, dass ich ein egoistischer Kerl bin, und obwohl ich weiß, dass ich dich in Ruhe lassen soll, konnte ich seit dem Moment, in dem du all diese fucking Nickels auf meinen Tisch geleert hast, nur mehr an das denken ..."

Seine Lippen trafen auf meine und er hielt mein Gesicht mit seinen Händen fest. Seine Lippen waren so weich und er schmeckte nach den Äpfeln seiner Nachspeise. In diesem kurzen Augenblick war es, als stünden alle Planeten in einer Linie, und alles auf der Welt war in Ordnung. Es war egal, dass wir gerade gestritten hatten oder dass er ein verrückter Irrer war, der Lauren, sein Essens-Flittchen, ich meine, Date, ins Eclipse gebracht hatte, obwohl er wusste, dass ich seine Bedienung war. Alles, das zählte, war, dass er dachte, ich wäre gut, und dass ich ihm vielleicht, nur vielleicht, helfen könnte, auch ein guter Mensch zu werden. Außerdem konnte er fantastisch küssen. Wirklich, wirklich fantastisch küssen.

Er ließ von mir ab und lehnte seine Stirn an meine. Wir mussten beide heftig atmen.

"Komm heute Abend zum Essen in mein Haus. Kein Verstellen. Keine Erwartungen, außer gutes Essen und eine nette Unterhaltung. Gib mir noch eine Chance, dich zu beeindrucken, obwohl ich weiß, dass ich es nicht verdient habe."

Ich schloss die Augen und befahl mir, nein zu sagen. Ich musste diesen Mann so dringend näher kennen lernen, wie ich ein Loch im Kopf brauchte. In meinem Kopf sagte ich immer und immer wieder nein und hoffte, das würde es mir leichter machen, diese vier Buchstaben laut zu äußern.

"Okay", flüsterte ich.

Das waren nicht gerade die vier Buchstaben, auf die ich gehofft hatte.

"Mein Fahrer holt dich um sechs ab", sagte er. Er fragte nicht, sondern sagte es einfach.

"Nein", antwortete ich diesmal deutlich. "Ich will selbst fahren, damit ich jederzeit wieder gehen kann, wenn ich will, aber ich verspreche, es dir diesmal offen mitzuteilen, wenn ich das mache."

Er taxierte mich und meine Bitte durch verente Augen.

"Schön", gab er nach und trat einen kleinen Schritt von mir zurück. Mein ganzer Körper spürte, wie die seltsame Verbindung zwischen uns sich löste. "Ich schicke dir die Adresse per SMS. Sei um sechs Uhr dreißig da."

"Okay", stimmte ich zu.

Lauren kam zurück. Sie sah aus, als hätte sie die ganze Zeit über im Bad ihr Make-up aufgefrischt und ihre Frisur neu gestylt.

"Alles in Ordnung?" Ihr Blick wanderte zwischen mir und Edward hin und her, denn wir standen viel zu dicht an dem Stuhl, der umgekippt war.

"Alles in Ordnung, können wir gehen?" Edward wich ihrer Frage mit Leichtigkeit aus.

"Ähm, ja", antwortete sie misstrauisch.

"Warum wartest du nicht im Wagen auf mich. Ich bezahle die Rechnung und dann kann Brady dich heim fahren, nachdem er mich vor meinem Büro aussteigen lässt", sagte er herablassend.

"Oh, okay", murmelte Lauren, die von seiner plötzlichen Kälte sicher verwirrt war. Sie verließ das Zimmer und sie tat mir beinahe Leid. Er hatte sie benutzt, um mich zu kriegen, und es hat funktioniert. Etwas daran sorgte dafür, dass ich mich nicht sehr wohl fühlte.

Edward kam auf mich zu, holte ein Bündel Geldscheine hervor und zählte dreißig Hundert-Dollar-Scheine ab. Er reichte mir das Geld, küsste mich wieder und raubte mir den Atem.

"Behalte das Wechselgeld. Wir sehen uns heute Abend."

Und damit war er weg, und ich blieb zurück mit achthundert Dollar Trinkgeld, einem zweiten Date und jeder Menge Erklärungen, die ich meinem Mitbewohner schuldete, der annahm, wir hätten heute einen Pizza-und-DVD-Abend.


Ich saß auf der Couch und fuhr mir zum Millionsten Mal mit den Fingerspitzen über meine Lippen. Ich konnte noch immer nicht fassen, was vorhin im Eclipse passiert war. Ich konnte nur sagen, dass ich leider total von Edward Masens Fähigkeiten mit seinen Lippen und seiner Zunge geblendet war. Aber ich schwor mir selbst, dass er mehr tun musste, als nur gut zu küssen, damit er mich für sich gewinnen konnte. Er musste mir zeigen, dass mehr an ihm dran war als nur das.

Mein Handy klingelte auf dem Küchentresen. Ich sprang von der Couch, nahm es und hoffte wie ein Idiot, dass Edward dran war. Aber stattdessen rief Jasper an.

"Hey", antwortete ich nervös.

"Einen Actionfilm oder eine eklige Teenager-Komödie mit unnötigen Nacktszenen? Sag Titten, sag Titten, sag Titten", sang er leise. Das war seine Art, mir unterschwellige Nachrichten mitzuteilen.

"Sei mir nicht böse."

Jasper seufzte ins Telefon. "Schön, dann den Actionfilm, aber ich suche einen, bei dem in der Warnung zumindest sexuelle Handlungen steht."

