Titel: Partners in Crime

Kapitel: 1 – Zuhause

Pairing: Lilly / Scotty

Rating: In diesem Kapitel noch P - 12

Inhalt: Schließt direkt an der letzten Folge an.

Scotty fährt Lilly, ihre Schwester und das Baby heim Richtung Philadelphia. Sie bringen Christina ins Krankenhaus, wo sie vorerst bleiben wird, genau wie ihre kleine Tochter.

Lilly muss erstmal den Schock verarbeiten, plötzlich eine Nichte zu haben.

Anmerkung: Ich hab keine Ahnung, wo die Story hinführen wird.

Disclaimer: Ich bin im Besitz eines bekloppten Kanarienvogels und (nur noch) zwei bananenchipseliminierenden Ratten, aber leider nicht im Besitz der Rechte an Cold Case.

Partners in Crime – 01 Zuhause

Sie lächelte trotz der Schmerzen, die sich deutlich auf ihrem Gesicht abzeichneten.

Dunkle Ringe zierten ihre geschwollenen Augen. Ihr Körper war von blauen Flecken übersät und doch lächelte Christina. Sie liebkoste ihre kleine Tochter, die nach der Untersuchung wieder eingeschlafen war. Lilly hatte dafür gesorgt, dass sie ein Einzelzimmer bekam. Beide brauchten unbedingt Ruhe. Auch wenn Christina nicht krankenversichert war und auch erst kürzlich wieder bewiesen hatte, dass man ihr nicht vertrauen konnte, wollte Lillanicht auch noch ihre unschuldige Nichte in den Schwesternzwist hineinziehen.

Es belastete sie schon, dass sie Scotty in die Sache mit einbezogen hatte. Er hätte es nicht tun müssen und das wusste Lilly. Und doch hatte er ihr beigestanden und ihr geholfen. Das rechnete sie ihm sehr hoch an. Lilly wusste, dass er selbst bei weitem keine sorgenfreie Zeit durchlebte. Obschon es den Anschein erweckte, dass sie es vergessen hatte, sie hatte es nicht. Nur weil sie es nicht zur Sprache brachte, bedeutete dies nicht, dass sie sich keine Gedanken darüber machte.

Irgend etwas war mit seiner Mutter passiert. Etwas worüber er nicht sprechen wollte. Weil er nicht mit ihr darüber sprechen wollte. Sie fühlte sich schuldig, dass er ihr nicht sein ganzes Vertrauen entgegenbrachte, um ihr seine größte Sorge offenbaren.

Sie warf ihm einen müden Blick zu. Scotty saß auf einem der unbequemen Stühle im Gang vor dem Krankenzimmer. Er bedeckte erschöpft sein Gesicht mit beiden Händen und fuhr sich durchs kurze dichte Haar. „Ich werde nicht mit zu ihr hineingehen. Das musst Du mit ihr allein durchstehen, Lil.", hatte er gesagt. Er würde auf sie warten, dessen war sie sich sicher.

Sie holte noch einmal tief Luft bevor sie durch die offenstehende Tür schritt und diese hinter sich ins Schloss fallen ließ.

Das leise Klicken ließ die junge Mutter zusammenzucken. Der propere Säugling in ihren Armen regte sich kurz, schmatzte dann aber ein paar mal und schlief ruhig weiter.

Dem Blick nach zu urteilen, den Lilly ihrer Schwester zuwarf, gab es kaum erfreuliche Themen zu besprechen. Christina aber wollte noch ein wenig die Ruhe genießen. Die Schmerzmittel wirkten nicht wie erwünscht. Jedenfalls nahm sie keine Wirkung wahr. Eine Nebenwirkung, die eine Tablettensucht mit sich brachte – Medikamente verloren ihre Wirkung, weil der Körper nach einer viel höheren Dosis lechzte. Aber sie war zu erschöpft, um nach Tabletten zu flehen oder die Flucht zu ergreifen, und sie war zu müde, um sich mit ihrer Schwester darüber zu streiten.

Christina wünschte sich, endlich schlafen zu können. Aber die Schmerzen würden sie davon abhalten. Und das war erst der Anfang eines langen Weges. Doch daran wollte sie jetzt nicht denken.

Sie beobachtete lieber ihre kleine Tochter im Schlaf.

„Sie ist jetzt in Sicherheit", sagte Lilly, zog einen der Stühle ans Bett heran und ließ sich darauf nieder.

