1. Kapitel

(Gwens pov)

Es war ein stressiger Tag in der Uni gewesen und so ließ ich mich daheim erleichtert auf mein Bett fallen und sah an die schlichte weiße Decke über mir.

Noch vor 3 Monaten hätte ich keinen Freitagabend allein daheim im Bett verbracht und heute tat ich genau das und irgendwie tat es richtig gut.

Vor 3 Monaten hatte sich sowieso einiges geändert. Ich könnte im Moment noch nicht einmal sagen ob zum Guten oder zum Schlechten, es hatte sich eben einiges geändert. Vieles. Eigentlich alles.

Vor 3 Monaten hatte ich sie am Flughafen verabschiedet. Ich hatte geahnt, dass sie sich nach dem ganzen Hin und Her mit ihren Eltern irgendwann dazu entscheiden würde London zu verlassen, doch dass diese Entscheidung innerhalb von einer Woche fiel, das war dann selbst für eine Jenny Hartmann ziemlich extrem.

Montag hatte sie mir von der Idee erzählt England zu verlassen und zu einem Geschäftsfreund ihres Vaters nach Köln zu ziehen, Dienstag hatte sie die Zusage von Herrn Bergmann, dass sie bei ihnen wohnen konnte, Mittwoch konnte sie sich vor Freude über die Aufnahme an der Schule kaum halten, Donnerstag hatte sie das Flugticket und Freitag hatte ich neben ihr in der Abflughalle gestanden. Und am Samstag war sie weg.

Ich hatte nicht gewusst, was ich von ihrer Abreise halten sollte. Ihre Motive waren mehr als verständlich und ich an ihrer Stelle hätte auch alles getan von diesen Eltern weg zu kommen, aber es hatte mich dennoch verletzt, dass sie scheinbar ohne jegliche Zweifel hatte abreisen können, dass sie sich scheinbar nichts daraus machte mich für eine lange Zeit nicht wieder zu sehen. Zwischen uns war einiges nicht so gelaufen, wie wir uns das vielleicht gewünscht hätten, aber alles in allem gab es niemanden, der mich so gut kannte wie Jenny und niemanden sonst, den ich so viel besser kannte als mich.

Aus meinen Gedanken holte mich die Stimme unserer Haushälterin, die in der Zimmertür stand und mich fragend ansah.

„Soll ich ihnen ihre Post auf den Schreibtisch legen?", fragte sie.

Ich setzte mich auf.

„Nein, nein, geben sie her. Und sie können dann für heute auch Schluss machen, Danielle."

Ich nahm ihr die Briefe ab und sie nickte mir zu.

„Auf Wiedersehen, Fräulein Evans."

Ich wartete bis sie die Zimmertür hinter sich ins Schloss gezogen hatte, bevor ich mich auf dem großen Bett wieder nach hinten fallen ließ und die Briefe durchsah.

Es war nichts weiter Wichtiges dabei. Eine Postkarte aus Australien, von einer Freundin, die dort ein Auslandsjahr machte, die Rechnung meines Handyvertrags. Typische Post eben, wenn die Eltern diejenigen waren, die für die Millionen auf den Bankkonten sorgten. Doch als ich die Briefe schon beiseite legen wollte, fiel mir ein roter Umschlag entgegen, der handschriftlich meine Adresse trug.

Obwohl ich wusste, dass es schwachsinnig war, riss ich ihn mit klopfendem Herzen auf.

Liebe Gwen,

Ich glaube nach 3 Monaten wird es langsam Zeit, dass ich dir mal Schreibe. Schließlich bist du die Einzige, die ich hier in Deutschland vermisse, und es tut mir wirklich Leid, dich einfach so stehen gelassen zu haben. Aber du kennst ja meine Eltern und ich hoffe du verstehst mich und bist nicht übermäßig sauer.

Hier in Deutschland ist vieles anders, aber ich bin ja auch nicht das erste Mal hier.