"Nein, ich meine, sei mir nicht böse, weil heute nichts aus dem Pizza-und-DVD-Abend wird." Ich biss mir auf die Lippe, denn ich wusste, er würde fragen warum.

"Wieso? Hat dich heute ein neuer Milliardärswiderling zum Essen eingeladen?"

"Nein, der selbe Milliardärswiderling wie letzte Woche", gab ich zu und bedeckte mit meiner freien Hand mein Gesicht.

"Bella! Was machst du nur? Hast du vergessen, was er gesagt hat, was er getan hat?"

"Ich hab's nicht vergessen, aber er hat sich doch tatsächlich entschuldigt. Ich schätze, er entschuldigt sich nie, bei niemandem."

"So wie dass er niemanden liebt?" Jasper traf unter die Gürtellinie. Er erinnerte mich an die gruseligste Tatsache, warum das eine sehr schlechte Idee war.

"Er hat mich um eine zweite Chance gebeten, und was wäre ich für ein Mensch, wenn ich sie ihm nicht gebe?"

"Bella, sag mir anständige Eigenschaft, die dieser Kerl besitzt, sodass du denkst, er wäre nicht der, der er zu sein scheint?", schnaubte mein Freund und Beschützer vor Frust.

Meine Finger berührten wieder meine Lippen und strichen über die Haut, die er geküsst hatte. "Ich weiß nicht. Es ist so ein Gefühl, das ist alles."

"Wie hat er dich überhaupt dazu gebracht? Ich dachte, du wolltest Rosalie erklären, dass du ihn nicht mehr sehen wolltest?"

"Hab ich, und es war ihr egal." Ich entschloss mich dazu, ihm die Sache mit der misslungenen Erpressung nicht zu erzählen, weil dann müsste ich ihm auch erzählen, dass seine Schwester Sex in ihrem Büro hatte, und das wollte er sicherlich nicht wissen.

"Warum hast du mich nicht angerufen, damit ich mit ihr reden konnte?"

"Du kannst nicht all meine Schlachten für mich austragen, Jasper."

"Ich hasse es einfach, wenn du nicht verteidigst, Bells. Du lässt dich von Rose und diesem Masen Kerl tyrannisieren, sodass du alles machst, was sie wollen. Versprich mir, dass du dich nicht mehr von ihnen ausnutzen lässt, dann verzeihe ich dir, dass du mich heute sitzen lässt."

Ich ließ meinen Kopf auf den Tresen vor mir fallen. "Versprochen", antwortete ich ohne großem Selbstvertrauen.

"Ich schätze, dann wird es wohl American Pie. Ich bin gleich zu Hause." Er legte auf und ich fühlte mich nur ein kleines Stück weniger schuldig als vor seinem Anruf.


Ich hielt genau um sechs Uhr dreißig vor dem Tor zu Edwards Mansion an. Ich kurbelte per Hand das Fenster hinunter, da es noch keine elektrischen Fensterheber gab, als mein Truck im Jahre 1953 gebaut wurde. Ich drückte auf den Klingelknopf und war gespannt, wer mir wohl antworten würde.

"Hallo?", kam eine tiefe, raue Stimme aus dem Lautsprecher. Das war definitiv nicht Edward.

"Ähm, ich bin mit Mr. Masen verabredet. Er erwartet mich", sagte ich unsicher. Ich hasste es, in Sprechanlagen zu sprechen. Ich hasste es, nicht zu sehen, mit wem ich da sprach.

"Ihr Name?"

"Bella Swan."

"Isabella Swan?", wollte er klarstellen.

"Ja, das ist richtig." Ich schüttelte den Kopf. Ich hatte vergessen, dass Edward mich immer Isabella nannte.

"Könnten Sie einen Ausweis vor die linke Kamera halten, damit ich sicher gehen kann, wer Sie sind?"

"Ähm, sicher." Ich fummelte in meiner Tasche herum auf der Suche nach meiner Geldbörse. Ich war definitiv noch nie auf einem Date gewesen, auf dem ich meinen Ausweis vorzeigen musste. Ich holte meinen Führerschein hervor und hielt ihn in die Kamera.

"Danke, Ma'am. Bitte fahren Sie hoch zum Hauptgebäude und stellen Sie den Wagen auf einem der Parkplätze an der Ostseite ab."

"Okay, danke."

Das Tor öffnete sich automatisch und ich fuhr durch. Von der Straße aus konnte man das Haus nicht sehen und meine Neugier war geschürt. Ich nahm an, es würde riesig sein. Welcher Multi-Milliardär, der etwas auf sich hielt, lebte nicht in einem gigantischen Herrenhaus? Natürlich wurde meine Vorstellung seinem Haus nicht gerecht. Es sah aus, als käme ich in ein Luxushotel, nicht in ein Haus. Der Außenbereich war komplett aus Stein. Schmiedeeisene Brüstungen umschlossen die Balkone auf jeder Seite und ein rechteckiger Balkon befand sich über dem Haupteingang. Schön in Form geschnittene Büsche befanden sich zu beiden Seiten der Vordertreppe und ein bunter Mix an Blumen und Immergrün frischte die grüne Landschaft auf, die das Haus umgab. Es hatte so viele Fenster und Erker, dass ich mir nur annähernd vorstellen konnte, wie viele Zimmer es wohl beherbergte.

Ich warf die Tür meines Trucks zu und stand einen Moment da, um den Anblick wirken zu lassen. Ich gehörte überhaupt nicht hierher, aber dennoch war ich da. Die Eingangstür schwang auf und Tyler kam heraus. Ich ging vorsichtig auf ihn zu. Ich war mir nicht sicher, was er von meinem kleinen Houdini-Auftritt letzte Woche hielt, aber ich konnte mir vorstellen, dass Edward auf der Fahrt nach Hause nicht glücklich darüber war, und wir alle wussten, wie es sich anfühlt, wenn der Boss nicht glücklich ist.