„Ich wollte ihr ein richtiges Zuhause bieten. Eins mit rosa Plüschtieren, regelmäßigen Mahlzeiten. Du weißt schon... so etwas, was wir selten hatten." Christina lächelte in sich hinein als die Kleine im Schlaf gluckste. „Neben all den Fehlern die ich in meinem ganzen Leben gemacht habe, war sie das Erste, was sich wirklich anfühlte. Das sich richtig anfühlte." Sie bot endlich genug Mut auf, um ihrer Schwester in die Augen zu schauen. „Ich habe ihr nicht die Brust gegeben... weil ich Angst hatte, ihr damit zu schädigen. Ich hab versucht, von den Tabletten wegzukommen, aber ich hab schnell gemerkt, dass ich das nicht alleine schaffen kann. Cliff erschwerte mir den Ausstieg. Wenn er mich auf Kurierfahrt schickte, behielt er die Kleine immer als Druckmittel bei sich. Mir blieb nichts anderes übrig, als ihm zu gehorchen." Sie küsste ihre Tochter auf die Stirn. Als sie versuchte, sich trotz ihrer gebrochenen Rippen aufzusetzen, streckte Lilly ihre Arme aus. Sie wartete darauf, dass Christina ihr das Kind übergab. Christina zögerte erst und schaute wie das gestrafte Tier, das mit Zuckerbrot gelockt wurde. Sie hatte ihr Kind zu oft weggeben müssen. Doch sie wusste, wenn sie es jemandem anvertrauen konnte, dann war es ihre Schwester.

Lilly konnte sich nicht dem natürlichen Gefühl entziehen, das in ihr aufkeimte als sie das kleine Mädchen an ihre Brust drückte. Sie strich ihr zärtlich eine blonde Locke aus der Stirn. „Welchen Namen hast Du ihr gegeben?"

„Ihr Name ist Alexis." Das war der Name, den Christina benutzt hatte, um an ihre Tabletten zu kommen. Sie wusste, sie war ihrer Schwester zumindest eine kurze Erklärung schuldig. „Ich mochte den Namen irgendwie. Ich habe den Namen öfter bei Rezepten angegeben und hatte mich irgendwie an ihn gewöhnt." Nach einer kurzen Pause fügte sie noch leise hinzu. „In meinem Rausch wusste ich auf Anhieb keinen anderen Namen."

„Sie ist wunderschön." sagte Lilly als sie Alexis in das Kinderbettchen legte und sie zudeckte. Der Schatten eines Lächelns huschte über ihre Lippen trotz Müdigkeit. „Du warst in einer Entzugsklinik?"

Da war es – das ungewollte Thema. Eines von vielen Themen, an die Christina nicht denken wollte. „Ich habe es versucht. Ich habe mich überall erkundigt. Aber keine wollte Mütter mit Kindern aufnehmen. Also habe ich vor der letzten Kurierfahrt Alexis bei einer Freundin untergebracht, wo Cliff sie nicht finden würde. Den Rest der Geschichte kennst Du sicher. Du bist doch meine schlaue Detective Schwester. Dir kann man nichts vormachen."

„Wenn ich nur zugehört hätte, wäre es nicht so weit gekommen." Lilly machte sich Vorwürfe, auch wenn sie wusste, dass sie ihrer Schwester nicht helfen konnte.

„Du hast oft genug hinter mir her räumen müssen, Lil. Ich wollte endlich Verantwortung übernehmen."

„Ist Cliff der Kindsvater?"