Die Villa der Bergmanns ist groß und schön, eben eine typische Stadtvilla. Allerdings wohnt neben Stefan Bergmann und seinem Sohn Ben auch dessen Freundin Caro hier, auf die ich durchaus verzichten könnte. Ein billiges Flittchen und eine falsche Schlange ist sie. Jemand, den man in irgendeine Rakete setzen und zum Mond schießen möchte. Und leider, leider ist sie auch noch in der VolleyballAG, der ich beigetreten bin. Und ganz ehrlich gesagt, ist sie auch schon wieder ein Grund wieder auszutreten, aber mal sehen, wie sich das entwickelt.

Ben ist cool drauf. Ein bisschen seltsam ist er zwar schon, wer ist schon freiwillig mit Caro zusammen? Obwohl ich nicht mal das Gefühl habe, dass er gerne mit ihr zusammen ist. Aber versteh jemand die Taten von verwöhnten, deutschen Einzelkindern. Ich habe ja meine eigenen oft genug nicht verstanden.

Aber mein eigentlicher Grund dir zu schreiben ist, um dir etwas Wichtiges zu Erzählen.

Trotz des ganzen Mistes in Hongkong damals habe ich nie mit dem Singen aufgehört. Und die Pestalozzischule hat hier eine MusikAG, die wirklich talentiert ist, kurz habe ich sogar mit dem Gedanken gespielt mitzusingen, und du weißt wie unwahrscheinlich das in jedem anderen Fall gewesen wäre, aber letztendlich habe ich dann doch genug von Bühnen. Leider hat die AG nicht den besten Ruf der Schule und das liegt vor allem an Caro. Da ist sie wieder. Ich habe wirklich das Gefühl, an allem was irgendwie schief läuft ist Caro Schuld. Ich habe am Anfang ja auch wirklich versucht mit ihr klar zu kommen, aber das ist bei ihr einfach ein hoffnungsloses Unterfangen.

Aber zurück zur AG. Caro hat es irgendwie geschafft die AG Teilnehmer als die Looser der Schule da stehen zu lassen und das schon seit die AG zu Beginn des Schuljahres gegründet wurde. Anscheinend haben hier die wenigsten Ahnung von guter Musik oder einfach zu viel Angst von Caro fertig gemacht zu werden. Wie sehr ich dieses Mädchen verabscheue…

Luzi, Timo, Hotte und Emma jedenfalls sind die mit denen ich hier am meisten zu tun habe und das obwohl sie in Caros „KindergartenAG" sind. Ich scheue mich ja immer davor Leute meine Freunde zu nennen, aber ich glaube die vier haben diese Bezeichnung verdient. Sie waren bisher immer ehrlich zu mir, was ich schließlich in London nur von den wenigsten Leuten behaupten konnte. Leider bin ich im Schreiben nicht halb so gut wie du, deswegen versuche ich erst gar nicht sie dir im Detail zu beschreiben. Stell sie dir einfach als 4 tolle Menschen und Sänger vor.

Aber bei dem was ich dir eigentlich erzählen wollte bin ich immer noch nicht angekommen, entschuldige.

Bitte halte mich jetzt nicht für verrückt, aber was, oder besser, wer mich im Moment am meisten beschäftigt ist: Emma!

Sie ist in der MusikAG, hab ich ja eben schon mal erwähnt und hier wünsche ich mir mal wieder die Fähigkeit des Schreibens, die die so eigen ist.

Trotzdem werde ich jetzt versuchen sie zu beschreiben. Wenn dir etwas Spanisch vorkommen sollte, dann liegt es einzig an meiner Beschreibung, nicht an Emmas Charakter.

Du müsstest sie wirklich kennen lernen. Sie hat eine wahnsinnig schöne Stimme, wunderschöne braune Hundeaugen und kurze blonde Haare, die auf irgendeine Weise immer super aussehen. Sie wirkt so unscheinbar und klein, dabei ist sie so ein toller Mensch. Ich verstehe einfach nicht, wie sich jemand so Wunderbares in der Masse hinter all den anderen verstecken will. Für sich selbst tritt sie kaum ein, aber ihre Freunde verteidigt sie. Leider nicht gegen Caro, oh schon wieder sie. Du merkst, an allem schlechten ist Caro Schuld -.-

Aber Emma ist beeindruckend. Ich glaube sie hatte zu Beginn ziemlichen Respekt vor mir. Es war irgendwie süß, wie sie versucht hat mich als „die Neue aus London" irgendwie mit Köln und der Pestalozzi zu beeindrucken. Das hätte sie gar nicht versuchen müssen, das hat sie von Anfang an getan.