"Hi, Tyler", sagte ich und winkte ein wenig, als ich näher kam.

"Miss Swan", grüßte er mich mit einem Nicken. "Mr. Masen führt ein wichtiges Telefonat in seinem Büro, aber er möchte, dass Sie es sich im privaten Wohnzimmer bequem machen. Ich bringe Sie hin."

"Okay", antwortete ich nervös. Das letzte Telefongespräch, das Edward während unseres Dates führte, lenkte die Dinge nicht gerade in die beste Richtung.

Ich erinnerte mich daran, dass ich selbst hierher gefahren bin und jederzeit wieder abreisen konnte, wenn ich wollte. Niemand würde mich zwingen zu bleiben – außer ein riesiger Bodyguard wie Tyler. Er könnte wahrscheinlich dafür sorgen, dass ich blieb. Das war verrückt. Edward würde mich nicht kidnappen. Es gab Leute, die wussten, dass ich hier war. Leute, die nach mir suchen würden, sollte ich nicht zurückkehren. Natürlich war dieses Haus so riesig, dass sie tagelang brauchen würden, bis sie mich fanden, aber irgendwann würden sie mich finden.

"Hier entlang." Tyler nickte nach links, als wir eintraten.

Das Innere war sogar noch beeindruckender als die Außenansicht. Alles war akribisch genau designt. Marmorfußboden im Foyer ging in Parkettboden über, als wir den Gang entlang gingen. Tyler brachte mich in ein Zimmer, der in Gold- und Schokoladentönen dekoriert war. An der rückseitigen Wand befand sich ein Kamin, in dem ein Feuer brannte, und danben befanden sich zwei große Bücherschränke. Ein Flatscreen-Fernseher, der zwei Mal so groß war wie der von Jasper, hing über dem erleuchteten Kamin. Spiegel befanden sich hinter den Bücherschränken, sodass das Zimmer aussah, als würde es noch ewig weitergehen. Zwei L-förmige Sofas standen in der Mitte des Zimmers, dazwischen ein mit Leder überzogener Kaffeetisch.

"Mr. Masen sollte gleich fertig sein", sagte Tyler, bevor er mich allein ließ.

Ich kam mir vor, als dürfte ich nichts berühren. Sogar auf einem der Sofas zu sitzen, kam mir falsch vor. Ich sah mich um und war überwältigt von der enormen CD-Sammlung, die eine ganze Wand für sich beanspruchte. Vom Boden bis zur Decke befand sich mehr Musik, als ich je gesehen hatte.

"Miss Swan", erklang die Stimme einer Frau hinter mir. Ich drehte mich um und fand eine ältere Frau vor, die völlig in schwarz gekleidet war. "Ich bin Charlotte. Ich bin Mr. Masens Köchin und Haushälterin. Hätten Sie gerne etwas zu trinken, meine Liebe?"

"Mir geht's gut, danke." Ich war nicht an Hauspersonal und Sicherheutsleute und Häuser gewöhnt, die wie ein Museum aussahen. "Eigentlich, vielleicht ein Glas Weißwein?", sagte ich und änderte meine Meinung. Etwas, das mich ein bisschen lockerer machte, wäre gut, aber es musste farblos sein, denn sollte ich hier herinnen etwas verschütten, würde er mich nicht gleich umbringen.

"Mr. Masen hat eine umfassende Weinsammlung. Welchen bevorzugen Sie? Pinot Grigio? Einen simplen Chardonnay vielleicht?"

Natürlich hatte er eine große Sammlung. Sein Weinkeller war wahrscheinlich größer als der im Eclipse.

"Bitte wählen Sie einen, den Mr. Masen auch gern trinken würde."

"Mr. Masen trinkt gerne Riesling", antwortete sie und wartete auf mein okay.

"Das wäre toll", nickte ich. Ich hatte keine Ahnung, was das war, was bedeuten musste, dass dieses Getränk wahrscheinlich teuer und nicht so leicht zu kriegen war.

Charlotte lächelte und ging zurück an den mysteriösen Ort, von dem sie gekommen war. Ich fragte mich, ob es geheime Gänge gab oder geheime Wanddurchlässe, durch die man in versteckte Zimmer gelangen konnte. Hoffentlich nicht. Wenn sich das Ganze mit dem Kidnappen als wahr herausstellte, müsste Jasper sich sehr anstrengen, um mich zu finden.

Ich ging hinüber zu dem Bücherregal an der linken Seite des Kamins, wo sich ein Regal mit eingerahmten Bildern befand. Eines der Fotos war von Edward und einer jungen Frau mit kurzen, stacheligen, schwarzen Haaren und einem ansteckenden Lächeln. Er hatte seinen Arm um ihre Schultern geschlungen und sie umarmte ihn im Hüftbereich. Ein anderes Bild zeigte Edward mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten. So etwas hatte nicht jeder bei sich zu Hause.

"Isabella." Edwards melodische Stimme erschreckte mich.

"Hi." Ich drehte mich zu ihm um und kam mir vor, als hätte er mich beim Schnüffeln ertappt.

Ich hatte gedacht, ein lockerer Abend in seinem Haus bedeutete, dass Jeans und ein schönes Shirt reichen würden, aber er trug noch immer seinen Anzug, hatte seine Krawatte ein kleines Stück gelöst und den obersten Knopf seines weißen Hemdes geöffnet.