Chris hielt inne. Ihre Augenbrauen schoben sich zusammen und sie hielt nur mit Mühe die Tränen zurück. „Er war anfangs so nett und zuvorkommend zu mir. Ich dachte, es wäre vielleicht endlich an der Zeit, dass auch ich einmal Glück im Leben haben sollte." Sie vergrub ihr Gesicht in ihren Händen. Ihr Atem bebte und sie versuchte erfolglos ein Schluchzen zu unterdrücken. Vorsichtig befühlte sie ihre geschwollenen Wangen, rieb sich die Augen, strich sich die ungewaschenen Strähnen aus der Stirn. „Dann wurde ich schwanger und erst da zeigte er langsam sein wahres Gesicht. Erst machte er mich nur mit Worten fertig. Sagte mir, dass ich sowieso nirgends hin könnte mit dem dicken Bauch." Sie sank müde auf ihr Kissen zurück. „Er warf mir sogar vor, dass ich ihm das Kind absichtlich andrehen wollte, dass es gar nicht Seins wäre. Und dann zeigte er sich wieder von seiner liebevollen Seite. Eines Tages brachte er eine Kinderwiege mit und ein paar Strampler. Es war alles Secondhandware und ich weiß nicht, woher er sie hatte, aber ich fand die Geste damals sehr süß." Chris drehte sich zur Seite und strich ihrer schlafenden Tochter übers Gesicht. Ihre Fingerspitzen spielten mit den seidigen Löckchen bevor sie weitersprach: „Alexis hat die Wiege nie gesehen. Noch vor der Geburt hab ich sie verkauft, um an mehr Oxycodon heranzukommen." Ihr Blick war starr auf die blanke Wand gerichtet. „Alexis kam viel zu früh... Ich hätte beinahe das einzige Richtige in meinem Leben verloren." Schließlich verlor sie doch den Kampf gegen die Tränen. Voller Scham wandte sie ihr Gesicht von Lilly ab und rang um ihre Fassung.

Lilly überwand sich schließlich, schob ihren Ärger über ihre Schwester beiseite und setzte sich zu ihr auf die Bettkante. Sie suchte in dem Beistellschrank nach Taschentüchern und fand auch schließlich eine angefangene Packung. „Wir haben der NYPD alle Informationen zukommen lassen. Cliff und seine Komplizen werden Dir vorerst nichts mehr tun können. Du stehst unter Polizeischutz und wirst ein paar Fragen beantworten müssen." Sie wusste, dass man Chris als Mittäterin zur Anklage heranziehen würde, aber Lilly wollte sie nicht in diesem Zustand mit der ganzen Wahrheit konfrontieren. Sie tupfte ihre Tränen sanft mit einem Taschentuch von ihren Wangen. „Schlaf jetzt. Wenn Du etwas brauchst, musst Du nur auf diesen Knopf drücken." sagte Lilly und legte ihr den Schwesternnotruf neben das Kissen. „Ich hab Dir ein Wegwerfhandy besorgt. Das darfst Du auf dieser Station ruhig benutzen. Meine Nummer ist gleich auf der Schnellwahltaste eingespeichert. Ruf mich an, wann Du willst."

Chris rang sich ein Lächeln ab. „Ich mach's wieder gut..."

„Das brauchst Du nicht.", unterbrach Lilly sie, „Wir sind beide erwachsen und es geht jetzt nicht mehr nur um uns. Du hast eine Tochter, um die Du Dich kümmern musst. Und Du musst für andere Verhältnisse sorgen. Alexis soll nicht so aufwachsen wie wir. Wenn Du Deine Schuld begleichen möchtest, dann versprich mir, dass Du es für sie tust und nicht für mich oder irgendjemand anderen."

„Das ist ein guter Vorsatz." Sie lächelte schwach als ihre Augen zufielen.

Lilly seufzte. Sie war wütend auf ihre Schwester, das stand fest. Aber mit dem kleinen Wurm als Anhang schrumpfte diese Wut zu glimmender Asche. So sehr sie es sich auch wünschte, sie konnte Chris nicht als Ventil benutzen. Stattdessen bürdete sie sich die Schuld für ihr Versagen auf. Sie hätte ihre Schwester anhören sollen als sie vor einigen Tagen zu ihr kam. Die geweiteten Pupillen, das nervöse Händeringen, waren das Schatten unter Christinas Augen, die sie nicht sehen wollte? All diese Anzeichen hätten ihr auffallen müssen. Doch sie stellte ihren persönlichen Zorn vor ihre Diensterfahrung als Cop. Zweifelnd rutschte sie von der Bettkante und ging um das Kinderbettchen herum. Alexis schlief tief und fest. Sie sah so unschuldig aus wie sie am Daumen nuckelte. Ihre Wimpern wirkten golden in der matten Krankenbettbeleuchtung.

Was hast Du Dir dieses mal nur eingebrockt... dachte Lilly sich bevor sie das Licht ausknipste und das Zimmer verließ.

Vor der Tür standen zwei Beamte. Sie nahmen eine stramme Haltung an als Lilly sich vor ihnen aufbaute. „Lassen Sie niemanden hinein, der nicht zum Personal gehört."