Der letzte Mensch, den ich nach kurzer Zeit so beeindruckend fand wie Emma, warst du. Damit kannst du dir in etwa vorstellen, was mich beschäftigt.

Ich wollte nach Deutschland kommen um komplett neu anzufangen und was ist das erste, das passiert? Ich verliebe mich in meine Mitschülerin. Obwohl, bin ich eigentlich verliebt? Ich kann dir nicht mal das sagen, ich glaube das ist ein Zeichen dafür, oder?

Ich habe einfach Angst mir die Freundschaft mit ihr zu versauen, wenn ich weiter auf sie zugehe. Zwischen uns beiden ist soviel schief gelaufen und das nur, obwohl wir beide über beide Ohren verliebt waren. Gwen, wir sind das beste Beispiel, wie selbst die größten Gefühle durch falsche Handlungen beeinträchtigt werden können und ich habe einfach Angst, dass mir mit Emma das Selbe geschieht. Es hat lange gedauert, bis wir beide so frei miteinander umgehen können wie jetzt und wir standen schließlich auch oft genug davor den Kontinent zu verlassen, nur um uns nie wieder sehen zu müssen.

Würde mir das Gleiche mit Emma geschehen, wüsste ich

1. nicht wie ich reagieren würde und ob ich nicht schließlich wieder irgendetwas sehr dummes tun würde und

2. nicht ob ich mir das irgendwann verzeihen und mich noch mal auf jemanden einlassen könnte.

Aber Emma ist so undurchsichtig…

Bei dir wusste ich immer woran ich bin. Du hast mich geliebt, oder mich gehasst, mich geküsst oder mich eiskalt ignoriert. Ich konnte dich lesen.

Aber Emma?

Auf jeden Fall bin ich ihr nicht egal. Nur sieht sie mich nur als Freundin, oder ist da irgendwie noch mehr? Manchmal habe ich das Gefühl, dass sie etwas verwirrt ist in meiner Gegenwart und zu gerne würde ich mir einreden, dass es wirklich an mir liegt, wenn sie sich mal wieder verhaspelt oder irgendetwas ziemlich sinnloses erzählt, aber ganz sicher bin ich mir da nicht.

Ich fühle mich in ihrer Gegenwart einfach wohl und möchte sie am liebsten den ganzen Tag irgendwo um mich rum haben. Das ist total schwachsinnig, ich weiß.

Vielleicht vermisse ich auch einfach körperliche Nähe. Ich sauge jede Begrüßungs- oder Abschiedumarmung in mich auf, als wäre es das Einzige, was mich am Leben hält. Ich wusste ja, dass ich mich hier erst neu würde einfinden müssen, aber mittlerweile merke ich, wie sehr mir jemand Vertrautes fehlt.

Wie du mir fehlst.

Hast du je gedacht, dass ich Heimweh bekommen könnte? Obwohl Heimweh ist es ja nicht. Eher Gwenweh :D

Ich vermisse dich. Du musst mich irgendwann besuchen kommen. Ich werde dir weiter schreiben. Anzurufen traue ich mich nicht. Ich habe Angst, dass ich sonst mit dem Heulen nicht mehr aufhören könnte.

Was ist nur mit mir passiert? Kennst du noch die Jenny, die ständig Party machen war? Wenn ich mir den Brief jetzt noch mal durchlese frage ich mich ob es die überhaupt je gab…

Ach Gwen, ich habe es tatsächlich geschafft, mir nach 3 Monaten in Deutschland schon wieder annähernd so viele Sorgen angehäuft zu haben, wie ich hinter mir lassen wollte.

Ich bin einfach ein hoffnungsloser Fall.

Hoffentlich geht es dir besser und du bist nicht so unglücklich verliebt? Oder kennst dich selbst nicht mehr?

Kuss, Jenny