"Ich nehme an, du hast ohne Probleme hierher gefunden?"

Ich nickte. "Ja, deine Wegbeschreibung war toll."

"Was nicht toll ist, ist diese Antiquität da draußen, die du als straßentaugliches Fahrzeug betrachtest", bemerkte er. Er deutete mit dem Daumen über seine Schulter.

Ich versuchte, mein Lächeln zurückzuhalten. "Hey, du brauchst den Truck nicht zu hassen."

"Ich hasse den Truck nicht, er gehört in ein Museum, damit die Leute sehen können, wie ihre Ur-Urgroßeltern in den alten Zeiten von einem Ort zum anderen kamen", neckte er mich. Er ging langsam durch das Zimmer auf mich zu. "Was ich hasse, ist der Gedanke daran, dass du allein auf dem dunklen Highway fährst in einem Fahrzeug, das aussieht, als würde es auseinanderfallen, wenn jemand es nur schief ansieht."

Seine Besorgnis wäre liebenswert gewesen, wenn ich mich auf etwas anderes hätte konzentrieren können als auf die Tatsache, dass er nun direkt vor mir stand und seine grünen Augen mein Herz zum Rasen brachten. Er roch nach Sandelholz und Scotch.

"Vielleicht sollte ich dich das ganze Wochenende hier behalten und Brady könnte dich am Montag mit mir gemeinsam in die Stadt fahren", hauchte er in mein Ohr, wodurch meine ganze Wirbelsäule zitterte. Dieses spezielle Entführungs-Szenario hörte sich nicht so schlecht an, als seine Lippen über meine Wange strichen.

Er streckte die Hand aus und befreite mit seinem Finger meine Unterlippe, auf die ich mit meinen Zähnen gebissen hatte. "Tu das nicht."

Bevor ich ihm sagen konnte, er solle mich nicht herumkommandieren, lag sein Mund auf meinem und seine Zunge teilte meine Lippen. Ich konnte den Alkohol schmecken, den er getrunken haben musste, bevor er zu mir gekommen war. Seine Finger kämmten durch das Haar an meinem Nackenansatz, wodurch er den Kuss noch ein wenig vertiefte.

So leicht es auch gewesen wäre, ihm in die Falle zu gehen, hatte ich nicht vor, das wirklich zu tun. Ich schob ihn mit beiden Händen von mir. Er trat zurück und schenkte mir ein ungeniertes Grinsen.

"Mir wurde ein gutes Essen und eine nette Unterhaltung versprochen. Das ist alles, dem ich heute Abend zugestimmt habe", erinnerte ich ihn streng.

"Ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, ich hätte nicht die ganze Zeit daran gedacht, seit ich heute Mittag gegangen bin", sagte er cool. Er ging hinüber zu einem Tisch mit einem kristallenen Dekanter und einigen Trinkläsern, um sich selbst einen Drink einzuschenken. "Wenn du auf eine Entschuldigung hoffst, du wirst keine bekommen. Wie ich heute schon sagte, ich entschuldige mich nie."

Er entschuldigte sich wirklich nie, und er liebte auch niemanden. Nicht gerade die Eigenschaften, die der Mann meiner Träume haben sollte, egal wie gut er küssen konnte. Die Realität des Ganzen zerrte mich rasch von der Wolke, auf der ich seit diesem Kuss geschwebt war.

"Was?", fragte er voll Besorgnis. Er starrte mich intensiv an, als würde er versuchen, mich von meinen beunruhigenden Gedanken zu befreien.

Ich schüttelte den Kopf und bekam zum Glück eine Verschnaufpause von seinem fragenden Blick, als Charlotte mit meinem Weinglas kam.

"Danke", sagte ich und nahm ihr das Glas ab. Ich trank rasch einen Schluck und hoffte, der Wein würde sofort seine Wirkung zeigen.

"Das Essen ist wunschgemäß um sieben fertig, Sir", informierte Charlotte Edward auf ihrem Weg nach draußen.

"Danke, Char", sagte er und blickte endlich von mir weg.

Ich wandte meine Aufmerksamkeit wieder seiner Musiksammlung zu.

"Du hast so viel Musik. So eine interessante Mischung. Ich sehe Klassik und Rock neben Motown und Jazz. Du hast wohl keine Lieblinge, oder?"

"Meine Musikpräferenzen hängen normalerweise von meiner Stimmung ab, und meine Stimmung, wie du heute Mittag so eloquent festgestellt hast, ändert sich recht häufig", sagte er und trat hinter mich.

Mister gespaltene Persönlichkeit. Die Sorge, wer er wohl heute im Laufe des Abends sein würde, war nicht verschwunden. Ich kämpfte gegen das Bedürfnis wegzulaufen an, als er seine Hand an meinen Rücken legte. Ich hatte mir auf dem Weg hierher immer wieder gesagt, dass ich mich von seiner körperlichen Nähe nicht beeinflussen lassen würde, aber ich versagte völlig. Er war heute guter Stimmung und ich wollte das nicht verderben, aber ich könnte nicht klar denken, wenn er mich berührte. Ich trat zur Seite und er folgte mir nicht. Ich trank noch einen Schluck Wein und hoffte, er würde mich beruhigen.

"Was befindet sich jetzt gerade in deinem CD-Player?", fragte ich über meine Schulter.

Er stieß ein amüsiertes Glucksen aus. "Ich besitze keinen CD-Player. Jede Einzelne dieser CDs wurde in einen Computer überspielt, der an dem Soundsystem hängt, das das ganze Haus durchzieht."