„Jawohl, Ma'am!" erklang es unisono.

Sie schmunzelte darüber auf ihrem Weg zum Taxistand. Die kalte Luft tat ihr gut, auch wenn sie nach alten Mülltonnen und durchgedrehten Autoreifen roch. Hier gab es keine bedrückende Enge eines Krankenzimmers. Hier konnte sie sich einen klaren Kopf verschaffen. Kurzentschlossen ging sie an den wartenden Taxifahrern vorbei. Sie war zwar müde, aber sie wusste, dass sie keinen Schlaf finden würde. Ihr Haus lag nicht so weit weg vom Krankenhaus. Ein Grund, warum sie Scotty bat, sie genau hierhin zu fahren.

Die Nacht war überraschend frisch. Sie zog ihre Jacke enger um sich und machte sich auf den Weg.

Zwei Blocks weiter vibrierte ihr Handy. Eigentlich hatte sie nur wenig Lust, ranzugehen. Es war Freitag Nacht und nach den letzten Tagen hatte sie nicht vor, so schnell wieder erreichbar zu sein für wen auch immer. Trotzdem wagte sie einen Blick auf das Display. John Stillman stand dort in großen Lettern. Sie wusste, dass sie den Anruf entgegennehmen musste. Seit gestern hatte sie ihn ganze sechzehnmal ins Blaue läuten lassen. Je eher sie sich ihm stellte, desto schneller würde sie es hinter sich bringen können.

„Rush", meldete sie sich nach dem vierten Klingeln.

„Ich habe hier einen Bericht vom NYPD vor mir liegen, der Sie und Scotty mehr als nur einmal erwähnt, einen Termin mit zwei von denen morgen Vormittag – an einem Samstag, wenn ich das noch betonen muss – und keine Erklärung, warum zwei meiner besten Detectives ganze zwei Tage ohne Abmeldung gefehlt haben." Lilly öffnete ein paar Mal den Mund, um Einwende zu erheben, kam aber nicht zu Wort. „Sie sprechen von Glück, dass der Comissioner mit anderen Problemen beschäftigt ist, sonst hätte ich ihn noch im Nacken sitzen wegen dieser Sache. Also raus mit der Sprache, Lil! Was zum Teufel ist los mit Ihnen?"

Sie war es leid. Keine langen Erklärungen, keine langen Entschuldigungen. „Im Schnelldurchlauf? Meine Schwester ist aufgetaucht. Ich hab sie abgewiesen. Sie hat meinen Dad bestohlen. Ich wollte sie zur Rede stellen und fand ein völlig demoliertes Motelzimmer mit Blutspuren an Wänden und auf dem Teppich vor. Man schlug mich bewusstlos und nahm mir meine Dienstwaffe ab. Also nahm ich die Spur auf und holte mir beides wieder zurück. Ohne Scotty hätte ich es wohl nicht geschafft." Schweigen auf dem anderen Ende der Leitung. Sie fragte sich, wieviele Wochen Schreibtischdienst er ihr dafür wohl aufbrummen würde.

„Das ist interessant, Lilly. Denn von Scotty habe ich eine ganz andere Geschichte gehört."

Verdammt, Scotty! verfluchte sie ihren Partner innerlich.

„Ich will Sie beide morgen früh um 9 Uhr im Büro sehen! Seien Sie pünktlich." Ein Klicken bedeutete ihr, dass ihr Boss das Gespräch beendet hatte.

Hatte sie grade eben noch einen klaren Kopf, so war ihre innere Ruhe wie weggespült.

Sie hätten sich auf eine gemeinsame Aussage einigen sollen, bevor sie sich getrennt hatten. Der Boss konnte es gar nicht ausstehen, von seinen eigenen Leuten belogen zu werden. Wenn er jetzt auch noch herausbekäme, dass sie sich bereits öfter gegenseitig den Rücken gedeckt hatten ohne ihn einzuweihen... Wer weiß, ob sie noch so viel Bonus bei ihm gut hatten. So oder so mussten sie mit Konsequenzen rechnen.

Nun war endgültig klar, dass sie keinen Schlaf finden würde.

Sie bog in die nächste Pizzeria, bestellte zwei Pizzen und nahm dazu ein Sixpack Bier mit. Vielleicht war er ja noch wach und konnte genau so wenig schlafen wie sie.