Er ging hinüber zur Couch und nahm eine riesige Fernbedienung. Sie sah aus wie etwas, das die NASA wohl benutzte, um Raketen ins All zu befördern. Er drückte ein paar Knöpfte und das Ende von Bruno Mars' "Just the Way You Are" erklang in der Luft.

"Hört sich an, als hätte ich gerade an dich gedacht, bevor du hier angekommen bist", grinste er mich an.

So sehr ich auch nicht von ihm in die Irre geführt werden wollte, so reagierte ich doch auf alles, das aus seinem Munde kam. Ich wusste, mein Gesicht war wahrscheinlich knallrot und ich schüttelte den Kopf in dem Versuch, seinen Kommentar abzuwerfen.

"Du zweifelst an mir?" Er neigte den Kopf zur Seite. "Eigentlich habe ich sogar eine Isabella Playlist erstellt, zu Ehren unseres Dates der zweiten Chance heute. Es ist mir ernst", behauptete er, als ich ihn zweifelnd ansah.

Ich erkannte als nächsten Song "Be Somebody" von den Kings of Leon. Das war eine interessante Wahl für eine Playlist, die mit mir zu tun hatte. Edward legte die große Fernbedienung zur Seite und kam wieder zurück zu mir. Sein Blick fing meinen ein, während er einen Schluck von seinem Glas trank. Die Drums in diesem Lied ertönten im selben Rhythmus wie mein unsteter Herzschlag.

"Ich liebe die Kings of Leon", sagte ich ihm. Meine Nervosität wurde noch kein Stück von dem leicht wärmenden Effekt des Weins beeinflusst.

"Ich kenne sie, die Followill Jungs. Ich könnte dich ihnen vorstellen", bot er an und kam immer noch näher.

Natürlich kannte er sie. Er kannte den Präsidenten. Wahrscheinlich kannte er jede Menge berühmter Leute.

Er stand wieder direkt vor mir und genoss meine Reaktion auf ihn und auf den Song. Versuchte er, mir etwas damit zu sagen? Oder war das nur ein neues Spiel?

Given a chance, I wanna be somebody. If for one dance, I wanna be somebody. Open the door, it's gonna make you love me.

Er liebte niemanden, aber hatte er Übung darin, andere dazu zu bringen, sich in ihn zu verlieben?

"Ich bin dankbar für diese Chance, Isabella. Ich hoffe, das glaubst du mir", sagte er leise und nahm mir das beinah leere Weinglas ab.

Er stellte unsere beiden Gläser auf einen Tisch, nahm meine Hand und zog mich an sich, als würden wir gleich zu tanzen beginnen. Das war so eine schlechte Idee. Er verwirrte mich ständig. Ich wollte ihn wieder küssen, und das war das Gegenteil von dem, was ich wirklich wollen sollte. Ich sollte von ihm sehen wollen, dass er mehr war. Mehr als nur ein schönes Gesicht, mehr als jemand, der mein Herz zum rasen bringen konnte, mehr als der Kerl, der mir vor einer Woche sagte, es ginge ihm nur um Sex.

Er begann, ein wenig von einer Seite zur anderen zu schwingen, und dann drehte er mich in einem kleinen Kreis herum.

"Was?", fragte er. Seine Augen waren so hell und warm heute Abend.

"Nichts", sagte ich mit einem Kopfschütteln.

Er sah mich wissend an. "Du bist so schwer zu deuten, Isabella, aber ich erkenne Angst, wenn ich sie sehe. Wovor hast du solche Angst?"

Ich lachte durch die Nase. Wovor hatte ich keine Angst? Das wäre die leichtere Frage gewesen.

"Vor dir", gab ich zu, als er wieder begann, uns von einer Seite zur anderen zu bewegen.

Er sagte nichts, als der Song weiterging. Sein Blick war komplett auf mich fokussiert. Er musste wissen, dass er furchterregend war, oder zumindest einschüchternd.

"Ich will nicht, dass du Angst vor mir hast", sagte er aufrichtig, aber mit solch einer Melancholie, dass mein Herz sich verkrampfte. Er ließ mich los und trat einen Schritt zurück. "Ich habe dir gutes Essen und eine gute Unterhaltung versprochen. Also sollten wir essen."

Er schaltete die Musik ab und bot mir seinen Arm an, um mich ins Esszimmer zu führen. Sein Esszimmer war fast so groß wie der private Speisesaal im Eclipse. Der Tisch war für zehn Leute gedacht und es gab einen weiteren Kamin an der Wand, die der Tür gegenüber lag. Über dem großen Tisch aus Kirschenholz befand sich ein moderner, rechteckiger Luster, der weit herunter hing. Ein langer, schmaler Blumenkasten, in dem sich verschiedene helle Rosenknospen befanden, stand in der Mitte des Tisches. Die Wände in diesem Zimmer waren hellgrau gestrichen und an der Decke befanden sich aufwändig angeordnete Ziegel.

Edward zog den Stuhl für mich heraus und ließ mich hinsetzen, bevor er sich neben mich an das Kopfende des Tisches setzte. Charlotte kam in dieser Sekunde herein und schenkte uns Wein ein. Als nächstes brachte sie uns Salate, und es fühlte sich an, als wären wir in einem tollen Restaurant und nicht in seinem Zuhause.

"Es war schade, dass du letzten Freitag im Il Bistro dein Gericht nicht essen konntest, also hat Charlotte Pilzravioli zubereitet. Ich hoffe, das ist in Ordnung", sagte Edward. Er öffnete seine Serviette und legte sie sich über den Schoß.

Ich konnte nicht glauben, dass er sich überhaupt gemerkt hatte, was ich bestellt hatte.

"Das ist perfekt." Ich nahm meine Serviette, bevor ich rasch mein Weinglas ergriff. Nach zwei Gläsern würde ich doch sicher etwas mürber werden, hoffte ich zumindest.

"Ich gebe dir nach dem Essen eine Führung durch das Hauptgebäude. Das gesamte Grundstück und die anderen Gebäude heben wir uns für ein anderes Mal auf."

Ich verschluckte mich an dem Schluck Wein, den ich gerade trank. "Die anderen Gebäude?"

"Das Poolhaus, die Stallungen, das Gästehaus, das Kino."

"Das Kino?"

"Die Kinofilme kommen zu mir, ich gehe in kein Kino", erklärte er beinah hochnäsig.

Was führte er nur für ein seltsames Leben. Ich konnte mir diesen ausschweifenden Lebensstil, den er Tag für Tag führte, gar nicht vorstellen. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, wenn ich auch nur annähernd so viel Geld hätte wie er.

Während des größten Teils des Essens stellte er mir Fragen. Heute wollte er wissen, warum ich mich entschieden hatte, Lehrerin zu werden. Es war schmeichelhaft, dass er alles über mich erfahren wollte, aber seine Befragungen erlaubten es mir nicht, ihn kennen zu lernen.

Charlotte war nicht nur eine bessere Serviererin als ich, sie schlug mich auch, was das Kochen betraf. Ihre Pilzravioli waren göttlich. Wir aßen, bis wir voll waren, und dann bot er mir eine Tour an. Ich legte einen kurzen Zwischenstop in einem der Badezimmer im Erdgeschoß ein und schrieb Jasper ein SMS, dass soweit alles in Ordnung war und ich gleich eine persönliche Führung durch den Masen Palast bekomme.

"Als du hereingekommen bist, hast du das Wohnzimmer beim Foyer gesehen. Du hast das private Wohnzimmer gesehen. Hier entlang gibt es noch einen Game Room und mein Büro. Natürlich gibt es auch eine Küche", sagte er und führte mich herum und gelegentlich legte er mir seine Hand an den Rücken. "Ich habe in der Nähe der Küche einen Weinkeller und es gibt einen Ballsaal am anderen Ende des Hauses, den ich für große Zusammenkünfte und dergleichen nutze. Er ist aber nicht oft in Verwendung."

Dieses Haus war unglaublich. Offene Kamine, viele Fenster, schöne Möbel und herrliche architektonische Details konnten in jedem Zimmer entdeckt werden. Edward sprach über die Kunst in einigen der Räume und woher sie stammte. Er hatte viele witzige Dinge in seinem Game Room. Wir spielten Tennis auf der Wii und er besiegte mich haushoch. Aber das war es mir wert gewesen, denn er war ein wenig gelöster und verhielt sich wie ein ganz normaler Mann.

"Wie viele Schlafzimmer hat dieses Haus?", fragte ich, als wir nach oben gingen.

"Meine Schlafzimmer interessieren dich sehr, oder, Miss Swan?", fragte er mit hochgezogenen Augenbrauen.

Meine Wangen wurden heiß und ich schubste ihn verspielt. "Dieses Haus ist so groß wie ein Hotel. Ich kann mir nicht vorstellen, wie viele Zimmer es hat."

"Es gibt sieben Schlafzimmer und sechs Badezimmer. In diesem Stockwerk gibt es einen Fitnessraum und im zweiten Stock eine Bibliothek und das Solarium. Und dann gibt es noch den Flügel für die Angestellten."

"Gott, was ist dann erst im Keller?" Eine Bowling-Bahn? Ein Indoor Swimmingpool? Ein gruseliger Sexraum voller Peitschen und Ketten? Keine Kerker oder Folterkammern dort unten, hoffe ich", scherzte ich. Ich versuchte, mich davon zu überzeugen, dass nicht alle ultra-reichen Kerle mit Kontroll-Problemen seltsame BDSM-Vorlieben hatten.

Edwards Gesicht verdunkelte sich, und er hielt abrupt mitten im Korridor an. Seine Hände waren an seinen Seiten zu festen Fäusten geballt.

"Es gibt keinen Keller", sagte er leise. Wir gingen durch das restliche Stockwerk und er sprach nicht mehr als jeweils ein oder zwei Worte.

Und das störte mich am meisten, nicht zu wissen, was genau diese drastische Änderung seiner Stimmung hervorgerufen hatte. Ich konnte es nicht verhindern, weil ich nicht wusste, was der Grund dafür war. In der einen Minute neckte er mich, weil ich gefragt hatte, wie viele Schlafzimmer es hier gab, und in der nächsten war er wütend und stumm. Ich sagte nichts weiter aus Angst, dass er mich gleich anschreien würde.

Hätte ich nicht schon drei Gläser Wein getrunken, wäre ich jetzt sofort in meinen Truck gesprungen. Wir machten hier keine Fortschritte und ich hatte nicht die Hoffnung, dass sich dies zu einer Beziehung weiterentwickeln wollte.

Mein Handy ertönte und informierte mich, dass ich eine SMS bekommen hatte. Ich holte es nicht hervor, denn ich befürchtete, meine Nachrichten anzusehen wäre unhöflich. Leider piepte es weiter, obwohl ich es ignorierte.

"Sieh' nach, Isabella, damit es uns nicht weiterhin unterbricht", befahl Edward, wodurch er mich fast zum Lachen brachte. Wobei genau sollte es uns unterbrechen?

Ich holte mein Handy heraus und sah die Nachricht von Jasper.

Bill Gates hat ein Trampolinzimmer in seinem Haus. Kann Masen das toppen?

Ich schüttelte den Kopf und steckte mein Handy in meine Hosentasche. Edward und ich setzten unsere stille Tour fort. Nach zwei Minuten erklang mein Handy erneut. Edward seufzte, er war offenbar genervt.

"Halte ich dich von irgendetwas ab?", beschwerte er sich laut.

Ich holte mein Handy wieder heraus und wünschte, ich könnte Jasper umbringen, weil er das schlechteste Timing auf Gottes Erden hatte.

Gates hat LCD-Bildschirme an den Wänden, die deine Lieblingsbilder zeigen, wenn du vorbeigehst, sofern du seinen Mikrochip dabei hast. Lass dich nicht von Masen chippen. Zumindest nicht beim zweiten Date. ;)

Jemandem war wohl langweilig und dieser Jemand hatte zu viel Zeit, um allen möglichen Kram im Internet zu recherchieren. Ich schrieb ihm schnell zurück, damit er mein Date nicht weiterhin "unterbrach". Ich schaltete mein Handy aus und steckte es wieder in die Tasche. Edward sah mich an und wollte, dass ich ihm erzählte, was denn so wichtig gewesen wäre.

"Das war Jasper. Ich habe es abgeschaltet, damit es dich nicht mehr stört", sagte ich und betonte das dich.

"Es ist unhöflich, jemandem eine SMS zu schicken, wenn man weiß, dass sie ein Date hat. Er sollte ein paar Manieren lernen", stichtelte Edward.

Aus irgendeinem Grund traf das bei mir einen Nerv. "Tja, nur zu deiner Information habe ich meine Pläne mit ihm heute abgesagt, nur um hierher zu kommen. Wenn sich jemand schlecht fühlen sollte, dann ich. Jasper ist allein zu Hause und muss mit einer Trennung klarkommen, weil seine beste Freundin ihn heute sitzen gelassen hat wegen eines Kerls, der die Woche davor der Grund war, warum sie an seiner Schulter weinen musste." Edwards Blick schoss hoch und traf auf meinen. Anscheinend war er von meinem Eingeständnis betroffen. "Er versucht witzig zu sein, weil er sich wahrscheinlich Sorgen um mich macht. Ich bin mir sicher, er hat keine Ahnung, dass er unsere ach so anregende Unterhaltung ständig unterbricht", meinte ich sarkastisch.

Edward rieb sich mit der Hand über seine Wange, seine Augen loderten bei meiner Entgegnung auf. Der Wein hatte offenar Besitz von mir ergriffen. Ich hatte keine Ahnung, woher ich den Mut nahm, das zu sagen. Ich machte mich für die Möglichkeit bereit, dass er gleich explodieren könnte.

"Entschuldigung", sagte er und ging auf die Stufen zu, die in den zweiten Stock führten.

Der Mann, der sich nie entschuldigte, hatte sich bei mir entschuldigt – zwei Mal.

"Also, was hat er gesagt?", fragte er über seine Schulter, als er uns nach oben führte. "Um witzig zu sein?"

Ich beschloss, ihm zu antworten, da er die Unterhaltung wieder aufgreifen wollte. "Wusstest du, dass Bill Gates in seinem Haus ein Trampolinzimmer hat?"

"Nein", antwortete er und schüttelte den Kopf. Ein kleines Lächeln umspielte seine Lippen. "Was zur Hölle ist ein Trampolinzimmer?"

Wir lachten beide, wodurch die Anspannung gelockert wurde. Ich zuckte die Schultern, denn ich war mir auch nicht sicher, was das bedeutete.

"Ist der ganze Boden ein Trampolin oder steht nur ein großes Trampolin in einem Zimmer mit hohen Decken?", forschte er nach, als wir den zweiten Stock erreichten.

Ich zuckte wieder die Schultern und kicherte.

"Warum schickt dein frischgebackener Single-Mitbewohner dir SMS über die Zimmer in Bill Gates' Haus?" Es gefiel mir, wie er Jaspers Beziehungsstatus mit einfließen lies.

"Bevor ich hierher gefahren bin, haben wir versucht uns vorzustellen, wie ihr Leute wohl so lebt."

"Wir Leute?" Er zog die Augenbrauen zusammen.

"Wohlhabende Entwickler von Computerprogrammen, die Multi-Milliarden-Dollar-Firmen leiten und im Staate Washington leben. Wir waren überrascht, als wir erfuhren, dass es zwei von euch gibt."

Sein Mund verzog sich vor Amüsement. "Was genau hast du dir vorgestellt?"

"Ich sagte, du würdest wahrscheinlich in einem Schloss wohnen", sagte ich ihm, obwohl es peinlich war. Ich hatte definitiv vor, den Teil auszulassen, wo Jasper Edward als den nicht-so-bezaubernden-Prinzen bezeichnet hatte.

"Ein Schloss? Mit Türmchen, Kerker und Burggraben?"

"Ohne Burggraben."

Er schüttelte den Kopf und verdrehte die Augen. "Kein Burggraben."

Der zweite Stock war das Herz des Hauses. Zuerst konnte man die private Bibliothek betreten, die mit tausenden Büchern in riesigen Regalen an drei Wänden des Raumes bestückt war. Die gewölbte Decke war mit einem aufwändigen Bild bemalt. Zwei über-große Stühle standen in der Ecke in der Nähe eines weiteren erleuchteten Kamins. In der Mitte des Raumes befand sich ein prachtvoller, schwarzer Flügel.

Von der Bibliothek gelangte man in ein unglaubliches Solarium. Das Dach und drei der Wände bestanden nur aus Glas, in der Mitte befand sich eine Doppeltür aus Glas, die auf eine Dachterrasse führte. Draußen war es immer noch hell, aber die untergehende Sonne warf bereits lange Schatten im Zimmer. Wir standen in der Bibliothek. Ich könnte mir vorstellen, ganze Tage hier drin zu verbringen. Es war wie ein Traum für mich.

"Das sind meine liebsten Räume", sagte Edward beinahe schüchtern.

Ich fuhr mit meinen Fingern leicht über die Rücken einer der Bücherreihen. Ich könnte wetten, er hatte alle Literaturklassiker, einige davon sahen so alt aus, als wären sie schon seit Ewigkeiten in Besitz seiner Familie.

"Ich glaube, das sind auch meine liebsten Räume." Ich lächelte ihn an. Er stand beim Klavier und beobachtete mich. "Haben Sie die alle gelesen, Mr. Masen?"

Er gluckste. "Nein, aber das steht auf meiner privaten To-Do-Liste."

"Du hast eine To-Do-Liste?" Mein Interesse war geweckt. "Was steht noch auf dieser Liste?"

"Das ist schon sehr persönlich, meinst du nicht auch?"

"Oh, du kannst mich über jedes Detail meiner gesamten Existenz fragen, aber ich darf nichts Persönliches über dich erfahren, häh?"

"Ich finde dich viel interessanter als mich", sagte er. Seine Finger tippten der Reihe nach über die Tasten des Klaviers.

"Du hast mich gebeten, dir noch eine Chance zu geben, um mir zu zeigen, dass du es wert bist, dich besser kennen zu lernen. Du musst schon ein wenig geben auch."

Er kam beinahe vorsichtig näher. Er nahm mich an der Hand und führte mich durch das Solarium hinaus auf die Dachterrasse. Von hier heroben konnten wir das ganze Grundstück überblicken. In einem eingezäunten Bereich neben den Ställen standen zwei Pferde, die gerade grasten.

"Ich habe noch nie zuvor ein Date hierher gebracht", gab er zu. Er sah mit diesen unmöglich langen Wimpern und diesen Augen, die mein Herz zum Schmelzen brachten, auf mich herab. "Ich lasse die Menschen für gewöhnlich nicht in diesen Teil meines Lebens. Ich bin ein komplizierter Mann, Isabella. Das kann ich nicht abstreiten", sagte er. Er drehte dem Ausblick den Rücken zu, lehnte sich gegen die Brüstung und sah zu Boden. Er wagte einen kurzen Blick in mein Gesicht. Ich lächelte mitfühlend, weil ich sagen konnte, dass er versuchte, ehrlich zu sein, und das war nicht leicht für ihn. Sein Unbehagen war deutlich, aber da war noch etwas anderes.

"Also, Mr. Masen, Sie sind schwieriger zu deuten, als es bei jedem anderen Menschen der Fall wäre, aber ich erkenne Angst, wenn ich sie sehe. Wovor hast du solche Angst?", fragte ich. Ich stellte ihm die selbe Frage wie er mir vorhin.

"Vor dir", hauchte er. Mein Herz blieb stehe. "Ich habe Geheimnisse, und ich habe meine inneren Dämonen. Dadurch werde ich manchmal zu jemandem, den die Menschen nicht sehr mögen. Aus irgendeinem Grund will ich aber, dass du mich magst."

Edward Masen, einer der reichsten und erfolgreichsten Geschäftsleute der Welt, hatte Angst vor mir und wollte, dass ich ihn mochte. Das war komplett irre.

Ich holte tief und bedächtig Luft. "Ich mag dein Haus. Ich mag deine Köchin wirklich sehr." Er spitzte die Lippen und versuchte nicht zu lächeln. "Ich liebe deine Bibliothek." Er nickte, aber unterbrach mich nicht. "Ich bin kein Fan von deinen Stimmungsschwankungen, aber dieses Date ist schon eine Million Mal besser als das von letzter Woche."

"Also könntest du vielleicht absehen, in der Zukunft auch mich zu mögen?", fragte er mit einem schiefen Grinsen.

Ich konnte absehen, dass diese Beziehung sich in viele verschiedene Richtungen entwickelte – gute und schlechte. Die schlechten ängstigten mich zu Tode. Die guten sorgten dafür, dass ich das Risiko eingehen wollte.

"Wenn du mich beim nächsten Mal auf der Wii gewinnen lässt, dann denke ich vielleicht darüber nach."

Er lachte wie ein sorgloser kleiner Junge und warf seinen Kopf zurück. "Du weißt, du bist mies auf der Wii, und ich bin sehr wetteifernd."

Ich zuckte die Schultern. "Du willst, dass ich dich mag ..."

Er hörte auf zu lachen und in seinen Augenwinkeln bildeten sich Lachfältchen. Ich konnte spüren, wie mein Herz schneller schlug. Ich wollte auch, dass er mich mochte. Er liebte vielleicht nichts, aber zumindest war er fähig, etwas zu mögen.

"Ja, Isabella. Das stimmt."

Im nächsten Moment trafen seine Lippen auf meine und erinnerten mich daran, dass ich vergessen hatte zu erwähnen, dass ich auch ein riesen Fan seines Talents beim Küssen war.